Geschichtsschreibung und Mythen

2. November 2019 - 12:00 | | Politik | 0 Kommentare

Einem geflügelten Wort zufolge wird die Geschichte immer von den Siegern geschrieben. Sie haben die größeren Möglichkeiten, um ihre Sicht auf das Geschehene durchzusetzen, während den Verlierern nur die Chance marginaler Korrekturen bleibt. Sie, die Sieger, kontrollieren den Zugriff auf die Quellen und bestimmen, was erforscht, recherchiert und medienwirksam publiziert wird – und was nicht. Sie verstehen es, ihre Meinung zur herrschenden Meinung, zum Mainstream, zu machen. Ihre Interessen bestimmen die Deutungsmuster der Vergangenheit.

Kurz: Sie haben als Sieger die Macht, ihre Ansichten publik zu machen, ihre Darstellung der Ereignisse zu verbreiten und ihre Deutung der Vergangenheit als „Geschichte“ zu verewigen. Und das in ihrer Sprache, Begrifflichkeit und Diktion. Damit aber liegen sie nicht selten meilenweit neben den historischen Tatsachen, also neben der Wahrheit. Schon Voltaire, obwohl selbst Historiograph, hatte dies erkannt. Von ihm stammt deshalb das Bonmot: „Geschichtsschreibung ist die Übereinkunft zu einer Lüge.“
Nun sind Wahrheit und Lüge in der Geschichte wie überhaupt so eine Sache. G.W.F. Hegel, Karl Marx, Friedrich Nietzsche, Theodor Lessing und andere haben sich damit intensiv auseinandergesetzt. Ich will ihre Auslassungen hierzu aber übergehen und auf einen anderen Aspekt aufmerksam machen: Die Historiographie der Sieger ist nicht nur einseitig und interessengeleitet; sie lebt auch von Mythen. Die sucht sie sich aus der Vielzahl der schriftlichen und bildlichen Überlieferungen heraus oder bringt sie, falls es an entsprechenden Vorlagen mangeln sollte, selbst hervor, indem sie sie erfindet. Dies lässt sich anhand aktueller Medienberichte, Filme, Artikel, Bücher und Ausstellungen zum deutschen Einigungsprozess, worin sich Fehlinterpretationen, Entstellungen und Auslassungen, aber auch Mythen zur DDR-Geschichte wie zur gegenwärtigen Lage in den neuen Bundesländern massenhaft finden, anschaulich demonstrieren.
Dies beginnt mit Darstellungen zur Teilung Deutschlands. Bekanntlich wurde sie 1944 von den Alliierten beschlossen und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs durchgesetzt. Ein weiterer Schritt auf diesem Weg waren die Währungsreformen 1948, zuerst in den Westzonen, danach in der SBZ, sowie die Gründung der Bundesrepublik Deutschland (23. Mai 1949) und der DDR (7. Oktober 1949). Verbreitet wird jedoch, dass Deutschland (und Berlin) durch den Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 geteilt worden sei.
Das Pendant dazu bildet die ungenaue zeitliche Einordnung der DDR, indem deren Lebensdauer auf 40 Jahre verkürzt wird. In Wahrheit aber bestand die DDR 41 Jahre minus vier Tage. Der Effekt dieser Verkürzung ist ein mehrfacher: Erstens wird dadurch der „Mauerfall“ aufgewertet und als das Ende der DDR ausgegeben. Zweitens wird die demokratisch(st)e Zeit der DDR, ihr einundvierzigstes Jahr, aus dem kollektiven Gedächtnis getilgt. Drittens verschwinden durch diesen Trick die Akteure der friedlichen Revolution aus der Geschichte. Schon heute glauben viele junge Menschen, der „Mauerfall“ und die deutsche Einheit seien Ereignisse, die unmittelbar miteinander zusammenhängen und zeitgleich stattgefunden haben.
Schließlich ist die Öffnung der Grenzen am 9. November 1989 inzwischen selbst zum Mythos geworden. Dass es die Regierung der DDR unter Egon Krenz war, die diesen Schritt unternommen hat, um sich dadurch in einer verzweifelten Lage „Luft“ zu verschaffen, geht beinahe unter, wenn vom „Mauerfall“ die Rede ist und die dazu gezeigten Bilder den Eindruck einer Erstürmung der Grenzanlagen durch die Bevölkerung erwecken.
Geradezu sprichwörtlich geworden sind auch Aussagen, wonach die DDR 1989 „bankrott“, überschuldet und insolvent, also zahlungsunfähig gewesen sei. Dass alle seriösen Untersuchungen, einschließlich einer Recherche der Deutschen Bundesbank, in dieser Frage zu einem anderen Ergebnis gekommen sind, wird ausgeblendet. Der Mythos von der DDR als einem bankrotten Staat, dessen Ministerpräsident nur noch als Insolvenzverwalter agieren konnte, hält sich indes hartnäckig und wird von den Medien in kontrafaktischer Manier gepflegt.
Zu den Fehleinschätzungen gehört auch die Überzeugung, die Währungsunion 1990 sei für die DDR-Bürger ein profitables Geschäft gewesen. Dass sie das nicht war, wurde angesichts der nachfolgend drastisch gestiegenen Preise bald klar. Diese Tatsache aber wird überspielt, indem kolportiert wird, der Währungsumtausch, der für Spareinlagen bis zu 6000 Mark im Verhältnis von 1:1 erfolgte, ansonsten aber in einem Verhältnis von 2:1, sei generell 1:1 abgewickelt worden. Um den Vorteil zu unterstreichen, den die DDR-Bürger dabei vermeintlich hatten, wird der ausschließlich für den Außenhandel mit dem nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet (NSW) gültig gewesene Kurs von 4,4:1 in Ansatz gebracht. Über das Kaufkraftverhältnis der beiden Währungen von etwa 1:1 aber wird geschwiegen. Dass den DDR-Bürgern im Zuge der Währungsunion rund ein Drittel ihres Geldvermögens verloren ging und durch den Preisanstieg in den Jahren danach noch einmal erhebliche Verluste entstanden sind, gerät durch den Mythos vom 1:1-Umtausch völlig aus dem Blick. Der Abstand zwischen Ost und West bei den privaten Vermögen ist heute größer als 1990. Dass dies auch eine Folge der Währungsunion ist, erkennt aber kaum jemand an.

Ein weiterer Mythos ist in der Alimentierung der Ostdeutschen durch Transferleistungen auszumachen. Nachweislich sind seit 1990 Hunderte Milliarden Euro Transfers in den Osten geflossen. Kein Bericht zur ökonomischen Lage in den neuen Ländern verzichtet darauf, dies zu betonen. Aber in wessen Taschen ist dieses Geld überwiegend geflossen? Ganz sicher nicht in die der ostdeutschen Bevölkerung. Die Hauptgewinner des „Aufbaus Ost“ sind westdeutsche Bauunternehmen, Handelsketten, Immobilienbesitzer, Banken und private Investoren. Mit dem Geld wurden Betriebe modernisiert, Autobahnen gebaut, Wohnungen und Bürogebäude errichtet. Inzwischen haben sich die Investitionen amortisiert und der Gewinn-, Miet- und Pachttransfer von Ost nach West übersteigt längst den Geldfluss in umgekehrter Richtung. – Darüber aber wird geschwiegen. Der Mythos von der Solidarität des Westens mit dem Osten wird aufrechterhalten, obwohl sich dahinter in Wahrheit zu einem großen Teil lohnende Investments verbergen.

Ein letzter hier Erwähnung findender Mythos betrifft die aktuelle Lebenslage. Zahlreiche Untersuchungen und statistische Erhebungen versuchen den Menschen einzureden, dass es den Ostdeutschen inzwischen genauso gut gehe wie den Westdeutschen, vielleicht sogar besser. Um dies zu belegen, werden die sonderbarsten Indikatoren herangezogen: die Zahl der Sonnenstunden, die Größe der Naturreservate, die gestiegene Freiheit und anderes mehr. Blickt man aber auf messbare Vergleichsgrößen wie Einkommen und Vermögen, so stellt sich dies anders dar: In Ostdeutschland wird mehr gearbeitet, aber weniger verdient als im Westen, die infrastrukturelle Ausstattung ist immer noch sichtlich schlechter, ländliche Gebiete veröden und die Bevölkerung ist relativ arm. Die privaten Vermögen betragen im Mittel nur rund ein Viertel derer in Westdeutschland. Kurz: Es gibt auch 29 Jahre nach dem Vollzug der deutschen Einheit keine gleichwertigen Lebensverhältnisse in Deutschland. Sehr wohl aber den Mythos davon. – Man mag es nicht mehr hören!

Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus der soeben erschienenen neuesten Ausgabe von „Das Blättchen – Zweiwochenschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft“. Die komplette Ausgabe kann auf der Website www.das-blaettchen.de kostenfrei eingesehen werden. Allerdings haben auch nicht-kommerzielle Projekte Kosten. Daher helfen Soli-Abos zum Bezug als PDF (hier klicken) oder in einem eBook-Format (hier klicken) dem Redaktionsteam bei der Lösung dieser Frage. Ein Beitrag von Ulrich Busch.


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Hier wird jeweils ein Vorabbeitrag aus der neuen Ausgaben von "Das Blättchen – Zweiwochenschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft“. Die komplette Ausgabe kann jeweils auf der Website www.das-blaettchen.de kostenfrei eingesehen werden.