Im 21. Jahrhundert sollte es normal sein, dass ein Flüchtling im Parlament sitzt – Im Gespräch mit Shoan Vaisi

Mit Tarek Alaows wollte ein Geflüchteter für die Grünen in den Bundestag ziehen. Nach Drohungen von Rechtsaußen zieht er seine Kandidatur zurück. Nun hat Shoan Vaisi, ein linker kurdischer Flüchtling, angekündigt, auf dem 12. Listenplatz der Linken in NRW zu kandidieren. Wir haben mit ihm gesprochen.

Die Freiheitsliebe: Du bist vor zehn Jahren aus dem Iran nach Deutschland geflohen. Wie kam es zu deiner Flucht?

Shoan Vaisi: Im Iran bin ich in eine Gesellschaft geboren worden, die von Ungleichheiten und Menschenrechtsverletzungen geprägt ist. Gegen diese Ungerechtigkeiten und für eine freie und demokratische Gesellschaft ohne Diskriminierung und für Frauen- und Minderheitenrechte habe ich angefangen, mich zu engagieren. Denn gegen all das nichts zu tun, war für mich keine Option. Letztendlich musste ich nach einiger Zeit genau wegen dieses Engagements meine Heimat verlassen und nach Europa fliehen.

Die Freiheitsliebe: Wie erging es dir, als du in Deutschland ankamst?

Shoan Vaisi: Es hat ein paar Monaten gedauert, bis ich realisieret habe, dass ich in Deutschland bin. Denn ich war zwar mit meinem Körper hier, aber mit meinen Gedanken, Gefühlen und meiner Seele noch in der Heimat. Ich hatte sehr viele widersprüchliche Gefühle, war gleichzeitig froh und glücklich, hier in Sicherheit angekommen zu sein, aber auch betrübt und bekümmert, so weit wie nie entfernt von meiner Heimat zu sein. Aber mit der Zeit habe ich gemerkt, dass ich auch hier nicht richtig akzeptiert war.

Die Freiheitsliebe: Deutschland gibt sich selbst gerne weltoffen. War das auch deine Erfahrung?

Shoan Vaisi: Ich würde da etwas differenzieren. In Deutschland gibt es sehr viele weltoffene und tolerante Menschen und ich würde behaupten, das ist die Mehrheit der Gesellschaft. Allerdings gibt es einen gar nicht so kleinen Teil der Gesellschaft, aber auch in den Behörden und der Politik, der sehr feindlich gegenüber Migrantinnen und Migranten eingestellt ist, wodurch das friedliche Zusammenleben belastet wird. Die Gesellschaft ist in Teilen also gespalten.

Die Freiheitsliebe: Du kandidierst nun für den Bundestag. Auch in Bezug auf deine Fluchterfahrung, was hat dich dazu bewogen?

Shoan Vaisi: Ich habe angefangen, mich politisch zu engagieren, um etwas zu verändern und die Dinge, die mich stören, zu verbessern. Hier in Deutschland bin ich seit sechs Jahren bei der Linken und bin schon in der kommunalen Politik tätig. Doch nach dem Rückzug von Tarek Alawos wegen der rechten Drohungen habe ich mich entschieden zu kandidieren, weil das im Jahr 2021 in einer vielfältigen Gesellschaft ein Selbstverständnis sein soll, dass Flüchtlinge als Teil der Gesellschaft auch kandidieren und in den Parlamenten sitzen. In einer Situation, in der Menschen aufgrund ihrer Herkunft Sprache, Geschlecht und Sexualität diskriminiert werden, kann ich mich nicht wegducken. Denn Schweigen und nichts zu tun, ist für mich nie eine Option. Damit wollte ich ein Zeichen für eine vielfältige und solidarische Gesellschaft setzen und so kam es zu meiner Kandidatur. Darüber hinaus sollte es im 21. Jahrhundert normal sein, dass ein Geflüchteter in Deutschland im Bundestag sitzt.

Die Freiheitsliebe: Rechnest du selbst mit Anfeindungen?

Shoan Vaisi: Ich weiß, dass politisches Engagement mit Risiken und Problemen verbunden ist, aber das bin ich aus dem Iran gewöhnt. Daher lasse ich mich davon nicht unterkriegen. Ich will all jenen Mut machen, die sich gegen rechte, rassistische und sexistische Hetze auflehnen.

Die Freiheitsliebe: Was würdest Du in der Flüchtlingspolitik ändern?

Shoan Vaisi: Vieles muss sich ändern. Es müssen legale Fluchtwege geschaffen werden. Darüber hinaus brauchen wir Rettungsschiffe im Mittelmeer, aber auch die menschenunwürdigen Lager in Griechenland müssen geschlossen und die Menschen nach Deutschland gebracht werden. Darüber hinaus braucht es endlich staatliche Rettungsschiffe, ein Ende der Kriminalisierung von Flüchtlingshelferinnen und Flüchtlingshelfern, eine Unterbringung von Geflüchteten in Wohnungen und den Kampf gegen Fluchtursachen, statt der Schaffung von neuen. Das bedeutet keine Deals mit Regimen und Diktaturen, eine ökologische Politik, denn Klimawandel ist Fluchtursache, und ein Ende der Auslandseinsätze der Bundeswehr.

Die Freiheitsliebe: Dein anderer Schwerpunkt ist die Kinder und Jugendpolitik. Was wäre dort dein erstes Projekt?

Shoan Vaisi: Ich würde für ein großes Investitionsprogramm kämpfen, das die Situation der Kinder und Jugendlichen in Deutschland deutlich verbessert. Besonders in Kommunen mit schwachem Haushalt muss der Bund viel mehr leisten. Das fängt bei gutem und qualifiziertem Personal im Kindergarten an. Doch wir brauchen auch multiprofessionelle Teams von Lehrern, Pädagogen, Psychologen und Sprachmittler in den Schulen, um gerade in den finanziell schwachen Stadtteilen für mehr Chancengleichheit zu sorgen.

Die Freiheitsliebe: Danke dir für das Gespräch.

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4 Antworten

  1. Mutiger Mann, wünsche ihm alles gute!

    Ist eh einfach nicht mehr zeitgemäß das wir größtenteils nur von alten weißen Männern regiert werden meiner Meinung nach. Weil es gibt ja auch noch viele andere gesellschaft- und Altersklassen hierzulande und ob die alle von dieser einen Gruppe der old White man’s so gut vertreten werden können, ich weiß ja nicht.

Kommentare sind geschlossen.

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