Antikoloniale Demo „Wir brauchen einander dringender denn je“

21. Oktober 2019 - 10:47 | | Politik | 2 Kommentare
Foto: Anticolonial Berlin

Vor einer Woche fand in Berlin der antikoloniale Marsch statt, zu dem mehrere migrantische Gruppen und Communities aufgerufen hatten. Eleonora Roldán Mendívil sprach über die Demo mit Qassem, er ist 35 Jahre alt, Arzt und Mitglied der Gruppe „Palästina spricht“. Er ist in Gaza aufgewachsen und lebt seit 16 Jahren in Berlin.

Die Freiheitsliebe: Am Samstag, den 12. Oktober, fand ein großer Antikolonialer Marsch mit über 3000 Teilnehmenden in Berlin statt. Wer hat dies organisiert und warum dieses Datum?

Qassem: Die Demo am Samstag wurde im Rahmen des antikolonialen Monats von primär migrantischen Gruppen organisiert, deren Ursprungsländer unter dem direkten Kolonialismus leiden bzw. unter den Einflüssen und Konsequenzen kolonialer Ausplünderung und imperialistischer Aufteilung. Der 12. Oktober wurde ausgewählt, da an diesem Datum die sogenannte „Entdeckung“ Amerikas durch Europäer in die Geschichte einging. Eine der größten menschlichen Tragödien nahm dann ihren Lauf, welches in Genozid, Vertreibung, systematischer Versklavung und Massenvergewaltigungen mündete. Es geht also um die damit verbundene Symbolik des Widerstandes gegen diese Geschichtsschreibung.

Die Freiheitsliebe: An dem Demostrationszug haben unterschiedlichste migrantisches Gemeinschaften teilgenommen, auch wenn die kurdische am sichtbarsten war. Du gehört du denen, die vor allem in der palästinensischen Gemeinschaft mobilisiert haben. Wie hängt Palästina und das Thema Kolonialismus bzw Anti-Kolonialismus zusammen?

Qassem: Auch wir verurteilen den Angriff des türkischen Regimes auf Schärfste und in der Kurdenfrage habe ich vor allem Solidarität mit kurdischen Volk, ohne wenn und aber. Die jetzige Lage in Palästina sowie das historische noch andauernde Unrecht, das den Palästinensern durch Israel angetan wurde, kann im kolonialen Kontext am besten verstanden werden. Israel verstand sich seit seiner Gründung im Jahre 1948, und der damit verbundenen Vertreibung der einheimischen Palästinenser, als eine Fortsetzung der kolonialen Mächte, die es gefördert haben. Anfangs Großbritannien, später die USA. Die historisch dokumentierte Ermordung und Vertreibung der einheimischen Palästinenser sowie der heute noch anhaltende Siedler-Kolonialismus gingen Hand in Hand. Nach wie vor deklassiert Israel heute noch Palästinenser zu Menschen zweiter Klasse und weigert sich vehement Menschenrechte voll gelten zu lassen. Das kommt einem ziemlich vertraut vor aus der Geschichte des Kolonialismus.

Die Freiheitsliebe: Inwiefern sind die Zusammenarbeit und auch die Zusammenführung verschiedenster antikolonialer und auch antiimperialistischer Kämpfe des Globalen Südens notwendig?

Foto: Anticolonial Berlin

Qassem: Die Zusammenarbeit verschiedener Gruppen im antikolonialen Kampf ist in unserer globalen Welt essenziell. Wir haben dadurch die Möglichkeit von einander zu lernen und gemeinsame Strategien zu entwickeln. Insbesondere da es sich meistens um die gleichen repressiven kolonialen Kräfte handelt, seien es Staaten, Banken oder Konzerne.

Die Freiheitsliebe: In Deutschland ist es selbst in linken Kreisen tabuisiert über Antikolonialismus und Antiimperialismus zu sprechen. Warum ist das so?

Qassem: Über die diese Frage denke ich seit längerem nach. Ich glaube, diese Frage bezieht sich auf die „Mainstream“ Linke. Ich bin überzeugt dass man sich kaum links nennen kann ohne antikoloniale Bewegungen zu unterstützen. Diese sogenannten „linken Kreise“ scheinen unter dem starken Einfluss neoliberaler Kräfte zu stehen, was zum Ergebnis hat, dass weder Revolutionen unterstützt werden – wie im Falle Syriens – noch antikoloniale Bewegungen – wie im Falle Palästinas. Natürlich trifft das nicht auf alle linken Kräfte in Deutschland zu. Und genau diese anderen Kräfte wollen wir zusammenbringen.

Die Freiheitsliebe: Gibt es aktuell eine Öffnung in Deutschland anders über antikoloniale Kämpfe zu sprechen?

Qassem: Wir arbeiten daran die Aspekte des antikolonialen Kampfs durch Filmmaterial und kurzen Videos anderen Menschen so nah wie möglich zu bringen. Das ist viel authentischer als alle Parolen. Wir sind überzeugt, dass man auch eine Medienanwesenheit durch Schaffung eigener Räume beweisen muss, ich hoffe die Zukunft wird in dieser Hinsicht besser. Der Antikoloniale Monat ist in wichtiger Schritt in diese Richtung denn jetzt sprechen wir selber als Migranten und werden sicht- und hörbar wieder zu politischen Subjekten. Und dies wird sicher auch die Deutsche Linke mit verändern.

Die Freiheitsliebe: Was ist unsere Aufgabe als linke Migrantinnen, Migranten und Exilierte in Deutschland?

Qassem: Was wir tun müssen, ist uns gegenseitig unterstützen und austauschen. Wir müssen daran arbeiten, unsere Räume zu vergrößern und so viele Menschen wie möglich darauf hinweisen und zu verbinden. Denn wir brauchen einander dringender denn je. Das vernetzen ist der erste Schritt für gemeinsame Kampagnen gegen die neoliberale Politik in Deutschland aber auch gegen die rechten Kräfte hier und überall. Das weltweite nach rechts rücken ist nur möglich in der Abwesenheit von starken linken Kräften. Eines unserer Aufgaben muss es sein mit vereinten Kräften dem entgegenzutreten. Natürlich erhoffen wir uns auch das Thema Palästina aber auch Kolonialismus insgesamt wieder in den politischen Mittelpunkt unserer Diskussionen und Politik zu bringen.

Die Freiheitsliebe: Danke dir für das Gespräch.


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