Die Sehnsucht nach einem freien Marokko

14. September 2017 - 09:41 | | Politik | 1 Kommentare

Seit Monaten erschüttern Proteste die Mittelmeerküste Marokkos. Auslöser war der grausame Tod eines Fischverkäufers, Mohsin Fikri, im vergangenen Herbst. Mehdi Rafiq erläutert die Ursachen der tief sitzenden Wut.

Seit nunmehr über zehn Monaten wütet der Protest in der Region Rif, im Norden Marokkos. Am 20. Juli setzte die Polizei Tränengas ein, um hunderte skandierende Demonstranten durch die Straßen der Provinzhauptstadt Al Hoceima zu jagen, als diese sich versammelten, um die Freilassung von politischen Gefangenen und ein Ende der Repressionen zu fordern. In den Tagen danach strömten Tausende auf die Straßen der Nachbarstädten der Region, um gegen die erneuten Repressionen zu protestieren.

Dem marokkanischen Regime gelang es nicht, die Volksbewegung auf den Rif zu beschränken – trotz einer breit angelegten Medienkampagne die Demonstranten zu isolieren, indem man sie bezichtigt, ausländischen Interessen zu dienen, die die „Sicherheit und Stabilität des Königreichs“ bedrohen.

Die Monarchie hat die Rif-Aktivisten auch als Separatisten porträtiert, weil sie Fahnen der Widerstandsbewegung gegen den spanischen Kolonialismus trugen. Das hielt zehntausende Menschen nicht davon ab, durch die Straßen der Hauptstadt Rabat am 11. Juni aus Solidarität mit der Bewegung im Rif und aus Protest gegen eine Welle von Verhaftungen ihrer Anführer Ende Mai zu demonstrieren. Obwohl einige der Verhafteten mittlerweile wieder auf freiem Fuß sind, unter ihnen der Sänger und Studentenaktivist Salima Ziani, bekannt als Silya, stehen führende Figuren wie Nasser Zefzazi der Hirak-Bewegung unter Anklage. Ihnen drohen schwere Strafen.

Der unmittelbare Auslöser für den Aufstand war das Töten eines arbeitslosen Mannes, Mohsin Fikri, der mit Fischverkauf über die Runden zu kommen versuchte. Im Oktober 2016 beschlagnahmten die Behörden von Al Hoceima seine Ware und, als Mohsin versuchte, diese zurückzuholen, setzten sie das Mahlwerk des Müllabfuhrwagens in Gang und zermalmten ihn zu Tode. Sein grausamer Tod entfachte massive Proteste im ganzen Land, nicht nur in der Rif-Region. Mohsins Schicksal wurde zu einem Symbol für die Wut der Menschen gegen eine tief sitzende soziale Krise.

Das Rif ist eine der von der gegenwärtigen Wirtschaftskrise in Marokko am härtesten betroffenen Regionen. Kleine Handelsunternehmen dominieren die Stadt von Al Hoceima, deren 6000 Geschäfte und Läden durch die Rezession schwer in Mitleidenschaft gezogen wurden. Das Handwerk bietet Arbeit für etwa 10.300 Menschen und es gibt etwa 1000 Jobs in der Industrie, bei einer Gesamtbevölkerung von 400.000.

Die Fischerei bietet 3500 Jobs. Sie wird vorwiegend nach traditionellen Methoden betrieben, weshalb sie trotz 72 Kilometer Küste und den beiden Häfen Al Hoceima und Cala Eris in Bani Bufrah relativ unproduktiv wirtschaftet verglichen mit anderen Regionen. Im Jahr 2013 erreichte die Fangmenge nicht einmal 10.000 Tonnen für insgesamt 110 Millionen Dirham (etwa 10 Millionen Euro). In Tanger und Tetouan waren es viermal so viel. Außerdem leidet die Fischerei unter dem ausländischen Raubbau des Meeres, vor allem durch spanische Flotten und Monopole.

Obwohl die Rif-Region landwirtschaftlich geprägt ist, ist die nutzbare Fläche mit 171.000 Hektaren nur halb so groß wie die der Region Taounate, nordöstlich von Fez. Währenddessen reißen Bauträger Ackerland in der Tiefebene von Nekour in der Region von Al Hoceima an sich, wogegen Protestierende einen Baustopp fordern. Die nutzbare Fläche nimmt wegen der Beschaffenheit des Terrains ständig ab, während der wenig fruchtbare Boden durch die hohe Erosion weiter an Qualität verliert.

Der Bank- und Finanzsektor bleibt eine der wichtigsten Wirtschaftsaktivitäten in der Region, wegen ihrer kommerziellen Beliebtheit, vor allem der Stadt Nador mit ihrem informellen Handel mit der nach wie vor von Spanien besetzten Stadt Melilla, und der Geldtransfers migrantischer Arbeiter aus der Region an ihre Heimat. Aber der Beitrag des Banksektors zur wirtschaftlichen Entwicklung der Region bleibt inexistent, er vergibt lediglich Verbraucherkredite und finanziert einige wenige begrenzte Projekte. Es sind die Großstädte Marokkos wie Casablanca und Tanger, die die meisten Investitionen in der Region auf sich ziehen.

Der Tourismus in der Rif-Region leidet unter mangelnden Investitionen infolge der schwachen Verkehrsinfrastruktur und ihrer isolierten Lage.

Die wirtschaftliche Rückständigkeit der Region ist auch eine Folge der spanischen Kolonisation, sowie der Wirtschaftspolitik des marokkanischen Staats nach der Unabhängigkeit, die die Klassen- und geografischen Ungleichheiten weiter verschärfte.

Die spanischen Kolonialbehörden verfolgten nur das eine Interesse der Ausbeutung der Region wegen ihrer Rohstoffe, vor allem Eisenerz, der im östlichen Rif ausgebeutet und an europäische Industrien verkauft wurde. Deutschland war der größte Importeur und belieferte General Franco mit Waffen, Materialien und verarbeiteten Lebensmitteln als Gegenleistung. Während der Herrschaft Francos wurde das Rif schnell zu einem wichtigen Exporteur von Holz.

Währenddessen zwang die Landnahme durch die spanischen Siedler und die aufsteigende lokale Bourgeoisie die dort lebenden Bauern in die von den Franzosen besetzte Zone im Süden auszuwandern oder in die spanische Armee einzutreten. Die spanischen Behörden gaben einen Großteil ihres Budgets zur Deckung der Kosten der Militärbesatzung aus und investierten kaum in Eisenbahnen, Straßen oder die Infrastruktur.

Die Wirtschaftspolitik des marokkanischen Staats nach der Unabhängigkeit im Jahr 1956 verschärfte noch die geografischen und strukturellen Disparitäten zwischen der Rif-Region und dem Rest des Landes. Die koloniale Teilung des Landes zwischen Spanien und Frankreich führte zu einer Konzentration wirtschaftlicher Aktivitäten und Investitionen in der ehemaligen französischen Zone entlang der Atlantikküste, von Kenitra bis nach Casablanca, und zur Marginalisierung aller übrigen Landesteile, vor allem der Berggebiete, die einen erhöhten Bedarf an Investitionen in die Infrastruktur und öffentliche Versorgung haben.

Das Rif wurde vom Staat systematisch marginalisiert. Investitionen in Entwicklungsprojekte waren zumeist politische Antworten auf Notfälle, so zum Beispiel auf den Volksaufstand 1958/59 oder den Erdbeben, der die Stadt Al Hoceima im Jahr 2004 erschütterte. Die meisten dieser Vorhaben wurden schnell wieder aufgegeben. Jahrzehnte vergingen, ohne dass sich was verändert, und die Protestler des Rifs erheben die gleichen Forderungen wie eh und je, während der Staat das gleiche Drehbuch abspielt und Investitionen in die wirtschaftliche Entwicklung verspricht.

Dieser jahrzehntelange Prozess der Marginalisierung bedeutet, dass es nur wenige Joböffnungen für zehntausende junge Menschen in der Region gibt. Im Jahr 2012 erreichte die Arbeitslosigkeit unter Schulabgängern mit mittlerer Reife oder Abitur 46 Prozent, verglichen mit 26 im Landesdurchschnitt. Es ist kein Wunder, wenn es junge Menschen waren, die die Demonstrationen und Proteste in der gesamten Region anführten.

Die öffentlichen Dienstleistungen leiden auch unter massiver Vernachlässigung. Die mangelnden Investitionen in Bildung, vor allem in den ländlichen Ortschaften und Städten, hat eine hohe Analphabetenquote hervorgebracht, die 53 Prozent in Al Hoceima erreicht verglichen mit 36 Prozent in Tangier-Tétouan. Weil es keine Universitäten in der Region gibt, müssen junge Menschen in anderen Städten wie Wejda eine Uni aufsuchen. Auch die medizinische Versorgung ist extrem mangelhaft: Es gibt ein Krankenhausbett pro 820 Einwohner und einen Arzt pro für 2817 Patienten in Al Hoceima, verglichen mit einem Bett pro 130 Einwohner und einem Arzt pro 214 Patienten in der Hauptstadt Rabat. Die Stadt besitzt keine Entbindungsstation, Sozialzentren, Studentenwohnheime oder Ausbildungseinrichtungen.

Das ist der Grund, warum soziale und wirtschaftliche Forderungen im Zentrum der Protestbewegung stehen. Die Bevölkerung des Rif fordert Arbeitsplätze, Investitionen in das Gesundheitswesen, Bildung, Trinkwasser, Preissenkungen für Wasser und Strom, Straßenbau, eine gerechte Verteilung des Reichtums, Schutz des maritimen Lebensraums, der Wasser- und Waldressourcen, und Zugang zu Land für kleine Farmer.

Forderungen

Solche Forderungen können nicht durch das existierende Wirtschaftssystem befriedigt werden. Ihre Durchsetzung verlangt nach einer radikalen Veränderung der bisherigen Politik. Allein schon ihre Formulierung setzt die Entwicklung einer genuin demokratischen Bewegung zur Mobilisierung der Opfer zur Teilnahme an Demonstrationen und Protesten voraus. Die vielen Volkskomitees in den meisten Städten und Ortschaften der Region spielen eine Schlüsselrolle bei der Aufrechterhaltung des Aufstands. Diese Komitees dienen als demokratische Plattform, um die Forderungen der Protestler mit der Bevölkerung vor Ort zu diskutieren und den Widerstand gegen die Polizeirepressionen zu organisieren.

So fordert die Bewegung die Entfernung der Sicherheitscheckpoints in der Region und den Respekt des demokratischen Rechts zu protestieren und sich zu organisieren, wie auch die Freilassung von politischen Gefangenen und Gerechtigkeit für jene, die durch die Polizei getötet wurden.

Die Forderungen der Rif-Bewegung stoßen auf breiten Widerhall unter der marokkanischen Bevölkerung außerhalb der Region, die in den letzten Jahren Niederlagen, aber auch Siege in langwierigen sozialen und politischen Kämpfen erlebt hat. Darunter fällt der Kampf der Stadt Tanger gegen die hohen Stromrechnungen des kolonialen Versorgungsunternehmens Amendis, Streiks und Proteste von Medizinstudenten und Lehrer im Referendariat und die Massenmobilisierungen der Bewegung des 20. Februar, die auf dem Höhepunkt der arabischen Revolutionen im Jahr 2011 ausbrach, um politische und soziale Reformen zu erkämpfen.

Der Rif-Aufstand wirft jedoch ernsthafte Fragen auf. Trotz der tiefen Hoffnungen, die er in den Herzen all jener geweckt hat, die sich nach einem freien und fairen Marokko sehnen, scheint ihm, wie schon früheren breiten Bewegungen von unten, eine politische Kraft zu fehlen, die politische mit wirtschaftlichen und sozialen Forderungen verbinden kann. Der Weg vorwärts hängt von der Fähigkeit der revolutionären Linken, sich der Herausforderung zu stellen.

Aus dem Arabischen von Jaouhar, Redaktion Anne Alexander. Geschrieben von Mehdi Rafiq aus dem Englischen von David Paenson.

 

 

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