Sexuelle Befreiung und die Russische Revolution – 100 Jahre später

12. Juli 2017 - 11:00 | | Politik | 0 Kommentare

Es wird häufig implementiert, dass das marxistische Konzept der Revolution nur ein ökonomisches System, den Kapitalismus, überwinden möchte und sobald es geht, zwar eine Revolution anfängt, jedoch die Werkzeuge der Unterdrückung intakt lässt. Dieser Annahme nach nehmen Marxisten die Frage der Unterdrückung nicht ernst.
Anlässlich des hundertsten Jahrestages der Russischen Revolution ist es wichtig einen Blick auf das zu werfen, was wirklich passierte, als die Arbeiter und Bauern „die Pforten stürmten“ und die Jahrhunderte der zaristischen Repression beendeten.

Zaristische Unterdrückung

Das Russland der Zaren war brutal und rückwärtsgewandt – das Leben wurde streng und grausam vom Staat und der ihn legitimierenden Kirche kontrolliert. Sexuelle und häusliche Gewalt waren Teil des Alltags. Die Existenz armer Frauen bestand aus der Zeugung von Kindern und Feldarbeit. Etliche Gesetze wurden zur Verfolgung von Homosexuellen erlassen.
Der Zar und seine Klasse förderten bewusst den Antisemitismus, russischen Chauvinismus, die Unterdrückung von Frauen und die Verfolgung von Schwulen und Lesben, um sich selbst an der Macht zu halten und die Bauern und Arbeiter erst zu teilen und dann effektiv gegeneinander auszuspielen.
Doch als der Kapitalismus die russische Gesellschaft ungleichmäßig umbaute – in Städten wie St. Petersburg entstand einer der größten Arbeitsmärkte der Welt – während die Leute auf dem Land in semi-feudalen Verhältnissen weiterlebten, formte er ebenfalls das Leben der Leute um. Geheime Schwulenclubs für Männer entstanden in den Städten. Doch waren solche Angebote in der Regel nur für die wohlhabenderen Bewohner der Städte zugänglich.
Diese Beispiele deuteten auf einen Prozess der sozialen Transformation hin, der an der Landbevölkerung in erster Linie vorbeiging. Doch die Revolutionäre vom Februar und Oktober 1917 leiteten eine Gesellschaft ein, die die sozialen Verhältnisse auf den Kopf stellte.

Die Revolution

Sexuelle Beziehungen waren vom revolutionären Wandel nicht ausgeschlossen. Als Ergebnis der großen sozialen Prozesse, welche begannen die Gesellschaft nach der Oktoberrevolution zu transformieren, wurde Homosexualität entkriminalisiert und die Ehe für alle erlaubt. Frauen gewannen das Recht die Scheidung beantragen zu dürfen und ganz legal um eine Abtreibung zu bitten. Frauen, die vor der Revolution heimlich geheiratet hatten, konnten ihre Ehe im Nachhinein anerkennen lassen. „Gleichgeschlechtliche Liebe wird nicht mehr länger von (unserem) eigenen Mangel an Bewusstsein und engstirnig-bürgerlicher Verachtung unterdrückt“, sagte Evgenila Fedorovna.
Dr. Grigory Batkis, Direktor des Moskauer Instituts für sexuelle Hygiene, schrieb 1923, dass „die sowjetische Rechtsprechung die absolute Nichteinmischung von Staat und Gesellschaft in sexuelle Belange festlegt, solange die Interessen des Einzelnen nicht angerührt werden. Bezüglich Homosexualität, Sodomie und anderer Formen der sexuellen Befriedigung, die in der europäischen Rechtsprechung als Akt gegen die öffentliche Moral angesehen werden, behandelt sie die Sowjetische Regelung genauso wie sogenannten „natürlichen“ Verkehr.“
Die von der Russischen Revolution eingeführte wachsende Freiheit – für unterdrückte Nationalitäten, für ethnische Minderheiten, einschließlich Moslems und Juden, für Frauen, für Lesben und Schwule – geschah nicht als zufälliger Auswuchs der Revolution, sondern wurde bewusst als Teil der Überwindung des wirtschaftlichen Systems, welches jede Form von Ungleichheit untermauerte, erkämpft.

Strategie der Befreiung

Dementsprechend machten sich die Bolschewiken bewusst daran, eine Partei zu schaffen, die, wie Lenin formulierte, ein „Tribun der Unterdrückten“ sein würde. Folglich organisierten sie mit dem Versprechen der Religionsfreiheit in der neuen Gesellschaft.die muslimischen Bevölkerungen im Osten. Folglich war auch die Frage der Unterdrückung der Frau keine aufgesetzte Ergänzung, sondern zentral zu der Aufgabe, das alte System mit seinem althergebrachten Sexismus und der Gewalt gegen Frauen zu stürzen und damit auch dessen Abhängigkeit von der unbezahlten, endlosen, innerfamiliären Sklaverei der privaten Haushalte.
Alexandra Kollontai, leitende Bolschewikin und Mitglied des Zentralkomitees, kämpfte an der Seite anderer Frauen auf der einen Seite sowohl für sexuelle Selbstbestimmung und die Befreiung von den rigiden, lähmenden Geschlechterrollen als auch auf der anderen Seite für die materiellen Verbesserungen, die es den Frauen ermöglichen konnten, sich ernsthaft an der Gestaltung der neuen Gesellschaft zu beteiligen.
Kollontai schuf gemeinsam mit Inessa Armand und anderen Bolschewikinnen das Zhenotdel, die Frauenabteilung (des Zentralkomitees Anm. d. Übers.), welche Gemeinschaftsküchen und Wäschereien organisierte, um Frauen diese alltäglichen Lasten zu nehmen. Das Zhenotdel förderte die Alphabetisierung mittels reisender Agitprop Theatergruppen, die außerhalb der Großstädte auftraten, wo die Frauen oft am meisten isoliert und unterdrückt waren.
Aber der Unterdrückung der Frau entgegenzuwirken, war nicht alleine die Aufgabe der weiblichen Parteimitglieder, auch wenn Kollontai entscheidende Auseinandersetzungen mit anderen Bolschewiken führte, die sie von der Notwendigkeit überzeugen konnte, die Unterdrückung der Frau als entscheidendes Problem anzugehen.
Kollontais progressive Ansichten zur Sexualität waren durchaus nicht ungewöhnlich unter den leitenden Bolschewiken. Leon Trotsky, der in der Revolution von 1917 und dem darauf folgenden Bürgerkrieg eine ausschlaggebende Rolle spielte, hielt ähnliche Überzeugungen zu vielen dieser Fragen. Er veröffentlichte seine Ideen dazu in „Fragen des Alltagslebens: Die Bedingungen für eine neue Gesellschaft im revolutionären Russland“
Auf die Frage eines US-amerikanischen Journalisten, ob es wahr sei, dass in Rußland eine Scheidung auf Antrag möglich wäre, stellte Trotsky die Gegenfrage, ob es denn immer noch Länder gäbe, wo dies keine Option sei.
Genau wie die Revolution althergebrachte Glaubenssätze bezüglich der Rolle der Frau in der Gesellschaft über den Haufen warf, so schaffte sie auch Raum für Menschen, die sich selbst als außerhalb der Dualität von männlich und weiblich empfanden oder die offen als Homosexuelle leben wollten.
Dan Healey beschreibt in seinem Buch „Homosexual Desire in Revolutionary Russia: The Regulation of Sexual and Gender Dissent“ (Chicago, 2001 Anm. d. Übers.) :“es gab den Eindruck (…), dass Homosexuelle diese auch als ihre Revolution empfanden. Ich denke an einen in einem medizinischen Artikel erwähnten Transvestiten aus Kursk, der die Ereignisse im Bürgerkrieg und der Revolution als Erlaubnis begriff, auffallend und aufsehenerregend aufzutreten. Eine Zeitlang wurde das offenkundig von den Mitbürgern toleriert.“

Die Konterrevolution

Leider gingen die während der Revolution erzielten enormen Gewinne in den folgenden Jahrzehnten wieder verloren, unter Einwirkung einerseits der schieren, durch den Bürgerkrieg verursachten, materiellen Not und zweitens aufgrund der von Stalin eingeleiteten Konterrevolution.
Stalin machte es sich zum Ziel, die Kontrolle durch die Arbeiter in den Sowjets zurückzubauen, um in den militärischen Wettkampf mit dem Westen zu treten. Daher zerstörte er die Freiheiten, die Arbeiter und Bauern auch in anderen Bereichen gewonnen hatten. Die Rolle der Familie, die die Wurzel der Unterdrückung der LGBT+ darstellt, wurde gestärkt durch staatliche Maßnahmen wie Auszeichnungen für Frauen, die viele Kinder gebaren. Die „Große Sowjetische Enzyklopädie“ von 1930 beschreibt Homosexualität als eine „unnatürliche sexuelle Anziehung zu Menschen des gleichen Geschlechts (das Gegenteil des Normalen – Heterosexualität).“ Diese Rückwärtsentwicklung zeigte, was auf dem Spiel stand im Kampf für die LGBT+ Rechte.Es war nicht möglich, den Kampf gegen wirtschaftliche Ungleichheit und den Kampf für andere Formen menschlicher Freiheit auseinanderzuhalten. Das revolutionäre Russland wurde international gepriesen als der bezüglich LGBT+ Rechte progressivste Staat.
Wenn wir die vor kurzem erfolgte Wahl von Donald Trump und seinem Vizepräsidenten Mike Pence betrachten, so sehen wir, dass im reichsten kapitalistischen Land des 21. Jahrhunderts ein selbst-erklärter, ungenierter Homophobe an der Macht ist mit einer Regierung, die die Uhr zurückdrehen möchte für die Rechte der Frauen und der LGBT+ Bevölkerung. Die Regierung Trump hat darüber hinaus ein Klima geschaffen, wo Angriffe auf ethnische Minderheiten, Migranten und Muslime mehr und mehr an der Tagesordnung sind. In einigen US Staaten gab es sogar gesetzliche Erlasse, die transsexuellen Menschen verbieten, die öffentlichen Toiletten ihrer Wahl zu nutzen. Entsprechend kommt es vermehrt hier in Nordamerika aber auch anderswo auf der Welt zu Übergriffen gegen Transsexuelle.

Ein Jahrhundert Erfahrung seit der russischen Revolution zeigt, dass die Gesellschaft nicht schrittweise toleranter wird, sondern dass fortwährend Kämpfe um die vorherrschenden Sichtweisen geführt werden. Die existierenden Errungenschaften sind erkämpft worden. Die vorher nie dagewesenen, plötzlich auf den Plan getretenen Fortschritte in den paar Jahren nach der russischen Revolution zeigen auf, was auch heute möglich sein kann im Kampf für die sexuelle Befreiung.

 

Der Artikel von Faline Bobier erschien zuerst in englischer Sprache auf „Socialist.ca“ und wurde von Felix und Dore ins deutsche übersetzt.

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