75 Jahre Nakba: Erinnern heißt Kämpfen!

Auch dieses Jahr erinnern Palästinenserinnen und Palästinenser weltweit an ihre Vertreibung. Die Geschichte dahinter reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück.

Am 15. Mai 2023 jährt sich die Nakba, zu Deutsch Katastrophe, zum 75. Mal. Gemeint ist die Vertreibung von über 750.000 Palästinenserinnen und Palästinensern zwischen 1947 und 1949 im Zuge der Staatsgründung Israels durch Massaker, Vergewaltigungen und Plünderungen. Mehr als 11.000 Palästinenserinnen und Palästinenser kamen ums Leben. Über 500 Städte, Dörfer und Stadtteile wurden zerstört. Insgesamt wurde etwa die Hälfte aller damals dort lebenden Palästinenserinnen und Palästinenser vertrieben.

Die Verdrängung dauert bis heute an

Dieses kollektive Trauma hinterließ eine entwurzelte und in ihren Grundfesten erschütterte palästinensische Gesellschaft. Bis heute wird den Geflüchteten und ihren Familien das Recht auf Entschädigung und Rückkehr verwehrt. 

Doch auch darüber hinaus ist die Nakba für die Palästinenserinnen und Palästinenser kein abgeschlossener Prozess. An der fortlaufenden Verdrängung in Jerusalem und dem Westjordanland wird deutlich, dass die Vertreibung der Palästinenser bis heute vom Staat Israel weitergeführt wird.

Mit der Nakba erreichte das den Palästinenserinnen und Palästinensern angetane Unrecht neue Dimensionen, aber ihre Verdrängung begann schon früher. Denn das Ziel des Zionismus – der jüdischen National- und Kolonialbewegung – bestand darin, auf einem mehrheitlich nicht-jüdisch bevölkerten Gebiet einen mehrheitlich jüdisch bevölkerten Staat zu errichten. Diese Bewegung entstand als Reaktion auf europäischen Nationalismus und Antisemitismus. Gleichzeitig war sie ein Kind dieser Zeit und ihrer Ideen. Für die jüdische Einwanderung in Palästina wurde der Mythos etabliert, »ein Land ohne Volk einem Volk ohne Land« zu übergeben. Doch Palästina war zu diesem Zeitpunkt bereits eines der am dichtesten besiedelten Gebiete der Mittelmeerregion.

Der zionistischen Führung war die Notwendigkeit einer Verdrängung bewusst, wie beispielsweise aus Theodor Herzls Tagebuch hervorgeht (beispielsweise Tagebucheintrag 12. VI.). Als erster schriftlicher Beleg der Vertreibung gilt der israelischen Tageszeitung Ha’aretz zufolge (Nir Hasson, 4. November 2012) ein Klagebrief aus dem Jahr 1890, den ein Beduinenstamm im Gebiet des späteren Rehovot an den osmanischen Sultan verfasste.

Ein Nordirland am Mittelmeer

In der Balfour-Erklärung von 1917 befürwortete das Britische Empire die „Etablierung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk“ in Palästina, das im Ersten Weltkrieg unter britische Kontrolle geriet. Militärgouverneur Ronald Storrs beschrieb die zionistische Kolonisierung als Schaffung eines ergebenen „jüdischen Ulsters“ in einer feindlichen Region – also eine Kolonie wie die der britischen Krone in Nordirland.

Die Entfernung der ansässigen Bewohnerinnen und Bewohner erfolgte unter dem gezielten Ausschluss nicht-jüdischer Menschen aus Produktion, Gewerkschaft, neuen Siedlungen und schließlich dem Land selbst. Die Vertreibung erfolgte zunächst durch den „Rückkauf“ von Ländereien von Großgrundbesitzern, die oft selbst gar nicht in Palästina lebten. Dafür wurden besondere Organe gegründet, wie der Jüdische Nationalfonds oder die American Zion Commonwealth. Letztere erwarb 1921-22 die fruchtbare Jesreel-Ebene und entschied, dass die 8.000 palästinensischen Pächter, die in 21 umliegenden Dörfern wohnten, gehen müssen. Diejenigen, die sich dagegen gewehrt haben, wurden von der britischen Kolonialpolizei vertrieben.

„Noch bevor der erste Soldat aus arabischen Anrainerstaaten Palästina betrat, waren 300.000 Palästinenserinnen und Palästinenser vertrieben.“

In der Masseneinwanderung von jüdischen Menschen nach Palästina infolge des Holocaust sah die zionistische Führung eine Möglichkeit. Im Jahr 1947 beschlossen die Vereinten Nationen unter dem Eindruck der Nachkriegssituation die Teilung Palästinas. Der Großteil der Fläche wurde einem jüdischen Staat zugesprochen, dem nur eine Minderheit der Bevölkerung angehörte. Zionistische Milizen begannen, eine flächendeckende ethnische Säuberung umzusetzen und schlussendlich die Grenzen über die des Teilungsplanes hinaus auszudehnen: Die palästinensische Nakba hatte begonnen. Noch bevor der erste Soldat aus arabischen Anrainerstaaten Palästina betrat, waren knapp 300.000 Palästinenserinnen und Palästinenser vertrieben worden. Der Krieg nach Beginn der lang geplanten Säuberung wurde hinterher als vermeintlicher Auslöser für die Vertreibungen vorgeschoben.

Dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit bleibt wenig bekannt, wird teilweise gar geleugnet, weil es der israelischen, aber auch der deutschen Geschichtsschreibung und ihren Interessen bis heute widerstrebt. Im Jahr 2022 wurde sogar ein Nakba-Gedenkverbot in Berlin erlassen. Zum 75. Jahrestag gilt es, die Kriminalisierung des Erinnerns zu durchbrechen. Dazu ruft die Kampagne #Nakba75 auf und informiert auf der Website nakba-ban.org/de/.

Ramsis Kilani war jahrelang aktives Mitglied von Die Linke.SDS. An vieles von seinem Lehramtsstudium erinnert er sich heute nicht mehr, dafür kam das Kämpfen nie zu kurz.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der critica Nr. 30. Du erhältst sie beim SDS in deiner Stadt oder kannst sie hier online lesen.

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