Der Beginn der längst verlorenen Schlacht um Berlin

8. Mai 2020 - 12:00 | | Politik | 1 Kommentare

Red Army over Swastika by Yevgeny Khaldei. By [x], Flickr, licensed under CC BY-NC-ND 2.0.

Dies ist der zweite Teil zur Schlacht um Berlin und zum Sieg des Antifaschismus. Zum Beginn der Schlacht um Berlin, die an den Seelower Höhen als Teil des Äußeren Verteidigungsrings von Berlin begann, waren noch ca. 2,7 von ursprünglich 4,4 Millionen Berlinerinnen und Berlinern in der Stadt, zwei Drittel davon Frauen sowie ansonsten vor allem Jungen unter 16 und Männer über 60 Altersjahren.

Diese Bevölkerung setzten die Nazis nun dem Kriegsende aus und während SS, Gestapo, Wehrmacht und Polizei zugleich die Kriegsmüden exekutierten und die Endphaseverbrechen zur systematischen Beseitigung ihrer antifaschistischen Gegner forcierten, zwangen sie unausgebildete 14- bis 16-Jährige sowie die Alten in den schon am 19. Oktober von Hitler befohlenen Volkssturm. „Da sind wir hingekommen“, schreibt Plivier, „wir verheizen bereits das Saatgut“. Anders sah das wiederum der frühere Nazi-Marinerichter und spätere baden-württembergische CDU-Ministerpräsident Hans Filbinger, der gegen die Rehabilitierung der Deserteure argumentierte: „Was damals rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein“. Auch Siegfried Lenz‘ erster Roman über einen „Überläufer“ konnte nach dem Krieg nicht gedruckt werden, während Alfred Anderschs „Die Kirchen der Freiheit“, der eine Desertion als Akt der Freiheit beschreibt, zum Skandal wurde.

Tatsächlich sollten bei der Befreiung Berlins vom Faschismus bis zum 2. Mai auf beiden Seiten noch einmal 170.000 Soldaten und mehrere Zehntausend Zivilistinnen und Zivilisten getötet werden. Eine halbe Million Soldaten wurde verwundet. „Noch hätte man“, erinnert sich der Oberbefehlshaber der 8. Gardearmee W.I. Tschuikow, „das Leben Hunderter, Tausender, ja Zehntausender junger deutscher Soldaten retten können, die das Schicksal in dem langen und für sie ausweglosen Krieg bisher verschont hatte. Auf der einen Waagschale lag das Leben Hunderttausender Deutscher, die Zerstörung weiterer Städte, auf der anderen das Leben einiger Abenteurer.“ Die Aufforderungen der Roten Armee aus Lautsprechern und auf Flugblättern, sich in die Kriegsgefangenschaft zu begeben, verhallten jedoch zumeist, da die „fliegenden Standgerichte“, die der Reichsjustizminister Otto Georg Thierack am 15. Februar angeordnet hatte, ganze Arbeit leisteten. „Seht diese Hüte von Besiegten! Und/ Nicht als man sie vom Kopf uns schlug zuletzt/ War unsrer bittern Niederlage Stund./ Sie war, als wir sie folgsam aufgesetzt“, dichtete Bertolt Brecht.

Konkret schloss die Rote Armee mit rund 2,5 Millionen Soldaten, 6.250 Panzern, 7.500 Flugzeugen und 41.600 Artilleriegeschützen einen Kessel um Berlin und seine 750.000 kämpfenden Einheiten. An der Oder soll alle drei Meter ein Artilleriegeschoss gestanden haben. Allein am ersten Tag der Berlin-Offensive feuerte die Rote Armee an den Seelower Höhen nach Angaben des Marschalls Georgi K. Schukow 1,24 Millionen Artilleriegeschosse ab und „gingen 98.000 Tonnen Metall auf den Gegner nieder“. Mit Hilfe war in Berlin nicht zu rechnen: An der Westfront war die Heeresgruppe B im Ruhrgebiet eingekesselt worden und würde sich bis zum 17. April ergeben. Wien war bereits am 13. April von der Roten Armee befreit worden und am 19. April befreiten US-Truppen Leipzig und Chemnitz. Auch die Schlacht um Berlin war schon verloren, bevor sie überhaupt begann. Jedoch: „Das auszusprechen, hatte bisher jedem die Hinrichtung eingebracht“, schreibt Plivier.

Um das unvermeidliche Ende hinauszuzögern, hatten die Nazis die Furcht vor den Menschen aus Russland geschürt, obwohl es Deutsche waren, die in ihrer Heimat einen barbarischen Vernichtungskrieg geführt und die im „Generalplan Ost“ die Dezimierung der östlichen Bevölkerungen um 30 Millionen Menschen durch systematische Ermordung, Verhungernlassen und Vertreibung geplant hatten. Die Ausstellung „Das Sowjet-Paradies“ der NSDAP-Reichspropagandaleitung, die der mutige Brandanschlag der jüdisch-kommunistischen Widerstandsgruppe um Marianne und Herbert Baum nicht verhindern konnte, hatten im Mai/Juni 1942 nach offiziellen Angaben 1,3 Millionen Menschen besucht. Während seiner Sportpalastrede vom 18. Februar 1943, wenige Wochen nach Stalingrad, hatten die handverlesenen 15.000 Nazi-Zuschauer Joseph Goebbels zugejubelt, als er – vor dem Banner „Totaler Krieg – kürzester Krieg“ stehend – gefragt hatte: „Wollt ihr den totalen Krieg? Wollt ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt vorstellen können?“ Total und radikal – anders ließ sich das, was Berlin erwartete, nicht beschreiben.

In seiner Rede hatte Goebbels anschließend im üblichen rassistisch-antikommunistischen Tonfall vor dem „Ansturm der Steppe“, der „Grauen erregenden geschichtlichen Gefahr“, die „alle bisherigen Gefahren des Abendlandes weit in den Schatten stellt“, gewarnt. Hinter den Rote-Armee-Soldaten „sehen wir schon die jüdischen Liquidationskommandos“ und hinter diesen erhöbe sich „der Terror, das Gespenst des Millionenhungers und einer vollkommenen europäischen Anarchie“. So präpariert ging Hitlerdeutschland in die Schlacht um Berlin. „Nur die Angst, daß der Russe immer näher rückt, wird von Tag zu Tag größer“, notiert die Lichtenberger Berlinerin Ursula Spaltowsky in ihr Tagebuch. „Man erzählt uns die tollsten Sachen über die Russen. Demnach wird kein Mensch diesen Einfall überleben (…). Das Radio posaunt Freiheitslieder in die Welt (…)“.

Aber die wenigsten wollen kämpfen. „Die Parteigenossen werden immer frecher“, schreibt Spaltowsky am 19. April. „Wer sich den Befehlen widersetzt, wird erschossen. Täglich stehen Namen von Soldaten und Offizieren an den Hauswänden oder Litfaßsäulen, die nicht mehr mitmachen wollten (…). Noch immer predigt man vom Sieg und der Gerechtigkeit usw. Uns kommt das zum Halse raus (…)“.

Zum Hitler-Geburtstag am 20. April, den Hitler und Goebbels mit seiner Familie im Führerbunker unter Tage verbringen, durchbrach – nach vier Tagen Offensive mit 50.000 toten Soldaten (38.000 davon auf russischer und polnischer Seite) – die Rote Armee den Äußeren Verteidigungsring und befreite den Militärstützpunkt Strausberg sowie Altlandsberg und – wie im autobiografischen und wohl besten deutschen Antikriegsfilm „Ich war neunzehn“ des deutschen Exilanten, Rotarmisten und DEFA-Regisseurs Konrad Wolf zu sehen – Bernau. Zeitgleich flogen 1.000 angloamerikanische Bomber außer Reichweite der deutschen Flakgeschütze einen zweistündigen Angriff auf Berlin und „ließen Berlin wie betäubt, still und zerstört zurück“, wie der britische Historiker Tony Le Tissier schreibt. Zu diesem Zeitpunkt ordnete Hitler den „Fall Clausewitz“ an, der neben der Evakuierung der Regierungs-, Wehrmachts- und SS-Dienststellen die Vernichtung von Beweismaterialien – Akten, Schriftstücke, Urkunden – vorsah. Einen Tag später nahm die Rote Armee das Oberkommando des Heeres in Zossen aus, während zugleich andere Truppenteile um 12 Uhr mittags in Malchow erstmals die Stadtgrenze überschritten und sich dann gegen Hohenschönhausen, Marzahn und Hönow wandten, während andere Einheiten bereits Weißensee erreichten und wieder andere am Haus Landsberger Allee 563 „Na Berlin – Pobeda“ („Nach Berlin – Sieg“) an die Fassade schrieben. Auch hissten Rotarmisten am Abend des 21. April am Turm der Marzahner Dorfkirche die erste rote Fahne.

Der „Völkische Beobachter“ hatte am selben Tag gelogen, dass „in der Zeit von 9 bis 16 Uhr ein Übungsschießen einer Flakbatterie im Norden Berlins“ stattfinde. Als dann um 11:30 Uhr Artilleriefeuer russischer Kanonen bereits den Hermannplatz in Neukölln und damit erstmalig Innenstadtboden erreichte, löste dies eine Massenpanik aus. Am Ende des Tages war der Ring um Berlin fest geschlossen. „Angenagelt zwischen Müggelsee und Havel, zwischen den sandigen Heideflächen des Barnim im Norden und den Kiefernwäldern des Teltow im Süden“, schreibt Plivier, „blieben Million Frauen und Männer und Kinder und warteten auf die Sintflut“.

Am Folgetag, als im Telegrafenamt in der Oranienburger Straße das letzte Telegramm eintraf (aus Tokio: „Viel Glück für euch alle“), erklärte Goebbels, dass „alle, die weiße Fahnen hissen, erschossen werden“. Am Abend desselben Tages wurde im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt noch einmal die „Zauberflöte“ aufgeführt, während die Ostfrontlinie durch das Vorrücken der Roten Armee nun mittlerweile bereits entlang der Linie Lichtenberg–Niederschönhausen–Frohnau verlief. Die Innenstadtbezirke wurden nun unter direkten Dauerbeschuss genommen, erwidert mit Dauerfeuer vom Flakturm im Friedrichshain. „Fontänen aus Pflastersteinen, aus Asphaltstücken, aus Dreck stiegen aus den Berliner Straßen auf. Schwere Granaten aus Fernkampfgeschützen rissen Breschen in ganze Häuserfluchten. Die Bevölkerung saß in den Kellern mit Koffern und Betten und ihrer ganzen Habe und konnte die Keller eigentlich nicht verlassen und mußte es doch tun, und wenn schon zu keinem anderen Zweck, als um Wasser zu holen. Man konnte das Leben riskieren, aber ohne Wasser konnte man nicht leben“, schreibt Plivier. Einen Tag später schob sich die Front im Osten nach Friedrichshain vor.

Ein Kommentar