Wie man Liebe gesellschaftsfähig macht

27. Februar 2017 - 07:55 | | Gesellschaft | 0 Kommentare

Die Monetisierung von Liebe ist nichts Neues – sie steht im Zentrum des kapitalistischen Systems. Jedes Jahr inspiriert der 14. Februar eine ganze Reihe von Beschimpfungen über die Vulgarisierung der Romantik zu einem Konsum-Feiertag – einer der uns manipuliert unsere Liebe zu zeigen, indem man zu große Teddy-bären und Grußkarten kauft. Aber die Monetisierung von Liebe ist weder neu noch besonders am Valentinstag: Es ist das Herz des Kapitalismus- Projekts.

„Tatsächlich war nichts so machtvoll im instituieren unserer Arbeit, der Familie, und unserer Abhängigkeit von Männern, wie die Tatsche, dass diese Arbeit nicht mit Lohn, sondern mit ‚Liebe’ bezahlt wurde,“ schreibt die italienische Akademikerin Silvia Federici in Revolution at Point Zero: Housework, Reproduction, and Feminist Struggle. Die Arbeit der Pflege – des Kochens, Waschens, Kindererziehung und so weiter – wird traditionell als ein Frauenjob, im Namen der Liebe, angesehen. Was dabei mystifiziert wird, ist die Funktion als Arbeit, die notwendig für Reproduktion und Nachhaltigkeit des globalen Marktes ist.

Federici findet historisch die Deklamation der Pflegearbeit in der Umstellung vom Feudalismus zum Kapitalismus. Unter der feudalen Leibeigenschaft wurde Bauern Schutz und das Recht, bestimmte Felder für ihren eigenen Lebensunterhalt zu bestellen, gegeben, im Tausch für unbezahlte Arbeit und Nahrung. Im Feudalismus „ trug die Arbeit aller zum Familienerhalt bei.“

Mit der Abschaffung des Feudalismus jedoch, wurde eine neue Organisation produktiver Beziehungen basierend auf Lohnarbeit vorherrschend. Im System, das wir entstehen sehen, gibt es einen klaren Schnitt in hierarchischer Hinsicht zwischen Zuhause und Arbeit. Als Lohn notwendig zum Überleben wurde, schien nur die am Arbeitsplatz verbrachte Zeit wertvoll zu sein. Die Arbeit, die notwendig war, um sicherzustellen, dass der Arbeiter jeden Tag bereit war zur Arbeit zurückzukehren, geriet langsam in den Schatten der häuslichen Sphäre. Die Kosten für die Reproduktion der Arbeitskraft, von der die Kapitalisten abhäng waren, wurden natürlich nicht erstattet.

Massenproduktion der privaten Gefühle

Wenn die Erklärung von Pflegearbeit und die Instrumentalisierung von Liebe in der Vergangenheit als Grundlagen des Kapitalismus galten, hat sich nicht viel verändert. So sollte z.B. die Veränderung des Valentinstages von einem unbedeutenden heiligen Tag zu einem andauernden amerikanischen Konsumfeiertag in den 1840ger Jahren nicht als eine Abweichung von der Norm verstanden werden.

Dieser Prozess der Massenvermarktung brachte großes Stück des romantischen Sinnes zurück in das entfremdete der Industrialisierung. Wie ein Autor des Philadelphia Public Ledger darlegte „ wir sind zu einer Alltags-Kultur gelangt, in der fast alle alten Feste, Feier-oder Heiligentage von den Kalendern verschwunden sind…wir alle kalkulieren zuviel.“ Er preist diesen „gelobten Tag“ für Amerikaner ihre „Visitenkarten und Gedanken“ beiseite zu legen mit dem „Aufgeben ihrer Gefühle“ an.

Das puritanische Ethos von Disziplin und Abstinenz, welches den Geist des frühen amerikanischen Kapitalismus definierte, inspirierte eine ganze Gegensatzkultur von romantischer Nostalgie für das Vergnügen und die Feierlichkeiten im viktorianischen Amerika. In seinem Buch Consumer Rites, veranschaulicht Leigh Eric Schmidt die viktorianische Wiederbelebung des heiligen Valentinstages als eine Antwort auf ein tiefgründiges romantisches Verlangen. Drucker, Buchhändler und Lithographen verwendeten eine wachsende Werbeindustrie, um diese Wünsche anzuzapfen und zu einem Markt zu machen:

Die romantische Behauptung von bürgerlicher Disziplin und erleuchtender Rationalität – das schwärmerische Verlangen nach Veranstaltungen und Spielen, die erneuerte Sehnsucht nach Frieden, Feierlichkeit und Phantasie – lud zu neuen Marktideen für die Feiertage ein; Händler konnten sowohl rühren als auch dieses romantischen Verlangen nach Gefühl, Phantasie und Feierlichkeiten befriedigen.

Aber der Valentinstag war nur die Spitze. Wie Schmidt feststellt, bildete er einen Weg für ein Massen-Marketing einer großen Anzahl von Feiertagen, wie Weihnachten, Ostern und Muttertag. Ihr neuer Zweck im Kapitalismus war es, das Verlangen nach Festivitäten zu befriedigen. Gleichzeitig aber auch sie zu dominieren. Mit der Konsum-Revolution dieser Feiertage wurden Rituale von lokalen zu Nachbarschaftsfeten , zu nationalen auf Familie und Freunde zentrierten Feiertagen. Der Valentinstag verkörpert diese Veränderung, da er sich von einer kommunalen Festlichkeit mit Paarspielen, Voraussagen der Zukunft und Trinken in den Straßen oder auf Kirchenvorplätzen zum privaten Austausch von standarisierten Grüßen wandelte.

Aber die Massenproduktion von privaten Gefühlen inspirierte einen sofortigen Gegenschlag. „ Es ist ein kaltes, lebloses Geschäft wenn du in die Geschäfte gehen kannst, um mir etwas zu kaufen, was weder dein Leben noch dein Talent widerspiegelt“, beklagte sich Ralph Waldo Emerson im Jahr 1844. „Das einzige Geschenk ist ein Stück von dir selbst,“ schloss er ab.

Obwohl Emerson dazu auffordert sein „Herz zu würdigen“ und „alles für die Liebe zu lassen“ reagieren wir auf den Druck des Industrialismus, durch seine Hervorhebung der Autonomie des Individuums und des spontanen und freien Ausdrucks sind wir vollständig mit der bürgerlichen Ideologie kompatibel. Durch die Zersplitterung des sozialen Bereiches trägt er zu einem Rückzug der Liebe aus dem allgemeinen sozialen Leben zu einer „privaten und fürsorglichen Beziehung zwischen Individuen,“ bei. Da diese romantische Ideologie den Einzelnen hervorhebt und keine Bedrohung seines eigenen Ethos darstellt, bindet der Kapitalismus die Energien leicht ein und vermarktet diese zu neuem Konsum.

Die Frage bleibt, wenn Liebe komplizenhaft gemacht wurde, wie können wir sie dann erwidern? Obwohl der Sozialismus oft dafür verurteilt wurde(und immer noch wird), dass er den Einzelnen, die Romantik und die Familie im Namen des Kollektives verunglimpft, strebt er das genaue Gegenteil an: durch Kommunalisierung der Pflege und der Arbeit, die sie leistet, sicherzustellen, dass wir zur Gesellschaft beitragen können (sowie Gesundheitsversorgung, Bildung und Kinderbetreuung). Der Druck, der auf die Familie, den Lebenspartner oder das Individuum ausgeübt wird, endet damit. Es ist ohne Belastung lediglich für das bloße Überleben zu arbeiten, so dass diese Beziehungen wachsen können.

Kurz gefasst, könnte sie die Form von Wohlfahrt und großzügiger sozialer Versorgung annehmen, welche die zentrale Rolle der Pflegearbeit in der sozialen Reproduktion unserer Gesellschaft anerkennt. Ein starkes soziales Unterstützungsystem wird es jedem ermöglichen, am politischen und gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Es wird aber auch die Waage ausgleichen für diejenigen, die am anfälligsten für den Marktdruck sind -für diejenigen, die sich auf schlecht bezahlte Jobs verlassen, um ihre Familien zu versorgen.

Am Valentinstag, wenn die Frage lautet, wie wir Liebe zurückgeben können, sollte die Antwort vielleicht sein: Indem man sie revolutioniert.

Der Beitrag stammt von Sofia Cutler und Jon Fox, er wurde im Jacobin Mag veröffentlicht und übersetzt von Laura El-Khatib

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