Kritik des Staatsfeminismus oder warum der Staat kein Vorkämpfer für Gleichberechtigung ist

14. Juli 2015 - 15:43 | | Kultur | 0 Kommentare
kritikdesstaatsfeminismus

Familienpolitik ist in den letzten Jahren immer mehr in den Fokus der Politik gerückt, etwa in Form des Ausbaus und der Garantie von KITA-Plätzen oder der Einführung des Betreuungsgeldes. Lilly Lent und Andrea Trumann hinterfragen in ihrem Buch „Kritik des Staatsfeminismus“ die eigentliche Intention hinter diesen Gesetzen. Ist der Staat hierbei wirklich ein Verfechter des Feminismus, der Gleichberechtigung der Geschlechter oder liegen hinter diesen Gesetzen und Vorhaben womöglich ganz andere Interessen.

Im ersten Teil des Buches, „Die Ideologie der guten Mutter“, zeigen die beiden Autorinnen auf, wie sehr sich das Bild der Mutter in den letzten Jahren verändert hat. Sie ziehen dabei auch Schlüsse zu den Kämpfen von Feministinnen der zweiten Frauenbewegung. Heute ist das Muttersein fast zu einem Vollzeit-Job mutiert. Wurde vor einigen Jahrzehnten noch darauf hingewiesen, dass Kind etwa auch einmal schreien zu lassen und nicht bei jedem Versuch des Kindes auf sich aufmerksam zu machen direkt zu reagieren, so wird das Kind heute jederzeit umsorgt und versucht auf alle seine Wünsche direkt zu reagieren. Ausführlich widmen sich die beiden Autorinnen auch dem Stillen und den vielen Ratschlägen, mit denen sich Frauen auch schon während der Schwangerschaft konfrontiert sehen. All dies steht hinter der Idee der perfekten Mutter.
Der zweite Teil des Buches widmet sich der „aktuelle(n) Variante der isolierten Kleinfamilie“, der zunächst einen historischen Abriss liefert wie sich die Kleinfamilie historisch gewandelt hat und das heutige Bild der nuklearen Kleinfamilie entstanden ist. Heute sind Familien viel weniger mit Nachbarn und Familienangehörigen verbunden, die Teile der Betreuung der Kinder übernehmen und so die Eltern, besonders die Mutter, entlasten könnten. Auch eine Isolation der Familien von Freunden findet statt, die selbst keine Kinder haben. Verheiratete Paare mit Kindern haben heute den kleinsten Freundeskreis im Gegensatz zu anderen Formen des Zusammenlebens. Die ebenfalls angesprochene Isolation der Frau kann hierbei nur der logisch nächste Schritt aus dem geringen Freundeskreis und der Isolation von Nachbarn und Familienangehörigen sein.
Elterngeld, Ehegattensplitting, Kitaausbau und Betreuungsgeld werden in „die (Un)Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ ausführlich besprochen. Die Autorinnen zeigen hier deutlich auf, dass der Ruf von vielen Feministinnen nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie über diese verschiedenen Möglichkeiten bereits von Seite des Staates größtenteils realisiert wurden. Es wird in diesem Teil des Buches jedoch deutlich zu welchem Preis dieser Versuch der Balance zwischen Beruf und Familie für die Eltern, besonders die Mutter, jedoch ist. Arbeitet die Mutter Vollzeit und versucht abends nach einem stressigen Tag noch Zeit mit den Kindern zu verbringen, wird sie sich dabei oft nicht wie eine gute Mutter fühlen. Burn-Out und Depression können hier nur die Folge aus dem eigentlichen nicht gewinnbaren Kampf für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sein.
Die Autorinnen zeigen auf, welches eigentliche Interesse der Staat mit seiner Familienpolitik verfolgt: die Reproduktion der Arbeitskraft bei gleichzeitiger schnellstmöglicher Reintegration der Frau in den Arbeitsmarkt und der Verbilligung des Preises der Ware „Arbeitskraft“. Das dominante Familienmodell, in dem der Mann Vollzeit und die Mutter Teilzeit arbeitet, ist hier das natürliche Resultat aus diesem Interesse. Die prekären Arbeitsbedingungen von Frauen, die Minijobs oder in Teilzeit arbeiten, sind unumgänglich. Die beiden Autorinnen zitieren im Teil „Sinn und Zweck“ des Staatsfeminismus eine Studie laut der bei Änderung aller Stellen in Deutschland in Vollzeit-Jobs plötzlich 13 Millionen Menschen arbeitslos wären.
Das Buch schafft es in seinen nur knapp über 100 Seiten prägnant und detailliert Kritik an der Familienpolitik des Staates und dem Staatsfeminismus an sich zu üben. Der Staat versucht nicht für die Gleichberechtigung der Frau zu kämpfen, sondern hält ein Familienmodell und Bild der Mutter am Leben, dass im Grunde nur schädlich für Frauen ist. Das eigentliche Ziel seiner Politik ist die Reproduktion der Ware „Arbeitskraft“ nach dem Maximalprinzip, Aspekte wie Elterngeld sind hierbei nur Teil seiner Kosten-Nutzen-Analyse. Auch wenn die Autorinnen selbst wenige Vorschläge zu Alternativen machen, zeigen sie deutlich auf, dass ein grundlegender Bruch mit der momentanen Kleinfamilie und Ideologie der Mutter stattfinden muss. Das Buch ist absolut empfehlenswert, eine treffende Analyse und Kritik des Staatsfeminismus auf knapp 100 Seiten.

Das Buch kann hier bestellt werden.
Eine Besprechung von Vanessa Reitz, einer Aktivist bei Linksjugend [’solid]

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