Anita Augspurg – Rebellin bis zum Schluss

By Atelier Elvira, wikimedia commons, published under public domain (edited by Jakob Reimann).

Was brauchen Menschen, um uns zu berühren? Müssen sie mutig und kühn sein, für ihre Ideale kämpfen und weise Worte sprechen? Oder müssen sie großherzig sein, sich liebevoll anderen Menschen zuwenden? Vielleicht reicht es auch lediglich, dass wir uns mit ihnen identifizieren? Anita Augspurg lässt sich eher in die erste Kategorie Mensch einordnen. Als ich sie kennenlernte, war ich erstaunt, eine solche Frau in der Zeit zwischen kaiserlicher Unterdrückung und Naziterror vorzufinden.

Ein Beitrag von Katharina Jansen

Anita Augspurg war Zeit ihres Lebens Außenseiterin. Verdammt dazu, durch allzu fortschrittliche Gedanken und Ansprüche an das Leben der Frauen, das Verhältnis zwischen Mann und Frau in der Gesellschaft, friedliches Zusammenleben zwischen Völkern und zwischen den Menschen und der Natur.

Anita Augspurg war die erste deutsche promovierte Juristin, radikale Frauenrechtlerin, lesbisch, Vegetarierin und Pazifistin. Sie und ihre Lebensgefährtin Lida Gustava Heymann forderten als Erste die Ausweisung Hitlers aus Bayern.

Doch was sind schon Schlagwörter gegen eine persönliche Geschichte? Ich möchte euch Frau Dr. jur. Anita Augspurg gerne vorstellen…

Anita Augspurg wird am 22.September 1857 in Verden (Aller) geboren. Vater (Obergerichtsanwalt) und Mutter lassen ihren Kindern viel Freiraum bei ihrer Entwicklung. Anita entwickelt sich schnell zu einem selbstbewussten und exzentrischen jungen Mädchen. Das „Höhere Tochter“-Dasein und die Ehe und Familiengründung als einziger Zukunftsentwurf reichen ihr nicht. Mit 15 fängt sie an, sich in der väterlichen Anwaltskanzlei nützlich zu machen, 1878 geht sie nach Berlin, um dort das Lehrerinnenexamen zu absolvieren. Durch das Erbe ihrer Großmutter wird Anita mit 22 Jahren finanziell unabhängig und kann die Zukunft nun nach ihren Wünschen in die Hand nehmen.

Zunächst wendet Augspurg sich der Schauspielerei zu, absolviert eine Schauspielausbildung und spielt in mehreren Ensembles. Doch die Schauspielerei hält sie nicht lange. Bald geht sie nach München und gründet dort mit ihrer Lebensgefährtin Sophia Goudstikker das Fotoatelier „Elvira“. Das Fotografieren hat sich Augspurg während der Schauspielerei selbst beigebracht. Nun helfen ihr die alten Kontakte in die populäre Branche, Kunden an Land zu ziehen.

Zwei alleinstehende Frauen, die ein erfolgreiches Atelier führen – so etwas macht auch im damals fortschrittlichen München Furore. Die beiden erregen mit Fotos, die Frauen in Denkerposen darstellen Aufmerksamkeit, tragen Reformkleider, kurze Haare, fahren Fahrrad und reiten. In der Münchener Künstlerszene sind sie gut vernetzt und führen sogar einen eigenen Salon. Der Salon widmet sich bald politischen Themen und organisiert Veranstaltungen und Vorträge zu frauenrechtlichen Themen. 1888 entsteht der Frauenverein Reform, dessen Münchener Ableger Augspurg und Goudstikker begeistert begründen.

Die Rechte der Frauen sind auch der Grund, der Augspurg 1892 dazu veranlasst, nach Zürich zu ziehen und dort ihr Jurastudium zu beginnen, welches sie 1997 mit einem Doktortitel als erste deutsche Frau abschließt. Das Deutsche Reich arbeitet an einem Bürgerlichen Gesetzbuch und Augspurg möchte dafür kämpfen, dass dieses gleichermaßen für Frauen wie für Männer gilt.

Augspurg pendelt zwischen Zürich, München, Hamburg, Berlin und etlichen weiteren deutschen Städten und wird bedeutendes Mitglied im radikalen Flügel des Deutschen Frauenbundes. Sie hält Vorträge, nimmt an Kongressen teil, verfasst Artikel, Petitionen und macht Eingaben bei Parlamenten. Diesen Aktivismus verfolgt sie bis ins hohe Alter.

1891 gründet Augspurg mit ein paar anderen Frauen den Verein „Frauenwohl“ der sich für die Zulassung von Frauen an Hochschulen einsetzt. 1998 gründet Augspurg mit ihrer späteren Lebensgefährtin Lida Gustava Heymann den deutschen Ableger der „Internationalen Abolitionistischen Föderation“, die gegen die Freiheitsbeschränkungen von Prostituierten und die Sittenpolizei kämpft. 1902 gründen eben diese beiden den „Deutschen Verband für Frauenstimmrecht“. Durch die gleiche Gesinnung und viele Zusammenarbeit kommen sich Augspurg und Heymann näher. So nahe, dass Heymann 1904 zu Augspurg nach München zieht. In München selbst unterhalten die beiden nur eine kleine Wohnung aber draußen auf dem Münchener Land erstehen sie ein Stück Land, auf dem sie ein Haus bauen lassen. Die beiden werden größtenteils zu Selbstversorgerinnen, pflanzen Gemüse und Obst an und halten ein paar Tiere. Sie führen ihren eigenen kleinen „Öko-Bauernhof“.

Heymann und Augspurg reisen, wandern und reiten und sind neben all dem höchst politisch aktiv. Als der Erste Weltkrieg ausbricht, positionieren sie sich gegen den Krieg, verurteilen scharf den deutschen Angriff auf Belgien und versuchen den Schulterschluss mit pazifistischen Frauen in anderen europäischen Ländern: Sie initiieren den Internationalen Frauenfriedenskongress in Den Haag auf dem der „Internationale Ausschuss für dauernden Frieden gegründet wird. In Deutschland werden sie dafür massiv angefeindet und müssen mit Schrecken feststellen, dass sich viele Frauenvereine von der Kriegseuphorie mitreißen lassen – so auch viele ihrer Kolleginnen und alten Mitstreiterinnen.

Anita Augspurg (links) und ihre Gefährtinnen vom Verband für Frauenstimmrecht. Rechts Anitas Partnerin Sophia Goudstikker. Fotografie des Atelier Elvira, wikimedia commons, published under public domain.

Als der Erste Weltkrieg endet, sind Augspurg und Heymann erstmal in euphorischer Stimmung. Die Weimarer Republik verspricht Demokratie und die beiden wollen alles daran setzen, dass Frauen bei dieser Demokratie mitmischen können. Sie mobilisieren zum Wahlkampf und zu den Wahlen und gründen die Zeitschrift „Die Frau im Staat“. Doch die Stimmung in Deutschland passt so gar nicht zu der, in der sich die zwei Frauen befinden. Die Menschen hungern, haben keine Arbeit und haben Angst. Denn die Straßen werden beherrscht von gewaltbereiten rechten Gruppen. Die Nationalsozialisten gewinnen mehr und mehr an Einfluss, Macht und an Mitgliedern. Augspurg und Heymann bekommen das am eigenen Leib zu spüren. Von ihnen organisierte Veranstaltungen werden von pöbelnden Männern gestört oder sogar die Veranstaltungsorte gestürmt, verwüstet und Teilnehmer_innen beleidigt und angegriffen. Heymann und Augspurg fordern die Regierung Bayern zum Einschreiten gegen den rechten Terror auf, fordern auch die Ausweisung Hitlers. Die bayrische Regierung hält still – genauso wie die Gesamtdeutsche Regierung. Und so kommt es 1933 zur Machtübernahme der Nazis. Augspurg und Heymann stehen auf der Todesliste der bayrischen Nationalsozialisten, was sie ins Exil in die Schweiz verbannt. Ihr gesamtes Vermögen wird gepfändet. Am Ende ihres Lebens leben sie als Flüchtlinge in einer kleinen Züricher Wohnung, auf die Unterstützung von Freund_innen angewiesen und ohne jegliche Einflussnahme mehr auf die deutsche Frauenfrage.

Was bleibt von Anita Augspurg? Sie hat mich berührt, so viel ist klar. Durch ihren Mut und ihr Engagement, durch ihre Tatkraft und ihre klugen Texte. Aber wer kennt sie heute noch? Was haben all ihre Aktionen, Texte und Reden geholfen? Am Ende starb sie verarmt und dement im Züricher Exil. Vertrieben von Menschen, die sie verunglimpften als Volksverräterin und Entartete. Weil sie sich einsetzte für den Frieden und für gleiche Rechte. Die meisten ihrer Schriften wurden vernichtet. Die zahlreichen deutschen Frauenvereine verboten und gleichgeschaltet. Viele der fortschrittlichen Gedanken, die Anita Augspurg damals dachte sind auch heute noch aktuell – und nicht verwirklicht. Ich empfinde unser feministisches Erbe und die feministische Organisation in Deutschland als zu gering, wenn ich mir vor Augen führe, wie viele Frauenverbände und Organisationen es schon Anfang des 19. Jahrhunderts gab. Die Nationalsozialisten haben eine kahle Stelle in unserer feministischen Geschichte hinterlassen. Sie haben uns unseres kulturellen Erbes beraubt.

Anita Augspurg hat nicht nur gegen Patriarchen und Nationalsozialisten kämpfen müssen, sondern auch mit sich selbst und ihrer Haltung sowie mit ihren Verbündeten innerhalb der feministischen und pazifistischen Szene. Die Fragen „Wie viel Kompromiss kann sein, ohne den eigenen Ideen untreu zu werden?“ „Ist Krieg wirklich immer zu verurteilen oder muss Freiheit manchmal mit Waffen verteidigt werden?“ sind für mich heute genauso umtreibend, wie sie damals für Anita Augspurg waren.

Doch Augspurg hat damals nicht für die Frauenrechte gekämpft, damit man sich heute an sie erinnert. Sie hat es getan, weil sie nicht anders konnte, weil es für sie das einzige und absolut Richtige und Notwendige war. Dass wir heute kein Ergebnis ihrer Arbeit spüren, macht sie nicht weniger bewundernswert, denn ihr Leben reicht als Beispiel dafür, dass es leidglich darauf ankommt, das zu tun, was man selbst als das Richtige erachtet. Dass man sich selbst und den eigenen Idealen treu bleibt.

Anita Augspurg kam aus einer großbürgerlichen Familie, verfügte über ein ausreichendes Erbe und Einnahmen aus ihrem Atelier. Sie war eine privilegierte Frau und hat den Schulterschluss mit den arbeitenden Frauen nie wirklich vermocht. Sie redete auf Kongressen und schrieb in Zeitungen, an Gerichte und Parlamente. Ihr Kampf um die Befreiung der Frau war der Kampf einer gebildeten und wohlsituierten Frau, die sich nicht um ihre Existenz sorgen musste.

Aber Frauen aller Gesellschaftsschichten sollten ein Sprachrohr haben, über das sie ihre Nöte, Ansprüche und Rechte verkünden können. Auch heute ist der Feminismus ein fast ausschließlich in intellektuellen Kreisen behandeltes und geschätztes Thema.

Der Feminismus ist für alle und meint alle. Alle Menschen, egal mit welchem Bildungsgrad oder welcher Einkommensklasse.

Ich möchte dafür kämpfen, dass das alle verstehen und dass Feminismus gelebt wird. Und dafür brauche ich erstmal nur mich selbst, meinen Willen und mein Vertrauen in mich selbst. Das Drumherum werde ich dann schon bestehen. Das hat mich Anita Augspurg gelehrt.


Quellen:

Anna Dünnebier/Ursula Scheu: Die Rebellion ist eine Frau. Anita Augspurg und Lida G. Heymann. Das schillerndste Paar der Frauenbewegung. Heinrich Hugendubel Verlag. München. 2002.

https://www.dhm.de/lemo/biografie/anita-augspurg

http://www.frauenmediaturm.de/themen-portraets/feministische-pionierinnen/anita-augspurg/

Dieser Artikel von Katharina Jansen ist Teil unseres Specials zum Internationalen Frauentag am 8. März.

 

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