„Nimm halt Schmerzmittel“ – warum wir Gendermedizin brauchen

Genauso wie es in den meisten Lebensbereichen systematische Benachteiligung von Frauen gibt, ist auch die Medizin geprägt davon, sich vorrangig mit den Beschwerden von Männern zu beschäftigen. Dieser Bias führt dazu, dass Frauen entweder falsch oder gar nicht behandelt werden, weil Ärzt*innen ihre Beschwerden nicht einordnen können.

Obwohl Frauen etwas seltener an Herzinfarkten erkranken, sterben sie statistisch gesehen häufiger daran. Das liegt nicht etwa daran, dass sie schwerere Infarkte hätten als Männer, sondern vielmehr daran, dass Frauen ganz andere Symptome zeigen und vielen Menschen bisher nicht bekannt ist, dass man bei ihnen auf ganz andere Anzeichen achten muss. Es ist nämlich meistens nicht so, dass sie sich vor Schmerzen an die Brust fassen, wie man das aus dramatischen Filmszenen kennt, sondern z.B. eher ein Ziehen im Rücken spüren. Bei vielen Krankheiten ist es tatsächlich so, dass Männer und Frauen unterschiedliche Symptome zeigen. Da bei der Erforschung von Krankheiten jedoch immer noch viel weniger Frauen als Männer in klinische Studien einbezogen werden, führt das im Endeffekt dazu, dass es eine Verzerrung der Ergebnisse gibt. Man nennt das den Gender Health Gap, also sozusagen die Behandlungslücke, die sich ergibt, wenn Frauen in Studien fehlen. Therapien und Medikamente werden also vor allem für Männer entwickelt und erprobt, was im schlimmsten Fall für die Frauen tödliche Folgen haben kann.

Zu wenig Erkenntnisse

Dieses Missverhältnis macht sich besonders bei Krankheiten bemerkbar, die vor allem Frauen betreffen. Zwei Beispiele sind Endometriose und das Lipödem. Von beiden Krankheiten ist in Deutschland fast jede 10. Frau und so gut wie kein Mann betroffen. Und trotzdem gibt es für beide Krankheiten kaum wirksame Therapien und kaum Erkenntnisse darüber, was überhaupt die Ursachen der Erkrankungen sind. Beide Krankheiten gehen mit extremen Schmerzen einher, im Falle von Endometriose vor allem Schmerzen im Unterbauch, beim Lipödem ist es ein enormer Berührungsschmerz. Und in beiden Fällen berichten Betroffene, dass sie mit ihren Schmerzen von Medizinerinnen nicht ernst genommen werden. Viele Ärztinnen kennen die beiden Krankheiten nicht einmal. Frauen sollen sich nicht so haben und Schmerzmittel nehmen. Endometriose ist in vielen Fällen auch dafür verantwortlich, dass die Betroffenen große Schwierigkeiten haben, schwanger zu werden. Dass sie an Endometriose leiden, ist vielen dabei nicht klar. Weil das Lipödem eine Fettverteilungsstörung ist, sind Betroffene auch stark in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt, neigen zu Blutergüssen und leiden oft unter Folgeerkrankungen, wie z.B. Essstörungen oder Depressionen. Bei beiden Krankheiten dauert es im Schnitt länger als 10 Jahre bis die Betroffenen eine Diagnose erhalten, mit der dann auch eine Behandlung eingeleitet werden kann. In
dieser Zeit leiden die Betroffenen so stark im Alltag, dass viele von ihnen nicht mehr in der Lage sind, ihrem Job nachzugehen oder ein erfülltes Leben zu führen.

Leere Versprechen der Regierung

Die Bundesregierung hat sich in ihrem aktuellen Koalitionsvertrag zwar vorgenommen, die Gendermedizin, die sich mit diesen Unterschieden zwischen den Geschlechtern beschäftigt, im Medizinstudium zu verankern und geschlechtsbezogene Unterschiede in der medizinischen Versorgung abzubauen. Trotzdem tut sie aktuell nichts, um Krankheiten, die fast ausschließlich Frauen betreffen, besser zu erforschen. Mehr als warme Worte hat die Ampel nicht für Betroffene übrig, dabei wäre es dringend notwendig, um Millionen von Frauen ein besseres, schmerzfreies Leben zu ermöglichen. Dafür muss die Ampel endlich Geld in die Hand nehmen. Andere Länder sind da schon viel weiter, Australien hat z.B. schon vor Jahren einen landesweiten Aktionsplan gegen Endometriose ins Leben gerufen und seit dem mehr als 20 Mio. € für die Bekämpfung der Krankheit bereitgestellt. Wir fordern außerdem, dass viel mehr Aufklärungsarbeit im Bereich der Frauengesundheit gemacht wird, sowohl für medizinisches Personal als auch für Frauen und Mädchen. Dazu gehört z.B. auch die Menstruation gesamtgesellschaftlich zu enttabuisieren. Nur so kann verhindert werden, dass Frauen und Mädchen von Ärzt*innn mit ihren Beschwerden nicht ernst genommen werden, sondern ihnen schnell geholfen wird.

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