Alles wird scheiße? Zukunftsperspektiven in gegenwärtigen Science-Fictions

25. April 2018 - 12:00 | | Kultur | 2 Kommentare

Literatur ist Teil der Gesellschaft und bildet sie nach Eigenlogik ab. Das trifft auch auf Science Fiction zu. Welches Bild von unserer Gesellschaft und welche Aussichten auf den weiteren Fortgang gegenwärtige Science-Fiction entwirft, fragt sich Benni Roth.

Science Fiction hat zurzeit v.a. negative Aussichten für die Zukunft. Entweder wird der Status Quo bejaht und eine technologisch hochentwickelte Gesellschaft unter kapitalistischen Vorzeichen sowie liberal-demokratischen Strukturen entworfen. So gibt es zum Beispiel in Star Wars einen korrupten Senat, der von einer Diktatur verschluckt wird. Oder es werden Dystopien gezeigt, in denen bereits heute vorhandene Missstände massiv verschärft auftreten und durch eine dem Menschen feindliche technologische Entwicklung intensiviert werden. In Elysium verlassen die Reichen die Erde auf eine luxuriöse Raumstation, während die Verdammten dieser Erde – die Ärmeren – ihr Leben in Elend und Repression fristen. In Blade Runner übernimmt das wirtschaftliche Großkonglomerat Tyrell Corporation die Herrschaft. Bei In Time wird durch die Lebenszeit-Entlohnung eine lebensbedrohliche Verschärfung der Ausbeutung betrieben. In Minority Report erfolgt die Vervollkommnung der Bürgerüberwachung durch die sofortige Bestrafung von erfassten Gewaltgedanken. Und in Star Wars VII übertrifft die Star Killer Basis sogar die Feuerkraft des Todessterns und beweist, dass es immer eine noch schlimmere Massenvernichtungswaffe gibt. All diese Dystopien sind aus realen Verhältnissen inspiriert und deuten in dramatischer Weise an, wie weit es vielleicht noch kommen könnte.

Ein wichtiges Motiv gegenwärtiger SciFi ist zudem das Einzelkämpfertum. Superheld*innen oder Hochbegabte versuchen, die Welt zu retten, während Menschenmassen nur als Kanonenfutter oder Mob auftreten. Muskelbepackte Helden und halbnackte Heldinnen zeigen hierbei auch eine sexistische Komponente, die gesellschaftliche Normen propagiert: für den Profit von Fitnessstudios und Schönheitsindustrie und zum Leidwesen der von Essstörungen betroffener Menschen. Außerdem ist es ein fataler Irrglaube, dass Konflikte der Menschheitsgeschichte von Ausnahmepersonen gelöst würden. Die Novemberrevolution wurde zum Beispiel von meuternden Matrosen, streikenden Arbeiter*innen und Friedensbewegten angetrieben, auch wenn Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht uns als herausragende und prägende Persönlichkeiten in Erinnerung geblieben sind.

Auch werden die Krisen in Science Fiction meist autoritär und militärisch gelöst. In World War Z findet sich beispielsweise mit dem Abschlachten von Zombies eine Szene, die beim Zuschauer Sympathien für die Vernichtung von Menschenmassen erzeugen soll. Im Zombieszenario werden auch immer jene, welche die Zombies nicht töten wollen, als schwache Idealisten gezeichnet, deren Tod dann oft „verdient“ erscheint – zum Beispiel im Zombie-Roman Eden, wo eine Hippiekommune die Zombies heilen will und dafür zerfleischt wird.

Überwindung des Kapitalismus, vor allem konkrete Ausgestaltung, zeigt Science Fiction nicht; höchstens das Ausweichen auf andere Planeten oder die Rückkehr zur vorkapitalistischen Gesellschaft durch Apokalypse. Nein, utopische Science Fiction erfreut sich keiner breiten Öffentlichkeit. Es ist – laut Fredric Jameson – gerade offenbar leichter, sich das Ende der Welt vorzustellen, als das Ende des Kapitalismus. So dominiert selbst bei revolutionärer SciFi das Motiv der verratenen Revolution oder Ungewissheit über den Fortgang (Tribute von Panem).

Über den Autor

Critica ist die Studierendenzeitung des SDS (http://www.linke-sds.org/media/critica/)

2 Kommentare

  • 1
    Kosmobatalanto says:

    Als leidenschaftlicher SciFi- und Fantasy-Fan kann ich das leider bestätigen, zumindest was Mainstream-Werke und Filme angeht. Die meisten davon sind was Gesellschaft, Politik und Wirtschaft ihrer präsentierten fiktiven Welten angeht nicht sehr kreativ.

    In der Regel werden exakt die Strukturen der heutigen oder vergangener Epochen unreflektiert übernommen. Auch wenn es meist keinen Sinn machgt, dass Kapitalismus und Lohnarbeit trotz hochentwickelter Maschinen und Programme noch funktioneren, oder dass alle Leute Englisch sprechen und fast immer weiß sind, teilweise machen beides auch Außerirdische, was noch unlogischer ist.^^

    Dafür gibt es viele Bücher unbekannter Autoren aus Nischen-Genres, die mehr Abwechslung bringen, etwa Solarpunk.