Die man nicht sieht

23. Mai 2020 - 12:00 | | Kultur | 0 Kommentare

In Once, einer argentinischen Stadt nahe Buenos Aires, kämpfen Ismael (15), seine Freundin Enana (13) und deren kleiner Bruder Ajo, er ist erst 6, ums Überleben. Für sie ist es nur wichtig, etwas zu Essen zu finden und nicht in die Hände der Behörden zu fallen, die sie ins Heim stecken würden oder vielleicht auch Schlimmeres.

Sie leben von Einbrüchen, der kleine Ajo , flink wie ein Äffchen, findet seinen Weg in fast jedes Haus. Ihre Aufträge zum Einbruch in die Villen reicher Leute erhalten sie von dem ehemaligen Polizisten Guida (zu deutsch: Führer), der ihnen auch vorschreibt, was sie zu stehlen haben. Nur einen kleinen Teil des Diebesguts dürfen die Kinder behalten, den größten Anteil erhält Guida. Teil ihrer Einbrüche ist auch immer der Kühlschrank, wobei sie immer nur so viel nehmen, dass es nicht auffällt. „Immer nur genau so viel, dass nicht nachzuvollziehen war, wo sie genascht hatten, aber genug, um sich sattzuessen.“

Eines Tages bietet ihnen Guida einen Job in Uruguay an. Er appeliert an ihr Vertrauen in ihn, erzählt ihnen es sei nicht schwierig und lockt sie mit ihrem Wunsch, das Meer zu sehen. Die heimliche Überfahrt ist alles andere als eine Vergnügungsreise und bald wird den Kindern, und gleichzeitig auch dem Leser, klar, wie gefährlich diese Reise werden wird. In neun Häuser in sechs Tagen in festgelegter Reihenfolge einzubrechen, ist kein Abenteuer. Ihr Auftraggeber gibt ihnen dazu Hilfsmittel, Hackfleisch für die Hunde, ein Schlafspray für die Menschen und ein Handy, mit dem sie sich zu genau festgelegten Zeiten melden sollen. Es wird klar, dass die Kinder nur ausgewählt wurden, weil sie niemand vermissen wird. Die Kinder können diese Situation in einer fremden Umgebung nicht kontrollieren und sind ihren Auftraggebern, die sie ständig aus der Ferne überwachen, hilflos ausgeliefert. Es kann nicht gut gehen.

Bei der Beschreibung der Villen, in die die Kinder einbrechen, wird die Realität Südamerikas sichtbar – unendlicher Reichtum steht dem Überlebenskampf und der Lebenswirklichkeit der Kinder gegenüber. Die Autorin erzählt ohne Sozialromantik, sondern zeigt die ständige Bedrohung auf, mit der die Kinder leben müssen.

An manchen Stellen wirkt der Roman fast ein bisschen surreal, etwa wenn die Gedankenwelt eines braven Haushundes beschrieben wird, der keine Lust mehr hat, brav zu sein, sondern sich Jagdhunden anschließt, um an ihren Abenteuern teilzuhaben.

Auch die Verhaltensweisen der Bestohlenen werden beobachtet und Teile ihrer Gespräche und Gedanken wiedergegeben. Einblicke in ihre Gefühlswelt machen den Kontrast zur Wirklichkeit der Kinder noch intensiver und deutlicher.

Lucia Puenzo erzählt in „Die man nicht sieht“ die Geschichte der Kinder, schnell, ohne Umschweife und ohne zu beschönigen. Häufig wirkt das Erzählte wie ein Film, der aus verschiedenen Perspektiven aufgenommen wird.

Ein lesenswerter Roman, der den Leser in seinen Bann zieht. Das Buch kann hier bestellt werden.

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