Warum es manchen Frauen so schwer gemacht wird, sich politisch zu engagieren

8. April 2015 - 19:13 | | Politik | 0 Kommentare
Anabel – Mitorganisatorin der Proteste gegen die Bild

Es ist schon so eine Sache mit den Schubladen in unserem Kopf. Wenige von uns beherrschen es, nicht dauernd dem Zwang zu unterliegen, alles und jeden in bestimmte Raster einzuordnen. Denn das gibt uns Sicherheit. Das gibt uns Orientierung in einer Welt, in der wir nur allzu oft nicht mal mehr genau wissen, wer wir selbst eigentlich sind.

Ich höre oft, dass es widersprüchlich sei, was ich „mache“. Wenn die Kritik differenzierter ist, manifestiert sie sich anhand der Kluft zwischen meinem Modeljob einerseits– als naturgemäßes Sinnbild des Kapitalismus (Die Frau als Objekt, Kleiderständer, Werbetafel) und meinem politischen Engagement andererseits. Zumeist wird die Kritik jedoch heruntergebrochen auf den vermeintlichen Gegensatz zwischen meinem Aussehen und meinem Einsatz für das Politische.

Das offenbart nicht nur tiefstes Klischeedenken, was gesellschaftlich betrachtet durchaus als schade anzusehen ist, es ist darüber hinaus auch im ganz persönlichen Sinne verletzend. Doch bevor ich darauf eingehe, möchte ich noch kurz etwas zur erstgenannten Kritik sagen.

Der ein oder andere mag es durchaus für kleinlich halten, dass es Menschen gibt, die sich daran stören, dass ich als Model arbeite und politisch engagiert bin. Dennoch kann ich die Kritik bis zu einem gewissen Grad verstehen, weshalb ich noch einmal ganz grundsätzlich darauf eingehen möchte, in der Hoffnung, mich in Zukunft vielleicht weniger oft erklären zu müssen.

Ich wollte nie modeln bzw. war es nie mein Ziel, als Model zu arbeiten. Ich bin da wie viele mehr oder weniger hereingerutscht. Dabei habe ich schon früh bemerkt, dass das, was mich am Modeln reizt, was mir Spaß macht, nicht die klassischen Modeljobs sind, also das, woran sich für manch einen der widersprüchliche Charakter meiner Aktivitäten festmachen lässt. Ich war, bin und werde nie bloß ein Kleiderständer sein. Bis heute weigere ich mich oft, mich überhaupt als Model bezeichnen zu lassen. Den Großteil meines „Model-Daseins“ verbringe ich mit kreativen Zusammenarbeiten mit befreundeten Fotografen. Shootings, in denen ich meine eigenen Ideen umsetzen kann. Darunter meine politischen „Statement-Shootings“. Ich gewinne immer wieder wirklich gute Fotografen für ihre Umsetzung.

Aber das funktioniert eben zumeist nicht mit einer netten Anfrage. Das funktioniert, weil ich auch andere, „normale“ Modelfotos von mir machen lasse, weil ich im eigentlichen Sinne als Model arbeite. Damit generiere ich Jobs, Jobs bringen mir Kontakte, Kontakte bringen mir Fotografen, die meine eigenen Ideen in freien Arbeiten mit mir zusammen umsetzen. Bilder, die dann wiederum die Verbreitung meiner Texte vorantreiben oder auch nur ein wenig Aufmerksamkeit auf die politischen Themen lenken, die mir als wichtig erscheinen.

Ich arbeite in diesem System, gegen dieses System. Das mag nicht jedem gefallen, aber es ist deutlich effektiver als die Ablehnung all seiner Mechanismen, die es erst so erfolgreich gemacht haben.

Die andere Unterstellung ist schwerer aus der Welt zu räumen. Nicht, weil sie wahrer ist, sondern weil das Schubladendenken derer, die sie formulieren, tiefer begründet liegt. Das hat zum einen mit gängigen Verhaltensmustern zu tun, die unmittelbarer Ausdruck unseres Systems im Hier und Jetzt sind und zum anderen mit noch tiefer verankerten gesellschaftlichen Normen, die nur allzu oft drohen, vorschnell als Emanzen-Gender-Gelaber abgetan zu werden.

Wer mich kennt, weiß, dass ich keine Gender-Emanze bin, dass ich zu Männern in der Regel sogar ein deutlich besseres Verhältnis besitze als zu Frauen. Es geht an dieser Stelle auch nicht darum wie wir Frauen von Männern behandelt, sondern zu was wir von der Gesellschaft und unseren Eltern nur allzu oft erzogen werden und welche Auswirkungen das auf jene Frauen hat, die sich nicht in dieses Korsett pressen lassen.

Denn es ist nicht nur die Tatsache, dass ich vielleicht optisch nicht ganz in das Bild vieler passe, was sie von einem politisch engagierten Menschen haben. Es ist schon die Tatsache, dass ich mich überhaupt als Frau für diese Themen interessiere und einsetze. Dass es nicht mal klassisch frauenpolitische Themen sind, sondern vor allem die Brutalen, die Schonungslosen, die eher Männer dominierten. Und dass ich es darüber hinaus nicht zaghaft und leise tue, sondern energisch und laut, denn das ist unweiblich.

Warum stört das politische Engagement das Bild von der Weiblichkeit?

Bis heute werden Frauen schon als kleine Mädchen dazu erzogen, lieb und nett zu sein. Wenn nicht von den Eltern, dann zumindest von der Schule. Wenn wir nicht lieb und nett, sondern meinungsstark und selbstbewusst auftreten, sind wir schnell anstrengend, zickig. Dass, was bei kleinen Jungen und später bei Männern als sehr positiv wahrgenommen wird, wird bei uns zumeist negativ aufgefasst. Wo das männliche Arschlochverhalten als sexy wahrgenommen wird, sind wir bei schon bei schlicht selbstbewusstem Verhalten die überdrehten Zicken.

Auch ich war nie das liebe, kleine Mädchen. Ich war nie wie meine lieben kleinen Mitschülerinnen, die schon gute Noten dafür bekamen, dass sie brav aussahen. Ich war immer irgendwie anders. Ich war das, was ich sein dürfte, durch Eltern, die mir eine freie Entfaltung ermöglichten, die mich immer (noch heute) darin bestärkt haben, eine Meinung zu haben und die es lobten, wenn ich sie vertrat. Und ja, ich bin stolz darauf, aber einfacher wäre es anders gewesen.

Was ich sagen will, ist Folgendes: Der gesellschaftliche Druck ist enorm. Wir glauben, wir leben in emanzipierten Zeiten, aber das ist ein Trugschluss. Es mag sein, dass wir Frauen heute offiziell sein und werden können, was auch immer wir wollen. Aber ist das wirklich so? Ist es nicht immer noch so, dass die Karrierefrau, die selbstbewusste, meinungsstarke, die erfolgreiche Frau (egal in welchen Bereichen) es nicht immer noch schwerer hat als das männliche Äquivalent?

Denn während für Männer in der Wahrnehmung vieler Frauen gilt: Je erfolgreicher und selbstbewusster, desto attraktiver – gilt dies keinesfalls für Frauen. Im Gegenteil. Erfolgreiche, selbstbewusste Frauen gelten nur allzu oft als schwierig, unnahbar oder man hat schlicht Angst vor ihnen oder kann es nicht ertragen, wenn die Frau vielleicht sogar erfolgreicher oder intelligenter ist. Erfolg, Selbstbewusstsein, das ist immer noch etwas für Männer, wenn man als Frau auch als Frau wahrgenommen, wenn man gemocht werden will.

Schon hier wird deutlich wie viele Steine der Frau in ihrer Entwicklung in den Weg gelegt werden. Natürlich kann und sollte jeder für sich selbst entscheiden, welchen Weg er einschlägt, wofür er eintritt, aber es kann schon eine sehr große Hürde darstellen, wenn man als Frau droht, seine weibliche Ausstrahlung, Sympathien und Attraktivität zu verlieren, weil man sich mit etwas Bestimmten befasst, was nicht ins Klischeebild einer Frau passt. Und so zieht sie es nur allzu oft vor, politisch ohne Standpunkt zu bleiben, nicht anzuecken. Und womit könnte man mehr anecken als mit politischen Positionen?

Eine besondere Rolle spielt dieser Umstand für eine optisch attraktive Frau*. Denn ihr werden bei der Entfaltung hin zu einer politisch-selbstbewusst denkenden Frau noch mehr Steine in den Weg gelegt als es bei Frauen ohnehin schon der Fall ist. Niemandem wird es so leicht gemacht, für simple, leistungslose Dinge Anerkennung zu bekommen wie der hübschen Frau. Zugleich droht sie durch (fast) nichts so sehr an Attraktivität einzubüßen wie durch politisches Interesse und dessen offene und selbstbewusste Vertretung. Denn sie arbeitet an ihrer typischen „Zielgruppe“ vorbei. Dies ist es schließlich, was zur Wahrnehmung eines “Widerspruches” führt.

Denn ja, es ist wesentlich einfacher, wenn man die Schublade bedient, der man zugeordnet wird. Mein ganzes Leben wäre um einiges leichter gewesen, wenn ich diese einfache Regel befolgt hätte, wenn ich nicht den Anspruch gehabt hätte, mehr zu sein als das, für die Dinge einzustehen, von denen ich überzeugt bin und gegen jene zu kämpfen, die ich als ungerecht empfinde.

Wenn es mir um Bekanntheit gegangen wäre (heutzutage geht es ja vielen darum), dann wäre ich sicherlich bekannter, wenn ich meine neuesten Outfits bei Instagram fotografieren oder nachts im P1 auf Promijagd gehen als wenn ich politische Texte schreiben und politische Fotografie betreiben würde. Meine „normalen“ Fotos – egal ob Schnappschüsse oder Shootingbilder – bekommen im Schnitt das 4-5-fache an Likes gegenüber meinen politischen Posts. Und auch wenn mir Likes für was auch immer im Prinzip vollkommen egal sind, lassen sie deutlich erkennen, was die Mehrzahl der Leute eigentlich bei mir sehen will.

„Ich dachte immer, Politik sei etwas für hässliche Menschen.“ – Warum es verletzend sein kann, für seine Intelligenz gelobt zu werden

Tatsächlich habe ich diesen Satz genau so und in etlichen anderen verschiedenen Ausführungen schon öfter gehört. Darunter auch immer wieder die Feststellung, dass es unfassbar sei, dass ich nicht nur hübsch, sondern auch noch intelligent sein würde – als handele es sich hierbei um etwas, was sich sonst naturgemäß ausschließen würde. Als müsse man das Intelligente an mir mehr als bei anderen Menschen hervorheben.

Auch hier liegt der Grund zuvorderst darin, dass es einer hübschen Frau leicht gemacht wird, für weniger gemocht zu werden als durch das Zeigen ihrer Intelligenz. Denn sie wird im Durchschnitt nicht weniger intelligent sein als andere Frauen. Auch unter hübschen Frauen wird es genauso viele intelligente wie weniger intelligente Frauen geben. Dazu kommt, dass jemand, der sich politisch einigermaßen geistreich äußert, in der Regel noch einmal für besonders intelligent gehalten wird. Es kommt also auch auf die Themen an, zu denen sich geäußert wird. Mit hübschen Frauen assoziiert man diese Themen zumeist nicht, weshalb es nicht selten ein unübliches Bild abgibt, wenn sie sich zu ihnen äußern.

Was aber, wenn man nicht anders kann? Wenn man einfach so ist? Dann öffnet sich die Kluft und der Widerspruch auf allen Seiten tritt hervor. Da sind dann die einen, die dich anstrengend finden, weil du nicht einfach nur gut aussehen kannst, sondern auch noch von Politik redest und da sind die anderen, die dir den Vorwurf machen, widersprüchlich zu handeln, weil du modelst und politisch bist, weil du gut aussiehst und politisch bist, weil du als Frau wahrgenommen werden und politisch sein willst.

Sind wir tatsächlich so einfach? Muss man als Frau unattraktiv oder unweiblich sein, um politisch ernst genommen zu werden? Muss man umgekehrt auf sein politisches Engagement verzichten, um als Frau wahrgenommen werden zu dürfen? Muss man so sein wie alle anderen, damit andere ruhig schlafen können?

Ich glaube, dass das Problem darin liegt, dass wir Politik überhaupt nur als eine von vielen Schubladen betrachten, in die wir Menschen einordnen. Als sei Politik nur etwas, womit sich ein bestimmter Typ Mensch befassen sollte, der so und so ist und so und so aussieht.

Es ist bezeichnet für unser gegenwärtiges Verständnis von Demokratie, dass wir Politik nicht mehr als etwas zu betrachten scheinen, womit sich die Gesellschaft per se auseinandersetzen sollte. Dass wir es zum Teil als komisches Hobby betrachten – auf einer Stufe mit Minigolf oder Briefmarkensammeln. Dass es in unserer teils gestörten Gesellschaft attraktiver ist, Bilder von der x-ten Partynacht zu posten als eine politische Meinung. Dass man als Frau mehr Anerkennung für einen guten Körper und Fotos bekommt, in denen man seine dicken Brüste in die Kamera streckt als für einen intelligenten Satz. Ja, es ist wirklich so viel einfacher nichts zu können, nichts zu wollen, nichts zu wissen als sich auch noch dafür kritisieren zu lassen, dass einem das nicht genug ist.

Und so müssen wir einsehen, dass wenn wir ein breites Bewusstsein erzielen wollen, wir aufhören müssen, in Schubladen zu denken. Für uns selber und unsere eigene Entwicklung genauso wie in Bezug auf andere. Wenn wir die normalen Leute, dich und mich, Menschen jeder Art im politischen Aktivismus vereinigen wollen, wenn wir es satt haben, dass im Bundestag Menschen sitzen, die wir nie wählen würden, dann müssen wir aufhören, Leuten das Leben schwer zu machen, die diese Stereotypen aufbrechen wollen. Ja, es ist vielleicht nett gemeint, wenn man dafür gelobt wird, politisch zu sein. Aber es ist auch verletzend, weil es zeigt, wie wenig man dem gegenüber ursprünglich zugetraut hat.

Das ist im wahrsten Sinne des Wortes destruktiv. Und Destruktivität sollten und können wir uns nicht erlauben, wenn wir Veränderung im Ganzen erreichen wollen.

Anabel Schunke ist Polit-Aktivistin und ruft unter anderem gemeinsam mit Pedram Shahyar zu einer Bildboykott – Demo vor dem Axel Springer Haus auf. Ihr Artikel erschien auf Shahyars Seite Rebellunion.

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