Frischer Wind aus der Pflege

In den letzten Jahren haben es Konflikte am Arbeitsplatz wieder vermehrt in die Schlagzeilen geschafft. Zeitweise wurde gar von der „Streikrepublik Deutschland“ gesprochen. Hinter den Kulissen organisierten oft Frauen die Kämpfe – und gewannen nicht selten. Von Katharina Stierl

Eigentlich ist es verrückt. Der Großteil meiner Kommilitoninnen und Kommilitonen wird bald einen Job haben oder arbeitet bereits seit Beginn des Studiums. Sie alle werden einen Chef haben – manchmal wohl auch eine Chefin. Sie alle werden früher oder später in Konflikte mit diesem geraten. Über den Lohn, die Arbeitsbedingungen oder den Urlaub. Wenig ist „normaler“ in unserer Gesellschaft als Konflikte am Arbeitsplatz. Und trotzdem sind die Meisten nicht in Gewerkschaften organisiert

Die Bedingungen sind katastrophal

Obwohl es auf dem Papier schnell einleuchtet, dass man sich gemeinsam besser für seine Interessen einsetzen kann als allein, sieht das in der Realität häufig anders aus. So auch im Krankenhaus: „Wir dürfen gar nicht streiken“, sagen einige. „Die Gewerkschaft hab ich hier noch nie gesehen“, oder „Das bringt doch eh nichts“, sagen andere. Und tatsächlich waren Krankenpflege und Gewerkschaft lange Zeit Begriffe, die man selten zusammen las. Die Gewerkschaft – in der Pflege ist das in erster Linie ver.di – war und ist in vielen Krankenhäusern nicht präsent. Auf Konflikte und schlechte Bedingungen reagieren viele Kolleginnen und Kollegen deshalb individuell: Arbeitsplatz wechseln, Umschulung, Kündigung. So auch ich. Nach einer Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin, war es mir nach zwei weiteren Jahren genug: Dauerstress durch Personalmangel, unterbesetze Nachtschichten, Einspringen trotz Urlaub, Arbeiten trotz Krankheit – darauf hatte ich keine Lust mehr.

Gemeinsam für ein besseres Leben

Seit einigen Jahren müssen Krankenhäuser Gewinn erwirtschaften. Im Vordergrund steht nicht mehr die Gesundheit, sondern der Profit. Das dahinterstehende System hat drastische Folgen für die Qualität der Behandlung, aber vor allem für die Arbeitsbedingungen. Denn am Pflegepersonal wird als Erstes gespart. Auch wenn dies mittlerweile schon in Talkshows diskutiert wird – geändert hat sich nichts. Das heißt: fast nichts. Denn in zahlreichen Häusern regte sich in den letzten Jahren Protest, zum Beispiel in der Charité in Berlin, im Uniklinikum  Augsburg, in Düsseldorf oder Jena. Viele Pflegerinnen und Pfleger haben genug und organisieren sich, auch weil ver.di angefangen hat die Strategie zu ändern: Konflikt suchen statt Abwarten, demokratische Verhandlungen statt Klüngelei mit der Leitung. Als ehemalige Pflegerin habe ich versucht die Kolleginnen und Kollegen zu unterstützen und eine Gewerkschaftskampagne im Saarland begleitet. Unsere Botschaft: Organisier Dich und hab Einfluss auf die Zukunft. Das Ziel der Kampagne war die Beschäftigten in ihrem Kampf zu stärken, sodass sie Veränderungen selbst durchsetzen.  In einigen Häusern brachte sich eine Mehrheit der Kolleginnen und Kollegen aktiv ein, legte ganze Stationen lahm und erkämpfte Verbesserungen, etwa einen Personalschlüssel, der garantiert, dass keine Nachtschicht mehr alleine gemacht wird.

Gewerkschaften sind aus der Idee gewachsen, dass man im täglichen Konflikt zwischen den Profitinteressen und den Bedürfnissen der Beschäftigten am besten gemeinsam bestehen kann. Mit vielen Leuten und viel Mut haben sich Kolleginnen und Kollegen bundesweit organisiert und so auch die Gewerkschaft aufgemischt. Fortsetzung folgt. Im Krankenhaus und hoffentlich darüber hinaus. Vielleicht auch da, wo meine Kommilitoninnen und Kommilitonen arbeiten, denn Veränderung beginnt bei einem selbst, zum Beispiel mit dem Eintritt in die Gewerkschaft.

Der Beitrag erschien gedruckt in der Critica


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