Koreakonflikt: Es geht nicht nur um Trump – Ein Gespräch mit Tim Shorrock

17. Januar 2018 - 11:45 | | Politik | 1 Kommentare
Ein Bild von David Hamacek

Der Nordkoreakonflikt ist nicht zu verstehen ohne einen Blick in die Geschichte des US-Imperialismus. Donald Trumps Präsidentschaft hat viele negative Seiten, und die Aussicht auf einen Atomkrieg mit Nordkorea steht ganz oben auf der Liste. Wir alle befürchten, dass eine persönliche Beleidigung von Kim Jung Un Trump dazu bringen könnte, etwas Schreckliches zu tun.

Aber der Konflikt mit Nordkorea begann nicht erst mit Trump. Er reicht bis in den Zweiten Weltkrieg zurück und die USA hat darin viele Dinge getan, die selten diskutiert werden – von der Zerstörung Nordkoreas während des Koreakrieges bis hin zur Unterstützung militärischer Despoten in Südkorea.

Im folgenden Interview – das erstmals im letzten Monat auf Daniel Denvirs Jacobin Radio-Podcast ‚The Dig‘ ausgestrahlt wurde – berichtet der erfahrene Journalist Tim Shorrock über diese oft vergessene Geschichte und erklärt, wie sie zu diesem gegenwärtigen Kräftemessen geführt hat.

Daniel Denvir: Donald Trumps Präsidentschaft hat viele Probleme verschlimmert – vieles davon war vorauszusehen. Aber während des Wahlkampfs war ein aufgeheizter Konflikt mit Nordkorea kein wichtiges Diskussionsthema. Warum ist 2017 zu dem Jahr geworden, in dem wir uns plötzlich der Gefahr eines katastrophalen Atomkrieges so unangenehm nahe fühlen?

Tim Shorrock: Die aktuelle Situation steht in direktem Zusammenhang mit dem Jahr 2006, als Nordkorea während der Bush-Regierung seine erste Atomwaffe zündete, nachdem es unter der Clinton-Regierung zugestimmt hatte, sein Atomprogramm zu beenden. Dieses Abkommen brach unter der Bush-Regierung zusammen. Nordkorea warf die Inspektoren, die im Land waren, hinaus und begann eine Plutoniumbombe zu bauen.

Bush versuchte, in den Sechs-Parteien-Gesprächen [eine Reihe von Treffen mit sechs Teilnehmerstaaten – Nordkorea, Südkorea, Japan, USA, China und Russland] zu verhandeln. Die Situation eskalierte, teilweise, weil in Südkorea in den Jahren 2007 und 2008 konservative Regierungen an der Macht waren. Die Situation hat sich in den letzten Jahren von Bushs Amtszeit weiter verschärft.

Obamas Politik bestand darin, zu hoffen, dass Nordkorea zusammenbrechen würde. Es wurde ’strategische Geduld‘ genannt. Während seiner Amtszeit gab es keine Verhandlungen mit Nordkorea. Es ist einfach immer weiter eskaliert. Trump erbte also eine sehr angespannte Situation, aber er machte es noch viel schlimmer, indem er diese offenen Drohungen aussprach; Er sagte, er würde eine andere Politik machen, drohte aber zugleich mit Vernichtung, was die Nordkoreaner darin bestärkte, Nuklearwaffen und fortschrittliche Raketen zu entwickeln, weil sie jetzt jederzeit mit einem Angriff der Vereinigten Staaten rechnen mussten.

Daniel Denvir: Wen siehst du als die Hauptkräfte innerhalb der Trump-Regierung, die eine solche Konfrontation mit Nordkorea vorantreiben, und in welchem Ausmaß geht dies von Trump selbst aus?

Tim Shorrock: Die Schlüsselfigur in Trumps Nordkoreapolitik ist H. R. McMaster, der nationale Sicherheitsberater. Er vertritt diese Idee von einem „Präventivkrieg“, was im Grunde auf Präventivschläge des US-Militärs hinausläuft.

Im Sommer erschienen erste Berichte über die Schlachtpläne des Pentagon. Laut NBC Plante das Pentagon, zwei Dutzend Raketen- und Nuklearstandorte in Nordkorea zu zerstören, mit Hilfe von in Guam stationierten B1B-Bombern, die Luftangriffe an diesen Orten durchführen sollten. Sie würden in internationalem Luftraum fliegen, was bedeutet, dass sie in Nordkorea einen einseitigen Schlag ausführen könnten, ohne dass Südkorea überhaupt beteiligt wäre.

In Washington wird immer häufiger von einem Krieg, einem sogenannten begrenzten Krieg, geredet. In jedem Forum liest man, dass eine 50-prozentige Chance auf einen Krieg bestünde. Von den Denkfabriken bis hin zu den Menschen im Kongress geht es vor allem um die Frage, wie man diese Stätten zerstören könne. Es wird sehr wenig über Verhandlungen oder über die Wurzeln dieser Krise geredet.

Ich denke, Trump sieht sich selbst als einen neuen MacArthur, und er möchte der Welt zeigen, dass die amerikanische Macht einen gefährlichen Feind zerstören kann. Er glaubt, dass er sich so profilieren kann.

Daniel Denvir: Eine Kombination aus MacArthur und Pershing?

Tim Shorrock: Er verehrt Pershing und die Aufstandsbekämpfung. Das ist der militante Imperialismus, den er und sein Umfeld vertreten. Sie haben Obamas „strategische Geduld“ abgelehnt. Die Medien unterstützen sie dabei. Sie sagen, dass Nordkorea jedes Abkommen brechen würde. Aber es gibt Abkommen, die schon seit geraumer Zeit eingehalten werden – insbesondere das Abkommen, das während der Clinton-Regierung unterzeichnet wurde.

Daniel Denvir: Können wir über diese Idee sprechen, dass das nordkoreanische Regime anders sein soll als andere Regimes, die innerhalb des globalen Systems operieren?

Tim Shorrock: Es ist sicherlich nichts Irrationales daran, dass ein Land sich vor einer fremden Macht, die mit zerstörung droht, verteidigen will. Es ist sogar ziemlich nachvollziehbar.

Zu Beginn dieses Jahres sagte Kim Jong Un in einer Neujahrsansprache, er wolle seine Nuklearwaffenenprogramm zu Ende führen. Das bedeutet Entwicklung, Abschluss ihres Raketenprogramms und Raketenbau. Es geht um Interkontinentalraketen, die Sprengköpfe in die Vereinigten Staaten oder andere ausländische Ziele bringen können. Sie haben es angekündigt und dann mit den Tests und mit der Arbeit an diesem Programm begonnen.

Für einen Staat, der versucht, sich gegen eine äußere Macht zu verteidigen, ist daran nichts irrational. Sie haben gesehen, was anderswo geschehen ist. Ich meine, allein der Vorwurf von Massenvernichtungswaffen im Irak hat die Bush-Regierung dazu geführt, in den Irak einzumarschieren und ihn zu besetzen. Er sieht also Atomwaffen, die mit einer Interkontinentalrakete abgefeuert werden können, als seinen Schutz oder als Abschreckung vor solch einem Angriff von außen durch die Vereinigten Staaten.

Daniel Denvir: Die Lektion für jeden rational denkenden Staatschef, so verdreht und gefährlich dies für die ganze Welt auch sein mag: wenn du keine Massenvernichtungswaffen hast, kann es sein, dass die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten vielleicht versuchen werden, deine Regierung zu stürzen.

Tim Shorrock: Libyen ist ein gutes Beispiel. Vor ein paar Wochen hielt Thae Yong Ho, stellvertretender Botschafter in London für Nordkorea und der höchste Überläufer der nordkoreanischen Regierung seit 1979, hier im Zentrum für internationale strategische Studien eine Rede über die Wirkung, die die US-NATO-Intervention in Libyen auf Kim Jong Un hatte.

Er sagte, dies war ein Land, dessen Anführer bereitwillig sein Atomprogramm eingestellt hatte, auf diese Weise im Wesentlichen entwaffnet worden war, und dann ein paar Jahre später von einer Koalition und einer US-Bombardierungskampagne gestürzt wurde. Später wurde er von mehreren Gruppen abgesetzt und ermordet. Der Verzicht auf Atomwaffen scheint in diesem Zusammenhang keine gute Idee.

Da ist auch dieses Parteiprogramm von Kim Jong Un, die Byungjin-Linie. Das ist die übergeordnete Philosophie hinter dem militärischen Programm. Nukleare Entwicklung, Kernwaffen, Raketentechnologie und Langstrecken- und Kurzstreckenraketenentwicklung gehen mit der Entwicklung der Wirtschaft einher. Diese High-Tech-Raketen tragen ebenfalls zum Wachstum der Wirtschaft bei.

Daniel Denvir: In dem militantesten Flügel des außenpolitischen Establishments der USA wird derzeit ein Präventivkrieg als Lösung für das nordkoreanische Atomwaffenprogramm angepriesen. Was du dargelegt hast, ist eine sehr klare Bilanz der einseitigen vorbeugenden Angriffskriege der USA, die tatsächlich ein Hauptantrieb des nuklearen Aufrüstens sind, also das genaue Gegenteil der Lösung, die sie angeblich darstellen sollen.

Tim Shorrock: Ja, abgesehen davon, dass die USA seit sechzig Jahren Atomwaffen gegen Nordkorea richten.

Nordkorea begann in den 1980er Jahren über eigene Atomwaffen nachzudenken, als die Vereinigten Staaten immer noch Tausende taktische Atomwaffen in Südkorea hatten. Diese Waffen wurden in einem einseitigen Schritt von Präsident George H. W. Bush zurückgezogen, im Rahmen eines weltweiten Abrüstprogramms. Aber die Vereinigten Staaten haben eine riesige Armada von Marineschiffen, die in Japan stationiert sind und Atomwaffen mit sich führen, und sie haben auch B-52 Bomber, die diese tragen können.

Diese Waffen waren also ständig auf Nordkorea gerichtet, wo man sich dadurch bedroht fühlte. Einer der Auslöser für die nordkoreanische Politik sind die massiven US-südkoreanischen Militärübungen, die zweimal im Jahr stattfinden. Dabei wird in Trainingsübungen die Invasion Nordkoreas in sogenannten „Enthauptungsschlägen“ durchexerziert, die im Ernstfall die nordkoreanische Führung, einschließlich Kim Jong Un, ausschalten würden.

Daniel Denvir: Generalprobe für die Invasion. Überhaupt nicht provokativ.

Tim Shorrock: Sie haben es oft wiederholt: Das ist ein zentrales Anliegen. Neulich gab es eine Erklärung der nordkoreanischen Regierung, nur die erste Zeile wurde in der Presse verbreitet: „Wir werden nicht über Atomwaffen verhandeln“ – der zweite Teil lautet „bis die Vereinigten Staaten und Südkorea diese provokativen Militärübungen stoppen.“ Ich denke, dass hier die Basis für Verhandlungen und Lösungen liegt.

Daniel Denvir: Ich möchte dich jetzt nach der südkoreanischen Politik fragen, weil ich glaube, dass sie in den Vereinigten Staaten oft nicht beachtet wird. Ich denke, es ist wichtig, den historischen Kontext zu beleuchten, bevor wir mit Moon Jae-in und der Gegenwart beginnen. Kannst du die wichtigsten Konturen dieser Geschichte skizzieren und wie es zur aktuellen Situation gekommen ist?

Tim Shorrock: In den fünfziger Jahren, kurz vor und nach dem Koreakrieg, wurde Südkorea von Syngman Rhee regiert, einem Autokraten, der für seine repressive Politik verhasst war und von den Vereinigten Staaten abgelehnt wurde, weil er von der Eroberung Nordkoreas und der Vereinigung Koreas sprach. Nach dem Koreakrieg wollten die USA damit nichts zu tun haben.

Ich war noch ein Kind als Rhee Präsident war. Ich werde niemals das Jahr 1960 in Korea vergessen, die Leute waren tagelang auf der Straße, einige wurden von der Polizei erschossen, aber schliesslich wurde er gestürzt. Es gab dieses Bestreben, ihn abzusetzen, in allen Altersgruppen, in allen Klassen. Zu dieser Zeit, 1960, war Koreas Zukunft ungewiss. Viele Menschen im Norden und Süden wollten eine Vereinigung. Sie waren geteilt worden. Es hatte diesen schrecklichen Krieg gegeben. Die Menschen wollten Versöhnung und Vereinigung. Es war die Rede von einem geeinten Korea, das im Kalten Krieg neutral zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten stehen würde.

In der Periode von 1960 bis 1961 hatte Südkorea eine relativ liberale Regierung. Es gab politisch viel Aufruhr. Tatsächlich gingen junge Studenten an die Grenze und trafen sich mit Nordkoreanern. Es gab eine große Veränderung innerhalb des Landes und in seiner Beziehung zu den Vereinigten Staaten.

Das alles endete 1961, als ein General, Park Chung-hee, einen Militärputsch unternahm. Er war von der kaiserlichen japanischen Armee ausgebildet worden. Er hatte während des Zweiten Weltkriegs in der Mandschurei gedient und koreanische Kommunisten bekämpft, die gegen die Japaner kämpften.

Daniel Denvir: Die von Kim Il Sung angeführt wurden?

Tim Shorrock: Von Kim Il Sung und anderen. Es gibt also diese Dichotomie, die die koreanische Geschichte definiert. Die Syngman-Rhee-Regierung und die Vereinigten Staaten sahen jeden Schritt zur Vereinigung als einen Schritt hin zum Kommunismus.

Die Konflikte des Kalten Krieges kamen in den späten vierziger Jahren auch nach Südkorea, daher wurde jede Bewegung zur Vereinigung des Landes vom Süden unterdrückt, und zwar gewaltsam. In den 1940er Jahren gab es in Südkorea viele Aufstände, die vom koreanischen Militär mit Unterstützung der USA brutal niedergeschlagen wurden. Die Vereinigten Staaten und der Süden regierten durch Militärgewalt und die Sowjetunion besetzte den Norden.

Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion waren sich einig, dass Korea nicht in der Lage sei, sich selbst zu regieren. Es war in ihren Augen unfähig, sich selbst zu regieren oder sich aus dem Kolonialismus zu befreien. Sie dachten, sie könnten es für eine Weile besetzen und dann die Vereinigung überwachen, je nachdem, was die Koreaner wollten.

Aber der Kalte Krieg vertiefte die Spaltung und führte natürlich in den 1950er Jahren zu einem totalen Krieg. Als Nordkorea entschied, dass es an der Zeit war, Südkorea zu befreien, drangen UN-Truppen unter der Führung der USA in Südkorea ein, um die nordkoreanischen Streitkräfte abzuschneiden und sie zurück nach Norden zu drängen. Präsident Truman traf im weiteren Verlauf eine kritische Entscheidung, den sogenannten Rollback. Sie fielen in Nordkorea ein, um Korea unter Syngman Rhee zu vereinigen, aber damals kam das chinesische Militär mit Millionen von Soldaten dazu, um die Vereinigten Staaten mit einem gewaltigen Verlust zurückzudrängen.

Daniel Denvir: Es wird oft vergessen, dass die Streitkräfte der Vereinigten Staaten und Chinas tatsächlich auf dem Schlachtfeld aufeinander geschossen haben.

Tim Shorrock: Viele vergessen das. Die Chinesen haben es nicht vergessen. Mao Zedongs Sohn verlor in Korea sein Leben. Es ist auch wichtig für die US-Marines. Generäle wie James Mattis, obwohl er nicht dabei war, erinnern sich sicher daran. Es war ein enormer Verlust für die Marines. Die US-Marines führten den Vorstoß nach Nordkorea. Es gab mehrere Divisionen, die weit in den Norden vordrangen. Ihr Ziel war, zum Yalu-Fluss in China zu gelangen. Dort wurden sie von der chinesischen Armee eingekreist.

Sie mussten sich unter schrecklichen Bedingungen zurückziehen. Tausende starben und froren zu Tode. Es war eine unfassbare Situation für die Marines. Als sie in den letzten zwei Jahren des Koreakrieges einen Waffenstillstand aushandelten, brachten die Vereinigten Staaten den Luftraum vollständig unter ihre Kontrolle und zerstörten Nordkorea vollständig, bis nichts mehr zurück blieb.

Daniel Denvir: Es war eine der brutalsten Bombenkampagnen der Weltgeschichte.

Tim Shorrock: Eine der schlimmsten, alles wurde zerstört. Ich bin in den 1950er Jahren in Japan aufgewachsen, ich kann mich immer noch an die Zerstörung durch die Bombardierung von Tokio erinnern. Die Brandbomben auf Tokio im April 1945 zerstörten große Teile der Stadt, verbrannten sie mit Napalm zu Asche.

In Nordkorea wurde jede einzelne Stadt und jedes einzelne Dorf niedergebrannt.

Natürlich haben die Nordkoreaner das nie vergessen, und sie lassen es ihre Leute auch nicht vergessen. Von Geburt an bist du von der schrecklichen Geschichte dieses Krieges erfüllt. Sie sehen Amerikaner als Menschen, die sie töten wollen. Ein Teil der herrschenden Ideologie ist diese Angst vor einem weiteren Krieg. Es ist wichtig, diese sehr komplexe Geschichte zu verstehen. Die japanische Kollaboration dauerte in Südkorea lange an. Südkorea wurde demokratischer als der Norden, aber ich würde es aufgrund des nationalen Sicherheitsgesetzes von 1948 nicht als vollständig demokratisch bezeichnen.

Dieses nationale Sicherheitsgesetz ist immer noch gültig und wurde nie geändert. Die Proteste in den achtziger Jahren wurden ausgelöst, als ein junger Student zu Tode gefoltert wurde. Die Leute hatten genug von diesem Polizeistaat. Park Chung-Hee, der Militärdiktator, wurde 1979 inmitten von Arbeiter- und Studentenprotesten ermordet. Dann übernahm ein anderer General die Kontrolle über das Militär und die Regierung erklärte das Kriegsrecht.

Daniel Denvir: Er war sogar noch brutaler als Park.

Tim Shorrock: Er war sehr brutal. Es gab einen Aufstand in der Stadt Gwangju, wo sie Spezialeinheiten entsandten, um die Menschen massakrierten, die sich für Demokratie einsetzten. Die Menschen wehrten sich mit Waffengewalt. Die Vereinigten Staaten beschlossen damals, die südkoreanische Armee zu unterstützen, um diesen Aufstand niederzuschlagen. Das verärgerte die Südkoreaner und viele von ihnen haben das bis heute nicht vergessen.

Wärend der Regierung von Chun, dem zweiten General, erkämpften die Demonstranten einen großen Sieg: das Recht, ihren eigenen Präsidenten zu wählen, im Gegensatz zu dem bisherigen Parlament, in dem ein Drittel der Mitglieder von den Diktatoren ausgewählt wurde. Es gab Volkswahlen.

In den späten neunziger Jahren, unter Kim Dae-Jung, einem langjährigen Oppositionsführer, der beinahe von der Chun-Regierung hingerichtet worden war, begann Südkorea mit der sogenannten Sonnenschein-Politik. Man öffnete sich Nordkorea und Kim leitete den Vorstoß, um die Spannungen zu entschärfen und durch einen langen wirtschaftlichen und politischen Austausch Vertrauen aufzubauen.

Daniel Denvir: Könntest du über diese Sonnenscheinpolitik ein wenig näher beschreiben?

Tim Shorrock: Diese Politik begann, nachdem Präsident Clinton 1994 einen „vereinbarten Rahmen“ (agreed framework) mit Nordkorea ausgehandelt hatte, um dessen Atombombenprogramm zu beenden. Es gab langsam eine Bereitschaft zur Entschärfung der Krise und zur Beendigung des militärischen Konflikts zwischen den Vereinigten Staaten, Nordkorea und Südkorea.

Kim Dae-Jung erweiterte das Austauschprogramm für Investitionen in Nordkorea durch südkoreanische Firmen, Sportmannschaften, Familienbesuche von Menschen, die sich seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hatten. Auch gewöhnliche Bürger, Menschen aus den Bereichen Wissenschaft, Kultur, Musik und so weiter, begannen sich zu treffen.

Das war wichtig, um die Vorstellung von Nordkorea als Feind zu brechen. Zurückkehren und Leute treffen, Nordkoreaner als normale Menschen kennen lernen. Es hat eine Menge Feindseligkeit abgebaut.

Eines der bleibenden Denkmäler dieser Zeit war die Industriezone Kaesong, die nördlich der DMZ (Entmilitarisierte Zone) in Nordkorea errichtet wurde, wo südkoreanische Firmen Fabriken errichteten und nordkoreanische Arbeiter Produkte für den Weltmarkt herstellten. Dies sollte Nordkorea bei seiner technologischen Entwicklung helfen und Arbeitsplätze schaffen. Es war die Art von Projekt, von dem man dachte, dass es den Grundstein für einen größeren Frieden legen würde.

Es muss gesagt werden, dass Kim Dae-Jung zu dieser Zeit oft von den US-Geheimdiensten als Linker gesehen wurde, der nicht mit der US-Aussenpolitik konform ging. Er wurde verdächtigt, ein Kommunist zu sein.

Daniel Denvir: Zu versöhnlich gegenüber Nordkorea?

Tim Shorrock: Zu versöhnlich, und seine Wurzeln waren in der Linken. Sein Nachfolger, Roh Moo-Hyun, war genau wie er: ein Menschenrechtsaktivist aus der Anti-Diktaturbewegung. Er setzte viele dieser Friedensprogramme fort, aber sie gerieten unter enormen Druck.

Kim Dae-Jung machte 2001 einen Staatsbesuch bei George W. Bush. Er kam hierher, um eine offizielle Absegnung für seine Sonnenscheinpolitik und Verhandlungen mit Nordkorea zu bekommen. Bush fiel ihm den Rücken und beschämte Kim Dae-Jung, diesen mutigen Dissidentenführer. Er kam nach Washington und Bush sagte: „Wir vertrauen Nordkorea nicht, und wir werden nicht mit ihnen verhandeln, und das ist alles.“

Daniel Denvir: Es ist unfassbar, dem südkoreanischen Präsidenten so etwas zu sagen, während die Südkoreaner ständig in Reichweite einer surrealen Menge von konventionellen Waffen leben mussten, die Seoul in einem Tag zerstören könnten.

Tim Shorrock: Es ist ihr Land, oder? Sie haben das Recht, mit dem Norden zu sprechen, wann immer sie wollen. Wenn sie sich wieder vereinigen wollen, es ist ihr Land. Die Vereinigten Staaten betrachten es als ein Protektorat, das sie kontrollieren. Sie erwarten, dass Südkorea mit der strategischen Aussenpolitik der USA übereinstimmt.

Daniel Denvir: Haben die USA letztendlich die Effektivität der Sonnenscheinpolitik untergraben?

Tim Shorrock: Tatsächlich war diese Politik auch vorteilhaft für die Vereinigten Staaten. Nach dem Abkommen mit Clinton konte man mit Kim Jong Il verhandeln. Die USA und Nordkorea waren kurz davor, ein Abkommen zu unterzeichnen, das die nordkoreanische Raketenproduktion beendet hätte. Sie standen 2000 kurz davor, aber die Verhandlungen wurden nie abgeschlossen und die Vereinbarung wurde nie unterzeichnet.

Mit Bush übernahmen die Neokonservativen die Macht, und die waren von Anfang an gegen Clintons „vereinbarten Rahmen“. Sie hielten nichts von Kim Dae-Jungs Sonnenscheinpolitik. Sie beschuldigten Nordkorea, das Abkommen verletzt zu haben, weil es angeblich versuchte, eine Uranbombe zu entwickeln. Die Nordkoreaner stritten dies ab, sie wollten verhandeln, weil sie dachten, man würde ihnen das Recht auf eine solche Uranbombe zugestehen, aber zu dieser Zeit hatten sie noch keine Bombe.

Die Bush-Leute, die dorthin geschickt wurden, niederrangige Diplomaten des Außenministeriums, hatten keine Befugnisse zu verhandeln, also haben sie Nordkorea stattdessen ein Ultimatum gestellt und dann gesagt, dass die Nordkoreaner es verletzt hätten und die USA deswegen das Abkommen aufheben würden. Wie ich zu Beginn dieses Interviews gesagt habe, war das der Zeitpunkt, als diese Nuklearkrise wirklich begann.

Daniel Denvir: 2002 bezeichnete Bush Nordkorea als Teil der „Achse des Bösen“.

Tim Shorrock: Genau. Im Rahmen der neunziger Jahre unter Clinton hatten sich Nordkorea und die Vereinigten Staaten öffentlich verpflichtet, so schnell wie möglich zu einer vollständigen politischen und wirtschaftlichen Normalisierung überzugehen. Mit anderen Worten, einander anerkennen, Botschaften in der Hauptstadt und so weiter. Eine normale Beziehung aufnehmen.

Als das Abkommen im Kongress unter Beschuss geriet, begannen die Nordkoreaner zu sehen, dass sich die Vereinigten Staaten von ihnen abwandten. Viele Analytiker und Leute, die damals in der Regierung waren, denken, dass Nordkorea sein Atomprogramm als Absicherung begonnen hat, falls die Vereinigten Staaten die Abmachungen verletzen würden.

Auf jeden Fall ist das Abkommen 2002-2003 auseinandergefallen. Im letzten Teil der Bush-Regierung begann er in den Sechs-Parteien-Gesprächen wieder mit Nordkorea zu verhandeln – erstaunlicherweise eröffnete er drei Wochen nach der Explosion der ersten Atombombe Verhandlungen mit Nordkorea.

Daniel Denvir: Die Sechs-Parteien-Gespräche umfassten die Vereinigten Staaten, Südkorea, Japan, China –

Tim Shorrock: Und Russland. Es gab einige Fortschritte. Das war, als Nordkoreas Bewertung als ‚Unterstützer des Terrorismus‘ von der Bush-Regierung fallen gelassen wurde. (Sie wurde gerade wieder von Trump erneuert) Es fanden Gespräche statt.

Zu dieser Zeit war Roh Moo-Hyun Präsident, der Progressist in Südkorea, der für die Sunshine-Politik war und sie immer noch weiterführte. Das war der Grundstein für die Verhandlungen mit dem Norden und für diese Sechs-Parteien-Gespräche, weil Südkorea und Nordkorea immer noch über diese politischen und wirtschaftlichen Maßnahmen sprachen und sich dafür einsetzten.

Aber 2008 wurde ein Rechtspopulist, Lee Myung-bak, zum Präsidenten von Südkorea, gewählt. Damals hat sich die Politik wirklich geändert. Er machte, ähnlich wie Bush und die Republikaner, Politik gegen den „vereinbarten Rahmen“ und die Normalisierung der Beziehungen zu Nordkorea. Er mochte die Sonnenscheinpolitik nicht.

Daniel Denvir: Welche konservative Stimmung des Volkes konnte er ausnutzen, die diesen Verhandlungen feindlich gesinnt war?

Tim Shorrock: Es gibt eine sehr starke konservative, antikommunistische Strömung in Südkorea. Vor allem unter älteren Menschen, und auch wirtschaftliche Aspekte spielten eine Rolle. Wie so oft, waren die progressiven liberalen Kandidaten zerstritten.

Lee Myung-bak war gegen die Verhandlungen mit Nordkorea und die Sonnenscheinpolitik. Er fing an, im Rahmen der Sechsergespräche, Forderungen zu stellen, die Nordkorea ablehnte. Die Gespräche gerieten ins Stocken.

Unter Park Guen-hye verschlechterten sich die Verhandlungen. Als die militärischen Spannungen vor einigen Jahren ihren Höhepunkt erreichten, wurde der letzte Überrest der Sonnenscheinpolitik, die Kaesong Industrial Zone – die ich einmal den Kanarienvogel in der koreanischen Kohlemine genannt habe – stillgelegt. Solange die noch offen war, dachte ich, dass es noch Hoffnung gibt. Südkoreanische Geschäftsleute überquerten die Grenze, um in diese Industriezone zu gehen. Eine Menge Leute in Südkorea glaubten auch, dass die Zone eine Verbindung zum Norden aufrechterhielt, einen Anschein von Normalität.

Unter Obamas Aussenpolitik verschlechterte sich die Situation noch weiter. In diesem Zeitraum hat Nordkorea drei weitere Atomwaffen getestet. Obamas Berater waren beim Thema Nordkorea ziemlich stur. Ich denke, es ist richtig zu sagen, dass Trump eine angespannte Situation geerbt hat, für die er nichts kann, aber wie gesagt, er macht es noch viel schlimmer.

Daniel Denvir: Inwieweit hat der Zusammenbruch der südkoreanischen Rechten Moon den Sieg ermöglicht? Und in welchem Maße reflektiert sein Sieg die wachsende Unterstützung der Bevölkerung für ein innenpolitisches und wirtschaftliches Programm, das eher links von der Mitte liegt, und für die wachsende Unterstützung eines erneuerten Dialogs mit Nordkorea?

Tim Shorrock: Als er für das Präsidentenamt kandidierte, lag sein Hauptaugenmerk auf der Wirtschaft. In Südkorea gibt es ein großes Problem mit Jugendarbeitslosigkeit. Es gibt ein ernstes Problem mit Walmart-artigen Jobs, wo die Arbeiter weder Versicherung noch vollen Lohn haben. Sie arbeiten unter Vertrag von Jahr zu Jahr und manchmal von Monat zu Monat.

Daniel Denvir: Flexible Gelegenheitsarbeiter?

Tim Shorrock: Gelegenheitsarbeiter. Es ist eine schreckliche Situation für viele koreanische Arbeiter. So überleben viele koreanische Konzerne: sie haben einen Kern von Vollzeitbeschäftigten und dann stellen sie nach Belieben ein, wenn sie Vertragsarbeiter brauchen. Das ist die Lage von ca. 50 Prozent der gesamten koreanischen Arbeitskräfte.

Das, kombiniert mit der Arbeitslosigkeit und der Unzufriedenheit der Menschen mit der vorherigen Regierung von Park Geun-hye, hat Moon zum Sieg verholfen. Als ich ihn zwei Tage vor der Wahl interviewte, als es schon ziemlich sicher war, dass er gewinnen würde, sagte er, dass das im Grunde das Ergebnis der „Candlelight Revolution“ [die Massenproteste, die zu Park Geun-hyes Absetzung führten] sei.

Er stellte die Candlelight Revolution in eine lange Reihe von Protestbewegungen, die den Weg für die Demokratie bereitet haben. Beginnend mit dem Aufstand von 1960 gegen Syngman Rhee und der Ermordung von Park Chung-hee im Jahr 1979, die während eines großen Aufstandes in seiner eigenen Stadt Pusan stattfand. Dann der Juniaufstand 1987, der demokratische Aufstand und dann die Kerzenrevolution. So wie er es sieht, sehen es viele Südkoreaner.

Daniel Denvir: Welche Chance hat Moon auf Verhandlungen, mit Trumps Provokationen auf der einen und Kim Jong Uns Provokationen auf der anderen Seite?

Tim Shorrock: Es ist offensichtlich sehr schwierig geworden. Er nahm sofort nach der Wahl Kontakt auf und kündigte Militär- und Rotkreuz-Gespräche mit Nordkorea an. Die Nordkoreaner ignorierten ihn im Grunde. Sie betrachten ihn und die südkoreanische Regierung als Werkzeuge der Vereinigten Staaten. Sie glauben nicht, dass er wirklich unabhängig ist.

Sie haben ein paar gute Argumente. Zum Beispiel sind das südkoreanische und das US-Militär in einem gemeinsamen militärischen Kommando vereint. Es wird jetzt von einem südkoreanischen General angeführt, aber in Kriegszeiten ist der Kommandant ein US-General. Wenn es in Korea einen Krieg gibt und das südkoreanische Militär mobilisiert wird, steht es unter einem US-General. Dies ist das einzige Land der Welt, in dem ein ausländischer General während des Krieges für die Armee verantwortlich ist. Wie kann Südkorea in dieser Situation wirklich ein souveränes Land sein?

Daniel Denvir: Technisch ist es das nicht.

Tim Shorrock: Technisch ist es das nicht.

Daniel Denvir: Und so ist es verständlich, wenn Nordkorea sagt, wenn wir diesen kriegstreiberischen Feind in den Vereinigten Staaten haben, und dieser letztlich in Südkorea den Ton angibt, warum sollen wir dann mit Moon verhandeln, wenn er keine wirkliche Zuständigkeit hat?

Tim Shorrock: Exakt. Seine Annäherungsversuche wurden weitgehend abgelehnt. Moon Jae-In ist in Sicherheits- und Militärfragen weder wirklich konservativ noch wirklich liberal. Er hat Schritte unternommen, die die koreanische Linke und die liberale Mitte unterstützen, zum Beispiel sein Dialog mit Nordkorea. Er stimmte dem Einsatz von THAAD zu, dem von den Vereinigten Staaten und Park Geun-hye erbauten Raketenabwehrsystem.

Er hat einigen der extremeren Richtlinien und Aussagen von Trump zugestimmt. Am Tag nachdem Trump sagte, dass die Vereinigten Staaten Nordkorea völlig zerstören würden, wenn es weiterhin die Vereinigten Staaten bedrohen sollte, sprach ihm Moon Jae-In in bei einem gemeinsamen Treffen ein Lob dafür aus. Sie verfolgen beide eine harte Sanktionspolitik, um Nordkorea wirtschaftlich zu isolieren und zu Verhandlungen zu zwingen.

Aber er hat auch einige wichtige Schritte unabhängig von den Vereinigten Staaten unternommen. Zum Beispiel als Trump kürzlich in Südkorea war: Kurz davor hat Moon Jae-In Schritte unternommen, die unabhängig von der Aussenpolitik der USA waren. Zum Beispiel hat er eine Übereinkunft mit China getroffen, um die Beziehungen zu normalisieren und das Streitthema THAAD hinter sich zu lassen. Das sollte China dazu bringen, die Verhandlungen zu unterstützen.

Er lehnte auch den amerikanischen Plan einer trilateralen Militärallianz zwischen den Vereinigten Staaten, Südkorea und Japan kategorisch ab. Moon sagte, dass Südkorea sich an bestimmten Formen der Zusammenarbeit mit dem japanischen Militär beteiligen wird, aber keine Allianz bilden will. Am nächsten Tag sagte sein Außenminister, dass sie sich nicht dem amerikanisch-japanischen Raketenabwehrsystem in Nordostasien anschließen werden.

Er versucht die Karten so zu spielen, dass er unabhängig agieren kann. Er betont immer, dass Südkorea keinen Krieg führen könnte. Es ist für ihn undenkbar. Er hat alles versucht, um Trump klarzumachen, was es für Südkorea bedeutet, wenn er sagt, dass er Nordkorea total zerstören will. Trump ist über Seoul geflogen; er hat gesehen, wie nahe Seoul an der DMZ liegt. Ich bin mir sicher, dass er eine Menge Geheimdienstinformationen darüber hat, wo die Artillerie ist und wie viel Schaden sie innerhalb von Stunden und Tagen anrichten könnte. Nordkorea verfügt über riesige Mengen konventioneller Waffen an der Grenze, die nicht nur Seoul und US-Basen in Südkorea treffen könnten, sondern auch Stützpunkte in Japan und Okinawa, sogar Guam.

Daniel Denvir: Trump hat enorme Mengen an Geheimdienstinformationen (Intelligence), aber nicht viel „Intelligenz“. Das ist das Problem. Was erhofft sich China daraus?

Tim Shorrock: China will kein vereintes Korea unter südkoreanisch-amerikanischer Kontrolle. Sie wollen keine US-Truppen an ihren Grenzen. Sie wollen keinen Krieg und all das Chaos, das aus einem Krieg entstehen würde. Sie spielen eine ziemlich wichtige Rolle.

Sowohl Russland als auch China haben im UN-Sicherheitsrat für diese erhöhten Sanktionen gestimmt. Sie versuchen, die Situation zu entschärfen, indem sie den Druck auf die DVRK und Kim Jong Un erhöhen. Während der UN-Debatten drängen sie auf Verhandlungen. Sie unterstützen einen Vorschlag, nach dem Nordkorea sein Atomprogramm einfrieren und die USA und Südkorea dafür ihre militärischen Übungen einfrieren oder zurückfahren. Viele Leute denken, dass dies die einzige Möglichkeit für Verhandlungen ist.

Moon Jae-In versucht, dies durchzusetzen. Er bleibt dabei, dass Krieg für ihn undenkbar ist. Ich denke, das war einer der Gründe für seinen Besuch in China. Er hat auch ähnliche Gespräche in Russland mit Putins Regierung geführt.

Trumps harte Linie, Nordkorea wieder auf die Liste der Terrorstaaten zu setzen, wird die Dinge nur komplizierter machen. Nordkorea ist sehr wütend deswegen, und Südkorea hat bereits offiziell zugestimmt. Wenn Sie zwischen den Zeilen in den koreanischen Medien lesen, gibt es eine Menge Kritik an dieser Entscheidung. Wie können sie Verhandlungen in Gang zu bringen, wenn sie Nordkorea keinen Ausweg aus dieser angespannten Situation lassen?

Daniel Denvir: Wie ist der aktuelle Stand des nordkoreanischen Regimes und wie passt Kim Jong Un in die Dynastie seiner Vorgänger?

Tim Shorrock: Nordkorea hat einen unglaublich repressiven Apparat, in dem sogar ehemalige Botschafter zurückgerufen und ins Gefängnis gesteckt werden, weil sie gegen die politische Linie des Tages verstossen. Die Macht wird durch einen allgegenwärtigen Polizeistaat gesichert. Dies macht es sehr schwierig für die Menschen, sich öffentlich gegen die Regimepolitik zu stellen. Es gibt ein Intranet, aber es ist vom Rest der Welt abgeschnitten. Die einzigen Informationen, die sie von aussen erhalten, stammen von elektronischen Geräten, die nach Südkorea geschmuggelt wurden. Davon gibt es eine Menge.

Auf der anderen Seite ist es kein wirtschaftlich rückständiges Land. Trotz der Kontrollen und Sanktionen kann man eine Entwicklung erkennen. Ein rückständiges Land kann keine Atomwaffen und Raketentechnologie entwickeln. Sie haben ICBMs, die die Vereinigten Staaten treffen könnten. Sie haben das fast im Alleigang entwickelt, mit geliehenen Wissenschaftlern aus Russland, Pakistan und möglicherweise dem Iran. Ich denke, die Idee ist, eine Abschreckung gegen die Vereinigten Staaten aufzubauen und dann aus einer Position der Stärke zu verhandeln. Danach wollen sie sich auf die wirtschaftliche Entwicklung konzentrieren.

Kim Jong Un versucht, seine nuklearen Fähigkeiten als Keil zu nutzen, um die Vereinigten Staaten zu Verhandlungen zu bewegen. Sein Vater verhandelte aus einer Position der Schwäche heraus. Er versuchte, sein nukleares und militärisches Programm aufzugeben im Austausch für eine bessere Beziehung mit den Vereinigten Staaten und anderen Ländern in der Region. Kim Jong Un versucht, das Bild eines mächtigen Nordkoreas zu projizieren, das die Vereinigten Staaten für einen Moment im Zaum halten könnte – was albern ist, weil er verdammt gut weiß, dass die Vereinigten Staaten Nordkorea zerstören könnten, wie Trump sagt.

Es gibt all diese Vorhersagen in den Vereinigten Staaten, dass das nordkoreanische Regime auseinanderfällt, und sie verweisen auf Überläufer wie diesen hochrangigen Typ in der Londoner Botschaft und andere. Sie verweisen auf die angebliche Ermordung des Halbbruders von Kim Jong Un auf dem malaysischen Flughafen als Zeichen, dass bereits versucht wird, Dissidenten innerhalb des nordkoreanischen Regimes zu vernichten. Ich sehe keine Anzeichen für eine Massenrevolte oder etwas Ähnliches. Ich glaube nicht, dass es Gründe gibt zu sagen, dass das Regime im nächsten Jahr zusammenbrechen wird. In fünfzig Jahren Berichterstattung liest man ständig, dass Nordkorea in den nächsten zwei Jahren zusammenbrechen wird.

Es gibt dort einen starken inneren Zusammenhalt, der teilweise auf den repressiven Polizeiapparat zurückzuführen ist. Es gibt genug Vertrauen in das Regime und die wirtschaftliche Entwicklung. Von der Hungersnot in den 1990er Jahren haben sie sich erholt. Sie haben sich ihre Unabhängigkeit von den Grossmächten China und Russland bewahrt. Man sieht das sogar in Interviews mit nordkoreanischen Überläufern: Die Fähigkeit, die eigene Unabhängigkeit aufrecht zu erhalten, wird sehr geschätzt. Die Leute sind unglücklich über andere Dinge dort. Zu Recht. Es wird nicht zusammenbrechen. Der einzige Weg, eine Lösung zu finden, besteht darin, mit ihnen zu verhandeln und direkte Gespräche zu führen.

Daniel Denvir: Haben der Druck von Aussen und die Feindseligkeit gegenüber Nordkorea den inneren Zusammenhalt gestärkt, und könnten die Verhandlungen tatsächlich eine Rolle bei der Öffnung der nordkoreanischen Gesellschaft spielen und sie auf lange Sicht möglicherweise in etwas Besseres verwandeln?

Tim Shorrock: Ich denke, das könnten sie, aber es ist ein langwieriger Prozess. Nachdem Otto Warmbier gestorben war [der amerikanische Student, der in Nordkorea inhaftiert war], verabschiedete der US-Kongress ein Gesetz, das Reisen nach Nordkorea verbot. Sie versuchen, alle Länder dazu zu bringen, ihre Beziehungen abzubrechen. In Südamerika, Mittelamerika und Asien gibt es Länder, die diplomatische Beziehungen zu Nordkorea beenden. Das Land wird weiter isoliert.

Wenn sich Nordkorea verändern soll, muss es sich mit Leuten von ausserhalb austauschen können. Wenn du sie komplett von der Welt abschneidest, werden sich die Dinge nicht ändern. Die Vereinigten Staaten haben nicht das Recht, ein Regime zu ändern, nur weil es ihnen nicht passt. Ich denke, dass der Wandel eintreten kann, wenn die USA ihren Militärismus zurückfahren.

Nord- und Südkorea sind durchaus in der Lage, selbstständig zu verhandeln und Lösungen zu finden. Es könnte geschehen. Sie haben in der Vergangenheit bewiesen, dass es möglich ist. Ich denke, es erfordert einen Richtungswechsel in der US-Politik, und in der gesamten Region.

Letztendlich brauchen wir einen Dialog, um die Einstellung auf beiden Seiten zu verändern. Als Dennis Rodman dorthin ging, haben sich viele Leute über ihn lustig gemacht, aber junge Nordkoreaner, die gelernt haben, dass Amerikaner Teufel sind, die sie töten wollen, ändern ihre Ansichten, wenn sie sehen, wie NBA-Spieler lachen und mit Kim Jong Un herumalbern. Wir müssen mehr persönlichen Kontakt mit Nordkoreanern haben. Gewöhnlichen Nordkoreanern, wenn möglich.

Ich denke, das ist der Weg, den wir einschlagen sollten. Ich hoffe nur, dass die gegenwärtige Krise durch Verhandlungen gelöst werden kann. Ich glaube nicht, dass die Vereinigten Staaten wirklich in den Krieg ziehen werden. Trump ist ziemlich unberechenbar. Die Südkoreaner haben mehr Angst davor, was Trump tun wird, als vor Kim Jong Un.

ÜBER DEN AUTOR
Tim Shorrock ist ein in Washington ansässiger Journalist, der in Tokio und Seoul aufgewachsen ist. Seit den späten 1970er Jahren schreibt er über Nord- und Südkorea. Seine Berichterstattung erscheint regelmäßig in der Nation und in Newstampa / dem Korea Center for Investigative Journalism.

ÜBER DEN INTERVIEWER
Daniel Denvir ist Stipendiat am Fair Punishment Project der Harvard Law School und Moderator von ‚The Dig‘ im Jacobin Radio, das Interview erschien im Jacobin und wurde von Hannes Busch übersetzt.

Über den Autor

Ein Kommentar

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    Doed says:

    Ich kann mich nicht erinnern, je gelesen zu haben, dass Syngman Rhee von den USA abgelehnt worden wäre. Ganz im Gegenteil. Er wurde unterstützt und durfte zu ihnen ins Exil.