Amerika, zerrissenes Land: Ein Reisebericht

17. Oktober 2018 - 15:02 | | Politik | 0 Kommentare

Nach dem Wahlausgang von 2016 verlaufen die Gräben der gesellschaftlichen Spaltung in den Vereinigten Staaten von Amerika tiefer denn je. Als Wahlkreismitarbeiterin von Sylvia Gabelmann hatte ich die Chance, im Rahmen eines Besucherprogramms eine Woche in den USA zu verbringen, um mir ein eigenes Bild davon machen zu können.

Besonders interessiert war ich an der Beantwortung einer Frage: Wie hatte Donald Trump es 2016 geschafft, mit seinem Anti-Establishment-Stil die Hälfte der amerikanischen Bevölkerung anzusprechen? Selbst traditionell eher demokratisch orientierte Gruppen hatten damals zur Wahl Trumps aufgerufen, darunter auch Gewerkschaftsverbände. Besonders in der ländlichen Bevölkerung Amerikas stieß seine Kampagne auf eine große Resonanz.

Die Erklärungsansätze sind divers, und der Wahlausgang nicht eindeutig zu erklären. In den USA gibt es keine unabhängige Institution, die für die politische Bildung der BürgerInnen zuständig wäre. Die Allgemeinbildung vieler US-Bürger bezüglich Politik und Wirtschaft ist sehr schlecht, weshalb in Wahlkämpfen mit populistischen Parolen und Kampfbegriffen gearbeitet wird. Die populistische Rhetorik ist auch dem Zwei-Parteien-System geschuldet: Dadurch, dass es auf 320 Millionen US-Bürger nur zwei relevante Parteien gibt, sind deren Programme stark verwässert. Parteien mit Einzelinteressen haben keine Chance gewählt zu werden. Es ist für beide Parteien daher überlebenswichtig, mit ihrer Rhetorik immer die gesamte Bevölkerung anzusprechen; mehr als es zum Beispiel in Deutschland der Fall ist.

Vor der Wahl 2016 hatten viele AmerikanerInnen das Gefühl, der – in den USA immer noch gefürchtete – Sozialismus befinde sich auf dem Vormarsch. Hier stieß Trump mit seinen De-Regulierungsambitionen auf Zustimmung. Der amerikanische Gründungsmythos, und die sich daraus ergebenden ideologischen Annahmen, sind Gründe dafür, warum viele AmerikanerInnen staatlicher Macht generell mit Misstrauen und Argwohn begegnen. Das 2nd Amendment der amerikanischen Konstitution (“the right of the people to keep and bear Arms”) ist deshalb vielen US-Bürgern heilig:  Sollte die staatliche Gewalt übermächtig werden, sei es individuelles Recht, sich mit Waffengewalt dagegen zu verteidigen.

Auch die Angst vor TTIP, beziehungsweise die Unzufriedenheit mit NAFTA, brachte viele AmerikanerInnen dazu, sich für Trump auszusprechen. Darunter Gewerkschaftsverbände, welche schon länger eine Neuverhandlung von NAFTA gefordert hatten.

Die Identifikation der AmerikanerInnen mit den Parteien, beziehungsweise mit KandidatInnen ist groß: Die Wahlentscheidung konstituiert maßgeblich die eigene Identität mit. Hat man sich einmal für eine/n Kandidaten/ Kandidatin entschieden, werden ihm/ ihr gröbere Fehltritte verziehen, da hiervon auch die eigene Integrität abhängt. So ist es zu erklären, dass Donald Trump – und zum Beispiel Brett Kavanaugh – trotz massiver Vorwürfe der sexuellen Belästigung von vielen Menschen weiter unterstützt werden.

Fracking – die umweltfreundliche Alternative?

Das Programm fand hauptsächlich in der Stadt Pittsburg im Bundesstaat Pennsylvania statt. Pittsburgh befindet sich im ehemaligen Manufacturing Belt und steht exemplarisch für eine erfolgreiche Neuausrichtung nach dem Niedergang der Schwerindustrie. Architektur, Straßennamen, und das Football-Team Pittsburgh Steelers erinnern noch an Zeiten, in denen ein großer Teil der EinwohnerInnen in der Stahlbranche beschäftigt war. Mittlerweile hat die Stadt den Ruf eines Technologie-Hubs, das für UnternehmerInnen, Start-ups, Familien und auch Studierende attraktiv ist. Seit Entdeckung des Marcellus Shale, einem Erdgasvorkommen von immenser Größe, hat die Region einen massiven ökonomischen Aufschwung erlebt. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurde dort mit horizontalen Fracking-Bohrungen begonnen. Das Marcellus Shale ist die produktivste Erdgasquelle der Welt.

In den USA gibt es Proteste und Bewegungen gegen Fracking, beziehungsweise allgemein gegen die Förderung von fossilen Brennstoffen. Insgesamt steht man Fracking-Verfahren aber weniger misstrauisch als in Deutschland gegenüber: Der generelle Konsens ist, dass Fracking von Erdgas eine günstige Alternative zur Energiegewinnung durch Kohleverbrennung ist. Die Risiken werden als kontrollierbar angesehen. Später auftretende Gesundheitsprobleme in der Bevölkerung, wie es in Deutschland zum Beispiel in Rotenburg der Fall ist, werden nicht einkalkuliert.

Von der Schwerindustrie zum Silicon Valley?

In Pittsburgh befinden sich viele Arbeitgeber aus der IT-, Technologie- und Finanzbranche. Arbeitgeberverbände beschreiben die Region als einen Safe Place for Business, da in der Regel weder mit Erdbeben, Überflutungen, oder Hurricanes gerechnet werden muss. Für die Region sind MigrantInnen sehr wichtig, da sie die Mehrheit der lokalen UnternehmerInnen ausmachen, und so einen großen Teil zur Wirtschaftsleistung beitragen. Es gibt verschiedene Initiativen, die Zugewanderte und Geflüchtete unterstützen, zum Beispiel in Form von Trainingsangeboten zu amerikanischer Kultur und Sprache, Selbsthilfegruppen für geflüchtete Frauen, und auch Netzwerke, in denen sich geflüchtete Frauen regelmäßig mit Polizistinnen austauschten. Die Integration der Frauen ist oft schwieriger, da in vielen Familien klassischerweise der Mann arbeitet, wodurch die Frauen weniger Anreiz haben, Sprache und Kultur (kennen) zu lernen.

Besonders für den Gesundheitsbereich sind MigrantInnen in der Region unentbehrlich: Es gibt überdurchschnittlich viele ausländische Menschen mit medizinischem Know-How in Pittsburgh, die schon jetzt oder zukünftig in Arzt- oder Pflegeberufen tätig sind.

Von Unternehmerverbänden wird die wirtschaftliche Situation in Pittsburgh extrem positiv dargestellt. In Gesprächen mit den Locals wird aber deutlich, wie groß die Angst besonders bei den benachteiligten Bevölkerungsschichten ist, dass die Stadt sich in ein zweites Silicon Valley entwickeln könnte. Momentan gilt Pittsburgh eher als Geheimtipp – die Kaufpreise für Häuser liegen dort weit unter dem amerikanischen Durchschnitt. Seit Amazon öffentlich in Erwägung zieht, in Pittsburgh ein zweites Headquarter einzurichten, haben viele Menschen Angst, dass die Kauf- und Mietpreise, beziehungsweise die Lebenshaltungskosten, massiv ansteigen könnten. Finanziell schwach aufgestellte Menschen würden so noch weiter an den Stadtrand gedrängt werden. UnternehmerInnen und KommunalpolitikerInnen stehen einer möglichen Ansiedlung von Amazon positiv gegenüber: Der Pittsburgher Flughafen wird schon jetzt darauf eingerichtet, dass in Zukunft von dort Geschäftsreisende ohne Umsteigen in die wichtigsten Großstädte der Welt fliegen können.

Erfahrungen und Erkenntnisse

Der sogenannte Postfaktizismus ist in den USA extrem weit vorangeschritten: Wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse werden als Narrative dargestellt, und auf diese Weise abqualifiziert. Besonders der Umgang mit Fake News, und mit den daraus entstehenden Parallelrealitäten, hat mich während und nach der Reise beschäftigt. Die Glaubwürdigkeit von wissenschaftlichen Institutionen und von den „Mainstream-Medien“ wird in den USA extrem in Zweifel gezogen, wodurch ich mit teils rechtem, teils abstrusem Gedankengut konfrontiert wurde. Dieser Trend zeichnet sich auch in Deutschland ab. Hierbei sind fast alle Parteien mit dem gleichen Problem konfrontiert: Wie soll Menschen und Menschengruppen begegnet werden, die in einer Echokammer leben, und ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber Wissenschaft, Regierung und öffentlichen Institutionen haben? Meine zentrale Lernerfahrung ist, dass sich niemals abgeschottet werden darf, und dass intellektuelle Abgehobenheit niemals eine Lösung ist. Durch das Programm habe ich die Angst vor dem Diskurs ablegen können. Außerdem habe ich erleben können, wie effektiv die Selbst-Inszenierung Trumps als politischer Outsider, der gegen das Establishment kämpft, gewesen war und ist. Selbst Menschen, die ihn nicht gewählt hatten, sprechen grundsätzlich mit Bewunderung und mit lobender Wortwahl über seine Wahlkampfstrategie. Über Hillary Clinton wird ausnahmslos abfällig gesprochen, und die Schuld für den Ausgang der Wahl komplett bei ihr gesucht.

Der Wahlkreis, in welchem ich arbeite, sieht sich mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert, wie Pittsburgh nach dem Niedergang der Stahlbranche. Auch in Siegen-Wittgenstein gibt es erste Ansätze, die immer noch von der Schwerindustrie abhängige Region zu einem Innovationscluster zu entwickeln. Die Universität Siegen bietet progressive Studiengänge in den Bereichen Gesellschaftswissenschaften/ Ökonomik und IT an, bei denen auch mit regionalen Unternehmen zusammengearbeitet wird. Um die Region langfristig für Familien, junge Menschen, und Hochqualifizierte interessant zu machen, muss das intellektuelle Kapital und die Vernetzung zwischen Universität und Industrie ausgebaut, und grundsätzlich eine langfristige und nachhaltige Vision für die Region entwickelt werden. Selbstverständlicherweise muss es dafür physisch und virtuell eine passende Infrastruktur geben: Einige Gemeinden haben zum Beispiel nach wie vor kein Breitband-Internet. Auch das gesundheitliche Versorgungsnetz und die Einbindung von Zugewanderten in Arbeitsmarkt und Leben müssen gewährleistet sein. Nachdem ich in Pittsburgh verschiedene Interessensgruppen und deren Anliegen kennenlernen konnte, sehe ich großes Potenzial darin, Initiativen, Unternehmen, Universität und Zivilbevölkerung im Sinne von Stakeholder-Dialogen zusammenzubringen. Im Austausch mit allen Interessensgruppen sollte offen und mit gegenseitiger Wertschätzung über Probleme, Ängste, Herausforderungen und Chancen gesprochen werden, damit gemeinsam an einer Zukunftsvision gearbeitet werden kann.

Eva Haas

Über den Autor

Gastbeitrag