IAA-Protest: „Wir müssen weiter kämpfen, dass wir gehört werden und sich etwas ändert“

17. September 2019 - 10:07 | | Politik | 0 Kommentare
Foto: TIm Dreyer

Am letzten Sonntag haben fast 1000 Menschen die IAA in Frankfurt blockiert um ein Zeichen für die Verkehrswende zu setzen. Jakob Migenda war dabei und berichtet.

Es ist Sonntag Morgen kurz vor sieben: Die Luft im Frankfurter Rebstockpark ist noch kühl aber überall stehen kleine Menschengruppen im aufgehenden Morgenlicht. Viele sind jung und mache haben weiße Maleranzüge angezogen. Sie sind keine Spaziergängerinnen und Spaziergänger, denn sie alle eint ein Ziel: Heute wollen sie gemeinsam die Internationale Automobilausstellung in der Frankfurter Messe stören.

Eine von ihnen ist Kira aus Darmstadt. Sie ist heute hier, weil sie findet, dass eine Demo alleine nicht viel ändern wird. „Ich bin überzeugt davon, dass genau solche Aktionen nötig sind. Die Konfrontation mit den BesucherInnen zählt genau dazu. Ich will, dass alle Menschen sehen an welchem Punkt wir schon angelangt sind.“ erzählt sie mir, als ich sie frage wieso sie hier ist. Kira ist mit fünf weiteren Jugendlichen da. Sie sind eine Bezugsgruppe, das heißt, dass sie den ganzen Tag zusammen bleiben und auch in hektischen Momenten aufeinander aufpassen, damit niemandem etwas passiert oder unbemerkt von der Polizei festgenommen wird.

Der Blaue Finger setzt sich in Bewegung

Gegen Acht Uhr setzt sich dann Kira mit der inzwischen gut 200 Köpfe zählende Gruppe in einem kompakten Demozug in Bewegung. Sie folgen einer blauen Fahne, die in der ersten Reihe den Weg weißt, weshalb sie im Aktivistinnenjargon des heutigen Tages auch als blauer Finger bezeichnet werden. Neben ihnen gibt es noch einen grünen Finger auf der anderen Seite der Messe und einen roten Finger, der als Fahrraddemo um die Messe fährt und so Straßen für den Shuttleverkehr zur Messe lahmlegt.

Die Gruppe kommt schnell voran und wird an keiner Stelle von der Polizei aufgehalten. Etwas überrascht, dass alles so einfach ging, finden sie sich schließlich vor dem Westeingang der Messe ein. Hier werden normalerweise tausende Messebesucherinnen und Messebesucher pro Tag mit den Shuttlebusses von den großen Autoparkplätzen der Messe herangefahren, aber an diesem Tag werden nur wenige hundert hier Einlass begehren. 

Einen Tag früher waren schon 25.000 Menschen hier

Am anderen Ende der Messe hat auch der grüne Finger inzwischen den Haupteingang der Messe besetzt. Hier hatte schon einen Tag zuvor eine Großdemo gegen die IAA mit einer Abschlusskundgebung geendet, auf die zu Fuß oder als Teil einer Sternfahrt rund 25.000 Menschen gekommen sind.

Schon am Sonnabend bei der Demo war die Stimmung ausgelassen und bunt. Demonstrierende fordern auf selbstgemalten Schildern wirksamen Klimaschutz und einen Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor. Auch verschiedene politische Bündnisse und Organisationen tragen ihre Forderungen auf die Straße. Fridays For Future aus Köln trägt ein Transparent auf dem „Burn Ca(r)pitalism – not Coal“ steht. DIE LINKE ist mit einer tragbaren S-Bahn unterwegs, die die Alternative zum Autowahn darstellt: als Fahrtziel ist der Nulltarif angezeigt. Bei Attac sägen zwei Menschen einen phallusartigen Auspuff von einer die Autolobby symbolisierende Großpuppe ab und fordern „Autokonzerne entmachten“.

Auch die Blockaden am nächsten Tag sind Thema. Nachdem die Vertreterinnen und Vertreter aus dem Trägerkreis der Demo gesprochen haben, tritt die junge Aktivistin Klara auf die Bühne und lädt für das Bündnis Sand im Getriebe zu den Aktionen am Sonntag ein.

Viele Besucher schimpfen, aber manche nehmen interessiert die Flugblätter

Jetzt knapp zwanzig Stunden später, sind zwar weniger Menschen vor Ort und es dominieren nicht mehr die Reden aus den Lautsprechern, sondern gemeinsame Sprechchöre, doch die Stimmung ist nicht weniger entschlossen. Auch auf der Westseite der Messe ist die Stimmung weiterhin ausgelassen. Nachdem es kurzzeitig wegen langem Stau der Messebesucherinnen zu leichten Rangeleien kam, als Menschen über die sitzenden Aktivistinnen und Aktivisten steigen, hat sich die Lage inzwischen wieder völlig beruhigt. Da die Blockierenden keine Eskalation wollen und sich und Messebesucherinnen durch einen rabiaten Polizeieinsatz gefährden wollen, haben sie sich darauf eingelassen einen schmalen Durchgang zu lassen.

Wer jetzt durchwill bekommt zudem Flugblätter in die Hand gedrückt auf denen die Blockierenden ihre Kritik an der IAA und Autos formuliert haben. Viele Hereingehende ignorieren und schimpfen zwar weiterhin, aber nicht wenige nehmen die Flyer auch und manche kommen ins Gespräch. Eine Frau mir schwarz gefärbten Haaren erzählt mir, dass sie vor allem wegen ihres Mannes der Autofan ist da ist. Zunächst ist sie sichtlich genervt von der Blockade, aber schließlich erzählt sie mir, dass sie das ganze schon recht ähnlich sieht wie wir und in einem Tierschutzverein ist. Nur als Krankenschwester auf dem Land komme sie ohne Auto nicht zurecht. Dem pflichtet auch eine Freundin von ihr bei, die Taxifahrerin ist. Das kann ich durchaus verstehen und als ich für einen kostenlosen gut ausgebauten Nahverkehr plädiere, damit für mehr Menschen das Auto verzichten können, stimmen sie mir zu. Kurz darauf ist auch ihr autoliebender Mann hinübergekommen und sie verabschieden sich in die Messe.

Die linke Umweltbewegung muss in ihre neue Rolle finden

Die schmale Einlassgasse – die auch in den Delegiertenplena der Blockierenden kontrovers diskutiert wird – oder auch die Diskussion mit den beiden Besucherinnen zeigen: Die linke Umweltbewegung ist noch etwas dabei sich in dieser neuen Aktionsform zu finden und das Verhältnis zu den Blockierten auszuloten. Früher als man Nazis oder Tagebaue blockiert hat, war klar, dass die Blockierten Feinde sind und man nicht vor ihnen zurückweicht. Doch jetzt will man die Menschen, die man blockiert gleichzeitig auch überzeugen mit für den Klimaschutz zu arbeiten – der Feind sitzt hinter den Glasscheiben der Messe und kauft sich keine Eintrittskarte.

Mir scheint, dass es Heute gelungen ist auf dem schmalen Grat zu balancieren und die Aktion zu einem Erfolg werden zu lassen. Der Protest hat auf das ganze Land ausstrahlt und war die Nachricht des Tages in den Tagesthemen. Doch ein wenig müssen sich die Aktivistinnen und Aktivisten noch in die neue Aktionsform herein finden.

Der Tag endet schließlich, als beide Blockaden gemeinsam in einer Spontandemonstration von der Messe zum linken Zentrum „Exzess“ nach Hockenheim ziehen. Auch für Kira fällt das Fazit des Tages positiv aus: „Der Tag war ein großer Erfolg für die Klimabewegung und wird hoffentlich einen Eindruck auf die Konzerne machen. Trotzdem war dieser Tag einer unter vielen die folgen werden, denn wir müssen weiter dafür kämpfen, dass wir gehört werden und sich etwas ändert.“

Jakob Migenda ist Mitglied im Landesvorstand der hessischen Linken und hat die Proteste vom Wochenende seit der Vorbereitung begleitet.


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