Die Klimakrise des Iraks: Krieg, Wasser und Widerstand

20. März 2020 - 12:00 | | Politik | 0 Kommentare
By European Space Agency, Flickr, licensed under CC BY-SA 2.0 (edited by Jakob Reimann).

Als „Zweistromland“ ist der Irak für seine fruchtbaren Täler bekannt, jedoch verwandelt er sich in ein riesiges Ödland. Die illegale Invasion der USA 2003, die darauffolgenden neoliberalen Exzesse und der Ausverkauf staatlicher Infrastruktur führten in Kombination mit der grassierenden Korruption der irakischen Eliten und den katastrophalen Folgen des Klimawandels zu einer dramatischen ökologischen Krise im Irak, zu Wasserknappheit, versalzten Böden, Umweltverschmutzung und einem Verlust der Artenvielfalt.

von Richard Donnelly

Der Irak ist ein sehr durstiges Land, welches mit einer Wasserkrise zu kämpfen hat. Einer von fünf Menschen hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und dies bei 38 Millionen Einwohnern. Das in der Vergangenheit sehr fruchtbare Land wird immer trockener und unfruchtbarer.

Dies sollte nicht der Fall sein, da der Irak eigentlich als ein Land gilt, in dem es im Vergleich zur eigentlich eher trockenen Region viel Wasser gibt. Die gewaltigen Flüsse Tigris und Euphrat sowie ein großes Bewässerungssystem aus Wasserstraßen und Sümpfen haben sich in der sechstausendjährigen Geschichte der dortigen Zivilisation als fundamental wichtig erwiesen. Bevor der Irak im Jahr 1938 von Großbritannien unabhängig wurde, hieß es im Deutschen „Mesopotamien“ und im Arabischen „Bilad al-Rafidayn“ – was übersetzt das „Land zwischen zwei Flüssen“ heißt.

Seitdem die Sumerer als erste Zivilisation im vierten Jahrtausend vor Christus dort Landwirtschaft betrieben, boten die beiden Flüsse fruchtbaren Boden sowie Trinkwasser für Mensch und Tier. Doch der Klimawandel, Umweltverschmutzung und weitere ökologische Degradierung verändern diese Umwelt dramatisch. Der Wasserspiegel des Tigris und des Euphrats fällt, während der des Salzwassers im Arabischen Golf weiter ansteigt. Die Folge ist, dass der Salzgehalt flussaufwärts ein giftiges Maß annimmt. Die Folge der Versalzung sind nicht nur weniger Trinkwasser. Gelangt das Salzwasser in den Boden und vertrocknet, bleiben riesige Mengen Salz zurück, welche sich als weiße Krusten ablagern und so das Land unfruchtbar machen. Den Bauern des Landes steht eine düstere Zukunft bevor.

Das Gebiet um Euphrat und Tigris liegt im sogenannten „fruchtbaren Halbmond“, einem im Vergleich zum Rest der Region fruchtbaren Landstrich, der vom Norden Ägyptens, über Palästisrael und den Libanon über Nordsyrien, Jordanien und Irak bis an den Persischen Golf heranragt. By Sémhur, Wikimedia Commons, licensed under CC BY-SA 3.0.

Folgen der Klimakatastrophe

Nicht nur die ländliche Bevölkerung und in der Landwirtschaft Tätige leiden unter den Folgen der globalen Klimakatastrophe und der ökologischen Krisen – sondern die gesamte Gesellschaft. Der steigende Salzgehalt der Gewässer im Irak und das Verklappen von Industriemüll in die Flüsse sorgen für eine massive Verschlechterung der öffentlichen Gesundheit. Alleine im Jahr 2018 sind über 100.000 Menschen in der Stadt Basra in Krankenhäuser eingeliefert worden, nachdem sie kontaminiertes Wasser getrunken haben.

Doch nicht nur die ökologische Krise macht das Stillen des irakischen Durstes so schwer. Wie in vielen anderen Teilen der Welt werden die Effekte des Klimawandels und der Umweltverschmutzung auch durch das Prisma der verbreiteten sozialen Probleme gebrochen. Die Auswirkungen der Umweltzerstörung werden durch soziale Ungerechtigkeiten weiter verschlimmert – insbesondere durch die, die von der amerikanischen Besatzung ab 2003 verursacht wurden und durch das rücksichtslose neoliberale politische System, welches als Scherbenhaufen zurückgelassen wurde. Die ökologische Krise spitzt vielmehr alle bereits zuvor existierenden Spannungen innerhalb der irakischen Gesellschaft weiter zu – was im Umkehrschluss den Willen zum Kampf gegen die korrupte ökonomische und politische Elite weiter verstärkt.

Und nicht nur innerhalb des Iraks nehmen die Spannungen zu. Der Zugang zu Wasser stellt sich auch als ein großes Problem für andere Länder des Nahen und Mittleren Ostens dar. Nachbarstaaten wie die Türkei, Syrien und der Iran bauen Staudämme, um die Flüsse in ihre eigenen Bewässerungssysteme umzuleiten und um Strom zu erzeugen. Doch das meiste Wasser des Iraks kommt aus Flüssen, die in eben jenen Ländern entspringen. Durch den Einfluss des Klimawandels und der Dammbauaktivitäten ist die Wassermenge, die durch die irakischen Flüsse fließt, in den letzten Jahrzehnten um 40 Prozent gesunken.

Der Irak war im 21. Jahrhundert Schauplatz höchst tragischer Ereignisse. Der Invasion von George W. Bush und Tony Blair im Jahr 2003 folgten zwei Jahrzehnte brutaler Besatzung, Bürgerkrieg und eine von den USA erzwungene Liberalisierung der Wirtschaft. Die sich entwickelnde Wasserkrise ist eine weitere Katastrophe der jüngeren, desaströsen Geschichte des Landes. Diese Geschichte dient aber auch als Testfall dafür, wie ökologischer Verfall, Neoliberalismus und Imperialismus in einer Welt interagieren werden, welche zunehmend vom Schreckgespenst der Klimakrise dominiert wird – und auch dafür, welche Arten des Widerstands hervorgebracht werden.

Ein Blick auf den Darbandikhan Lake in Irakisch-Kurdistan im Norden des Irak. By Wria Hasan, Pixabay, published under public domain.

Wasser, Krieg und Neoliberalismus

Die Veränderung der Wetterlage durch den Klimawandel ist das zentrale Problem der Wasserkrise im Irak. Weniger Regen und höhere Temperaturen haben in einem der ohnehin wärmsten Orte der Welt fatale Auswirkungen. Während die globale Temperatur seit der industriellen Revolution um etwa ein Prozent anstieg, stieg die mittlere Jahrestemperatur im Irak um zwei Prozent. Die südliche Stadt Basra litt in den vergangenen Jahren unter Temperaturen von teils über 53 °C.

Der Irak hätte sich wahrscheinlich besser an die klimatischen Änderungen anpassen können, hätte der US-Imperialismus keine so große Rolle gespielt.

Die USA leisteten ihren rücksichtlosesten Beitrag zur irakischen Wasserkrise während des Krieges von 1990/91 und der Invasion im Jahr 2003. In beiden Kriegen wurden gezielt Wasseraufbereitungs- und Kläranlagen bombardiert, welche die Möglichkeiten gewöhnlicher Irakerinnen und Iraker vernichtete, an sauberes Trinkwasser zu gelangen oder Nahrung anzubauen. Die Angriffe stellten eine Kollektivstrafe gegen das irakische Volk dar, obwohl viele von ihnen sich gegen das Regime von Saddam Hussein aussprachen. Die amerikanische Militärführung erhoffte sich dadurch die machtpolitische Schwächung der Ba’ath-Partei Husseins.

Doch die Bombardierungen hatten auch andere Ziele. Durch die Zerstörung wichtiger Teile der irakischen Wasserversorgung eröffneten sich Möglichkeiten zum „Wiederaufbau“ durch Privatunternehmen aus den USA. Noch bevor Hussein Ende 2003 gefasst wurde, setzten die USA die sogenannte Koalitions-Übergangsverwaltung ein, die CPA (Coalition Provisional Authority). Diese handelte mit großen amerikanischen Baukonzernen wie Bechtel lukrative Verträge zu überhöhten Preisen aus, an welche künftige zivile Regierungen gebunden sein würden.

Jedoch wurden viele dieser „Wiederaufbauprojekte“ nie fertiggestellt. Geschützt durch die US-Regierung konnten sich Firmen wie Bechtel nach der Machtübergabe der CPA an die neue irakische Regierung im Jahr 2004 einfach aus diesen Verträgen zurückziehen. Über den ganzen Irak verteilt wurden kommunale Wassersysteme unfertig zurückgelassen. Auch anderthalb Jahrzehnte später sind viele von ihnen noch immer nicht fertiggestellt – und stellen damit regelrecht Monumente eines ruinösen Versuches der USA dar, die Ökonomie des Irak neoliberal umzukrempeln.

Der Gouverneur des Iraks war Paul Bremer. Er diente in den 80ern im Reagan-Kabinett und war regelrecht besessen von der Ideologie der Privatisierung und des freien Markts. Bremer verwandelte den Irak in ein Testgelände für die neoliberale Lehre, indem er die gesamte Ökonomie für private Unternehmen öffnete und sämtliche Regulierungen für ausländische Besitzer abschaffte. Pauschalsteuern für Einkommen von Individuen und Unternehmen wurden eingeführt, so dass ein Arbeiter auf dem Bau den gleichen Teil seines Einkommens an den Staat zahlte, wie der große multinationale Konzern, der ihn anstellte.

Die Privatisierung von staatlichen Industrien und die rasant wachsende Ungleichheit, die diesen Maßnahmen folgte, bereiteten dem gewaltigen Anstieg der Korruption im Land den Boden. Dazu kam die Etablierung eines sektiererischen politischen Systems, das von den USA eingeführt wurde, um die drei großen ethnischen Gruppen im Irak – Sunniten, Schiiten und Kurden – gegeneinander ausspielen zu können und damit den Widerstand gegen die Besatzung zu brechen. Dies ermöglichte es den Eliten dieser Gruppen, ein klientelistisches Patronagesystem zu entwickeln, indem sie ihre Macht über Teile des Landes nutzten, um ihren politisch Verbündeten und Freunden staatliche Aufträge zu verschaffen, auch wenn sie diese niemals erfüllen konnten.

Ein Beispiel dafür, wie korrupt der Irak seit der Invasion wurde, ist die Anzahl der Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst. 2003 lag diese bei rund einer Million, heute sind es fast drei Millionen. Nach der Invasion wurden allerdings Dienstleistungen des irakischen Staates erheblich gekürzt, weshalb nur wenige von diesen „Arbeitsplätzen“ in sinnvollen Projekten etwa zum Wiederaufbau der zerstörten Wasserinfrastruktur angesiedelt sind. Stattdessen wurden über Netzwerke konfessioneller Schirmherrschaft auf der staatlichen Gehaltsliste Millionen von „Geisterangestellten“ geschaffen oder von der Regierung für ihre Mitgliedschaft in paramilitärischen Gruppen bezahlt, die mit führenden Politikern arbeiten.

Das Resultat dieser Korruption ist, dass investiertes Geld nur selten an die Frontlinien der Projekte gelangt, welche es unterstützen soll. Gelder, die für den Wiederaufbau von Wasserwerken und anderen Teilen des Wassernetzes gedacht waren, verschwinden in den Taschen korrupter Politiker und privater Konzerne. Die Folge dessen ist, dass in vielen irakischen Haushalten giftiges, gelbes Wasser aus dem Wasserhahn strömt.

Labor für ökologische Kriegsführung

Oftmals liegen zerstörte Wasserinfrastrukturen lange brach. By Cpl. Adam C. Schnell, U.S. Marines, Department of Defense, published under public domain.

Auch Bewässerungssysteme waren ein Ziel amerikanischer Bombardements und auch diese wurden wegen der Korruption des irakischen Staats teilweise noch nicht wiederaufgebaut. Die neoliberalen ökonomischen Reformen von Bremer und der CPA verschärften die Probleme der irakischen Landwirte durch die Aufhebung sämtlicher Schutzmaßnahmen gegenüber Importen aus dem Ausland – billige Agrarprodukte aus den USA überspülten das Land regelrecht.

Die CPA wollte diese marktliberalen Reformen nutzen, um den Agrarsektor umzugestalten. Dieser sollte von der Produktion zur Erfüllung inländischer Bedürfnisse hin zu einer exportorientierten Produktion gewandelt werden. Dies umfasst etwa die umfänglichere Verwendung von monokulturellen Anbaumethoden, bei denen auf riesigen Anbauflächen Jahr für Jahr dieselbe Art ausgesät wird. Dies hat dieselben Nachteile, wie überall anders auf der Welt auch – weniger Artenvielfalt und Nährstoffverluste im Boden.

Die US-Landwirtschaft profitiert vom monokulturellen Anbau im Irak, da mehr und mehr Bauern von genetisch modifizierten Samen und Düngemitteln abhängig werden, welche von amerikanischen Unternehmen wie Cargill und Monsanto produziert werden. Doch die Schäden am Boden, dazu die Wasserversorgungsprobleme und die Versalzung der Böden beschleunigen die Desertifikation des Landes, die Umwandlung ganzer Landstriche in Wüsten. Die irakische Regierung warnt davor, dass bei 92 Prozent der Flächen des Landes das Risiko der Wüstenbildung besteht. Die US-amerikanischen Angriffe auf die irakischen Wasser- und Bewässerungssysteme waren nicht das einzige Mal, dass Wasser als Waffe eingesetzt wurde. Der Irak hat eine lange Geschichte als Testlabor für Taktiken ökologischer Kriegsführung.

1991 ließ Hussein den Tigris und den Euphrat umleiten, um so die großen Sumpfgebiete im Südwesten des Landes trockenzulegen. Sein Ziel war es, die Einwohner der Region, sogenannte „Marsch-Araber“ (etwa „Sumpf-Araber“, Anm. d. Ü.), dafür zu bestrafen, dass sie Flüchtlinge eines gescheiterten Aufstandes bei sich Zuflucht gewährten. Diese Trockenlegung ihres Lebensraums ruinierte vollständig die Lebensweise der Marsch-Araber, welche die Sumpfgebiete als Netzwerk von Wasserwegen und Quelle für Nahrung nutzten. Bis zu 120.000 flohen in Flüchtlingslager im Iran, nur 20.000 leben bis heute im Irak.

Die Marsch-Araber waren Beduinen, die in den Sumpfgebieten im Süden des Irak lebten. Hussein legte ihren Lebensraum trocken und zwang die meisten zur Flucht in den Iran, so dass heute nur noch wenige in ihren angestammten Gebieten leben. By Hassan Janali, U.S. Army Corps of Engineers, published under public domain.

Und die gezielte Bombardierung der Wasserinfrastruktur durch die USA hat in dem langen und blutigen Konflikt seit der Invasion 2003 auch andere Akteure inspiriert. Die fanatisch-sunnitische Miliz Islamischer Staat im Irak und Syrien (ISIS) tauchte 2014 auf und entwickelte schnell eine Strategie, die Kontrolle über die Wasserversorgung zu nutzen, um so ihren Griff über weite Teile des Irak zu festigen. Im Juni 2015 besetzten ISIS-Kämpfer das Ramadi-Stauwehr und kappten die Wasserversorgung zu jenen Städten, die von der irakischen Armee besetzt wurden.

ISIS ist mittlerweile zwar mehr oder weniger besiegt, doch spüren die Bauern nach den brutalen Eroberungskampagnen des IS und dem anschließenden Krieg gegen die Gruppe seitens der USA, des Iran und der irakischen Armee noch immer die Nachwirkungen der Gewalt. Wiederum verhindert die grassierende Korruption im Irak auch den Wiederaufbau lebenswichtiger, im Krieg zerstörter Infrastruktur. Darüber hinaus führen die Auswirkungen des Klimawandels dazu, dass Landwirte, die zum Kampf gegen ISIS aufgerufen wurden, auf ihr Land zurückkehren, nur um festzustellen, dass es überhaupt kein Frischwasser mehr gibt.

Öl, Ungleichheit und Widerstand

Es sind häufig Arbeiter im globalen Süden, die im Zentrum extraktiver Industrien wie der Ausbeutung von Öl, Kohle und Gas stehen. Die Volkswirtschaften ärmerer Länder wurden von den reichen Nationen so geformt, dass sie sich auf die Produktion von Rohstoffen für die Zentren des internationalen kapitalistischen Systems konzentrieren können. Während die Weltwirtschaft von der Ausbeutung fossiler Brennstoffe abhängig ist, sind es die Arbeiter im globalen Süden, bei denen als letzte überhaupt irgendein von diesen Industrien erwirtschafteter Wohlstand ankommt – und die als erste von den Folgen des Klimawandels betroffen sind.

Diese Ironie zieht auch an den Menschen in Basra nicht vorüber – Basra ist die zweite größte Stadt im Irak und dazu ein Zentrum der Ölindustrie. Die Stadt ist aber nicht nur von riesigen Ölfeldern umgeben, sondern hat auch einen wichtigen Hafen und ist ein Umschlagsplatz für Erdölexporte. Doch trotz der enormen Ölmengen, die unter ihren Füßen liegen, sehen die normalen Leute in Basra nur herzlich wenig von den Profiten. Das Öl der Stadt ist zwar ein Motor der Weltwirtschaft, doch haben viele in der Stadt gerade mal ein paar Stunden Strom am Tag. Und dank des Klimawandels gehen die Temperaturen regulär über 50 °C hinaus und machen das Leben ohne Klimaanlage schier unerträglich.

Der Niedergang der irakischen Landwirtschaft befördert auch die Migration in die Städte. Die riesigen Elendsviertel um Städte wie Basra wachsen, da es Flüchtlinge vom Land in die Stadt zieht – dort besteht die verzweifelte Möglichkeit, auf einen Arbeitsplatz hoffen zu können. Jedoch führt die Korruption der neoliberalen, bürokratischen Elite dazu, dass diese Elendsviertel größtenteils vom Wassersystem, dem Elektrizitätsnetz sowie dem Abwassernetz getrennt sind. Dies führt beispielsweise dazu, dass Müll direkt in den Shatt al-Arab Fluss entsorgt wird, was durch verschmutztes Wasser in Basra eine massive Gesundheitskrise auslöste.

Doch die Wechselwirkungen zwischen dem Klimawandel und den blutigen Auswirkungen der US-Besatzung sowie der Vermarktlichung der irakischen Ökonomie führen nicht nur zu großem Leid – sondern brachten auch Wut hervor.

Im September 2018 lief in Basra das Fass über. Demonstranten zogen auf die Straßen und forderten den Zugang zu sauberem Wasser. Später kam es zu Aufständen und fast jedes Regierungsgebäude in der Stadt wurde niedergebrannt. Um der Welt ihre Wut zu erklären, posteten die Protestierenden Videos in den sozialen Medien, auf denen sie ihre Wasserhähne öffneten und schwarzer Schlamm herauskam. Dies war ein dramatisches Beispiel dafür, wie Umweltkrisen bereits starke Spannungen zwischen einfachen Leuten und ihren Herrschern eskalieren können.

Heute sind die Menschen in Basra erneut auf den Straßen. Neben Städten wie Najaf, Nasiriyah und Bagdad gibt es seit Oktober 2019 auch in Basra große Proteste. Demonstranten haben zentrale Plätze besetzt und fordern ein Ende des aktuellen politischen Systems. Junge Leute, welche keine Arbeit finden und sich vom korrupten System ausgeschlossen fühlen, bilden die Speerspitze der Demonstrationen. Ihre Forderungen sind wesentlich umfassender als jene, die bei den vorherigen Wasseraufständen in Basra artikuliert wurden. Allerdings dient die Wasserkrise als eine Erinnerung an die Katastrophe, die durch die amerikanische Invasion und das korrupte System, das sie zurückließ, verursacht wurde.

Der Euphrat um den Lake Qadisiyah. By NASA, Wikimedia Commons, published under public domain.

Die Wasserkrise im Irak zeigt uns ein Bild einer nahen Zukunft der Menschheit, während wir immer schneller der Klimakatastrophe entgegenrasen. Der Klimawandel führt weltweit zu Durst, Hunger und Vertreibung. Der globale Süden wird einen wesentlich größeren Anteil dieser Last als seinen eigenen zu tragen haben und die Menschen der Arbeiterklasse werden vom ökologischen Kollaps als erste und am schlimmsten getroffen. Während Imperialismus und Neoliberalismus ganz normale Leute dazu zwingt, den Preis für die ökologische Krise zu zahlen, streichen sich die Reichen mittels fossiler Energie auch weiterhin enorme Profite ein.

Der Irak zeigt uns aber auch eine andere mögliche Zukunft auf. In dieser verschmelzen die Massenbewegungen gegen Armut, Ungleichheit und Imperialismus mit der Frage, wie die Lebensbedingungen auf der gesamten Erde bewahrt werden können. Durch die Wasserunruhen in Basra erhalten wir eine kleine Ahnung davon, wie explosiv diese Zukunft aussehen kann.


Dieser Text von Richard Donnelly erschien im Print in der März-Ausgabe der Zeitschrift Socialist Review. Er wurde von Wido Pötzsch aus dem Englischen übersetzt und von Jakob Reimann editiert.


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