Nirit Sommerfeld - Foto: Jens Heilmann.

Es braucht ein Wunder für Frieden im Nahen Osten – Im Gespräch mit Nirit Sommerfeld

Nirit Sommerfeld ist jüdisch-israelische Künstlerin und Aktivistin, Aktivistin für einen gerechten Frieden im Nahen Osten und ein Ende der Besatzungspolitik. Von Kritikern wird sie diffamiert, wir haben mit ihr über ihr Engagement und ihre politischen Hoffnungen gesprochen.

Die Freiheitsliebe: Du bist seit Jahren aktiv für einen gerechten Frieden für den Nahen Osten, wie kam es zu diesem Engagement?

Nirit Sommerfeld: Ich bin in Israel geboren und teilweise aufgewachsen, meine gesamte Familie lebt dort. Israel war immer mein Sehnsuchtsort, ich habe viele Ferien dort verbracht. Von 2007-09 habe ich mit Mann und Kind in Tel Aviv gelebt, aber von Anfang an bin ich auch in die Besetzten Gebiete gefahren. Obwohl ich zuvor auch schon engagiert war — ich hatte z.B. mit einer syrischen Tänzerin das Tanz-Theater-Projekt SALAM SHALOM entwickelt und jahrelang gespielt — war die Realität vor Ort doch schockierend anders, geradezu unvorstellbar. Ich habe meine eigenen Erfahrungen damit gemacht, was Besatzung für Palästinenser bedeutet: Tagtägliche Unterdrückung, Freiheitsberaubung, Landraub, Schikane, Gewalt, Angst, Unsicherheit, Tod, Entwürdigung. Darüberhinaus macht diese „temporäre militärische Situation“, wie man in Israel zu über 50 Jaren Besatzung sagt, etwas verheerendes mit der israelischen Gesellschaft. Die Menschen werden dort entweder immer gleichgültiger oder radikalisieren sich. Das Ganze funktioniert natürlich nur mit einem System aus Angst und Propaganda; Kinder werden von klein auf dazu erzogen zu „verstehen“, dass Palästinenser Terroristen und Tiere seien, die uns ins Meer treiben wollen, und dass wir uns nur auf unsere militärische Stärke verlassen können, weil die Welt grundsätzlich alle Juden hasst. Hinzu kommt das israelische Narrativ unserer Staatsgründung, das von Mythen und Lügen durchzogen ist, etwa dass wir Juden in ein unbewohntes Land kamen, das wir erst urbar gemacht haben. Dies alles für mich persönlich zu entdecken war ein jahrelanger und schmerzhafter Prozess, dem ich mich irgendwann nicht mehr entziehen konnte und wollte. 

Die Freiheitsliebe: Wie siehst du die aktuelle Entwicklung?

Nirit Sommerfeld: Leider gibt es keinen Grund für Optimismus. Die israelische Regierung ist auch nach der Abwahl Netanyahus eine extreme Rechte, die alles mögliche im Sinn hat, nur nicht die Befreiung von und Gerechtigkeit für Palästinenser. Der Staat Israel lebt hervorragend mit seinen Menschenrechtsverletzungen, profitiert auf verschiedenen Ebenen von der Besatzung; wir haben beste Beziehungen mit fast allen Staaten der Welt, wir pflegen das Image von ‘David gegen Goliath’, wir gehören zu den wichtigsten Exporteuren von Waffen und Sicherheitssystemen weltweit, weil wir damit werben, unser Hi-Tech-Material am lebenden Objekt getestet zu haben; wir verbreiten unser Narrativ höchst erfolgreich. Und in der Tat lebt es sich in Israel für viele jüdische Israelis (noch) ziemlich gut. Die palästinensische Seite hingegen hat weder eine Lobby, die international agiert, noch eine starke Führung im eigenen Land. Das Ungleichgewicht der Mächte ist vor Ort und im täglichen Leben zu sehen; von einer zur nächsten Gaza-Offensive wird es auch an der traurigen Bilanz der Toten und Verletzten auf beiden Seiten immer deutlicher. Solange die Palästinenser noch irgendwas zu verlieren haben, kann die Situation weiterhin auf relativ kleiner Flamme köcheln; Israel nimmt sich weiteres Land, baut immer mehr Siedlungen, schränkt die Rechte der Palästinenser mit israelischem Pass immer weiter ein.

Die palästinensische Zivilgesellschaft hat sich 2005 — nach zwei gewaltvollen Intifadas — dazu entschieden, mit der gewaltfreien BDS-Bewegung die internationale Gemeinschaft dazu zu bewegen, Druck auf Israel auszuüben als Unterstützung für ihren Freiheitskampf. Dies wiederum nutzt Israel, um der Welt (und insbesondere den Deutschen) einzureden, dies sei das selbe wie „Kauft nicht bei Juden“, was natürlich weder im Kontext noch in der Wirkung stimmt. Falls jedoch kein Druck von außen kommt, wird sich gar nichts ändern, und wenn die Palästinenser gar keine Luft mehr zum Atmen haben, dann werden die Gewalttaten nicht mehr vereinzelt, sondern flächendeckend auftreten. Da kann man nur noch auf Wunder hoffen.

Die Freiheitsliebe: Trotz der Verschärfung der Situation und der weltweiten Proteste ist es in Deutschland noch relativ still, woran liegt das?

Nirit Sommerfeld: Die israelische Hasbara (wörtlich.: Erklärung) ist ein von Israel finanziertes Netzwerk, das der Welt erklären soll, warum israelische Politik so handelt, wie sie es tut. Dazu gehört auch die Verdammung der BDS-Kampagne als antisemitisch. Das funktioniert in Deutschland hervorragend, weil man gerade hier — zu Recht! — den Vorwurf des Antisemitismus scheut. Deutsche berufen sich dabei auf die Geschichte und verfallen dem Irrtum, den Staat Israel mit Juden gleichzusetzen. „Wir haben den Juden das Schlimmste angetan, darum dürfen wir Israel nicht kritisieren.“. Leider können aber so die Verbrechen der Nazis weder gesühnt noch wiedergutgemacht werden. Deutschland sollte als erstes Land aufstehen und sagen: „Wir haben aus der Geschichte gelernt: Nie wieder darf ein Volk ausgegrenzt und diffamiert werden“, und sollte sich entsprechend für wahren Frieden und Gerechtigkeit einsetzen. Aber die von Merkel angeordnete „Staatsraison“, nämlich an der Seite Israels zu stehen und für die Sicherheit Israels zu sorgen, fungiert zusätzlich zum „Geschichtsbewusstsein“ wie ein Maulkorb. Die Kampagne gegen BDS, nämlich sämtliche Kritiker der israelischen Politik als BDS-Aktivisten abzustempeln und BDS per se als antisemitisch zu brandmarken, hat mittlerweile derartige Verstummung in Medien und Gesellschaft hervorgebracht, dass nach meiner Erfahrung viel mehr hinter vorgehaltener Hand „kritisiert“ wird — dann aber oft übers Ziel hinaus. Aus meiner Sicht wird dadurch Antisemitismus eher gefördert.

Die Freiheitsliebe: Du selbst wurdest als Israelhasserin und Antisemitin bezeichnet, von wem kamen solche Vorwürfe und was war der Kontext?

Nirit Sommerfeld: Diese Vorwürfe kamen aus verschiedenen Ecken: Antideutsche, jüdische Institutionen, Stadträte, Studierende in Antifas. Solche Vorwürfe kommen immer im Kontext von meinen Auftritten, sei es als Sängerin oder als Vortragende. Ehrlich gesagt mag ich meine Zeit nicht mit diesem Unfug verschwenden; es ist nur manchmal ärgerlich, wenn ich dazu gezwungen bin, weil ich sonst nicht auftreten kann. 

Die Freiheitsliebe: Hast du das Gefühl, dass solche Vorwürfe besonders häufig gegen linke Jüdinnen und Juden erhoben werden?

Nirit Sommerfeld: Selbstverständlich! Es üben ja auch nur linke Jüdinnen und Juden Kritik an der israelischen Besatzungspolitik.

Die Freiheitsliebe: Welche Möglichkeiten gibt es, um gegen diese Vorwürfe vorzugehen und was wünschst du dir von Linken und Progressiven in Deutschland? 

Nirit Sommerfeld:Die einzige Möglichkeit, gegen diese Vorwürfe vorzugehen ist, die Wahrheit über die Politik zwischen Mittelmeer und Jordan aufzudecken. Es geht um Fakten, um historische ( Wer wurde wann vertrieben? Wer hat wann welche Massaker begangen? Was ist mit den Flüchtlingen passiert?), aber vor allem auch um aktuelle Fakten: Die israelische Militärregierung in den Besetzten Gebieten mit all ihren Folgen, aber eben auch israelische Innenpolitik zu verstehen. Linke und Progressive sollten sich ein eigenes Bild machen. Ich erlebe bei den Reisen, die ich mit kleinen Gruppen nach Israel und Palästina veranstalte, wie sehr der eigene Eindruck, das „Augenzeuge-Sein“, den Blick klärt und verändert. Wer sich nicht selbst überzeugen kann, sollte Berichten aus erster Hand zuhören, gerne von Israelis wie mir. Aber vor allem sollte endlich mal Palästinenserinnen und Palästinensern zugehört werden. Dazu gibt es seit der jüngsten Eskalation im Mai 2021 endlich eine wunderbare Entwicklung bei jungen Menschen aus Palästina hier in Deutschland, die sich als „Palästina spricht“ überregional verbunden haben und regional verschiedene Aktionen anbieten. Der Verein Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost, dem ich angehöre, arbeitet schon eng mit Palästina spricht zusammen. Vielleicht ist das der Anfang des Wunders, an das wir glauben sollten.

Die Freiheitsliebe: Danke dir für das Gespräch.

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