Lateinamerika: Zwischen Femizid und feministischem Aufschwung!

6. März 2019 - 16:33 | | Politik | 0 Kommentare

Lateinamerika und die Karibik sind nach einem 2017 veröffentlichten Bericht der UNO, die gefährlichsten Regionen für Frauen weltweit, mit Ausnahme von Kriegsgebieten. Doch die feministische Bewegung und der Kampf gegen Femizide wird stärker.

Der Bericht der UNO zeigt, dass Frauen in der Region die höchste Gewaltrate ausserhalb einer Partnerschaft erleben und die zweitgrösste innerhalb einer Partnerschaft [1].

In 2017 wurden mindestens 2795 Frauen in Lateinamerika wegen ihrer Kondition als Frauen ermordet. Die meisten dieser Femizide (2 von 3) erfolgten in Partnerbeziehungen, dass heisst männliche Partner oder ehemalige Partner die ihre Partnerin töteten. In absoluten Zahlen führen Brasilien mit 1133 Mordfälle in 2017 und Mexiko mit 760 die Liste an. El Salvador (10,2) und Honduras (5,8) führen die Liste der Femizide pro 100.000 Frauen an[2]. Zum Vergleich, wurden in Deutschland im Jahr 2017, 364 Frauen von ihren Ehepartnern oder Ex-Partnern getötet. Was natürlich auch erschreckende Zahlen sind, etwa 1 Frau am Tag, aber einen deutlich niedrigeren Wert darstellt.

Femizide sind kein Einzelphänomen

Femizide sind aber nicht einfach ein loses Phänomen, das heißt Männer ermorden ihre Partnerin normalerweise nicht in einem Ausnahmefall z.B. während eines unkontrollierten Gewaltausbruches. Femizide sind der letzte Ausdruck eines Zyklus von physischer, geistiger, emotioneller und sexualisierter Gewalt gegen Frauen, die sich innerhalb einer Partnerschaft präsent macht, aber natürlich innerhalb der Gesellschaft ständig reproduziert. Das Problem ist alarmierend und kommt in allen Schichten vor.

Das  Gewalt gegen Frauen in vielen lateinamerikanischen Ländern inzwischen ernsthaft diskutiert wird, ist keine Folge alarmierender Statistiken oder eine Folge der wenigen Maßnahmen einiger Regierungen, sondern eine Folge des Aufschwungs der feministischen Bewegungen. Diese neuen Bewegungen haben in den letzten paar Jahren im Kontinent viel mehr geschafft, um auf die Situation der lateinamerikanischen Frauen sichtbar zu machen, als alle institutionellen Maßnahmen bis heute. Inzwischen gibt es Gruppen die sich gegen Femizide einsetzen, gegen sexualisierter Gewalt, für die Opfer Häuslicher Gewalt, für die Rechte indigener Frauen, gegen Diskriminierung und vieles weiteres einsetzen. In Chilegibt es eine Radiosendung von Frauen die Gewalt gegen Frauen diskutieren und somit viele „Haus“frauen erreichen. Einige im Kontinent berühmte Feministinnen erhalten heutzutage auch mediale Aufmerksamkeit und werden als Gäste zu Talkshows eingeladen, um Feminismus und Antirassismus zu debattieren. Diese sind nur einige der Errungenschaften der feministischen Bewegung im Kontinent.

Aufschwung feministischer Bewegungen

Seit 2015 gibt es große Mobilisierungen rund um das Thema Femizide und Gewalt gegen Frauen. In Argentinien konnte das Bündnis „Ni una Menos“ (Keine einzige weniger) die Wut tausender Frauen, die häusliche Gewalt erlebten, kanalisieren, um sich auf den Straßen laut und deutlich gegen häusliche, sexualisierte und staatliche Gewalt einzusetzen.  Einzelne schreckliche Fälle die starke mediale Aufmerksamkeit bekamen, wie die Ermordung der 14-jährigen Chiara Paez in 2015 und Lucía Pérez in 2016 die von mehreren Männern vergewaltigt und anschließend an den Wunden des Pfählens gestorben ist, haben immer wieder Frauen in Solidarität auf die Straßen gebracht. Der Perez Fall war auch Anlass für den ersten Generalstreik argentinischer Frauen, die für eine Stunde ihre Arbeit niederlegten [3] um ihre Empörung auf der Straße zu zeigen. Die Ermordung von Chiara Paez durch ihren Freund war Initial für die größte feministische Mobilisierung der argentinischen Geschichte, bei der alleine in Buenos Aires etwa 300.000 Menschen auf die Straße gingen und in dessen Folge die Bewegung „ Ni Una Menos“ entstand. Das Bündnis mobilisierte auch letztes Jahr für die historische Entscheidung, den Schwangerschaftsabbruch im Land zu legalisieren. Die Bewegung schaffte es damals und auch heute jene Frauen die sich gegen Gewalt in der Partnerschaft oder Familie einsetzen, auch für den Kampf um die Entkriminalisierung zu mobilisieren. Das Frauen durch durch unsichere und nicht-medizinische Abtreibungen  zu Tode kommen wird dabei auch als eine Form des Femizides in Händen des Staates verstanden. Unsichere Schwangerschaftsabbrüche sind in Argentinien dabei die häufigste Todesursache von Müttern.

Auch in Chile gab es letztes Jahr  eine ähnliche Bewegung  mit einer breiten feministischen Mobilisierung, die ausgelöst wurde durch unterschiedliche Fälle von sexualisierter Gewalt in Bildungsinstitutionen. Die Welle von Protesten wuchs im ganzen Land, vereinte sich  im Kampf für die Entkriminalisierung der Abtreibung und für weiteren Forderung, wie z.B. gegen den Gender Pay Gap. Feminismus wurde zum Hauptthema in den Medien und schaffte es ein Bewusstsein zu schaffen für die vielen Formen von Gewalt, denen Frauen ausgesetzt sind.

Abtreibung und staatliche Gewalt

Gewalt erleben Frauen in Lateinamerika nicht nur durch Alltagssexismus oder in der Partnerschaft sondern auch durch staatliche Gesetze. Nur vier Länder (und eine Stadt) erlauben den Schwangerschaftsabbruch: Kuba, Guyana, französische Guyana, Uruguay und Mexiko Stadt. Andere Länder dulden Schwangerschaftsabbrüche im Falle, dass das Leben der Mutter in Gefahr ist, dass die Schwangerschaft durch eine Vergewaltigung verursacht wurde oder dass der Fötus nicht überlebensfähig ist. Nicaragua, Honduras, El Salvador und Haiti verbieten es in allen Fällen und Frauen und Ärzten droht, im Falle von durchgeführten Abtreibungen, eine mehrjährige Haftstrafe. El Salvador besitzt die strengsten Gesetze, dort gilt Abtreibung als Mord, und Frauen, die abtreiben können, bis zu 50 Jahren in Haft kommen. Sogar Frauen die eine Fehlgeburt erleiden, können unter Verdacht ins Gefängnis kommen. Inzwischen sitzen im Land 25 Frauen wegen eines Schwangerschaftsabbruchs im Gefängnis[4] .

Protest gegen die Anti-Abtreibungsgesetzgebung in Belo Horizonte, Brasilien am 11. November 2017. (Quelle: Mídia NINJA/Flickr/ CC BY-NC-SA 2.0 )

Dass einige Länder den Schwangerschaftsabbruch in einigen Fällen dulden, heißt jedoch nicht, dass dies auch eingehalten wird. In diesem Jahr gab es zwei Fälle minderjähriger Mädchen die durch Vergewaltigung in Argentinien schwanger wurden und denen nicht erlaubt wurde, einen Schwangerschaftsabbruch zu beanspruchen. Eine 11-jährige wurde bis vor kurzem gezwungen die Schwangerschaft  weiterzuführen- ihr wurden sogar Kortikoide Mittel injiziert, um die Entwicklung des Fötus zu beschleunigen. Da ihr Körper nicht reif genug war, um die komplette Schwangerschaft zu vollbringen, hat sich ein Arzt bereit erklärt, einen Kaiserschnitt durchzuführen, um sie vor einem wahrscheinlichen Tod zu retten. Viele dieser Länder erlauben den Schwangerschaftsabbruch unter gewissen Bedingungen, aber vermitteln gleichzeitig, dass dies nicht gewünscht ist. Durch das sogenannte „Verweigerung durch Gewissensgründen“-Protokoll, wird ärmeren Frauen und Mädchen dies praktisch verwehrt.

Sexistische Gewalt und Rassismus

Sexistische und staatliche Gewalt gegen Frauen gehen häufig einher mit Rassismus. In Brasilien ist die Mordfallrate schwarzer Frauen, die meistens auch aus ärmeren Verhältnissen kommen, um etwa 71% höher als bei nicht-Schwarzen Frauen[5]. Eine schwarze Frau hat ein fast doppelt so hohes Risiko ermordet zu werden, wie eine weiße Frau[6] . Afrobrasilianerinnen tragen 65,9% der Fälle obstetrischer Gewalt und 53,6% der Opfer von Müttersterblichkeit sind Afrobrasilianerinnen[7]. Rassismus und soziale Ungleichheit machen schwarze Frauen anfälliger zum Opfer von häuslicher und staatlicher Gewalt zu werden. Junge Afrobrasilianer stellen 53% der Mordopfer im Land. Die Mütter dieser jungen Männer verlangen oft Gerechtigkeit und werden dennoch vom Staat ignoriert. Die meisten dieser Mordfälle geschehen in den armen Vierteln, sogenannten Favelas, wo der „Krieg“ gegen Drogen durch die brasilianische Militärpolizei geführt wird und wo ein ständiges Terrorregime gegen die schwarze Bevölkerung herrscht. Außerdem besitzen Schwarze Frauen in Brasilien die höchste Arbeitslosenrate und verdienen etwa 43,2% weniger als weiße Frauen[8].

Indigene Frauen in Lateinamerika sind ebenfalls ständiger Gewalt seitens des Staates und oft Diskrimierung durch nicht-Indigene Latinos ausgesetzt. Sie sind Opfer von Gewalt im Zusammenhang mit bewaffneten Konflikten, der Durchführung von Entwicklungs- und Investitionsprojekten, der mineralgewinnenden Industrie und der Militarisierung ihrer Territorien[9]. Einige Fälle haben internationale und mediale Aufmerksamkeit bekommen, wie z.B. der Fall der Mapuche in Chile und Argentinien, deren Länder unter militärischer Kontrolle geraten sind, wodurch diejenigen, die sich dem widersetzten als Terroristen kriminalisiert werden. Der Fall der ermordeten indigenen Feministin Berta Cáceres aus Honduras, wurde international bekannt. Ihr Aktivismus im Umweltbereich gegen die Privatisierung der Flüsse und den Bau von Staudämmen durch internationaler Investoren verschaffte ihre große Aufmerksamkeit, insbesondere durch ihren Kampf gegen das Projekt Agua Zarca einen Staudamm am Fluss Gualcarque in Santa Bárbara zu bauen. Beteiligte deutsche Unternehmen (Siemens und Voith) haben am Staudammprojekt teilgenommen und sind erst 2017 (nach mehreren Menschenrechtsverletzungen) ausgestiegen[10].

8. März als Symbol für den Aufstieg der feministischen Bewegung

Dieser 8 März wird ein historischer Tag sein. Nachdem letztes Jahr vor allem Argentinien und Chile einen Aufschwung der Feminismuswelle erlebt haben, können wir davon ausgehen, dass die feministische Bewegung in den nächsten Jahren wachsen wird und das dieser 8 März einen starken Grundstein für weitere Proteste legen. Dies wird immer wichtiger, da viele erkämpfte Frauenrechte durch den Aufschwung konservativer Kräfte, wie z.B. Bolsonaro in Brasilien, gefährdet sind. Die feministische Bewegung im Kontinent hat sich hauptsächlich auf die subjektive alltägliche Erfahrung der lateinamerikanischen Frauen gestützt und sind auch dadurch gewachsen. Doch viele der Aktivistinnen hinter diesen Bewegungen kommen aus einer sozialistischen Tradition und schaffen es auch historische Klassenforderungen voranzubringen. Den Frauenkampftag gilt es zu stärken, denn dieser bringt alle Kämpfe zusammen, die arbeitende Frauen betreffen. Sei es gegen die Austeritätspolitik Macris in Argentinien, gegen die Militarisierung in den Gebieten der Mapuche in Chile, gegen die Arbeits- und Rentenreform Bolsonaros, gegen sexualisierter Gewalt und Femizide im ganzen Kontinent, für die Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruches, gegen die staatliche Gewalt gegen Migranten und die schwarze Bevölkerung, gegen die Ermordung von Trans-Menschen. Der feministische Kampf ist breit, bunt und hat ein enormes potential Frauen und auch Männer für eine bessere Gesellschaft zu mobilisieren.

Ein Beitrag von Nicole Moeller Gonzalez, früher aktiv bei Die Linke-SDS, inzwischen wohnhaft Chile und aktiv Frente Amplio.


[1] http://www.latinamerica.undp.org/content/rblac/es/home/presscenter/pressreleases/2017/11/22/pese-a-pol-ticas-para-erradicar-violencia-contra-las-mujeres-am-rica-latina-y-el-caribe-es-la-regi-n-m-s-violenta-pnud-onu-mujeres.html

[2] https://www.cepal.org/es/comunicados/cepal-al-menos-2795-mujeres-fueron-victimas-feminicidio-23-paises-america-latina-caribe

[3] https://elpais.com/internacional/2018/11/29/solo_en_argentina/1543500240_518567.html

[4] https://www.elespanol.com/mundo/america/20180810/severidad-ley-aborto-latinoamerica-anos-prision/328967956_0.html

[5] http://juventudescontraviolencia.org.br/plataformapolitica/quem-somos/eixos-programaticos/enfrentamento-ao-genocidio-da-juventude-negra/).

[6]

[7] https://dossies.agenciapatriciagalvao.org.br/violencia/violencias/violencia-e-racismo/).

[8] http://www.ipea.gov.br/retrato/infograficos_pobreza_distribuicao_desigualdade_renda.html

[9] https://www.iwgia.org/images/documentos/informe-tematico-mujeres-indigenas-y-sus-derechos-en-las-americas-iwgia.pdf

[10] https://www.oxfam.de/blog/internationaler-expertenbericht-mordfall-berta-caceres


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