Als die Täume zu leben begannen

29. November 2017 - 11:17 | | Politik | 0 Kommentare

Auch 100 Jahre später sind die Freiheiten, die die Oktoberrevolution eroberte, beispiellos. Homosexualität wurde legalisiert, männliche Privilegien abgeschafft und die Kunst erblühte. Von Dorian Tigges

Schaut man heute auf die Russische Revolution, fallen häufig die Leiden der Bevölkerung, die Toten des Stalinismus und die Spießigkeit der sowjetischen Eliten ins Auge.
Mit Blick auf die frühen Jahre des sowjetischen Staates ist dieses Bild aber stark verzerrt. Liberale Sexualität, freie Kunst und unkonventionelles Zusammenleben waren Teil der Russischen Revolution.

Der Sturz der bürgerlichen Regierung brachte nicht nur die Abschaffung der bürgerlichen Ehe und ihrer Zwänge sowie eine ungekannte Freiheit und Blüte der Kunst, sondern auch eine revolutionäre Umverteilung des Wohnraums mit sich.

Liebt doch, wen ihr wollt

So wurde noch im Jahr der Revolution unter dem Einfluss von Feministinnen wie Alexandra Kollontai das fortschrittlichste Ehe- und Familienrecht, das die Welt bis heute gesehen hat, geschaffen: Homosexualität wurde entkriminalisiert, Scheidungen vereinfacht und die Vorrechte der Männer abgeschafft. Verschiedenste Formen von Ehen – unabhängig davon, ob es sich um wechselgeschlechtliche oder gleichgeschlechtliche Ehe handelte – waren mit einfachem Verweis auf die Einvernehmlichkeit plötzlich völlig legal und rechtlich abgesichert.
Die Künste wurden von einer neuen Freiheit des Ausdrucks, die noch unter dem Zaren undenkbar gewesen war, erfasst. Alles schien unmittelbar oder schon bald möglich zu sein. Zunächst wollte man den Bau von neuen Wohnungen und Städten, die gerade den ArbeiterInnen mehr Wohnraum und Licht bringen sollten, angehen, Man glaubte an Weltraumflüge zum Mars, lange bevor die Raumfahrt erfunden war und an die Schaffung eines neuen, von egoistischen Neigungen befreiten Menschen. Selbst die Wiederbelebung bereits lange Verstorbener schien schon bald möglich.
Zentrale Figuren der künstlerischen Avantgarde wie Kasimir Malewitsch oder Wassily Kandinsky stellten sich hinter die neue Regierung und versuchten mit ihren Mitteln, den Aufbau und Traum einer befreiten Gesellschaft zu unterstützen.
Sowohl die europäische Avantgarde der Künste im 20. Jahrhundert, wie auch der Science-Fiction-Film haben hier ihren Ursprung.

Die Vorläufer unserer Studi-WGs

Zu dieser Zeit wurde die Hauptstadt, Petrograd beziehungsweise St. Petersburg, von ehemaligen Soldaten, Deserteuren und Geflüchteten aus den westlichen Gebieten nahezu überrannt. Innerhalb weniger Monate verdoppelte sich die Bevölkerungszahl der Stadt. All diese Menschen brauchten eine Wohnung und gleichzeitig war die Innenstadt noch von den Palästen des Hochadels mit ihren großen Ball- und Festsälen durchzogen.
Die neue Regierung nahm dem Adel seine Paläste weg, zog Zwischenwände durch deren Säle und gab den wohnungssuchenden Menschen ein neues Dach über dem Kopf. Dort, wo nur Monate zuvor noch die russische Oberklasse rauschende Feste gefeiert hatte, wohnte nun ein wild zusammengewürfelter Haufen von Menschen in einer Weise zusammen, die vorher nahezu unbekannt war: in WGs.
Menschen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten, aus den unterschiedlichsten Ecken Russlands, lebten nun zusammen, kochten zusammen und putzten gemeinschaftlich ihre Wohnung.
Diese Art des Zusammenlebens erscheint uns heute normal. Knapp 30 Prozent aller Studierenden leben heute in WGs. Aber diese Wohnform galt noch bis weit in die 1980’er Jahre als Keimzelle der linken Bewegung und auch der 1968’er. „Das Private ist Politisch“ gilt eben nicht nur für die „sexuelle Befreiung“, sondern auch für WG’s als Form gemeinschaftlichen Wohnens.
In und nach der Oktoberrevolution wurden hier – wie in vielen anderen Bereichen auch – erste Erfahrungen gesammelt. Ein Grund mehr, sich nach 100 Jahren wieder intensiver mit ihr auseinanderzusetzen.

Über den Autor

Critica ist die Studierendenzeitung des SDS (http://www.linke-sds.org/media/critica/)