Die herrschenden Klassen profitieren von der imperialen Lebensweise – Im Gespräch mit Ulrich Brand

4. September 2019 - 13:12 | | Politik | 0 Kommentare

Im Zuge der Debatte um Fridays for Future und die Zerstörung unseres Planeten ist auch die Debatte über die Verantwortung des globalen Nordens verstärkt aufgekommen. Prof. Dr. Ulrich Brand hat mit Markus Wissen das Buch „Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus“ veröffentlicht, in dem er sich mit der Verantwortung des Nordens auseinandersetzt, wir haben mit ihm gesprochen.

Die Freiheitsliebe: Was ist die Imperiale Lebensweise?

Ulrich Brand: Mit dem Begriff der imperialen Lebensweise wollen Markus Wissen und ich thematisieren, dass unser alltägliches Leben, insbesondere Produktion und Konsum, nur deshalb möglich ist, weil die Menschen im Globalen Norden ständig auf die billigen Arbeitskräfte und die billigen Ressourcen aus anderen Teilen der Welt zurückgreifen. Doch das betrifft auch Regionen und Bereiche innerhalb unserer Gesellschaft – denken wir an die industrielle Produktion von Fleisch oder an die Pflegearbeit durch schlecht bezahlte Migrantinnen und Migrante. Der Reichtum der entwickelten Staaten insgesamt und vieler Menschen dort basiert im globalen Kontext  wesentlich auf dieser Ausbeutung. Das ist allerdings den meisten nicht bewusst bzw. wird ignoriert. Für die einen entsteht so materieller Wohlstand, die reicheren Gesellschaften haben aber oft auch bessere öffentliche Infrastruktur und Daseinsvorsorge. Für die anderen bedeutet es eine fortschreitende Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen und eine Verfestigung von Abhängigkeitsverhältnissen.

Diese Lebensweise hat sich im globalen Norden durch den Globalisierungsprozess der letzten 30 Jahre gerade auch durch die Digitalisierung mit ihrem hohen Ressourcenverbrauch vertieft. Systematisch greifen die Menschen verstärkt auf Ressourcen, auf High-Tech-Geräte, aber auch auf Kleidung, Autos, Nahrungsmittel und anderes zu, die unterbezahlte Arbeitskräfte andernorts produzieren. Subjektiv erleben das viele Menschen als Wohlstand. Das betrifft auch die Mittelklassen in einigen Ländern des Globalen Südens.

Die Freiheitsliebe:  Warum sollte deiner Meinung nach Produktions- und Konsumweise zusammengedacht werden?

Ulrich Brand: Der grüne Diskurs orientiert sich stark am Konsum und an Lebensstilen. „Wir“ retten vermeintlich die Welt, wenn alle Produkte „bio“ sind. Doch wir können aus einer kritischen, an Marx geschulten Sicht nicht außer Acht lassen, dass die Konsumgüter von mächtigen kapitalistischen Unternehmen produziert werden. Zentral aus unserer Sicht ist es daher, den Blick auch auf die Produktionsseite zu werfen, auf die damit verbundene Profitlogik.

Die imperiale Lebensweise wird also durch politische Entscheidungen, Akkumulationsstrategien von Unternehmen, internationalen ungleichen Tausch – institutionalisiert in Handelsabkommen –, dominante gesellschaftliche Orientierungen wie „Wachstum“ oder „Fortschritt“ und anderem abgesichert. So hat der US-amerikanische marxistische Agrarsoziologe Philipp McMichael gezeigt, dass das globalisierte Ernährungsregime von immer weniger Saatgut-, Düngemittel-, Handels- und Lebensmittelkonzernen sowie von Supermarktketten organisiert wird. Es sind deren Profitinteressen, aber auch die Interessen vieler Konsumentinnen und Konsumenten, die von dieser Organisation des globalisierten Ernährungsregimes bedient werden. Während erstere hohe Gewinne einfahren, profitieren letztere von den niedrigen Preisen eines Lebensmittelangebots, welches sich von Saisonalitäten und Regionalitäten vollständig entkoppelt hat. Als „food from nowhere“ (Essen von nirgendwo) charakterisiert McMichael folglich den Kern des vorherrschenden Ernährungsregimes. Wir könnten das auch für andere gesellschaftliche Versorgungsfelder wie Wohnen, Gesundheit und Mobilität durchspielen.

Die Freiheitsliebe: Leben „wir“ auf Kosten des Globalen Südens, oder sind wir vielmehr strukturellen Gegebenheiten ausgeliefert, wo vor allem die herrschende Klasse profitiert?

Ulrich Brand: Wir wollen mit dem Begriff vor allem zeigen: Die imperiale Lebensweise beruht auf Exklusivität, nicht alle haben an ihr teilhaben. Gleichzeitig entfaltet sie eine starke Anziehungskraft auf all jene, denen die Teilhabe bislang verwehrt war. Indem sie sich  global ausbreitet, geht sie ihrer eigenen Existenzgrundlage verlustig. Die Regionen, in denen sich die imperiale Lebensweise ausbreitet, fallen nicht nur als Außen des globalen Nordens weg. Sie werden selbst von einem Außen abhängig, auf das sie ihre Kosten verlagern können. In der Konsequenz verschärfen sich öko-imperiale Spannungen innerhalb des globalen Nordens ebenso wie zwischen diesem und dem globalen Süden.

Aber: Die imperiale Lebensweise bedeutet nicht, dass alle Menschen im Norden gleich leben. Studien belegen vielmehr, dass die Größe des ökologischen Fußabdrucks weniger vom Bewusstsein abhängt, sondern vor allem vom Einkommen. Wer ein höheres Einkommen hat, kann vermehrt auf jene Produkte und Dienstleistungen zurückgreifen, die unter sozial und ökologisch problematischen Bedingungen produziert werden. Zudem: Die imperiale Lebensweise, wie sie hierzulande gelebt wird, ist eine statusorientierte Lebensweise, die nicht nur die Umwelt zerstört, sondern auf sozialer Ungleichheit basiert und sie verschärft.

Dazu kommt, um auf die Frage zurück zu kommen, dass die herrschenden kapitalistischen Klassen vor allem von der imperialen Produktions- und Lebensweise profitieren. Aber eben nicht nur sie.

Die Freiheitsliebe:  Zahlreiche Statistiken zeigen: Je reicher, desto klimazerstörender. Findest du nicht, wenn wir davon sprechen, dass alle im Globalen Norden mit ihrer Lebensweise das Klima zerstören, die immense soziale Ungleichheit zwischen Reichen und Armen auch im globalen Norden verwischt wird?

Ulrich Brand: Unser Verweis darauf, dass auch die Beherrschten in den Zentren von der imperialen Lebensweise profitieren, hat uns in der Tat den Vorwurf eingetragen, dass wir das Konzept letztlich „klassenblind“ konzipierten, d.h. die Klassenverhältnisse im globalen Norden hinter einem alles überlagernden Nord-Süd-Gegensatz verschwinden ließen. Doch das ist gerade nicht unser Argument. Es sind tief verankerte Macht- und Herrschaftsverhältnisse entlang unterschiedlicher Spaltungslinien, die zur imperialen Lebensweise führen und von dieser reproduziert werden. Wir wollen gerade zeigen, dass die imperiale Lebensweise konstitutiv mit ausdifferenzierten Klassen-, Geschlechter- und rassisierten Verhältnissen auch innerhalb unserer Gesellschaften verbunden ist.

Wir betonen zudem, dass der in die kapitalistische Gesellschaft eingelassene Zwang zur imperialen Lebensweise nicht notwendigerweise als solcher empfunden wird. Denn er geht durchaus einher etwa mit Arbeitserleichterungen, mehr Komfort und einer größeren Mobilität.

Doch ich möchte nochmals die in der Frage aufgeworfene Verbindung von eben auch internationalen Ungleichheits- und ökologischen Fragen unterstreichen. Diese Produktions- und Lebensweise kommt deutlich an globale ökologische Grenzen. Auch früher gab es immer wieder Regionen, die in bestimmten Konstellationen ökologisch kollabierten. Doch heute hat die ökologische Gefahr eine globale Dimension. In gewisser Weise siegt sich die imperiale Lebensweise „zu Tode“. Und sie produziert in Zeiten der Krise ein Paradox, das es politisch in sich hat: Vor allem im globalen Norden wirkt diese Lebensweise in Zeiten der Krise stabilisierend, denn die relativ billigen Lebensmittel werden über den Weltmarkt weiterhin in die Metropolen geschaufelt. Gleichzeitig verschärfen sich andernorts die politischen, sozialen, ökonomischen und ökologischen Krisen und damit die Ursachen von Konflikten und Flucht.

Die Freiheitsliebe: Wie können wir die hier existierende Ungleichheit deutlich machen ohne zu negieren, dass es weiterhin starke globale Unterschiede gibt, und gleichzeitig diejenigen erreichen, die hier abgehängt sind?

Ulrich Brand: Das ist eine wirklich entscheidende Frage. Die Mittelschichten grenzen sich gegen die unteren Schichten bewusst ab, indem sie zeigen, dass sie sich aufgrund ihres hohen Einkommens ein Auto und viel Konsum leisten können. Auch das vertieft die imperiale Lebensweise und führt dazu, dass Menschen mit weniger Geld ausgeschlossen werden. Auf dem Land wird oft nicht in einen guten öffentlichen Verkehr investiert, sondern weiterhin in Straßen für Autos.

Aus meiner Sicht können wir jene, die in Deutschland und anderen materiell wohlhabenden Gesellschaften schwächer oder gar abgehängt sind, dadurch erreichen, dass die Frage nach einem guten Leben für alle nicht als Konkurrenzfrage gegen andere, etwa Geflüchtete, gestellt wird. Vielmehr muss Ungleichheit hierzulande und weltweit politisiert werden als Teil eines globalen kapitalistischen Prozesses, der auch noch die natürlichen Lebensgrundlagen zerstört. Ungleichheit nicht nur als Klassenfrage, sondern auch entlang von diskriminierenden Geschlechter und rassifizierenden Verhältnissen.

Der Ausschluss betrifft also einerseits die Menschen in unserer Gesellschaft die weniger haben, andererseits hat er auch eine globale Dimension. Das zeigt sich mit einer unglaublichen Wucht in der Flüchtlingskrise, die ja vor allem eine Krise der Geflüchteten ist. Die Menschen fliehen unter anderem auch, weil der globale Norden ihre Lebensverhältnisse zerstört: Beispielweise werden lokale Märkte zerstört, wenn die EU mit hohen Subventionen ihre überschüssigen Lebensmittel dorthin exportiert. Auf diese Folgen der imperialen Lebensweise reagiert der Westen mit Abschottung. Man denke nur an Trump, der mit allen Mitteln versucht die „US-amerikanische“ Lebensweise zu schützen und Menschen aus Lateinamerika draußen halten möchte.

Die Freiheitsliebe: Der Ökonom Branko Milanovic spricht von dem Aufstieg einer globalen Mittelschicht in Teilen Asiens, während die Unterschicht in westlichen Industrienationen und Japan kleiner wird, widerspricht das der These, dass der globale Norden allein verantwortlich ist, nicht entgegen?

Ulrich Brand: Die Diagnose teile ich: Im Globalisierungsprozess mit Hightech, internationalistischer Nahrungsmittelproduktion und billigen Klamotten vertieft sich die imperiale Lebensweise, die sich mittlerweile bis in die Mittelschichten des Globalen Südens gepflügt hat. In Lateinamerika war das bereits in den 50er und 60er Jahren der Fall, heute sind es Länder wie Indien oder China. Darin liegt eine unglaubliche Wucht der Ressourcennutzung und der kapitalistischen Dynamik.

Doch das zeigt, dass wir mit unserem Ansatz eben nicht „den globalen Norden alleine verantwortlich“ machen. Unser Argument ist ja differenzierter, auch wenn es in der öffentlichen Diskussion teilweise verkürzt wahrgenommen wird.

Die Freiheitsliebe: Ist in Zukunft eine weitere Ausdifferenzierung zu erwarten und werden somit Teile der globalen Mittelschicht ein Teil der imperialen Lebensweise?

Ulrich Brand:  Ich bin hin und wieder in Lateinamerika. Dort habe ich erlebt, wie schnell in Zeiten hoher Erdölpreise und damit hoher Deviseneinnahmen des Staates die Anzahl der Autos und insbesondere der SUVs zunimmt. Auch dort greift die imperiale Lebensweise sofort. Das wird wohl weiter zunehmen, wenn in den Ländern nicht politisch und gesellschaftlich gegengesteuert wird, etwa über mehr öffentlichen Verkehr oder massive Förderung erneuerbarer Energien, weniger Energieverbrauch und lokale wie ökologische Landwirtschaft.

Gleichzeitig hält der sich globalisierende Kapitalismus viele Menschen unter katastrophalen Lebensbedingungen. Aus einer geopolitischen Perspektive verstärken wirtschaftliche Globalisierung und die globale Ausweitung der imperialen Lebensweise den Bedarf an natürlichen Ressourcen in Ländern des globalen Südens. Die Konkurrenz um Land, etwa in Afrika, nimmt zu. Damit verstärken sich „öko-imperiale Spannungen“. Im Globalisierungsprozess der Nahrungsmittelindustrie werden Menschen von ihrem Land vertrieben, auf dem sie sich selbst ernähren konnten, um auf eben diesem Land Palmöl, Zuckerrohr oder Soja für die globalen Industrien und den Konsum im Norden anzubauen. Wenn sie sich dann erniedrigt und entrechtet für mehr als 2 US-Dollar am Tag als Plantagenarbeiter auf ihrem früheren Land verdingen, gelten sie in der Weltbank-Statistik als „aus der Armut befreit“. Die bittere Lebensrealität von immer mehr Menschen ist den Globalisierungsapologeten entgegenzuhalten, die uns mit Statistiken glauben machen wollen, die materielle Armut auf der Welt habe abgenommen.

Die Freiheitsliebe: Das Buch hat eine starke akademische Lesart: Sollten wir nicht versuchen möglichst niedrigschwellig an das Thema zu gehen, damit auch Nichtakademiker an der Debatte sich beteiligen können?

Ulrich Brand:  Wir haben uns bemüht, das Buch nicht zu sehr im akademischen Stil zu schreiben. Beispielsweise verweisen wir nur knapp auf unseren theoretischen Hintergrund, den wir aber nicht so ausführen wie in anderen Arbeiten. Aber wir sind nun mal Wissenschaftler und leider hatten wir dann auch etwas Pech mit dem Verlag: Statt ein von uns erhofftes umfassendes Lektorat, um den Text besser verständlich zu machen, hat er eher eine Korrektur auf Fehler gemacht. Dennoch hat das Buch in breite Kreise gewirkt, wir haben sehr viele Interviews gegeben, kurze Texte verfasst. Wir waren bei sehr vielen politischen Gruppen zu Vorträgen eingeladen, was bis heute der Fall ist. Da haben wir erfahren, dass das Buch auch jenseits akademischer Kreise gut ankommt und zu politischen Diskussionen und persönlichem Nachdenken anregt.

Es gab in Deutschland bisher zwei so genannte „Schreibwerkstätten“ zur imperialen Lebensweise, in Österreich wurde gerade eine beendet. Das ist ein sehr spannendes Format, in dem jüngere Menschen zwischen acht und zwölf Monaten an der Konkretisierung des Begriffs gearbeitet haben. In Deutschland ist gerade die dritte Schreibwerkstatt ausgeschrieben, auf die sich beworben werden kann.

Das bringt mich auf einen Punkt: Der Begriff ist nur ein Vorschlag von uns, der seine Wirkung entfaltet, indem andere ihn aufnehmen, mit ihm weiterarbeiten und –denken, anders die Welt betrachten und verstehen, um sie zu verändern. Das geht gar nicht auf akademische Art und Weise. Wir wollen mit dem Buch lediglich Anregungen geben und eine Art „Denkgeländer“ in einer unübersichtlichen Welt anbieten.

Die Freiheitsliebe: Danke dir für das Gespräch.

Ulrich Brand, Professor für Internationale Politik an der Universität Wien, ist Mitherausgeber der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ und Redakteur bei „mosaik-blog.at“. Er veröffentlichte 2017 mit Markus Wissen das Buch „Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus“ (oekom-Verlag). Anfang 2020 erscheint sein Buch „Post-Wachstum und Gegen-Hegemonie. Klimastreiks, Krise der imperialen Lebensweise und Alternativen zur autoritären Globalisierung“ im Hamburger VSA-Verlag.


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Aktivist bei DIE LINKE. Köln. Meine Themenschwerpunkte liegen bei Kapitalismus vs. Klima und aktuelles über die Türkei und Spanien. Mitglied bei: DIE LINKE, DieLinke.SDS, Bewegungslinke, GEW
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