Eine neue feministische Internationale

9. Juni 2019 - 12:00 | | Politik | 0 Kommentare

Neue Impulse der globalen feministischen Bewegung geben Hoffnung. Auch auf ein Jenseits des Kapitalismus. Ein Kommentar von Rhonda Koch.

Etwas Neues ist entstanden. Eine globale Bewegung der Frauen*, die nicht nur den liberalen Feminismus in seine Grenzen weist, sondern auch dem Kapitalismus den Kampf ansagt. Zusammen klagen sie die Vielfältigkeit der Frauen*unterdrückung an: In Polen, Irland oder Argentinien wird gegen die Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen demonstriert. Chilenische Frauen* besetzen Regierungsgebäude und streiken gegen sexualisierte Gewalt. Die deutschen Pflegerinnen und Pfleger wehren sich gegen Personalnot im Krankenhaus. In den USA ziehen die Lehrerinnen und Lehrer in den Arbeitskampf. Und allein in Spanien folgten sechs Millionen Teilnehmenden dem Aufruf zum Internationalen Frauen*streik am 8. März.

Das Dilemma im Kapitalismus

Dieser feministische Widerstand und Aufbruch floriert in einer gesellschaftlichen Situation, in der die neoliberale Herrschaft nicht nur an ihrer DA X-Pseudogleichberechtigung bröckelt, sondern durch Sozialstaatsrückzug und Privatisierung zu einer weltweiten Krise der sozialen Reproduktion geführt hat. Die kapitalistische Gesellschaft steckt im Dilemma, zum einen muss sie der Konkurrenz wegen maximale Profite generieren und zum anderen möchte sie möglichst langfristig bestehen. Sie kann also nicht einfach – selbst wenn sie moralisch keine Einwände hätte – Arbeitskräfte hemmungslos ausnutzen, die dann einen maximalen Mehrwert erarbeiten. Sie muss gleichzeitig zumindest auf einem erträglichen Niveau für die Aufrechterhaltung und das Nachkommen von Arbeitskräften sorgen. Insofern versucht der Kapitalismus seit jeher genau jenen Bereich, der sich um die Erziehung, Pflege und Aufrechterhaltung von Menschen kümmert, die soziale Reproduktion, so gering wie kostengünstig zu organisieren. Das führt verstärkt durch die Neoliberalisierung zu einer katastrophalen Lage genau dieser Bereiche. Oder neoliberal formuliert: Weil im Produktionsbereich Profite ausbleiben, versucht man am Alltag der Menschen zu kürzen. Das Resultat ist ein Kahlschlag gesellschaftlicher Reproduktion, die Kosten von Einsparungen, Kürzungen und Privatisierung tragen weltweit maßgeblich die Frauen*. Nun wehren wir uns.

Feminismus der 99%

Das Beeindruckende und Hoffnungsvolle dieser neuen feministischen Bewegung ist nicht nur ihre Größe, ihre Internationalität und ihre vielfältige Kritik, sondern auch der Hintergrund der Bewegten: Die widerständigen Frauen* kommen überwiegend aus der Arbeiter*innenklasse und nicht aus dem kapitalistischen Westen. Im Unterschied zur zweiten Frauen*bewegung tragen sie ihre Kämpfe in den Westen und nicht andersherum. Hier adressieren sie nicht die Regierungen und Vorstände, sondern fordern einen Feminismus der 99%. So widersetzen sie sich dem neoliberalen Feminismus mit seinem Einsatz für Gleichstellung ausschließlich unter dem oberen 1%. Stattdessen fordern sie radikale soziale Gleichberechtigung und Solidarität von unten gegen männliche Dominanz und sexualisierte Gewalt. Ihr Ziel ist die Abschaffung von Profitlogik und Unterdrückung, also das Ende des patriarchal geprägten Kapitalismus.

Eine neues feministisches Bewusstsein

Zunehmend formieren sich die gegenwärtigen feministischen Mobilisierungen als eine Bewegung von unten, die die Welt erobern will. In den Worten der Philosophin Cinzia Arruzza haben wir es mit „einer neuen, anti-kapitalistischen feministischen Subjektivität“ zu tun. Und diese neue Identität der Aktivistinnen und Aktivisten deutet darauf hin, dass es dieses Mal die Frauen* sein werden, die die Internationale zurück auf die Tagesordnung linker Politik bringen werden – sodass schließlich unser Kampf international, feministisch und antirassistisch zugleich sein wird.

Der Artikel erschien in der neuen Ausgabe unseres Medienpartners Critica.


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