Genozid nachgehen

Von den 94 Handlungsaufrufen der Wahrheits- und Versöhnungskommission (Truth and Reconciliation Commission, kurz TRC)  drehen sich 6 um vermisste Kinder und anonyme Bestattungen- keiner davon wurde bis heute abgeschlossen. Die Tk’emlúps te Secwe̓pemc Erste Nation war es leid, darauf zu warten bis die Regierung handelt und gab die Bodenradarstudie in Auftrag, welche die ersten 215 Gräber gefunden hatte- seither wurden Landes- und Bundesmittel zur Verfügung gestellt, und die Zahl ist landesweit in Kanada auf 1323 angestiegen.

Die Intransigenz der katholischen Kirche, Verantwortung zu übernehmen, sich angemessen zu entschuldigen und ihre Aufzeichnungen im Dienste der Gerechtigkeit freizugeben, hat sie zur Zielscheibe der Wut der indigenen Bevölkerung gemacht. Aber Trudeau hat auch diesen günstigen Umstand ergriffen, um die Schuld für diesen historischen Völkermord von Kanada abzulenken, in der Hoffnung, dass die meisten Menschen die Verbindung zu seiner anhaltenden genozidalen Politik nicht herstellen werden.

 Vielmehr haben die kanadische Regierung und die katholische Kirche konspiriert, um die Wahrheit über die „Residential Schools“ zu verbergen. Auf einer Pressekonferenz am 8. Juli mit den NDP-Abgeordneten Mumilaaq Qaqqaq und Charlie Angus, um für eine unabhängige Ermittlung zu plädieren, sagte Angus: „Was wir aus der Implementierung der Vergleichsvereinbarung über die „Indian Residential Schools“ gelernt haben, ist, dass die katholische Kirche und die Bundesregierung auf ein gemeinsames Ziel fokussiert waren: ihre Haftung zu beschränken.“

Diese Bemühungen dauern bis heute an, was zu ihrer Forderung nach einem Sonderstaatsanwalt führt, „um die historische Politik, die Verbrechen und die Vertuschung des Missbrauchs zu untersuchen, der gegen die indigene Bevölkerung dieses Landes begangen wurde.“

Verbrechen

Die Abgeordnete Qaqqaq begann mit einem Rückblick auf die Verbrechen von Pater Revoire, der indigene Kinder an einer Reihe von Orten der IRS(Indian Residential School) vergewaltigte, folterte und missbrauchte. Sie prangerte die „genozidale Partnerschaft zwischen der Bundesanstalt und der katholischen Kirche“ an und forderte den Sonderstaatsanwalt, denn „es kann keine Versöhnung ohne Wahrheit geben, es kann keine Versöhnung ohne Gerechtigkeit geben. Deshalb rufen wir heute nach Wahrheit und Gerechtigkeit … Was mit Institutionen begann, die dazu bestimmt waren, uns zu vernichten, verfolgt unsere Gemeinden noch heute.“

Und sie kam den Widerstand des Generalstaatsanwalts David Lametti dagegen zuvor: „Minister Lametti, wagen Sie es nicht, mir zu sagen, dass Sie das nicht tun können! Sie haben die Autorität … Sie weigern sich nur, sie zu nutzen, und das muss heute ein Ende haben.“

Sie erforderten für die Ermittlung: das Mandat, sich mit dem Internationalen Strafgerichtshof über Verbrechen gegen die Menschlichkeit und schwerwiegende Verstöße gegen das Völkerrecht zu beraten; das Recht, alle relevanten Dokumente von den Kirchen anzufordern, einschließlich Schulakten und Personalakten; das Recht auf Zugang zu den Akten aller Straftäter, die Kanada im Rahmen des Rechtsstreitprivilegs besitzt, und zu relevanten Dokumenten über die Politik, die diese Männer schützte und ihnen erlaubte, ihre Verbrechen auszuüben; diese Informationen öffentlich zu machen; die Fähigkeit, auf alle Dokumente zuzugreifen, wenn nötig durch Zwangsmaßnahmen, aufgrund der Intransigenz der Regierung und der katholischen Kirche.

Katholische Kirche

Charlie Angus präsentierte den Fall von Pater Lavoie, der die Möglichkeit hatte, bei den TRC-Anhörungen nicht auszusagen, weil seine mehr als 2400 Seiten umfassende Akte über die Verbrechen durch das Rechtsstreitprivileg versiegelt war. „Wir freuen uns, dass der Premierminister die katholische Kirche auffordert, die Dokumente herauszugeben. Aber die Realität ist, dass die Bundesregierung ihre eigene lange Liste hat, und zwar eine detaillierte Liste mit den Namen der Verbrecher und ihrer Verbrechen. Sie haben eine Fundgrube von Dokumenten, die die geplante versuchte Vernichtung eines Volkes belegen, und wie sie vollzogen wurde. … Wir sprechen hier von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, und die Körper dieser Kinder schreien nach Gerechtigkeit.“

Die Regierung wird ihrerseits aufgefordert, das Budget erheblich aufzustocken, um „unter der Autorität der betroffenen Ersten Nationen und der indigenen Gemeinden die ordnungsgemäßen forensischen Untersuchungen an den Fundorten durchzuführen, die Aktenverläufe zu verfolgen und sicherzustellen, dass die Leichen sorgfältig exhumiert und in Würde an ihre Familiengemeinschaften zurückgegeben werden.“ Generalstaatsanwalt Lametti wurde zu „sofortigem und glaubwürdigem Handeln“ aufgefordert.

 Die Reporter, die Fragen stellten, weigerten sich, beim Thema zu bleiben, und baten stattdessen um O-Töne zu Judy Wilson-Rayboulds Bekanntgabe, nicht wieder zu kandidieren, und zu den noch nicht bekannten Wahlergebnissen zur Wahl des Anführers der Versammlung der Ersten Nationen. Mumilaaq Qaqqaq antwortete flüchtig mit Anstand auf diese Fragen, bestand dann aber darauf, dass die Reporter beim Thema bleiben sollten (was sie nicht wirklich taten). Nach der zweiten zusammenhangslosen Frage solcher Art belehrte sie das Medienkorps: „… aber wie ich soeben sagte, lassen Sie uns den Fokus auf indigene Kinder legen, lassen Sie uns den Fokus auf Gerechtigkeit für sie richten, lassen Sie uns den Fokus auf das setzen, worüber wir heute sprechen. Lasst uns bessere Medien machen und Fragen stellen, die von Belang sind. Lasst uns Fragen stellen [darüber, warum wir hier sind], nämlich um einen Sonderstaatsanwalt zu fordern. Ich sagte am Anfang meiner Stellungnahme, dass Revoire Kinder vergewaltigt hat. Er hat mögliche Generationen von Traumata verursacht. Sexueller Kindesmissbrauch in Nunavut ist grassierend: Es gibt einen Grund dafür. Lassen Sie uns die relevanten Fragen stellen, die das Leben der Indigenen jeden einzelnen Tag betreffen. Lassen Sie uns über das sprechen, wofür wir hier sind.“

Trudeaus Rolle

Dies ist ein Willkommensaufruf für eine Ermittlung, um die Verantwortung und Schuld für diese Verbrechen zu beurteilen. Wenn die Ermittlung  und die strafrechtliche Verfolgung der Verbrechen das Mandat hat, das gefordert wird, wird man eine Menge darüber erfahren, wie Kanada und die katholische Kirche dieses grausame System des Genozids aufrechterhalten haben, und es besteht die Chance, dass einige der Täter zu einem gewissen Anflug von Gerechtigkeit gebracht werden.

Trudeau ist vielleicht nicht in der Lage, die ganze Schuld auf die Kirche zu schieben, aber er hofft, dass nicht zu viele Leute bemerken, dass seine Regierung eine genozidale Politik fortführt: der Raub von indigenen Kindern unter dem Deckmantel der Kinderfürsorge; die Aufrechterhaltung von Armutsbedingungen in den Reservaten, von denen viele verunreinigtes Trink- und Badewasser haben; das Eindringen in indigenes Land, egal ob es sich um nicht-abgetretenes oder vertraglich vereinbartes Territorium handelt; der Kampf gegen indigene Kindern vor Gericht; das Versäumnis, die Apartheidbedingungen im Gesundheitssystem, in den Händen der Polizei und in den Gerichten zu mildern.

Wahre Gerechtigkeit erfordert die Demontage dieses Systems des indigenen Völkermordes, jenes wir Kanada nennen. Es ist ein Siedlerkolonialstaat, welcher auf gestohlenem indigenem Land errichtet wurde, von dem indigene Menschen durch eine Vielzahl von Mitteln entfernt wurden: Gewalt, List, Scheindiplomatie, Aufrechterhaltung von Armutsbedingungen in den Reservaten, Residential Schools, der „Sixties Scoop“ und „Millenial Scoop“.

Aber der kanadische Siedlerkolonialismus ist kapitalistisch. Er ist ein Wirtschaftssystem, dessen Ziel die grenzenlose Akkumulation von Kapital durch die Ausbeutung von Arbeitskraft und die Aneignung von indigenen Ländereien ist. Das Profitstreben setzt sich über alle Faktoren, wie Umwelt, Menschenrechte oder Gerechtigkeit, hinweg. Profit wird durch Mehrarbeit am Ort der Produktion erzeugt. Wenn Arbeiter kollektiv handeln, können sie streiken, den Profitfluss zum Erliegen zu bringen und das Herrschaftsrecht des Kapitals auf Herrschaft anfechten.

Der Schaffung von Verbindungen zwischen indigenen Souveränitätskämpfen und Arbeiterkämpfen kann den Kampf für eine Zukunftsgesellschaft fördern, in der menschliche Bedürfnisse und die Notwendigkeit eines nachhaltigen Planeten das Ziel sind und nicht der Profit.

Der Artikel von Brian Camp erschien bei Socialist.ca und wurde von Fawzeya Massud übersetzt

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