Die harmlosen Rechtsextremistinnen

6. Mai 2020 - 12:00 | | Politik | 1 Kommentare

Wie rechte Aktivistinnen zur Normalisierung von menschenverachtendem Gedankengut beitragen, dazu hat Daphne Weber recherchiert.

Jede und jeder kennt Greta Thunberg, Klimaaktivistin aus Schweden, die die Schulstreiks für das Klima ins Leben gerufen hat. Aber wer kennt ihr rechtsgerichtetes Pendant, die sogenannte „Anti-Greta“? Ihrem vor zehn Monaten erstellten YouTube-Kanal folgen mittlerweile 85.000 Abonnenten. Einzelne Videos erhalten über 200.000 Aufrufe, jedes hat mindestens fünfstellige Klickzahlen.

Die „Anti-Greta“, das ist Naomi Seibt, 19 Jahre alt, könnte auch fünf Jahre jünger sein. Sie wirkt unauffällig und harmlos.

„Seenotrettung fördert Verbrechen“ oder „Klimawandel – alles nur heiße Luft?“ heißen ihre Videos. Im Video „#FierceWithoutFeminism – Wir sind nicht eure Opfer“ spricht sie über die scheinbare Verschwörung des Feminismus, die einen „gesellschaftlichen Opferkult“ aufrecht erhalten wolle. Erfolg sei „nicht mehr eine Frage der Leistung, sondern der meisten Unterdrückungsmerkmale“. Das sei der „wahre Sexismus“.

Hier verknüpfen sich also neoliberales Leistungsdenken, das Strukturen der Ausbeutung und Unterdrückung ignoriert, mit extrem rechtem Gedankengut. Das Anprangern sexistischer oder rassistischer Strukturen ist plötzlich ein „Opferkult“, wenn es die Privilegien der Herrschenden in Frage stellt. So wird feministische oder antirassistische Kritik an den Verhältnissen umgedreht zu einem in die Allgemeinheit übergegangenen Kult – ungeachtet der realen Verhältnisse, die zutiefst von Rassismus und Patriarchat durchzogen sind. Eine schwarze Muslima wird es in dieser Gesellschaft schwerer haben als ein weißes, privilegiertes Ärztesöhnchen.

Rassismus unter dem Deckmantel der Emanzipation

Rechte Frauen, die einen offensiven Antifeminismus vertreten, sind in konservative Kreise anschlussfähig. Der Antifeminismus und Hass auf „Gender-Gaga“ schlagen den Bogen von der extremen Rechten in die konservative „Mitte der Gesellschaft“. Bisweilen gelingt es der Rechten, Mainstream-Diskurse aufzugreifen und vor sich herzutreiben. So ist das Bild des „vergewaltigenden Ausländers“ (allerdings nur des schwarzen oder muslimischen Ausländers) seit der „Kölner Silvesternacht“ in breiten Kreisen der Gesellschaft anschlussfähig geworden. Die Identitären nutzten die Gunst der Stunde und warfen die Kampagne #120db an. 120 Dezibel ist die Lautstärke eines Taschenalarms. In einem YouTube-Video stehen weiße Frauen vor der Kamera, die ihre Ängste schildern und ankündigen, sich gegen Übergriffe zu wehren. Paradox ist es, dass die Rechten einerseits feministische Politik, die Frauen und Queers vor Gewalt schützen will, ablehnen, sobald die Täter aber Migranten sind, die (weißen deutschen) Frauen als schützenswert gelten.

„Fast unpolitisch“?

Trotz dieser rassistischen Interventionen unter dem Deckmantel der Emanzipation, ist es eher still um die rechtsextremen Frauen. Sie sind nicht so sehr in der ersten Reihe präsent, wie die rechtsextremen Männer: Man denke an Martin Sellner, Sprecher der Identitären Österreichs, YouTuber wie neverforgetniki (135.000 Abonnent*innen), Verleger wie Jürgen Elsässer (Compact) und nicht zuletzt an Parteipolitiker wie Björn Höcke (AfD). Sie alle sind bekannter und öffentlich präsenter. Das hängt natürlich auch mit rechter Ideologie an sich zusammen. Die öffentliche, politische Sphäre obliegt den Männern, die Frauen sind dem häuslichen und kulturellen Bereich zugeordnet. Sie übernehmen allerdings eine wichtige Scharnierfunktion: die der Normalisierung. Rechte Frauen, wie Naomi Seibt oder Martin Sellners Ehefrau und YouTuberin Brittany Sellner (139.000 Abonnent*innen), wirken so harmlos, irgendwie fast unpolitisch, aber durch diese Inszenierung gelingt es, rechtes Gedankengut eben genauso harmlos und unpolitisch wirken zu lassen. Genau diese Fähigkeit macht sie gefährlich. Ihnen gelingt es dadurch, andere Zielgruppen als die der sowieso schon rechts Eingestellten zu erschließen. Die extreme Rechte schafft es derzeit sehr gut, mediale vorpolitisch-kulturelle Bereiche für sich zu erschließen – und so ein Millionenpublikum für ihre menschenverachtende Propaganda von Rassismus, Antifeminismus und Leugnung des Klimawandels zu erreichen. Die Antwort der Linken auf diese mediale Strategie steht noch aus.

Der Beitrag erschien in gedruckter Form in der neuen Critica.

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Ein Kommentar

  • 1
    eulenkind83@gmail.com says:

    Auf einem selbsternannten Portal für kritischen Journalismus wird ein Artikel veröffentlicht, der nur bezeugt, dass die Schreiberin Frau Weber in einer linken Blase lebt. Da sind so viele Denkfehler in ihrer Wahrnehmung, dass der Versuch, die Dame aufzuklären, von vornherein sinnlos ist.