Für eine links-progressive Partei DIE LINKE!

Das Wahlergebnis vom 26. September 2021 zeigt an: Auf ihrem bisherigen Kurs ist DIE LINKE auf dem Weg in die politische Bedeutungslosigkeit. Die bisherigen Beiträge dieser Reihe haben gezeigt, dass es ein links-progressives Potential gibt in Deutschland, groß genug eine entsprechend          ausgerichtete Partei zu tragen. Letzteres hat sich allerdings auf Grund von Fehleinschätzungen und Blockaden zunehmend an der Partei DIE LINKE vorbeientwickelt. Doch noch scheint es nicht zu spät für Korrekturen.

Dieser Beitrag plädiert für eine Sammlung der links-progressiven Kräfte in der und um die Partei DIE LINKE.

Für eine links-progressive Öffnung der LINKEN

Öffnung der LINKEN hin zu den Bewegungen

Die bedeutendste Schwäche der Partei DIE LINKE ist aktuell ihre unzureichende Verbindung mit der Klimabewegung und anderen links-progressiven Tendenzen in der Gesellschaft. Eine Partei der linken Linken kann ohne Verbindung mit den progressiven Tendenzen in der Gesellschaft nicht lange existieren, ohne zur Sekte zu degenerieren. Diesen Schwachpunkt zu beheben ist deshalb vordringlich. Dies hat sich u.a. die junge, schnell wachsende Strömung der Bewegungslinken (bewegungslinke.org) in der Partei zum Ziel gesetzt und dabei erste Erfolge erzielt.

Hinwendung der Bewegungen zur LINKEN?

Die Bewegungen, allen voran die Klimabewegung, und mit ihnen die politisch aktive Jugend, stehen ihrerseits an einem Punkt, wo sie zunehmend erkennen, dass die Mobilisierung von massenhaftem Protest, einerseits Schritte in die richtige Richtung ausgelöst hat. Andererseits legt die Ampel-Koalition aber nicht das Tempo und die Konsequenz an den Tag, die für die Einhaltung des 1,5 Grad-Ziels und anderer Ziele erforderlich wären. Was also tun?

Die Bewegungen und die junge Generation benötigen jetzt eine Strategie für ihren „Marsch durch die Institutionen“ und dafür brauchen sie eine Partei. Die naheliegendste Lösung wäre, wenn sie DIE LINKE zu ihrer Partei machen, indem sie ihr gezielt beitreten und sie dort, wo sie noch nicht passt für die Rolle, eben passend machen. Die perfekte Partei gibt es nirgends, um sie muss frau erst kämpfen!

Was kann DIE LINKE den Bewegungen bieten?

DIE LINKE als Partei bietet Möglichkeiten, in die Institutionen hinein zu wirken, über die Bewegungen als solche nicht verfügen. Linke Parlamentarier tragen die Forderungen der Bewegungen ins Parlament und unterstützen sie mit ihren Ressourcen. DIE LINKE als Partei arbeitet in Bündnissen und Bewegungen organisierend und initiierend mit. Sie sollte aber auch regelmäßig anbieten, Bewegungsaktivist:innen auf ihren Wahllisten mit in die Parlamente zu nehmen. Wer den harten Konkurrenzkampf um die aussichtsreichen Plätze bei der Aufstellung einer Wahlliste kennt, weiß, dass das eine echte Hürde ist. Einige der besten Plätze an „andere“ abgeben? Da gilt es, im Kopf einen Schalter umzulegen: Die „anderen“ sind gar keine „anderen“, es sind „unsere“ Mitstreiter:innen in der Zivilgesellschaft, ohne die „wir“, nur als Partei, entscheidend zurückgeworfen wären. So verstanden, würde DIE LINKE als Bindeglied zwischen Bewegungen und Parlament agieren, mit dem Anspruch auf beiden Ebenen aktiv aufzutreten.

Was können die Bewegungen der LINKEN bieten?

Linke Politik stößt auf so hartnäckige Widerstände der etablierten Eliten, dass ihre Durchsetzung entscheidend von gesellschaftlichen Mobilisierungen abhängt. DIE LINKE hat allen Anlass, progressive Bewegungen zu fördern und zu unterstützen. Bewegungen und Verbände verfügen über ausgezeichnetes fachliches Know-how, was ihnen ermöglicht, alternative Visionen und Forderungen zu entwickeln, die auch für DIE LINKE inspirierend sind. Das gilt ganz besonders für Bewegungen von Trägern wissenschaftlichen oder technischen Wissens, wie Scientist for Future oder der Chaos Computer Club. Nicht zuletzt wirken Bewegungen politisierend und das führt potentiell auch Menschen dazu, die LINKE zu wählen oder ihr Mitglied zu werden.

Inhaltliche Voraussetzungen verstärkter Kooperation

Eine wesentliche Voraussetzung, damit eine engere Kooperation zwischen LINKEN und Bewegungen funktionieren kann, ist eine glaubwürdige Unterstützung der progressiven Agenda und natürlich der Forderungen der jeweiligen Bewegung durch DIE LINKE. Und da gilt es ein Missverständnis zu vermeiden. Die Tatsache, dass DIE LINKE ein sehr progressives Wahlprogramm verabschiedet hat, heißt noch lange nicht, dass Außenstehende das überhaupt mitbekommen haben und dann auch noch bereit sind zu glauben, dass dieses bedruckte Papier mehr Bedeutung habe als die oft völlig anders lautenden Aussagen, mit denen LINKE Promis ständig in den Medien zitiert werden.

Die beiden Parteivorsitzenden Wissler und Hennig-Wellsow haben Anfang 2021 eine klare Ansage gemacht: „Wir stellen uns der Aufgabe, die Klimakatastrophe zu stoppen und Klimaschutz in eine umfassende Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft einzubetten. Linke Politik auf der Höhe der Zeit bedeutet, soziale und ökologische Kämpfe zusammen zu denken, der sozialen und der ökologischen Frage eine gemeinsame Antwort zu geben“ (Wissler/ Hennig-Wellsow 2021). Nun kommt es darauf an, dass die Partei nicht zulässt, dass dieses breit getragene, klare Commitment, nicht wieder, wie es Kipping und Riexinger erleben mussten, durch Ego-Trips aus der Bundestagsfraktion neutralisiert wird.

Zusammenspiel mit den kleinen links-progressiven Parteien

Der größte Landesverband NRW zieht 2022 erstmals mit drei parteilosen Bewegungskandidat*innen auf den vorderen Plätzen in den Landtagswahlkampf, darunter einer bekannten Klimaaktivistin. Das hat wiederum die Klimaliste NRW veranlasst, auf die eigentlich geplante Landtagskandidatur zu verzichten und bei der Landtagswahl in NRW zur Wahl der LINKEN aufzurufen. Ist das der Anfang von etwas ganz Neuem? Ein zartes Pflänzchen ist gesetzt. Und wenn DIE LINKE damit in den Landtag kommen sollte, wird das mehr wiegen als viele Worte.

Es sei auch bemerkt, mit welcher Selbstverständlichkeit die Freunde von der Klimaliste ihr Vorgehen dem gemeinsamen Erfolg der links-progressiven Kräfte insgesamt unterordnen. Das finde ich eine vorbildliche Vorleistung auf mögliche zukünftige Kooperationen. Auch DIE LINKE NRW zeigt mit der erstmaligen Aufstellung von gleich drei bewegungs- und gewerkschaftsaktiven Nicht-Mitgliedern auf den vorderen Listenplätzen eine neue Offenheit. Da ist eine neue Geisteshaltung. Macht es die politische Lage zur gemeinsamen Aufgabe der links-progressiven Kräfte, sich, in all ihrer Vielfalt, enger unterzuhaken? In NRW hat eine Öffnung in diese Richtung eingesetzt und erste Schritte sind getan.

DIE LINKE sollte im Rahmen einer solchen Öffnung Gespräche suchen mit der Piratenpartei, Diem25/MERA25, der Klimaliste und Die PARTEI, um Möglichkeiten für Kooperationen auszuloten. Alle genannten Parteien verfügen über Stärken, die DIE LINKE nicht aufweist und umgekehrt ist der bescheidene organisatorische und personelle Rahmen der LINKEN doch unermesslich mehr Schwungmasse als diese kleinen Parteien realisieren können. Das Potential für Synergie ist groß. Inhaltlicher Bezugspunkt sollte die links-progressive Agenda und die Fragestellung sein, was man und in welcher Form der Kooperation besser hinbekommen kann. Wichtig ist natürlich, auf Augenhöhe ins Gespräch zu kommen und auch Widerstände zu respektieren.

Für eine verbindende, offensive Taktik der LINKEN

Verbindende Klassenpolitik und die links-progressive Agenda

„Linke Klassenpolitik (…) akzeptiert die Spaltung, Fragmentierung und Prekarisierung nicht als gegeben. Ihre Aufgabe ist es, die gemeinsamen Interessen der Lohnabhängigen herauszuarbeiten, zu formulieren und Bündnisse der Solidarität zu schmieden“ (Riexinger 2018, S. 123ff.). Diese Formel findet weithin Zustimmung in der LINKEN. Doch was genau heißt das? Riexinger orientiert in seinen Beispielen (ebenda) sehr stark auf Verbindung im gemeinsamen Handeln, gestützt auf gemeinsame Interessen oder aktive Solidarisierung. Ich finde es darüber hinaus wichtig festzuhalten, dass verbindende Klassenpolitik konzeptionell nur vom Standpunkt der links-progressiven Agenda entwickelt werden kann. Eine „links-konservative“ Agenda ist nicht „verbindungsfähig“, per Definition nimmt sie die Spaltung hin. Und das ist ein Grund mehr, warum die Durchsetzung der links-progressiven Agenda in der LINKEN so entscheidend ist. Ohne sie kann die Partei nicht wirklich klassen-verbindend wirken.

Regierungsbeteiligung – Teil des Geschäfts oder Schreckgespenst?

Vorbehalte gegen Koalitionsregierungen mit anderen Parteien haben in der politischen Linken eine lange Tradition. „Eine proletarische Partei in einer bürgerlichen Koalitionsregierung wird stets mitschuldig werden an Handlungen zur Niederhaltung des Proletariats, die ihr dessen Missachtung einbringen, und dabei doch stets durch das Misstrauen ihrer bürgerlichen Blockbrüder und an jeder ersprießlichen Tätigkeit dadurch verhindert werden.“ (Kautsky 1972, S.20). Karl Marx dagegen, so befand Rosenberg schon 1938, „baut seine Lehre auf den Gegensatz des Proletariats zur Bourgeoisie, aber nicht auf dem Gegensatz der Sozialisten zu den `Bürgerlichen` auf. (…) Marx hat jederzeit ein Bündnis seiner Partei mit anderen Parteien für zulässig gehalten, wenn dies den Interessen der revolutionären Bewegung diente“ (Rosenberg 1988, S. 248/249). Wäre noch zu klären, was heute den Interessen der „revolutionären Bewegung“ dient. Dazu gleich mehr.

Über die roten Haltelinien hinaus zu offensiven „Wendepunkten“

„An einer Regierung, die Kriege führt und Kampfeinsätze der Bundeswehr im Ausland zulässt, die Aufrüstung und Militarisierung vorantreibt, die Privatisierungen der Daseinsvorsorge oder Sozialabbau betreibt, deren Politik die Aufgabenerfüllung des Öffentlichen Dienstes verschlechtert, werden wir uns nicht beteiligen“, so dass Erfurter Programm der LINKEN. „Die Haltelinien sollen verhindern, dass eine mögliche Regierungsbeteiligung zu Verschlechterungen führt. Aber sie kitzeln nicht die Wünsche und Träume der Menschen, die sich nach der Ära Merkel einen Aufbruch und spürbare Veränderung wünschen. Sie spitzen nicht die existierenden Erwartungen politisch zu. Die Haltelinien sollten daher durch offensive Wendepunkte ergänzt werden“ (Gohlke/Müller/Seppelt 2021), so ein Vorschlag zur Weiterentwicklung des Konzepts. Mit „Wendepunkten“ gemeint sind also offensive Forderungen, für die sich DIE LINKE vor der Wahl einsetzt, idealerweise im Zusammenspiel mit außerparlamentarischen Bewegungen, und die ihr nach der Wahl als Kriterien dienen, um Koalitionsangebote zu bewerten. Ziel ist es, nicht nur die politische Konkurrenz im Wahlkampf in Bedrängnis zu bringen, sondern auch erfahrbare Erfolge möglich zu machen, die DIE LINKE als reale Kraft sozialen und ökologischen Fortschritts erkennbar machen. Diese vielversprechende taktische Weiterentwicklung sollte so bald wie möglich praktisch erprobt werden.

Regierungsbeteiligung als Option offensiv vorbereiten

Ist die Beteiligung an Regierungen für DIE LINKE eine Frage freier Wahl, wie es manchmal diskutiert wird? Nicht wirklich. Die meisten Wähler:innen der LINKEN haben die Erwartung, dass die Partei sich nach Möglichkeit an Regierungen beteiligt, schon um die CDU draußen zu zuhalten. 2012 hat die LINKE in NRW erlebt, was passiert, wenn die Partei diese Erwartungen enttäuscht und es nicht überzeugend erklären kann – sie flog bei Neuwahlen aus dem Landtag und blieb bis heute draußen.

Es gibt aber auch politische Situationen, bei denen die linke Linke nicht abseitsstehen darf, sondern ihr Gewicht in die Waagschale werfen muss. 1972 stand das gesamte linke Deutschland hinter Bundeskanzler Willy Brandt, und mit knapper Not gelang es, die Revanchisten in der BRD zu besiegen und die Entspannungspolitik durchzusetzen. Das dabei gewonnene Momentum reichte dann für einige Jahre progressiver Reformpolitik, wie es sie in der Dichte in der BRD zu keinem anderen Zeitpunkt gegeben hat.

Geschichte wiederholt sich nicht – aber sie reimt sich, soll Mark Train gesagt haben. Modernisierungskoalitionen kommen an einen Punkt der Wahrheit. Für den US-Präsidenten Roosevelt und seinen New Deal war der Punkt 1936 erreicht. Die gesamte Konzernwirtschaft machte gegen ihn Front – und er nahm den Kampf auf, gestützt auf seine „progressive democrats“, zahllose Kommunen und Graswurzelinitiativen und eröffnete die progressivste Phase der neueren US-Geschichte (Lehndorff 2020). Auch Gerhard Schröder versuchte sich mit einer Modernisierungskoalition. Aber die Unternehmerverbände zogen nicht mit, verlangten Sozialabbau und was tat Schröder? Er knickte ein und landete bei der Agenda 2010. Die Folgen sind bekannt. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass auch die Ampelkoalition einen Tag der Wahrheit erleben wird, wenn ihre inneren Widersprüche nur noch in die eine oder andere Richtung gelöst werden können. Wie kann sich DIE LINKE für so eine Situation vorbereiten? Die oben angesprochene „Wendepunkt“-Taktik scheint mir ein guter Ansatz: Es sich zur Gewohnheit machen, einige zentrale, positive Forderungen nach vorne zu stellen, die

  • in klassenverbindender, nachvollziehbarer Weise die Interessen der Vielen aufgreifen
  • für einen bestimmten Gesellschaftsbereich die Spielregeln erheblich verändern
  • und dies dann zur Bedingung einer Regierungsbeteiligung machen.

Eine solche, offensive Taktik ist wohlgemerkt nicht darauf angewiesen, dass es auch zur Regierungsbeteiligung kommt, den die „Wendepunkte“ machen auch aus der Opposition Druck.

Aneignung und Weiterentwicklung der links-progressiven Programmatik

Im letzten Beitrag waren die folgenden programmatischen Herausforderungen für DIE LINKE bereits kurz benannt worden:

  • Europa steht am Scheideweg. Soll es der US-Hegemonialmacht in den kalten Krieg gegen Russland und China folgen? Oder soll die EU einen Weg in die gemeinsame demokratische, sozialstaatlich verfasste Souveränität suchen, verbunden mit der Suche nach einer Friedensordnung für Europa unter Einschluss Russlands? Dies wird nach dem völkerrechtswidrigen russischen Angriff auf die Ukraine nicht einfacher, Im Grunde aber umso dringender. Ein soziale, demokratische und wirtschaftspolitisch geeinte EU ist ein Friedensprojekt, und nur eine solche EU wird in den kommenden Krisen über die Fähigkeit zum solidarischen Handeln verfügen und sich in einer multipolaren Weltordnung behaupten.
  • Wie kann DIE LINKE ihre Kompetenz im Bereich Digitalisierung verbessern und zu einer realen Kraft einer demokratischen Digitalisierung werden? Das wird nicht allein durch Weiterbildung gelingen. Wie kann sie links-progressive Expert*innen anziehen, die ihr dabei auf die Sprünge helfen?
  • Welche Art Antirassismus, Antidiskriminierung und Feminismus vertritt DIE LINKE? Den postmodernen Antidiskriminierungsdiskurs der Cancel Culture oder ein mehr klassenbewusstes Verständnis von (Anti-)Diskriminierung? Diskriminierung „verlernen“, oder diskriminierende Strukturen überwinden?
  • Was sind die Vorschläge der LINKEN, um die nächsten, vorhersehbar kommenden, menschengemachten Naturkatastrophen solidarisch zu bewältigen? DIE LINKE benötigt nicht nur eine Klimaschutzpolitik, sondern auch eine Programmatik, um den Folgen des bis auf weiteres nicht mehr aufhaltbaren Klimawandels und anderer menschengemachter Naturkatastrophen ein neues gesellschaftliches Solidaritätsversprechen entgegenzusetzen. Solidarität der Vielen statt „rette sich wer es bezahlen kann“!

Wege der Veränderung aufzeigen

„Die Systemfrage ist keine rhetorische Angelegenheit. (…) Ohne dass konkrete Wege der Veränderung aufgezeigt werden, werden sich die Machtverhältnisse nicht verschieben lassen“ (Riexinger 2020, S.101). Die 20er Jahre werden eine Zeit, in der Veränderungen möglich sind und darum kämpfen heißt, zunächst die konkreten Schritte und Chancen aufzuzeigen. Um das in der Praxis, auf vielen Feldern, von der Verkehrs- bis zur Außenpolitik, parallel umzusetzen, muss DIE LINKE wissender werden. Das Wissen muss gezielt akquiriert werden, durch innerparteiliche Bildung wie durch neue Partnerschaften mit progressiven Wissensträgern.

Anforderungen der Linksjugend

Die Linksjugend plädiert dafür, „einen programmatischen Klärungsprozess über das Sozialismusverständnis der LINKEN zu führen, also zu klären, wie genau die Gesellschaft, die wir anstreben, aussehen soll“ (Linksjugend 2021), eine Anforderung, die auch Klaus Dörre vertritt (Dörre 2021). Bis etwa 2050 muss die „Nachhaltigkeitsrevolution“ (Dörre a.a.O.), die Umstellung des gesamten Systems der materiellen Produktion auf einen nachhaltigen Stoffwechsel mit der Natur des Planeten, vollzogen werden, wenn die Erde für die ganze Menschheit bewohnbar bleiben soll. Wallerstein war der Ansicht, dass in diesem Zeitraum, anders als 1789 und 1917, eine wirkliche Überwindung der Klassenherrschaft möglich wird (Wallerstein 1998), weil das kapitalistische Weltsystem aus den Fugen gerät und sowieso alles anders werden muss. Auf jeden Fall macht es Sinn, dass die Jugend beginnt, unbescheidene Ziele in den Blick zu nehmen, denn alles andere würde der heraufziehenden extremen historischen Situation nicht gerecht. Dabei ist es allerdings wichtig, Sozialismus nicht als abstraktes Prinzip oder Neuauflage von Gescheitertem anzurufen, sondern die Gesamtheit der zu verändernden Machtverhältnisse, nachhaltiger Produktivkraftentwicklung, Umgestaltung der Rechtsordnung, entfalteter Individualität und einer demokratischen, selbstermächtigenden politischen Praxis der Vielen konkret ins Auge zu fassen und neue Wege zu entdecken.

Den Staat, wie er ist, in Frage stellen

Eine andere Forderung der Linksjugend lautet: „Der Staat, in dem wir leben, ist nicht klassenneutral. Er ist nicht, wie Sozialdemokrat:innen glauben, der Gegensatz zum Markt, den man stärken muss, sondern selbst unverzichtbarer Teil der kapitalistischen Produktionsweise. (…) Linke Politik muss (also) eine kritische Distanz zum aktuellen Staat halten und für eine neue, radikale Demokratie kämpfen, in der die Menschen nicht nur alle vier Jahre wählen, sondern ihre Lebensgeschicke gemeinsam selbst organisieren und bestimmen.“ (Linksjugend a.a.O.) Einiges deutet darauf hin, dass im Anthropozän bis auf weiteres sowohl ein aktiver Staat als auch die demokratische Initiative der Vielen benötigt werden, um das Naturverhältnis auf eine nachhaltige Weise in den Griff zu bekommen. Dafür wird es nicht reichen, mit der marxistischen Staatstheorie den Staat als asymmetrisches Kampffeld zu analysieren, sondern es gilt auch, den Staat gemäß den ökologischen und demokratischen Herausforderungen aktiv umzugestalten.

Für eine aktionsorientierte, nachaußen gerichtete Partei

Vom links-progressiven Programm zu einer aktions- und erfolgsorientierten Praxis

Bei Lichte besehen, hat DIE LINKE sich, zuletzt mit dem Bundestagswahlprogramm oder dem Landtagswahlprogramm in NRW, längst ein links-progressives Programm gegeben. Nun kommt es darauf an, in den Landes- und Kreisverbänden die dazu passende Praxis zu entwickeln. Gefragt sind Initiativen, die Botschaft hinauszutragen, auf den Straßen, an Haustüren, im Internet und sich in konkrete Kämpfe vor Ort aktiv einzubringen. LINKS sein heißt, raus gehen, die Menschen gewinnen zu wollen. Die Orientierung auf Aktion und Erfolg wäre auch ein elementarer Beitrag zu der von der Linksjugend geforderten „kulturellen Erneuerung“ (Linksjugend a.a.O.).

Politische Kommunikation zwischen Social Media und Haustürkampagnen

Das Brot-und-Butter-Geschäft der politischen Kommunikation im Internet-Zeitalter findet statt – na wo wohl? Richtig, im Internet. Webseite, Social Media Accounts, Newsletter, das sind Kanäle, über die die Wendepunkt-Taktik gut in Kampagnen umgesetzt werden kann. Der „Goldstandard“ aber ist in der Zeit der nicht endenden Videokonferenzen und schnellen Klicks mehr denn je das persönliche Gespräch, wie es in Haustürwahlkämpfen und interaktiv konzipierten Infoständen praktiziert wird. Eine Partei, die von einer links-progressiven Agenda beseelt ist, die solidarisch mit Bewegungen agiert und ihre verbindende Klassenpolitik mit wohlausgewählten „Wendepunkten“ kommuniziert, die wird auch die handwerkliche Dimension dieser Herausforderungen in den Griff bekommen.

Zum Schluss – wo kommen wir da hin?

Können das links-progressive Potential und DIE LINKE auf dem hier skizzierten Weg doch noch zueinander finden? Und sich gemeinsam eine höhere politische Wirksamkeit erschließen? Ich glaube schon. Es ist spät geworden, aber immer noch nicht zu spät. Das Land braucht eine starke, links-progressive, mit der Zivilgesellschaft verbündete LINKE. Wie würde die das Kräfteverhältnis verändern, welche Reaktionen würde sie bei Grünen, Sozis und den anderen auslösen? Ich will nicht spekulieren. Wir durchleben eine Zeitspanne, voraussichtlich bis etwa 2028-30, in der viel Veränderung stattfinden wird und es kommt darauf an, dies für nachhaltigen sozialen und ökologischen Fortschritt zu nutzen.

Von Fiete Saß, stellvertretender Sprecher der Kölner LINKEN.

Quellen und Literatur

Dörre, Klaus, Die Utopie des Sozialismus, Kompass für eine Nachhaltigkeitsrevolution, Berlin 2021

Gohlke, Nicole und Müller, Norbert und Seppelt, Jana, Haltelinien und Wendepunkte, Wie die Linkspartei das Land in Bewegung bringen sollte – ein Zwischenruf zur Wahlkampfstrategie, 10.06.2021, https://www.nd-aktuell.de/artikel/1153098.linke-und-die-bundestagswahl-haltelinien-und-wendepunkte.html

Kautsky, Karl, Der Weg zur Macht, Frankfurt a.M. 1972

Lehndorff, Steffen, New Deal heißt Mut zum Konflikt: Was wir von Roosevelts Reformpolitik der 1930er Jahre heute lernen können, Hamburg 2020

Linksjugend, Vom Organisieren zum Gewinnen: Strategien für eine sozialistische Mitgliederpartei, Strategiepapier des Bundessprecher:innenrats der Linksjugend [’solid] zur Erneuerung der LINKEN, 2021, https://www.linksjugend-solid.de/vom-organisieren-zum-gewinnen-strategien-fuer-eine-sozialistische-mitgliederpartei/

Riexinger, Bernd, Neue Klassenpolitik, Solidarität der Vielen statt Herrschaft der Wenigen, Hamburg 2018

ders., System Change, Plädoyer für einen linken Green New Deal – Wie wir den Kampf für eine sozial- und klimagerechte Zukunft gewinnen können, Hamburg 2020

Rosenberg, Artur, Demokratie und Sozialismus, Frankfurt a.M. 1988

System-Change, Offener Brief an die Fraktion DIE LINKE, 2021, https://linke-erneuern.de/offener-brief-an-die-linksfraktion/

Wallerstein, Immanuel, Utopistics, Or, Historical Choices oft he Twenty-first Century, New York 1998

Wissler, Janine/Hennig-Wellsow, Susanne, Für eine LINKE Transformation. Sozial UND klimagerecht, 2022, https://www.die-linke.de/start/detail/fuer-eine-linke-transformation-sozial-und-klimagerecht/

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