Marx ist eine unverzichtbare Grundlage um den Kapitalismus zu verstehen – Im Gespräch mit Ralf Krämer

23. Juni 2015 - 10:24 | | Kultur,Wirtschaft | 3 Kommentare
Kapitalismus verstehen von Ralf Krämer

Der Kapitalismus befindet sich in einer Krise, da sind sich selbst die meisten bürgerlichen Ökonomen einig. Auch in der Bevölkerung gärt der Unmut gegen das kapitalistische Systeme oder einzelne Ausprägung, doch um ihn zu überwinden muss man ihn verstehen. Wir haben mit einem gesprochen, der ihn versteht, Ralf Krämer, Sekretär für Wirtschaft im Verdi-Bundesvorstand und Autor des Werks “ Kapitalismus verstehen. Einführung in die Politische Ökonomie der Gegenwart„.

Die Freiheitsliebe: Dieses Jahr ist dein Buch „Kapitalismus verstehen“ erschienen. Warum brauchen wir ein neues Werk um den Kapitalismus zu verstehen, hat er sich in den letzten Jahren verändert?

Ralf Krämer: Der Kapitalismus verändert sich ständig, und gerade mit der großen Finanz- und Wirtschaftskrise seit 2007 und der Euro-Krise sind viele neue Entwicklungen zutage getreten. Die werden in meinem Buch auch behandelt und erklärt. Aber der Hauptgrund das Buch zu schreiben war ein anderer. Es beruht auf Texten, die ich für den Bildungskurs LINKE 1 der Partei geschrieben habe. Und da war mein Anspruch, nicht nur sozusagen alte Wahrheiten über den Kapitalismus wiederzugeben, wie sie Marx schon vor über 150 Jahren analysiert hat, sondern den heutigen Kapitalismus konkreter zu betrachten. Mir ging es darum, nicht nur zu vermitteln, dass und wieso der Kapitalismus schlecht ist, sondern Verständnis und Argumentationsfähigkeit zu den ökonomischen und politischen Prozessen im gegenwärtigen Kapitalismus zu stärken. Sozusagen Basiswissen für den alltäglichen ideologischen Klassenkampf. Darum hab ich durchgängig die kritische polit-ökonomische Analyse auf die heutigen Bedingungen, Fakten und Entwicklungen bezogen und angewendet. Dazu gibt es dann auch diverse Schaubilder und Grafiken auf Basis aktueller Statistiken. Das ist das eigentlich Neue und Besondere an meinem Buch.

Marx ist weiterhin unverzichtbare Grundlage, aber das reicht nicht aus, neuere, auch nichtmarxistische wissenschaftliche Erkenntnisse sind wichtig. Und vor allem sind alle Aussagen an der Realität zu messen, noch so schöne Zitate sind keine Beweise. Es gibt auch einige in linken und sich auf Marx berufenden Kreisen populäre Auffassungen, die schlicht von der Realität nicht gedeckt sind, z.B. dass der technische Fortschritt zu einem fortschreitenden Rückgang der Erwerbsarbeit führt. Das stimmt einfach nicht, schon für Deutschland nicht, im Weltmaßstab schon gar nicht.

Die Freiheitsliebe: Was unterscheidet die aktuelle Wirtschaftskrise, die große Teile Europas immer noch belastet, von vorhergehenden? Marx bezeichnet Krisen als symptomatisch für den Kapitalismus, hat die neoliberale Politik trotzdem Auswirkungen auf die Krise?

Ralf Krämer: Die kapitalistische Produktionsweise ist aus sich heraus und gesetzmäßig krisenhaft, aber gleichzeitig ist jede Krise anders als die anderen und von spezifischen Bedingungen geprägt. Der Kapitalismus entwickelt und verändert sich historisch, und das ist ein gesamtgesellschaftlich und auch politisch und zunehmend global geprägter Prozess. Insbesondere wie die Krisen der vergangenen Jahrzehnte verlaufen sind, lässt sich nur erklären vor dem Hintergrund der durch den Neoliberalismus vorangetriebenen Globalisierung, Liberalisierung der Finanzmärkte und Schwächung der Gewerkschaften und des Sozialstaats.

Was allerdings auch heißt, die Entwicklungen lassen sich nicht erklären ohne die Resultate des Reformismus und der keynesianisch geprägten Epoche bis Ende der 1970er Jahre ernst zu nehmen. Und noch mehr sind die EU und der Euro und die Krise des Euroraums ganz wesentlich geprägt durch politisch gestaltete Bedingungen. Diese unterliegen kapitalistischen Grundbedingungen, aber hätten konkret auch anders verlaufen können. Es reicht eben nicht aus nur festzustellen, dass es sich in dieser ganzen Zeit immer um Kapitalismus gehandelt hat. Man muss sich schon die unterschiedlichen Bedingungen und Kräfteverhältnisse in den einzelnen Ländern und Zeiträumen genauer angucken, wenn man verstehen will, was real abläuft. Und das ist wiederum die Bedingung dafür, realistische Alternativen erkennen und möglichst sinnvoll und wirksam politisch eingreifen zu können.

Die Freiheitsliebe: Welche Möglichkeiten siehst du zur Lösung der Krise? Du sprichst davon, dass es eine demokratische sozialistische Wirtschaftsordnung braucht, könnte diese den Ausweg aus der Krise bieten oder ist der Sozialismus momentan nur eine Utopie?

Ralf Krämer: Demokratischen Sozialismus kann es jedenfalls nur geben auf der Grundlage einer demokratisch-sozialistischen Wirtschaftsordnung. Ich finde es wichtig klar zu haben, auch als Kriterium zur Beurteilung aktueller Wirtschaftspolitik, dass eine grundsätzliche sozial-ökonomische Alternative notwendig ist, um fortschreitende soziale und ökologische Spaltungen und globale Krisen zu verhindern. Nur so können die modernen Produktivkräfte zum Nutzen aller Menschen eingesetzt und Demokratie verwirklicht werden. Dazu führt auch weiterhin an der Veränderung der Eigentumsverhältnisse an den entscheidenden Produktionsmitteln und an der Vergesellschaftung des Finanzsektors kein Weg vorbei. Das heißt aber nicht, dass linke Politik in Sozialismuspropaganda besteht, weil die Leute nicht glauben, dass damit ihre konkreten Probleme gelöst werden können.

Tatsächlich geht gegenwärtig die Entwicklung leider auch eher in eine andere Richtung. Es droht eine neue Etappe einer zunehmend autoritären, repressiven, auch international aggressiven neoliberalen Politik. Die herrschenden Klassen und Eliten versuchen durchaus, gefährlichen Zuspitzungen sozialer und auch ökologischer Krisen entgegenzuwirken. Wo es Druck gibt und für das Kapital vertretbar ist, werden auch gewisse Zugeständnisse gemacht, etwa der Mindestlohn. Die Hauptrichtung ist aber in der EU die fortschreitende Einschränkung und Aushöhlung von Demokratie und Sozialstaat. Vor allem versuchen sie, die ökonomischen Krisen in Grenzen zu halten, etwa mit einer expansiven Geldpolitik der Zentralbanken. Dabei stehen aber immer die Interessen der kapitalistischen Klassen, vor allem des Finanzkapitals und der transnationalen Konzerne im Mittelpunkt.

Dies führt zugleich dafür, dass selbst die im Rahmen des Kapitalismus bestehenden Möglichkeiten einer Antikrisenpolitik nicht wahrgenommen werden. Denn es wird immer klarer, dass eine Entwertung bzw. groß angelegte soziale Umverteilung der gigantisch konzentrierten Privatvermögen, verschärfte Kontrolle und Regulierung der Finanzmärkte sowie Ausweitung öffentlicher Ausgaben und der Massenkaufkraft der effektivste Weg wären, aus Stagnation und Depression heraus zu kommen. Das sind m.E. die wirtschaftspolitischen Alternativen, für die Linke sich einsetzten und politisch mobilisieren sollten. Damit kann auch an gewerkschaftlichen und sozialen Kämpfen angeknüpft werden. Das würde den Kapitalismus keineswegs aufheben, aber steht massiv gegen die Interessen dominierender Teile der kapitalistischen Klassen. Vielleicht wird der nächste heftige Kriseneinbruch, der über kurz oder lang kommen wird, noch in diesem Jahrzehnt, Bedingungen schaffen, dafür massiven Druck zu entwickeln, breite Teile der Gesellschaft und auch bürgerlicher Kreise zu gewinnen und so politische Durchsetzungskraft zu gewinnen.

Ich bin nur begrenzt optimistisch, ob das gelingen kann. Aber es scheint mir jedenfalls weitaus realistischer als die Vorstellung, irgendwann in absehbarer Zukunft unmittelbar die grundsätzliche Machfrage stellen und den Kapitalismus in einem revolutionären Kraftakt überwinden zu können. Wir sehen an Griechenland, wie die Machtverhältnisse sind. Selbst wenn es in einem Land gelungen ist, gestützt auf soziale Mobilisierung eine konsequent linke Partei an die Regierung zu bringen, hat das Kapital national und erst recht international reichlich Machtressourcen, um den linken Versuch zu blockieren. Eine links geführte BRD hätte natürlich ganz andere Bedingungen und Möglichkeiten, aber davon sind wir weit entfernt und auch dann müssten die Kräfteverhältnisse realistisch eingeschätzt werden. Ich denke, dass zunächst nur eine linke Reformpolitik geht, Zwischenetappen nötig sind, Erfahrungen gesammelt und neue Stützpunkte und breitere Unterstützung für weitergehende Veränderungen aufgebaut werden müssen. Erst mal müssen wir das schaffen, danach erst stellen sich weitergehende Aufgaben. Insoweit ist der Sozialismus m.E. gegenwärtig eine sozusagen orientierende Utopie, deren Realisierung aber nicht unmittelbar ansteht.

Die Freiheitsliebe: Danke dir für das Interview

Bestellen kann man das Werk „Kapitalismus verstehen. Einführung in die Politische Ökonomie der Gegenwart“ hier.Man kann es sich auch bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung als PDF runterladen.
Ralf Krämer ist neben seiner Arbeit bei verdi noch Bundessprecher der „Sozialistischen Linken“.

Über den Autor

Ich habe 2009 die Freiheitsliebe gegründet aus dem Wunsch, einen Ort zu schaffen, wo es keine Grenzen gibt zwischen Menschen. Einen Ort an dem man sich mitteilen kann, unabhängig von Religion, Herkunft, sexuelle Orientierung und Geschlecht. Freiheit bedeutet immer die Freiheit von Ausbeutung. Als Autor dieser Webseite streite ich für eine Gesellschaft, in der nicht mehr die Mehrheit der Menschen das Umsetzen muss, was nur dem Wohlstand einiger Weniger dient.
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3 Kommentare

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    Marin sagt:

    Krämers Buch ist langweilig und weiß nichts überzeugendes zu bieten.
    Ein Beispiel: Wenn er das Wegbrechen der Arbeit versucht damit zu widerlegen, dass er von der statistischen Ausweitung der Erwerbsarbeit zu berichten weiß, fragt man sich, ob er das marxsche Kapital je gelesen hat. Wie die VWL unterscheidet Krämer bei den Arbeiten nicht, er setzt sie alle gleich; die schon um 1900 von der VWL gekippte Arbeitswertlehre ist ihm kein Begriff. Die wäre immerhin ein Anfang. In Kürze: Die Arbeit, die Wert und Mehrwert produziert, schrumpft unwiderruflich zusammen; es gibt ein WEgbrechen der Mehrwertmasse und/oder Wertmasse, was auch bei steigendem BIP geschehen kann. Andere Arbeiten – in der Regel, wenn auch nicht ausschließlich, sind es die so genannten Dienstleistungstätigkeiten, können steigen; in der Regel tun sie es in der Form von prekären Arbeisverhältnissen. Das soll reichen, wer will, wird hellhörig

    • 2.1
      Ralf Krämer sagt:

      Die Arbeitswerttheorie ist mir nicht bekannt, sondern in dem Buch breit dargelegt. Es wird keineswegs alle Arbeit gleich gesetzt, sondern unterschiedliche Formen und Bereiche von Arbeit und die Auweitung prekärer Beschäftigung werden ausführlich diskutiert, speziell auch abstrakte Arbeit und produktive Arbeit. Das kann jede/r leicht nachprüfen mit Register oder Suchfunktion in der PDF. Da stellt sich eher die Frage, ob Marin das Buch gelesen hat. Problem ist wohl, dass Marin eine m.E. falsche Auffassung und Lesart vertritt und wertschaffende Arbeit anscheinend auf industrielle im engsten Sinne verengt, um seine falsche Auffassung vom fortschreitenden Rückgang behaupten zu können. Wahrscheinlich glaubt er die Phantasien vom Ende der Arbeit a la Krisis-Gruppe und da ärgert ihn dann ein Buch, das prononciert und empirisch belegt vermittelt, dass die Realität ganz anders aussieht und wir uns mit den Krisen des Kapitalismus wesentlich konkreter auseinandersetzen müssen und dabei auch neuere Entwicklungen und Theorien und Daten ernst nehmen müssen.