Die Gesellschaft wird neu zusammengesetzt

29. März 2020 - 15:00 | | Meinungsstark | 1 Kommentare

Die Corona-Pandemie hat unseren Alltag massiv verändert und verändert ihn für viele Menschen auf unterschiedliche Weise: Während die einen Stunden reduzieren müssen, müssen andere in den Krankenhäusern rotieren – noch mehr als sie das in dem ohnehin schon krisenhaften Normalzustand tun müssen.

Für manche geht Social Distancing mit Home Office und durchaus auch Entschleunigung und Abstand vom Büro-Stress einher, für andere, deren Tätigkeit auf dem Zusammenkommen von Menschen basiert – im Kulturbereich, in der Gastronomie, in der Erwachsenenbildung, im Tourismus um nur einige zu nennen – ist es gleichbedeutend mit Einkommens- und Jobverlust.

In dieser Situation treten vor allem Klassenunterschiede noch einmal deutlicher zu Tage – Reiche ziehen sich in luxuriöse Schutzbunker zurück, während andere Menschen nicht mehr wissen, woher sie Essen bekommen, weil die Tafeln nicht weiter arbeiten können. Besserverdienende können es sich in großen Wohnungen oder Häusern mit Gärten gemütlich machen, während andere in engen Wohnungen aufeinander hocken.

Es werden aber auch Gewissheiten in Frage gestellt, die die Einrichtung unserer Gesellschaft betreffen: Die Schuldenbremse ist ausgesetzt, es werden – nicht in ausreichender Weise, aber immerhin – sozialpolitische Auffangmaßnahmen verabschiedet, zumindest kurzfristig werden Wirtschaftsinteressen der Gesundheitspolitik untergeordnet.

Die Frage, welche Arbeit eigentlich im existenziellen Sinn gesellschaftlich notwendig ist, wird gleichzeitig sehr praktisch beantwortet: Wir können nicht auf Pflege und Medizin verzichten, Lebensmittel und Güter des täglichen Bedarfs müssen produziert, geliefert und verkauft werden, Gebäude gereinigt, Kinder betreut, Müll entsorgt werden. Fast alle diese Berufe und Tätigkeiten haben darüber hinaus zentrale Gemeinsamkeiten: Sie werden niedrig entlohnt, die Arbeitsbedingungen sind mies. Geleistet wird diese Arbeit überwiegend von Frauen und/oder von Menschen, denen ein Migrationshintergrund zugeschrieben wird oder die nicht hier geboren sind, und/oder von Personen, deren Bildungsabschluss in der Hierarchie der Abschlüsse weiter unten angesiedelt ist.

Dass die Menschen, die diese existenzielle Arbeit leisten, endlich entsprechend bezahlt werden, muss eines der zentralen politischen Ziele der nächsten Zeit werden. Wie wir diese Arbeit ganz grundsätzlich gerechter verteilen und gesellschaftlich so organisieren, dass sie nicht zu einem Burn Out der Sorgenden und Versorgenden führt, das muss spätestens nach der Eindämmung der Pandemie ganz oben auf die Agenda.

Bis dahin müssen wir als Gesellschaft dafür sorgen, dass viele ein Danach erleben. Ja, diese Drastik ist real: Es geht darum, dafür zu sorgen, dass niemand stirbt, nicht durch das Corona-Virus, nicht durch die Kälte ohne Wohnung, nicht durch Gewalt in der Wohnung, nicht durch rassistische Abschottung an den Rändern Europas. Das heißt, wir müssen Abstand halten und gleichzeitig kollektiv Solidarität praktizieren, in dem wir schützenden Wohnraum für alle fordern: Für Menschen, die gerade keine Wohnung haben, für Frauen und Kinder, die in ihrem zu Hause Gewalt erleben, für die Menschen auf den griechischen Inseln, die schon immer und gerade komplett ihrem Schicksal überlassen werden. Es gibt Platz: In Hotels, die gerade leer stehen, in Kommunen und Städten, die sich zu sicheren Häfen erklärt haben und seit Wochen an die Bundesregierung das Signal aussenden, dass sie Platz für geflüchtete Menschen haben. 

Vieles geschieht gerade im Krisenmodus, vieles passiert schnell und Einordnungen müssen immer wieder nachjustiert werden. Vieles scheint möglich, was vorher nicht möglich schien, im Guten wie im Schlechten. Die Gesellschaft wird gerade neu zusammengesetzt und wird sich auf Dauer verändern. Wir müssen jetzt praktische Solidarität leben und für materielle Absicherung kämpfen. Und danach müssen wir dafür streiten, dass dieses Mal die Krise von den richtigen bezahlt wird: Nicht durch Einschnitte in die Sozialsysteme, durch Kürzungen in der sozialen Infrastruktur und Abbau von Arbeitnehmerinnenrechten, sondern durch eine Vermögenssteuer, durch eine Erbschaftssteuer, durch die Begrenzung von Mangergehältern, durch die Abschaffung der Beitragsbemessungsgrenze in der Kranken- und Pflegeversicherung. Wir müssen den gesellschaftlichen Reichtum umverteilen.

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Über den Autor

Cornelia Möhring ist stellvertretende Fraktionsvorsitzende der LINKEN im Bundestag und zuständig für feministische Politik.
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