»Aghet« – eine Hundert Jahre währende Katastrophe

»Sehen Sie, wenn ich eingangs den Vergleich mit der Taube machte, dann ist es doch auch so, dass eine Taube, so viel Angst sie auch hat, doch nur eines möchte: in die Freiheit entkommen. Und das ist es doch, wofür ich kämpfe, dass wir alle in die Freiheit entkommen. Dass diese Situation eines Tages zu Ende ist.« Hrant Dink, † 19. Januar 2007

Hundert Jahre ist der blutige Völkermord an den Armeniern, Aramäern, Assyrern, Pontos-Griechen und Jesiden her, und doch hält der Schrecken von damals bis heute an. Denn der erste Völkermord der modernen Menschheitsgeschichte wird bis heute von türkischer Seite systematisch geleugnet und verdrängt.

Über 1,5 Millionen Menschen fielen gegen Ende des Ersten Weltkrieges dem »jungtürkischen Komitee für Einheit und Fortschritt« zum Opfer, auch kurdisch-sunnitische Stämme beteiligten sich an den Verbrechen gegen die christliche Bevölkerung des Landes. Mit Massenmord, Deportationen, Plünderungen und Dorfverbrennungen wurde beinahe das gesamte armenische Erbe des Osmanischen Reiches vernichtet. Lebten in den Jahrhunderten zuvor noch über Zwei Millionen Christen in der Türkei, sind es heute nicht ein Mal mehr Hunderttausend.

Bis heute werden die ethnischen und religiösen Minderheiten der Türkei diskriminiert und benachteiligt. Bis heute verfolgt der türkische Staat dasselbe Ziel wie 1915: die Schaffung eines ethnisch homogenen Nationalstaates ohne jedes Anderssein und Andersdenken. Bis heute leugnet Staatspräsident Erdoğan jedes Verbrechen am armenischen Volk. Stattdessen beklagt er die vielen muslimischen Toten und spricht vom armenischen Verrat an der türkischen Nation. Bis heute leugnet die Bundesregierung die Mitschuld des Deutschen Reiches am türkischen Massenmord.

Hundert Jahre nach diesen schrecklichen Ereignissen ist es an der Zeit, den Völkermord an den Armeniern endlich als solchen zu benennen, sich der Vergangenheit zu stellen, sich zu entschuldigen und wieder gut zu machen, was wieder gut zu machen gar nicht möglich ist. Deutschland muss seine Mitschuld eingestehen und Reue zeigen. Denn die damalige Reichsregierung unternahm nichts, um die Verbrechen ihrer türkischen Verbündeten zu stoppen. Im Gegenteil: Die deutsche Wirtschaft profitierte vom Massensterben. Eine traurige Kontinuität deutscher Außenpolitik, die wir bis heute beobachten können.

Erst wenn die Türkei offen über dieses finstere Kapitel ihrer Geschichte spricht, erst dann wird der Weg für eine demokratische und gerechte Türkei geebnet sein. Erst dann werden alle Völker und Religionen des Landes in Frieden und Freiheit zusammenleben können.

Die Kurden, ein nicht minder leidgeplagtes Volk der Türkei, haben die Zeichen der Zeit bereits erkannt. Der kurdische Oppositionspolitiker Selahattin Demirtaş spricht öffentlich von einem Völkermord und entschuldigt sich für die Verbrechen seines Volkes an den Armeniern.

Auch für die türkische Regierung ist heute der Tag gekommen, von einem Völkermord zu sprechen. In Demut vor der eigenen Geschichte, reumütig dem armenischen Volk gegenüber haben Erdoğan und Co. die historische Chance, sich zu entschuldigen und die Hand zum Frieden auszustrecken. Heute, im hundertsten Jahr der »Katastrophe«, muss die Vernichtung armenischen Lebens in der Türkei endlich aufhören.

Ein Beitrag von Mizgin Ciftci, Mitglied im Landesvorstand der Linken Niedersachsen

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