Grenzen aus Glas: Arbeit und Migration in Deutschland – Im Gespräch mit Peter Birke

In der Coronakrise kam es immer wieder zu Streiks und Auseinandersetzungen in Unternehmen. Peter Birke hat in seinem Buch „Grenzen aus Glas. Arbeit und Migration in Deutschland“ untersucht, welche Rolle dabei Migration spielt und sich intensiv mit der Fleischindustrie und dem Onlineversandhandel auseinandergesetzt, wir haben mit ihm gesprochen.

Die Freiheitsliebe: Du hast vor kurzem das Buch „Grenzen aus Glas. Arbeit, Rassismus und Kämpf der Migration“ rausgebracht. Darin beschäftigst du dich mit aktuellen Tarif- und Arbeitskämpfen und vor allem die Situation von Migrantinnen und Migranten. Wie kam es dazu?

Peter Birke: In dem Buch geht es um die Frage, wie Menschen, die neu nach Deutschland kommen, hier Arbeit finden und welche Arbeitsbedingungen sie vorfinden. Dazu haben wir – weil statistisch gesehen die sehr große Mehrheit dieser Menschen dort arbeitet – in dem Forschungsinstitut, in dem ich arbeite, vor allem den sogenannten Niedriglohnsektor untersucht. In meinem Buch geht es um die Arbeit in der niedersächsischen Fleischindustrie und im Online-Versandhandel, zu dem unter anderem Amazon gehört.

Die Freiheitsliebe: Kannst Du kurz sagen, in welchem Zeitraum ihr diese Untersuchung durchgeführt habt.

Peter Birke: Der unmittelbare Anlass war der „Sommer der Migration“, 2015, und die damit einhergehende Debatte, dass die syrischen Geflüchteten den Fachkräftemangel in Deutschland beheben könnten. Ich weiß nicht, ob Du Dich erinnerst: Der Daimler-Chef erzählte damals sogar, die neuen Migrant*innen würden „uns“ das zweite Wirtschaftswunder bringen. Etwa ein Jahr danach wurde mit dem sogenannten Integrationsgesetz der Arbeitsmarktzugang für Geflüchtete erleichtert. Doch schnell wurde klar, dass auch Leute mit einer sehr hohen Qualifikation oft in Leiharbeit oder prekären Jobs beschäftigt sind.

Die Freiheitsliebe: Warum hast Du für das Buch die Fleischindustrie und den Versandhandel ausgewählt?

Peter Birke: Weil beide Sektoren in diesem Zusammenhang nicht zuletzt in Niedersachsen, wo wir unsere Befragung durchgeführt haben, eine besondere Rolle spielen. Es sind – jedenfalls bis vor kurzem – echte Boombranchen gewesen, die sehr hohe Umsätze und nicht minder hohe Profite gemacht haben. Da stellt sich natürlich die Frage, warum ausgerechnet in Bezug auf diese Bereiche oft Skandale über schlechte Arbeitsbedingungen in den Medien auftauchen. Warum können Betriebe und Unternehmen, die zu den größten der Welt gehören oder enorme Produktionssteigerungen erleben, ihre Beschäftigten nicht besser behandeln? Die Antwort ist einfach: Es liegt daran, dass der Boom gerade auf der Ausbeutung billiger Arbeitskräfte beruht. So haben sich Schlachtzahlen, Export und Umsätze in Deutschland seit etwa der Jahrtausendwende nicht zuletzt deshalb so erhöht, weil die Löhne hier verhältnismäßig niedriger sind als in Nachbarländern wie Dänemark und Holland, wo es einigermaßen starke Gewerkschaften und Tariflöhne gibt. Deutschland wurde in den letzten 20 Jahren zum Billiglohnland – und das liegt vor allem an der Ausbeutung von zuerst entsendeten, dann in Leiharbeit oder Werkverträgen beschäftigten Kolleginnen und Kollegen, die im ersten Moment fast jede Arbeit annehmen müssen, weil sie ohne deutschen Pass nicht die gleichen Rechte wie andere Menschen haben.

Die Freiheitsliebe: Die Fleischindustrie ist ja in der Corona-Krise berühmt geworden, vor allem durch die Masseninfektionen bei Tönnies. Wie sah es in dieser Zeit im Versandhandel aus?

Hans Peter Birke: Die ersteZeit der Coronakrise ist für beide Sektoren eine Art Höhepunkt der Entwicklung, die ich eben geschildert habe. Es hat nochmal eine deutliche Verstärkung dieses Wachstums gegeben, so ist Amazon von 600.000 Beschäftigten weltweit, vor Corona, auf inzwischen 1,4 Millionen gewachsen. In der Fleischindustrie war der März 2020 in Deutschland der umsatzstärkste Monat aller Zeiten. Der Arbeitsdruck nahm enorm zu, Hygienemaßnahmen waren in der ersten Zeit oft nicht vorhanden. Das hat dann in beiden Bereichen Masseninfektionen ausgelöst, auch im Versandhandel, aber während der Gesetzgeber und die lokalen Behörden gegenüber Schlachtbetrieben eingriffen, waren sie in anderen Bereichen wesentlich vorsichtiger. Trotzdem gab es – ähnlich wie in der Fleischindustrie – auch im Versandhandel zahlreiche Proteste von Arbeiter*innen gegen den mangelnden Schutz unter Corona-Bedingungen.

Die Freiheitsliebe: Du beschreibst zwei Bereiche, bei denen es immer wieder einen Aufschrei gibt wegen der schlechten Arbeitsbedingungen, schon vor Corona. Kannst Du das genauer beschreiben?

Peter Birke: Ja, das ist richtig,es gab schon in den 2000ern Zeitungsartikel, die die miesen Arbeits- und Wohnbedingungen in der Fleischindustrie beschreiben. Die Arbeiter sind damals nicht direkt von den Unternehmen angestellt worden, sondern von Werksvertragsunternehmen. Dadurch sind die Unternehmen, die die Menschen beschäftigt haben, die Verantwortung losgeworden. Kolleginnen und Kollegen mussten oft auf den Lohn warten, ihre Arbeitsgeräte selbst bezahlen, haben in vier bis sechs Bettzimmern in Wohnkasernen gewohnt, für die sie zudem überhöhte Mieten zahlen mussten. Misshandlungen von Vorarbeitern und Meistern und schreckliche Unfälle waren an der Tagesordnung. Die Unternehmen aber sagten: Was geht uns das an? Wir sind ja weder Vermieter noch haben wir mit diesen Leuten einen Arbeitsvertrag …

Die Freiheitsliebe: 2021 wurden ja die Werkverträge in der Fleischindustrie verboten. Hat sich seitdem etwas verändert?

Peter Birke: Die Werkverträge wurden in Betrieben mit über 50 Beschäftigten in den Kernbereichen der Fleischindustrie verboten, ebenso wurde für Leiharbeit eine Quote eingerichtet, unter der Bedingung, dass die Betriebe einem Tarifvertrag unterliegen. Das ist ein wichtiger Schritt, eine große Verbesserung: Immerhin sind Werkverträge und auch Leiharbeit Teile der Entsicherung von Arbeit, auf die die Neoliberalen schon seit Jahrzehnten stolz sind. Aber es bleiben natürlich Probleme: Das Verbot ist sehr ausschnitthaft, oft werden die alten Vorarbeiter und Subs mit Beraterverträgen ausgestattet oder angestellt, so dass sich die alten Autoritätsverhältnisse fortsetzen. In den Randbereichen verbessert sich nichts, und die Wohnverhältnisse sind nur sehr eingeschränkt Teil der Reform. Ich würde sagen, die Bilanz ist noch offen, aber vielleicht sind die staatlichen Maßnahmen auch nur ein Teil des Puzzles. Entscheidend wird etwas auch sein, ob es der Gewerkschaft NGG auf Dauer gelingt, bessere Bedingungen durchzusetzen. Auch in dieser Hinsicht ist die Bilanz widersprüchlich, immerhin aber gibt es seit dem Frühjahr vergangenen Jahres wieder einen allgemeinverbindlichen Lohntarifvertrag.

Dazu kommt, dass die Beschäftigten erkannt haben, dass, wenn sie sich weigern unter solchen Bedingungen zu arbeiten, dies für die Betriebe angesichts des Arbeitskräftemangels zu einem großen Problem wird. Das heißt, es gab neben dem Tarifstreik 2021 auch einige „wilde“ Streiks,  in denen schnell höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen, aber auch entfristete Arbeitsverträge durchgesetzt werden konnten.

Die Freiheitsliebe: Welche Rolle spielte oder spielt Rassismus?

Peter Birke: Rassismus steht sozusagen im Zentrum der geschilderten Auseinandersetzungen. Wenn man an die Corona-Krise denkt – da haben auch hochgestellte Politiker die Arbeiter*innen für ihre Ansteckung selbst verantwortlich gemacht, weil sie sich nicht genügend schützen würden. Es gab aber auch zwei Gegendiskurse, einmal von der Gewerkschaft NGG und NGOs sowie einen von den Beschäftigten. Beide haben die Arbeits- und Wohnbedingungen als Hauptgrund für die Infektionen identifiziert, mit der Folge, dass auch die Politik zurückrudern musste. Hätte sich der rassistische Diskurs durchgesetzt, wäre niemals das Arbeitsschutzkontrollgesetz durchgesetzt worden.

Die Freiheitsliebe: Du hast beschrieben, dass die Beschäftigten ihre Macht erkannt haben, ist das nur in der Fleischindustrie der Fall, denn wenn man sich Amazon anschaut, sieht man, dass es schon lange Streiks gibt, aber sich noch nicht so viel bewegt?

Peter Birke: Im Online-Versandhandel ist die Situation eine etwas andere. Viele der Lager und Distributionszentren sind dort aufgemacht worden, wo es viel Armut und eine hohe Arbeitslosigkeit gibt. D.h. es gibt kein über (früher) über Entsendung und (später) Werkverträge organisiertes Rekrutierungssystem, wie in der Fleischindustrie oder in der Saisonarbeit wie auf dem Bau oder in der Landwirtschaft. Dass heute besonders in ganz neuen Versandhandel-Lagern vor allem Geflüchtete und andere neue Migrant*innen arbeiten, liegt daran, dass diese dort rekrutiert werden, wo sie leben: Bspw. im Hamburger Süden, wo gezielt in Einkaufszentren und S-Bahnen für die Arbeit im Versandhandel geworben wird.

Die soziale Polarisierung in den Städten spiegelt sich so im Betrieb wieder, und sogar eine Art Segmentierung. In einigen Bereichen, vor allem dann auch in Verteilzentren oder in der Auslieferung der Waren, arbeiten fast nur noch Leute ohne deutschen Pass. Diese Entwicklung stellt die in diesem Bereich – wie bei Amazon – eigentlich recht kämpferische Gewerkschaft ver.di vor immer neue Herausforderungen, die jedoch wie in der Fleischindustrie in letzter Instanz damit zusammenhängen, dass das Kapital sich bewegt und eine starke Fluktuation der Beschäftigten zu einer Art besonderem Ausbeutungsmodell geworden ist. Und ebenfalls ähnlich wie in der Fleischindustrie spielen auch – bspw. bei Amazon – Auseinandersetzungen im Arbeitsalltag heute eine große Rolle. Der Kampf um die Fahrkarte, Pausenordnung, die verlangten Umschlagszahlen sind dort von ebenso kaum zu unterschätzenden Bedeutung wie das, was ich vorher anhand der wilden Streiks für die Fleischindustrie geschildert habe.

Die Freiheitsliebe: Was bedeutet das für die Gewerkschaften?

Peter Birke: Das ist schwer, in Kürze zusammenzufassen. In beiden Bereichen sind Tarifverträge eher die Ausnahme, Betriebsräte oft schwach und / oder nah am Management. Es ist sehr schwierig, das zu ändern, und es gibt sicher keine Patentrezepte dafür (schon gar nicht solche, die wir Akademiker*innen uns ausgedacht haben). Aber grundsätzlich ist ja nun vielen Gewerkschafter*innen klar, dass sie „die Migrant*innen“ nicht als „andere“ denken dürfen, sondern als Teil der Organisation, und als wichtigen Teil, der gestärkt werden muss. Aber auch dort, wo Migrant*innen nicht als „außen vor“, sondern als Kolleg*innen wie alle anderen begriffen werden, gibt es manchmal Mißverständnisse. Denn in der Tat ist man – ob als Migrantin oder aufgrund der eigenen Hautfarbe oder aufgrund irgendeines anderen abgedrehten Unfugs, mit besonderenZumutungenkonfrontiert: Abwertung der eigenen Qualifikation, Mißachtung der eigenen Person, Probleme im dichten Wald der Bürokratie.

So entsteht das, was wir am Ende unserer Studie „multiple Prekarität“ genannt haben: Die Leute haben ja nicht nur auf dem Arbeitsmarkt Probleme, sondern auch, wenn sie eine Wohnung finden wollen, usw. Gewerkschaften müssen vielleicht nicht alle Sprachen lernen, die die neuen Kolleg*innen sprechen, denn man wird sich schon verständigen können, wenn es darauf ankommt. Aber sie müssen verstehen, was rassistische Angriffe, auch auf der Arbeit, bedeuten. Oder das Gefühl, dass man sein Leben in die Hand nehmen will, aber permanent daran gehindert wird, permanent jemand auftaucht, der einem ein Bein stellt. Wie man sich dann fühlt, und was das für die eigenen Handlungsmöglichkeiten bedeutet. Das, was wir Organizing nennen, ist sicher auch in diesen Bereichen notwendig, aber es hat, wie wir auf vielen Gewerkschaftsversammlungen während unserer Studie beobachten konnten, absolut einen besonderen Charakter. Es würde nicht nur die betriebliche Herrschaft in Frage stellen, sondern berührte viele weitere Themen, die in dieser Gesellschaft brennen. Es ist sehr schwierig, aber sehr interessant. Aber, wie dem auch sei: Für die Arbeiter*innenbewegung in Deutschland wäre es jedenfalls extrem wichtig, wenn es bald möglichst viele tolle Vertrauensleute mit rumänischem Pass oder Betriebsrätinnen mit ghanaischem Pass geben würde.

Die Freiheitsliebe: Danke dir für das Gespräch.

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