He-Yin Zhen und die Idee vom chinesischen Feminismus

9. März 2017 - 16:45 | | Politik | 0 Kommentare
He Zhen

„If sons and daughters are treated equally, raised and educated in the same manner, then the responsibilities assumed by men and women will surely become equal.” He-Yin Zhen, eine der ersten chinesischen Feministinnen des frühen 20. Jahrhunderts, ist die Verfasserin dieses Zitats. Erst Jahrzehnte nach ihrer Lebenszeit ist aus der nur ca. 35 Jahre alt gewordenen Feministin He-Yin Zhen auch eine politische Stimme geworden. Sie ist damit eine der vielen nach wie vor ignorierten und unterdrückten FeministInnen, die ihre Ideen gegen die Verhältnisse des Patriarchats (fernab jeglicher Vorstellungen derer im anglo-europäischen Raum) entwickelten.

Zum gestrigen Internationalen Frauentag erinnerten viele Frauen, Männer, FeministInnen und stellvertretende Organisationen an die Geschichte des Feminismus und den noch vor uns liegenden Weg im Widerstand gegen Diskriminierungen aller Art. Bis auf wenige Ausnahmen, konzentrieren sich die prominentesten VertreterInnen feministischer Ideen auf den anglo-europäischen Raum, was sowohl als soziokultureller und historischer Prozess, wie auch als politische Entscheidung einzustufen ist. Bekanntermaßen entwickelten sich frühe Ideen des europäischen Feminismus bereits im 17. Jahrhundert, welche heute die historischen Initialen von Olympe de Gouges, Jars de Gournay, Christine de Pizan und Mary Wollstonecraft kennzeichnen. Schlüsselwerke von Kate Millett und Simone de Beauvoir, gefolgt von Clara Zetkin, Gayatri Spivak, Judith Butler, Angela Davis u.v.m. prägten daraufhin feministische Strömungen im 20. und 21. Jahrhundert.

In Anbetracht des Ungleichgewichts westlicher und nicht-westlicher RepräsentantInnen soll der folgende Beitrag gegenwärtige FeministInnen, AktivistInnen und HistorikerInnen dazu anregen, sich intensiver mit den Werken und Ideen ebenjener nicht-westlichen VertreterInnen zu beschäftigen und stellt dabei die Autorin und Aktivistin He-Yin Zhen (ca. 1884-1920) als eine der ersten chinesischen FeministInnen der Qing-Dynastie vor.1

He-Yin Zhen, auch unter He Ban oder He Zhen bekannt, gründete 1907 die „Society for the Restoriation of Women’s Rights“, welche mit der Herausgabe der Zeitschrift Tien Yee („Natural Justice“) das einflussreichste Medium zur Formulierung und Verbreitung radikaler Ideen des Feminismus, Sozialismus, Marxismus und Anarchismus schuf. Obgleich ebenjene Zeitschrift nur über zwei Jahre von 1907 bis 1908 betrieben wurde, gelang es He Zhen und ihrem Ehemann Lui Shipei zahlreiche Artikel unter ihren Pseudonymen zu veröffentlichen.
Nicht nur Chinas Historisierung, sondern auch die vielfältigen Länder und Regionen Europas, Afrikas, Asiens und Amerikas ignorierten und unterdrückten über Jahrzehnte hinweg unzählige nicht-europäische Intellektuelle und mutige DenkerInnen. Im Zuge des gegenwärtig aufblühenden Trends, Weltgeschichte in „World History“ als Fachgebiet und in „Global History“ als historische Perspektive und Methodik zu differenzieren, sind viele „Global Historians“ im gleichen Atemzug VertreterInnen der „Intellectual History“ (Wissenschaftsgeschichte). Intellectual Historians (oder Wissenschaftshistoriker) versuchen die Bewegung und Migration von Individuen und ihren Ideen nachzuverfolgen, mit dem Ziel, die Verflechtung ebenjener Menschen und Geschichten herauszuheben und damit der nationalstaatlichen Abschottung innerhalb der Geistes- und Geschichtswissenschaften entgegenzutreten. Im Zuge dessen wurden Plattformen für nicht-europäische progressive Stimmen wie die von He-Yin Zhen kreiert, die das tatsächliche Bild einer globalen Verflechtung auf erstaunliche Weise vervollständigen.

Als Gesellschaftstheoretikerin akzeptiert, und von vielen zur Anarcho-Feministin proklamiert, beeindrucken He-Yin Zhens Werke nicht nur durch ihre anarchistisch-marxistischen Kritiken an der Unterdrückung der Frau in China und Japan, Nationalstaaten, Kapitalismus und Kolonialismus, sondern durch ihre ganzheitliche Perspektive auf vielgestaltige und mehrdimensionale Unterdrückungsformen, die Kimberly Crenshaw als „intersektional“ bezeichnet. He-Yin Zhen beschäftigte sich in ihren Werken mit Anarchismus, Sozialismus, Gender und zog sich ihre Inspiration auch aus dem politischen Aktivismus in Europa und Nord Amerika – der Frauenrechtsbewegung des 19. Jahrhunderts. Ihre Kritik galt in erster Linie den politischen, ökonomischen und ideologischen Tendenzen patriarchalischer Gesellschaftsordnungen, woraufhin sie eine eigene analytische Kategorie entwickelte: nannü (wortwörtlich: „Mann und Frau“).

He-Yin Zhen schrieb „The social system in China has enslaved women and forced them into submission for many thousands of years. In ancient times, men acquired proprietary rights over women to prevent them from being claimed by other men. They created political and moral institutions, the first priority of which was to separate man from woman (nannü)” (He-Yin Zhen, 1907, On the Question of Women’s Liberation).

Nannü ist also beides, analytisches Konzept zur Dekonstruktion „gender“-spezifischer und klassenbasierter Identitäten, aber auch das zu dekonstruierende Objekt selbst. Nannü als analytisches Hilfsmittel kann einen Mechanismus einleiten, der gewisse Fremdbestimmungen und Markierungen entblößt und eine Orientierung zur politischen Organisation unterdrückter Gruppen bereitstellt. Demzufolge ist nannü ein sich kontinuierlich reproduzierender politischer Akt, der alte soziale Identitäten transformiert und neue Identitäten und Machtverhältnisse schafft. Mit der Reflektion von nannü als ein sich selbst zu dekonstruierendes Objekt, weißt He-Yin Zhen darauf hin, dass nannü selbst als konstruiertes Produkt aus den ungleichen Machtverhältnissen entspringt.

Mit der Schaffung dieser neuen „gender“-Kategorie, versuchte sie „Frau“ als transhistorische, globale und soziale Konstruktion zu entlarven, die nicht in der subjektiven Wahrnehmung von Identität, sondern in der ungleichen Machtverteilung sozialer Beziehungen wurzelt.

“In ancient times, the separation of the inner from the outer was originally instituted to prevent illicit sexual affairs. Unfortunately, this has led to a situation where a woman’s lifelong responsibility has been restricted to the double task of raising children, managing the household, and nothing else” (He-Yin Zhen, 1907, On the Question of Women’s Liberation).

Diese ungleichen Machtverhältnisse sind nicht nur Ausdruck gegenwärtiger sozialer Realitäten, sondern Ergebnis verschiedener Formen kontinuierlicher und unaufhaltsamer sozialer Ungerechtigkeiten, die sich in ihrer Beobachtung über einen langen Zeitraum und über verschiedene Räume (longue durée) erstrecken. Die Unterdrückung der Frau ist dabei nur eines der sichtbaren Konturen sozialer und ökonomischer Ungleichheit. Mit ihrer Kategorie nannü, für die es im anglo-amerikanischen bisher keine passende Übersetzung gibt, kanalisiert He-Yin Zhen die unterschiedlichen Formen ungleicher sozialer Beziehungen verursacht durch „gender“ in einer neuen Kategorie. Dabei berücksichtigt sie Langzeit-Prozesse aus der Vergangenheit wie auch Gegenwart, aber auch die politischen Beziehungen zwischen China und der restlichen Welt. Mit anderen Worten bezeichnet nannü ein analytisches Konzept, welches über die uns bekannte „sex-gender“ Konstruktion hinausgeht, indem es die Diversität gesellschaftlicher Reproduktionsprozesse, also Klasse und Sexualität, einbezieht.

„For thousands of years, the world has been dominated by the rule of man. This rule is marked by class distinctions over which men—and men only—exert proprietary rights. To rectify the wrongs, we must first abolish the rule of men and introduce equality among human beings, which means that the world must belong equally to men and to women. The goal of equality cannot be achieved except through women’s liberation” (On the Question of Women’s Liberation, He-Yin Zhen, 1907).

Allerdings spricht He-Yin Zhen die Problemtik von Rasse als soziale Konstruktion und die Rolle von Rassismus im Kapitalismus nicht explizit an, und wird damit dem von Kimberly Crenshaw definierten Begriff der Intersektionalität (also Multidimensionalität marginalisierter Subjekte) nicht in Gänze gerecht. Darüber hinaus könnte man in Frage stellen, ob „gender“ (und „race“) tatsächlich analytisch untrennbar von „Klasse“ ist oder ob auch eine Gesellschaft vorstellbar ist, die zwar gender-Gleichheit garantiert, nicht aber die Auflösung von Klassendenken voraussetzt. Die Komplexität He-Yin Zhens und unserer sozialen Realitäten zeichnen etwas Anderes, nämlich die absolute Intersektionalität verschiedenster Unterdrückungsformen. Nichts desto trotz, ist es eine Überlegung wert.

He-Yin Zhens Analyse der Untrennbarkeit zwischen der Unterdrückung der Frau und einer radikalen Systemkritik am Patriarchat, Kapitalismus, Kolonialismus und Staat hat trotz Lücken in Theorie und Praxis einen bemerkenswert innovativen Gehalt, der nicht nur die Dominanz westlicher FeministInnen entschärft, sondern das Bewusstsein für die Multidimensionalität der uns heute bevorstehenden Kämpfe gegen soziale und ökonomische Ungleichheit in Bewegung setzt, denn:
„Even though the bodies [of women] are in [a] sense liberated, this liberation has nothing to do with the liberation of the mind. [T]hose who enjoy a modicum of freedom of the body are the kind of women who suffer the most strenuous forms of labor, the most ruthless exploitation, and the most shameful humiliation” (He-Yin Zhen, 1907, On the Question of Women’s Liberation).

1 Lydia H. Liu, Rebecca E. Karl, and Dorothy Ko sind die ersten Autorinnen, die He-Yin Zhens Werke ins Englische übersetzten. In The Birth of Chinese Feminism (2013) werden ihre Texte zudem eindrucksvoll in den historischen und gegenwärtigen Kontext des chinesischen Feminismus gesetzt.

Ein Artikel von Susann Pham Thi

Über den Autor