Die Debatte zwischen Rosa Luxemburg und Lenin über die nationale Frage 1903 – 1918 – Teil 2

8. April 2017 - 08:00 | | Gesellschaft | 0 Kommentare
Lenin – Pixabay.com

Die Debatte zwischen Rosa Luxemburg und Lenin 1903 – 1918 um das nationale Selbstbestimmungsrecht der Völker erweist sich im 21. Jahrhundert angesichts der Auseinandersetzungen und Kämpfe wie die der Kurden in der Türkei, der Palästinenser in Israel, der Katalanen und Basken in Spanien, um ihre nationale Selbstbestimmung bis hin zur eigenen Staatlichkeit als erstaunlich aktuell. Deshalb soll an sie erinnert werden, nicht zuletzt auch mit Blick auf diese Debatte selbst: Ging es dabei um einen grundsätzlichen Konflikt, gar um einen Gegensatz zwischen Rosa Luxemburg und Lenin? Und 2016: Hat Putin wirklich Grund, den Zerfall der Sowjetunion zu Beginn der 1990er Jahre Lenin anzulasten? Allgemeiner gefragt: Was bleibt 100 Jahre nach dem Disput der beiden herausragenden Politiker und Theoretiker der damaligen revolutionären Arbeiterbewegung für den politischen Kampf der demokratischen Kräfte im 21. Jahrhundert? Hier geht es zum ersten Teil.

Nach Beginn des Ersten Weltkrieges kam es zwischen Rosa Luxemburg und Lenin – wie während der Revolution in Russland 190529 – zu einer starken politischen Übereinstimmung. Jedoch blieben auch jetzt bestimmte Aspekte der nationalen Frage in der Diskussion. Im Januar/Februar 1916 veröffentlichte Lenin im deutschsprachigen „Vorboten“ Thesen „Die sozialistische Revolution und das Selbstbestimmungsrecht der Nationen“. Er hob dieses Recht als Teil des demokratischen Programms hervor, für dessen Verwirklichung Sozialdemokraten kämpften, um den Weg zum Sozialismus zu öffnen. Auch die anderen demokratischen Forderungen seien im Kapitalismus nur unvollständig durchführbar. „Aber daraus folgt keinesfalls der Verzicht der Sozialdemokratie auf den sofortigen und entschiedenen Kampf für alle diese Forderungen.“ Lenin ging hier auch auf die „neueste Formulierung der Position der polnischen Sozialdemokratie in der Nationalfrage“, wie sie sich in deren Erklärung auf der Zimmerwalder Konferenz (September 1915) niedergeschlagen hatte, zitierte diese und schlussfolgerte: „Von der Anerkennung des Selbstbestimmungsrechts unterscheiden sich diese von uns unterstrichenen Sätze nicht.“ (Die Erklärung sprach unter anderem die Überzeugung aus, dass nur die Teilnahme des revolutionären Proletariats am bevorstehenden Kampf um den Sozialismus „die Fesseln der nationalen Unterdrückung sprengen und jede Fremdherrschaft aufheben wird, dem polnischen Volke die Möglichkeit einer freien, allseitigen Entwicklung als einem gleichberechtigten Glied in der Internationale der Völker sichern wird“.)

Im Juli 1916 schrieb Lenin unter Bezug auf seine Thesen vom Januar/Februar und Thesen, die im Organ der polnischen sozialdemokratischen Opposition „Gazeta Robotnicza“ veröffentlicht worden waren, „Die Ergebnisse der Diskussion über die Selbstbestimmung“. Im Abschnitt „Was sind Annexionen?“ zitierte er die Antwort der polnischen Genossen darauf, die in der genannten Publikation erklärten, dass sie (Lenin zitiert)„gegen die gewalttätige Erhaltung der unterdrückten Nationen in den Grenzen des annektierenden Staates“ seien. Und er stellte fest: Das „ist genau das gleiche wie für das Selbstbestimmungsrecht der Nationen sein“, denn: „Gegen Annexionen sein bedeutet, für das Selbstbestimmungsrecht sein.“ Er würdigte den Internationalismus der polnischen Genossen, erklärte ihre von seinen abweichenden Aussagen mit den besonderen Verhältnissen in Polen. Und (unter den gegebenen Bedingungen des Krieges): „Die Losung der Unabhängigkeit Polens jetzt aufstellen, angesichts des gegenwärtigen Verhältnisses zwischen den imperialistischen Nachbarstaaten, heißt in der Tat einer Utopie nachjagen, in engstirnigen Nationalismus verfallen, die Voraussetzung der gesamteuropäischen oder zumindest der russischen und der deutschen Revolution vergessen.“ Zu den Argumenten gegen die Unabhängigkeit Polens: „All das ist sehr richtig… für heute, denn selbst eine Revolution in Polen allein würde hier nichts ändern, die Aufmerksamkeit der polnischen Massen würde aber abgelenkt werden von der Hauptsache: vom Zusammenhang ihres Kampfes mit dem Kampf des russischen und des deutschen Proletariats. Es ist kein Paradox, sondern eine Tatsache, dass das polnische Proletariat als solches heute der Sache des Sozialismus und der Freiheit, auch der polnischen, nur dienen kann, wenn es gemeinsam mit dem Proletariat der Nachbarländer gegen die engstirnigen polnischen Nationalisten kämpft. Es ist unmöglich, das große historische Verdienst der polnischen Sozialdemokraten im Kampf gegen diese letzteren zu leugnen.“ Die Lage sei „zweifellos sehr verwirrt, aber es gibt aus ihr einen Ausweg, bei dem alle Beteiligten Internationalisten bleiben: die russischen und die deutschen Sozialdemokraten, indem sie die bedingungslose ‚Freiheit der Lostrennung‘ Polens verlangen, und die polnischen Sozialdemokraten, indem sie für die Einheit des proletarischen Kampfes in einem kleinen Lande und den großen Ländern kämpfen, ohne für die gegebene Epoche oder die gegebene Periode die Losung der Unabhängigkeit Polens aufzustellen.“  Lenin stellte in diesem Aufsatz außerdem fest: Der Vergleich der „praktischen Vorschläge“ in den nationalen Programmen der polnischen Genossen und der SDAPR – hier Autonomie, dort das Recht auf Lostrennung – ergäbe, dass sich die beiden Programme „nur dadurch unterscheiden“. Der Dissens zwischen Rosa Luxemburg und Lenin in der nationalen Frage in ihrem Disput 1903-1916 reduziert sich also auf die Frage der staatlichen Unabhängigkeit Polens.

Im Februar 1916 erschien unter dem Pseudonym Junius die grundlegende Arbeit Rosa Luxemburgs „Die Krise der Sozialdemokratie“ mit „Leitsätzen über die Aufgaben der internationalen Sozialdemokratie“ als Anhang.37 Lenin reagierte auf die „Junius“-Broschüre mit einem 16-seitigen Artikel (geschrieben im Juli, veröffentlicht in der Schweiz im Oktober 1916). Die Broschüre, schrieb er, befasse sich besonders „mit der Analyse des Krieges, mit der Widerlegung der Legende von seinem freiheitlichen, nationalen Charakter, mit dem Nachweis, dass dies sowohl vonseiten Deutschlands als auch vonseiten der andern Groß- mächte ein imperialistischer Krieg ist, ferner mit revolutionärer Kritik am Verhalten der offiziellen Partei. Die überaus lebendig geschriebene Broschüre von Junius hat zweifellos im Kampf gegen die auf die Seite der Bourgeoisie und der Junker übergegangene ehemals sozialdemokratische Partei Deutschlands eine große Rolle gespielt und wird sie auch weiterhin spielen, und wir begrüßen den Autor vom ganzen Herzen.“ Mit einigen der Aussagen setzte er sich auseinander und schrieb dazu: „Wenn wir in den nachfolgenden Ausführungen Kritik an den Mängeln und Fehlern von Junius üben, müssen wir ausdrücklich unterstreichen, dass wir dies um der für Marxisten notwendigen Selbstkritik willen und zur allseitigen Überprüfung der Anschauungen tun, die als ideologische Grundlage der III. Internationale dienen sollen. Die Junius-Broschüre ist im großen und ganzen eine ausgezeichnete marxistische Arbeit, und es ist sehr wohl möglich, dass ihre Mängel bis zu einem gewissen Grade zufälligen Charakters sind.“

Bei der Kritik Lenins an der Junius-Broschüre ging es um die nationale Frage im Allgemeinen und die nunmehr von Rosa Luxemburg bestrittene Möglichkeit nationaler Kriege unter Bedingungen des Imperialismus im Besonderen. Er argumentierte dagegen mit dem Verweis auf die Unvermeidlichkeit nationaler Kriege in den Kolonien und Halbkolonien und deren Möglichkeit auch in Europa, zum Beispiel der kleinen Staaten, nicht zuletzt im Osten Europas, gegen die imperialistischen Mächte: „Nationale Kriege gegen imperialistische Mächte sind nicht nur möglich und wahrscheinlich, sie sind unvermeidlich, sie sind fortschrittlich und revolutionär.“ Und: Es müsse jedoch bemerkt werden, „dass es ungerecht wäre, Junius der Gleichgültigkeit den nationalen Bewegungen gegen- über zu bezichtigen… Er erklärt mit voller Bestimmtheit: ‚Der Sozialismus gesteht jedem Volke das Recht auf Unabhängigkeit und Freiheit, auf selbständige Verfügung über die eigenen Geschicke zu’.“ Auch damit wird deutlich, dass sich der Dissens zwischen den Auffassungen Lenins und Rosa Luxemburgs in der nationalen Frage eigentlich auf „die Frage der Unabhängigkeit Polens reduziert“.

Nach der Oktoberrevolution 1917

1918 kam Rosa Luxemburg noch einmal auf die nationale Frage zurück in ihrer unvollendeten Schrift „Zur russischen Revolution“ (veröffentlicht erst 1922 von Paul Levi), in der sie sich kritisch mit der Politik der Bolschewiki nach der Oktoberrevolution 1917 auseinandersetzte und diesen u. a. vorwarf, mit der Politik des Selbstbestimmungsrechts der Nationen zum staatlichen Zerfall Russlands beigetragen und die Aggression Deutschlands gegen Sowjetrussland unterstützt zu haben. Im Fragment „Über Krieg, nationale Frage und Revolution“ (1918) ging sie auf das Aufblühen des Nationalismus im Ersten Weltkrieg ein – dieser sei „augenblicklich Trumpf“: „Von allen Seiten melden sich Nationen und Natiönchen mit ihren Rechten auf Staatenbildung an … und ‚geschichtslose‘ Völker, die noch nie selbständige Staatswesen bildeten, verspüren einen heftigen Drang nach Staatenbildung, Polen, Ukrainer, Weißrussen, Litauer, Tscheche, Jugoslawen, zehn neue Nationen des Kaukasus …“ – „die Formel der ‚nationalen Selbstbestimmung‘“ sei „hohl und dürftig“ Im Rahmen der Programmdebatte der SDAPR Ende 1917 schieb Lenin zur „Frage des Selbstbestimmungsrechts der Nationen“: „Wir wollen die freie Vereinigung, und darum sind wir verpflichtet, das Recht auf Lostrennung anzuerkennen (ohne das Recht auf Lostrennung kann die Vereinigung nicht als frei bezeichnet werden) … Aber wir wollen die Vereinigung …“ Wodurch? „Nicht durch Gewalt, sondern ausschließlich durch freiwillige Vereinbarung …“ Lenin focht in den Jahren bis 1922 – gegen Stalins Idee des administrativen Eintritts der einzelnen Sowjetrepubliken in die Russländische Föderation– für einen freiwilligen Zusammenschluss, eine Union der sozialistischen Sowjetrepubliken Ukraine, Belorussland, Transkaukasische Föderation (Armenien, Aserbaidshan, Grusinien) und RSFSR auf der Grundlage völliger Gleichberechtigung.45 Im Oktober 1922 nahm das Plenum des ZK der KPR(B) den Beschluss über die Gründung der UdSSR an, in dem es hieß, es werde der Abschluss eines Vertrages zwischen Ukraine, Belorussland, der Föderation der Transkaukasischen Republiken und der RSFSR über deren Vereinigung in der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken als notwendig anerkannt – unter Beibehaltung des Rechts jeder von ihnen auf den freien Austritt aus der Union. Im Oktober/November 1922 sprachen sich die Plenartagungen der Zentralkomitees der kommunistischen Parteien der Ukraine, Belorusslands, Aserbaidshans, Grusiniens und Armeniens für die Vereinigung dieser Sowjetrepubliken in der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) aus. Am 30. Dezember 1922 nahm der I. Kongress der Sowjets der UdSSR die Deklaration über die Gründung der UdSSR an. Rosa Luxemburg konnte das nicht mehr erleben.

Die Debatte – in der Literatur differenziert reflektiert

Die Debatte zwischen Lenin und Rosa Luxemburg über die nationale Frage wurde in der Literatur von mehreren Autoren behandelt. Rosa Luxemburgs wichtigste Biographen, Annelies Laschitza und Feliks Tych, sprachen darüber auf der Tagung „Rosa Luxemburg und die nationale Frage“ am 6. März 1993 in Potsdam. Annelies Laschitza sprach ausführlich und sehr differenziert zu „Rosa Luxemburg über nationale Werte und nationalistische Gefahren“. U.a. sagte sie: Rosa Luxemburg war „in ihrer Gegnerschaft zu jeglicher Unterdrückung de facto auch für das Recht auf nationale Selbstbestimmung und wusste um die Eigenständigkeit und Langlebigkeit nationaler Werte. Definitiv schloss sie jedoch unter kapitalistischen Bedingungen die Verwirklichung echter nationaler Selbstbestimmung und die Gleichberechtigung der Nationen aus. Dieser Widerspruch versperrte ihr den offenen Zugang zum Verständnis für nationale Losungen in den Programmen und in der Politik anderer Parteien, für nationale Bedürfnisse unter der Bevölkerung und für Bündnisse im Ringen um demokratische Verhältnisse, solange die Zeit für revolutionäre Veränderungen nicht reif war… Rosa Luxemburg überschätzte die Massenhaftigkeit der Einsicht der Menschen in objektive Entwicklungsprozesse nicht nur hinsichtlich der nationalen Frage und unterschätzte die Einflussmöglichkeiten der nationalen Idee.“ Und: „Während Rosa Luxemburg Gefahren und Gefahrenherde klar erkannte und gründlich analysierte, beschränkte sie sich in ihren Folgerungen starr und unflexibel auf die Feststellung der Unmöglichkeit wahren nationalen Selbstbestimmungsrechts unter kapitalistischen Bedingungen, auf die Unterordnung der nationalen Fragen unter die soziale Frage, auf die Orientierung internationalen Zusammenhalts der Arbeiterklasse und auf die Weltrevolution zum Sturz des Kapitalismus.“ Und doch: „Ungeachtet dessen, dass Rosa Luxemburg so eng und allgemein ihren Antinationalismus formulierte und dass sie die Frage, wie denn nun konkret nationale Fragen gelöst und nationalistische Gefahrenherde beseitigt werden, auch nicht speziell beantwortete, kann doch festgestellt werden: In ihren Erörterungen über den Nationalismus überwogen scharfsinnige Prophezeiungen die Illusion und den Irrtum… Es stecken im Irrtum wie in der Prophetie ihrer Betrachtungen zur nationalen Frage wertvolle Erfahrungen und theoretische Anregungen zum weiteren Nachdenken.“ Dieser Überlegung ist voll zuzustimmen. In ihrer 1996 erschienenen Biographie Rosa Luxemburgs schätzte Annelies Laschitza ein: Luxemburgs Polemik gegen das Recht auf nationale Selbstbestimmung bis zur staatlichen Eigenständigkeit habe keine Bestätigung gefunden.

Sie „meinte, darunter leide der Internationalismus und die Einheit des sozialistischen Staatswesens werde zerstört bzw. gefährdet. Sie war nach wie vor davon überzeugt, dass Fragen der nationalen Existenz und Selbstbestimmung um der welthistorischen Perspektive des sozialen Befreiungskampfes willen als überlebte und untergeordnete Probleme abgetan werden können. Dieses Fehlurteil veranlasste sie, die Gründung des polnischen Staates zu missbilligen.“ Feliks Tych führte auf der Potsdamer Tagung 1993 u.a. aus: „Für Rosa Luxemburg galt die sozialistische Arbeiterbewegung als die höchste Form der demokratischen Befreiungsbewegung, und schon aus diesem Grund hatte für sie die nationale Frage eine untergeordnete Bedeutung. Der Sieg des Sozialismus wird – nach ihrem Schema – automatisch auch die nationale Frage lösen… Der Kampf um die Schaffung neuer bürgerlicher Nationalstaaten sei nicht die Aufgabe der Arbeiterklasse… Nicht Abgrenzung und Trennung, sondern volle Gleichberechtigung und Demokratisierung, volles Recht auf die Entwicklung einer nationalen Kultur bildete für sie die moderne Antwort auf die nationale Frage.“ Auf die Frage, was heute von den Theorien Rosa Luxemburgs in der nationalen Frage bleibt, antwortete Tych: „Sie hat besser als andere Politiker in der II. Internationale verstanden, wie groß die Gefahr des Nationalismus für den zivilisatorischen Prozess ist.“ (Ebenso wie Lenin – U. P.) Dabei bleibe es offen, „ob ihr Schema in der nationalen Frage die Entwicklungsvariante einer politischen Option nicht nur der Mehrheit der Bevölkerung, sondern auch der Mehrheit der Arbeiterklasse der betroffenen Länder für einen eigenen Nationalstaat, ganz einfach übersehen hat oder ob die durch Rosa Luxemburg vorgeschlagene Politik der Arbeiterbewegung in der nationalen Frage eine Alternative gegen die erste Tendenz bilden sollte… Alles scheint darauf hinzudeuten, dass wir es mit beiden Tendenzen bei Rosa Luxemburg zu tun haben: mit einer Unterschätzung der politischen Durchsetzungskraft des Nationalen und mit einem Versuch, diese Entwicklung politisch zu parieren, zugunsten der supranationalen Lösungen.“

Auf den Disput zwischen Lenin und Rosa Luxemburg war auch der britische Sozialist Tony Cliff in seiner 1959 erschienenen „Studie über Rosa Luxemburg“ eingegangen. Er schrieb: „Die Differenz zwischen Lenins und Rosa Luxemburgs Haltung zur nationalen Frage lässt sich kurz folgendermaßen formulieren: Während Rosa, vom Kampf gegen den polnischen Nationalismus ausgehend, dazu neigt, die nationale Unabhängigkeit bewusst zu negieren, sah Lenin realistisch, dass angesichts der verschiedenen Positionen unterdrückter und unterdrü- ckender Nationen auch deren Haltung gegenüber der gleichen Frage verschieden sein müsse. So gehen beide von verschiedenen, einander widersprechenden Situationen aus, schreiten in entgegengesetzter Richtung fort, um am gleichen Punkt der internationalen Einheit der Arbeiter anzukommen. Rosa Luxemburg tat die Frage der nationalen Selbstbestimmung als unvereinbar mit dem Klassenkampf ab; Lenin ordnete sie dem Klassenkampf unter… Der entscheidende, bei Rosa Luxemburg fehlende Punkt der Leninschen Analyse der nationalen Frage war die Dialektik: Er sah die Einheit der Gegensätze in der nationalen Unterdrückung und die Unterordnung des Teils (des Kampfes um nationale Unabhängigkeit) unter das Ganze (den internationalen Kampf für den Sozialismus). Rosa Luxemburgs Stärke bei der Behandlung der nationalen Frage … liegt im Internationalismus und in der Unabhängigkeit ihres Denkens.“ Arnold Reisberg ging in seinem umfangreichen Werk „Lenins Beziehungen zur deutschen Arbeiterbewegung“, erschienen in Berlin 1970, im Abschnitt über der ersten Weltkrieg besonders auf Lenins Reaktion auf die „Junius Broschüre“ ein: „Ausführlich setzte sich Lenin mit der These auseinander, dass es in der Ära des Imperialismus keine nationalen Kriege geben könne. Diese These erklärte sich als Reaktion auf die sozialpatriotische Losung der nationalen Vaterlandsverteidigung im ersten Weltkrieg… Der Kampf gegen diesen Sozialchauvinismus war richtig und ein großes Verdienst der Linken. Der Fehler begann dort, wo sie von der marxistischen Forderung, konkret zu bleiben, abweichend, die Einschätzung des ersten Weltkrieges auf alle im Imperialismus möglichen Kriege übertrugen und insbesondere die nationalen Bewegungen gegen den Imperialismus ignorierten.“ Jürgen Hentze schrieb in der Einleitung zu dem von ihm herausgegebenen Sammelband „Rosa Luxemburg: Internationalismus und Klassenkampf. Die polnischen Schriften“ über ihren Dissens mit Lenin, die Unabhängigkeit Polens betreffend: „Liest man Lenins Artikel heute [es geht um Lenins „Die nationale Frage in unserem Programm“ – siehe Anm. 10], so scheint sein Inhalt bis auf wenige Sätze eher identisch mit ihrer [Rosa Luxemburgs] Haltung in der nationalen Frage zu sein, ein Zeichen dafür, dass diese von ihrer Seite in den Vereinigungsverhandlungen [der SDKPL und der SDAPR] 1903 etwas künstlich hochgespielt wurde.“ Und verallgemeinernd über das Verhältnis Luxemburg – Lenin: Es solle „doch festgestellt werden, dass es völlig falsch ist, einen absoluten Gegensatz zwischen den beiden zu konstruieren, wie es bei uns manchem gefällt. Das Gemeinsame überwiegt das Trennende bei weitem; Rosa Luxemburg bedauert zwar die Spaltung in der russischen Arbeiterpartei, doch steht sie in der Einschätzung der gesellschaftlichen Verhältnisse Russlands und in taktischen Fragen auf der Seite der Bolschewiki. Das zeigt sich vor allem während der russischen Revolution von 1905 und im weiteren Verlauf der Ereignisse.“ Walter Baier (1978-1981, 2003-2006 Vorsitzender der KP Österreichs) streifte den Disput Rosa Luxemburg-Lenin im Aufsatz „Von Nationen und ‚Natiönchen’, historischen und ‚geschichtslosen’ Völkern – Rosa Luxemburg, W.I. Lenin und Otto Bauer“. Unter anderem heißt es bei ihm: Rosa Luxemburg „verkannte die tatsächliche Elastizität der von Lenin verfochtenen Nationalitätenpolitik – selbst im Hinblick auf die nationale Frage Polens. Ganz anders nämlich, als sie ihn verstehen wollte, machte Lenin sich keineswegs zum bedingungslosen Verfechter jedweder nationalen Unabhängigkeitsbestrebung. … Souveräner als Luxemburg stellte er… die Kontingenz nationaler Fragestellungen in Rechnung…“ – „Offensichtlich hatte Lenin mit seiner zunächst unbedingten Anerkennung des ‚Selbstbestimmungsrechts der Nationen‘ den Zug der Zeit besser erfasst als Rosa Luxemburg.“ Baier verweist diesbezogen auf die Ergebnisse der beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert und fragt abschließend: „Was wird aber nach dem Kalten Krieg und dem Zerfall der letzten europäischen Vielvölkerstaaten kommen?“ Zumindest im östlichen Teil des europäisch-asiatischen Kontinents scheine Rosa Luxemburgs Beschreibung der Situation 1918, „dass nun ‚die verschiedensten alten und neuen Rechnungen zur Begleichung, Gegensätze zum Austrag: antiquierte Reste der Vergangenheit mit aktuellsten Fragen der Gegenwart und kaum geborenen Problemen der Zukunft bunt durcheinander‘ (kommen), von einer atemberaubenden neuen Aktualität.“ Holger Politt gibt in der Einleitung zu der von ihm herausgegebenen Schrift Rosa Luxemburgs „Nationalitätenfrage und Autonomie“ ausführlich deren Positionen zum „sogenannten [?] Selbstbestimmungsrecht der Nationen“ wieder. Ohne auf Lenins Gegenargumentation einzugehen, fasst er polemisch zusammen: „Lenin pochte immer wieder auf den generellen demokratischen Anspruch des Rechts einer jeden Nation, sich einen eigenen Nationalstaat bilden und sich von anderen staatlich lostrennen zu dürfen, weshalb eben auch die Arbeiterklasse insbesondere unter russischen Bedingungen darauf größte Rücksicht zu nehmen habe. Lenin beharrte in dieser einen Frage auf einem Mehrheitswillen der Nation und kanzelte Rosa Luxemburg schulmeisterlich ab.“ Ihre Argumente „seien für einen Marxisten zu neun Zehnteln unwirksam, also zu nichts nutze“. Er habe der Autorin vorgeworfen, „die Dinge ausschließlich vom Krakauer Horizont zu betrachten“. (Lenin habe sich zu jener Zeit – 1914 – in Krakau aufgehalten, Rosa Luxemburg sei nie in Krakau gewesen.) Der „Krakauer Horizont“ bezog sich bei Lenin wohl darauf, dass die Schrift Rosa Luxemburgs in Krakau erschienen war, und Luxemburg ihren Standpunkt ausschließlich ausgehend von ihrer Sicht der Situation Polens begründete. Dabei war ihre Ausdrucksweise gegenüber Lenin wohl nicht weniger „abkanzelnd und schulmeisterlich“, wenn sie „die Formel der ‚nationalen Selbstbestimmung’ … hohl und dürftig“ nannte.

Doch trotz der streckenweise scharfen Polemik führte der Disput zwischen Rosa Luxemburg und Lenin weder zum persönlichen noch zum politischen Bruch. Rosa Luxemburg schrieb am 20. Dezember 1918 an Lenin: „Teurer Wladimir! Ich benutze die Reise des Onkels, um Ihnen allen einen herzlichen Gruß von unserer Familie, von Karl [Liebknecht], Franz [Mehring] und den anderen zu übersenden. Gebe Gott, daß das kommende Jahr alle unsere Wünsche erfüllen wird. Alles Gute! Über unser Leben und Treiben wird der Onkel erzählen. Einstweilen drücke ich Ihnen die Hände und grüße Sie. Rosa.“ Lenin würdigte Rosa Luxemburg in seinen “Notizen eines Publizisten” 1922: “… trotz aller … ihrer Fehler war sie und bleibt sie ein Adler; und nicht nur die Erinnerung an sie wird den Kommunisten der ganzen Welt immer teuer sein, sondern ihre Biographie und die vollständige Ausgabe ihrer Werke … werden eine sehr nützliche Lehre sein bei der Erziehung vieler Generationen von Kommunisten der ganzen Welt.“ Was bleibt einhundert Jahre nach dem Disput zwischen Rosa Luxemburg und Lenin um die nationale Frage für den politischen Kampf im 21. Jahrhundert? Wie die hier zitierten Autoren mit Nachdruck betont haben: der konsequente Kampf der internationalen Arbeiterbewegung und aller anderen demokratischen Kräfte gegen jeglichen Nationalismus, für internationalen Zusammenschluss und Solidarität der demokratischen Kräfte aller Länder im Kampf für den Frieden in der Welt und Demokratie, also auch für die Gleichberechtigung aller Nationen und deren Staaten, sofern sie für Frieden, Demokratie und soziale Gerechtigkeit streiten. Das gilt auch für die Staaten der ehemaligen Sowjetunion, für deren Zerfall Anfang der 1990er Jahre nicht Lenin, sondern seine Nachfolger von Stalin bis Jelzin verantwortlich sind.

Gestern erschien der ersten Teil.

Dieser Artikel wurde von Ulla Plener geschrieben und erschien in der neusten Ausgabe der Zeitschrift „Z. Zeitschrift marxistische Erneuerung“, die hier erworben werden kann.

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