Durch die Nacht zu Ende Gelände

13. Februar 2020 - 12:00 | | Politik | 0 Kommentare

Viertel vor fünf. Charlie Winston beginnt zu singen: „Just like an old man…“, mein Wake-Up-Song. Exakt so fühle ich mich, als ich ins Bad wanke (Kafka hat recht: Das frühzeitige Aufstehen macht blödsinnig!). Dank N-Joy, kalter Dusche und Energydrink werde ich rasch klar im Kopf, rein in die Klamotten und ab zum Treffpunkt, wo schon die Busse auf uns warten. Wir, das sind etwa 150 Aktivistinnen und Aktivisten von Ende Gelände, Decoalonize Europe, FridaysForFuture und anderen Gruppen, die sich verabredet haben, dem Kohlekraftwerk Datteln 4, das trotz des (viel zu lahmen) Kohlekompromisses ans Netz gehen soll, einen Besuch abzustatten. Micha Bloss von den Grünen im Europaparlament und ich für die Linksfraktion begleiten die Kohlegegnerinnen als Parlamentarische Beobachter.

Durch die Nacht fährt der Bus. Ich nutze die Zeit, einer ehemaligen Schulfreundin eine längst überfällige Mail zu schicken. Die Akvistiinnen und Aktivisten schminken sich derweil für den Anti-Kohle-Karneval. Irgendwann halten die Busse, wir steigen aus, die Bezugsgruppen finden zueinander: „Gorgonzola“, „Spaghetti“, irgendwo hüpft auch „Flummi“ rum. In einer Bezugsgruppe passt einer auf den anderen auf, mensch kann sich rasch untereinander absprechen. Ich schließe mich vorläufig „Gorgonzola“ an, schon aus persönlicher Affinität.

Erstmal geht es entlang der Landstraße, dann links in den Wald. Im Dunkeln bewegen wir uns vorwärts, stolpern fast über den einen oder anderen Ast auf dem Boden, werden von helfenden Händen aufgefangen. Dann ein kurzer Stopp, die weißen oder roten Overalls (rot für die Blutkohle, die im Kraftwerk verfeuert wird) werden angezogen, die den typischen Schauwert bei Ende-Gelände-Aktionen bieten, gleichzeitig dazu führen, dass die Einzelnen schlechter auseinanderzuhalten sind. Auf der Karte suchen wir mit dem bisschen Licht vom Handy den Weg: „Da geht’s längs, links durch den Wald.“ Also runter vom Weg, damit wir nicht in die Arme der Polizei laufen, die auf uns wartet, irgendwie hat sie doch Wind von unserer Aktion bekommen. Micha und ich haben mittlerweile auch unsere gelben Westen angezogen, die uns von Weitem als Parlamentarische Beobachter kennzeichnen.

Weiter durch den nächtlichen Wald, die Himbeersträucher reißen an der Hose, hin und wieder peitscht ein schmales Ästchen, das man in der Dunkelheit nicht sieht, ins Gesicht. Dann kommt der Waldrand in Sicht, das Kohlekraftwerk wird malerisch eingerahmt von der überhängenden Bäumen und einer Trauerweide, die ihre Äste ins Bild hängen lässt. Mit dem strahlenden Mond – das norddeutsche Schietwetter, das ich offensichtlich aus Kiel mitgebracht habe, kommt erst eine halbe Stunde später pünktlich mit dem Morgengrauen an – wirkt es wie eine Szene von Caspar David Friedrich. Nur ist es nicht Rügen, und das Kohlekraftwerk stört doch leicht die romantische Szenerie.

Jetzt muss es ganz schnell gehen. Über ein abgeerntetes Feld – die Stoppeln sind fiese Stolperfallen – laufen wir auf das Kraftwerk zu, dann über die Schienen und durch ein offenes Tor, den Zaun entlang. Da ist es, das Kraftwerk, die Berge von Kohle aus Sibirien und Kolumbien, Förderbänder und Kräne. Wir rennen durch eine Wüste von Matsch – das wird eine fröhliche Schrubberei am Abend, meine Stiefel wieder sauber zu bekommen. Dann rauf auf den ersten Kohlekran. Die Transparente werden entfaltet und befestigt: „Exit coal – enter future.“ Und ganz oben eine antifa-Fahne. Die Klimabewegung ist antifaschistisch. Und dann liegen sich die Aktivistinnen und Aktivisten in den Armen, applaudieren, singen.

Später erfahren wir: Eine andere Gruppe, die sich nicht an der Aktion auf dem Gelände beteiligt, sondern unterwegs ist zur angemeldeten Mahnwache, gemeinsam mit Journalistinnen und Journalisten, wird auf der Straße von der Polizei, die mit Räumpanzern und mehreren Hundertschaften ihnen den Weg versperrt, aufgehalten und akribisch kontrolliert. Als hinter ihnen aus Richtung des Kraftwerks ein Siegesgeheul abgestimmt wird, drehen sich die Polizistinnen und Polizisten um: „Mist, wir sind an der falschen Stelle!“ 1:0 für Ende Gelände.

Die Aktivistinnen und Aktivisten richten sich auf dem Kran ein, haben Decken dabei, Tee in Thermoskannen, Brot, Planen, damit es nicht zu kalt wird – wichtig, denn jetzt hat ein ekliger Nieselregen eingesetzt, der bis zum Ende der Aktion nicht nachlässt. Und da kommt dann auch endlich der erste Einsatzwagen der Polizei, fünfzehn Minuten nachdem wir den Kran geentert haben. Die Besetzung ist geglückt, die Pressemitteilung geht raus an die Welt und ich setze meinen ersten Tweet ab. Jetzt beginnt das immergleiche Spiel mit der Polizei: Abwarten, ausharren, wann und wie wird geräumt?

Weil unten zwei Journalisten von der Polizei gefilzt werden, steige ich vom Turm, stelle mich der Polizei vor und geselle mich zu den Kollegen von der Presse. Als sie schließlich von der Polizei vom Gelände geleitet werden, raunzt mich ein Kollege von Team grün von der Seite an: „Sie können gleich mitgehen, Sie haben hier nichts zu suchen!“ – „Warum?“ – „Das ist hier Privatgelände!“ – „Aber es ist gängige Praxis, dass bei solchen Aktionen Parlamentarische Beobachter dabei sind. Das hat schon oftmals die Situation entspannt.“ – „Ist mir egal. Gehen Sie!“ – „Auf welcher Rechtsgrundlage machen Sie das? Können Sie mir das schriftlich geben?!“ – „Nein. Sie müssen mir da schon vertrauen!“ – „Ich hätte das aber gerne schriftlich…“ Das geht so etwa gefühlt eine Stunde hin und her, schließlich kommt der Kollege Polizist zurück: „Ok. Sie können sich überall auf dem Gelände frei bewegen, sagt der Betreiber. Das ist mir dann auch egal. Aber überlegen Sie das nächste Mal, dass Sie einfach den Anweisungen der Polizei Folge leisten!“ Bleibe ich also, das Bestehen auf eine Rechtsgrundlage des polizeilichen Handelns hat sich in diesem Fall ausgezahlt.

Ich nehme meine neu gewonnene Bewegungsfreiheit wahr, finde heraus, dass nicht nur einige Meter entfernt ein weiterer Kran besetzt ist, sondern auch noch, außerhalb unserer Sichtweite, ein Förderband, also Besetzungen an drei Stellen. Überall sind die Aktivistinnen und Aktivisten gut drauf, singen und bestellen Grüße für die jeweils anderen Besetzungen.

Die Stunden vergehen, die Aktivistinnen und Aktivisten halten sich durch tanzen warm, Blümchen und Die Ärzte erfüllen dank Bassbox die Luft. Gegen15 Uhr rückt die Polizei an, mit zahlreichen Mannschaftswagen, lässt Dixie-Klos heranfahren, besteigt die Kräne und führt dann Mensch um Mensch ab. Die Klimabewegten sollen unten ihre Identität angeben, wer das nicht kann wird fotographiert, dann in Fünfergruppen gesammelt und vom Gelände gefahren, wo sie bei der Mahnwache eine heiße Suppe, Tee und Kaffee und eine jubelnde Menschenmenge erwartet. Niemand wird in Gewahrsam genommen, die Polizei hat ruhig, korrekt und sachlich gehandelt.

Da ich anders als bei anderen Aktionen als Parlamentarischer Beobachter diesmal wenig zu tun habe, kann ich sogar noch ein Gespräch mit einem Polizisten führen, von dem ich „Was das alles kostet!“ aufgeschnappt habe. Ich überzeuge ihn rasch davon, dass der Kohleausstieg, den die Bundesregierung jetzt plant, nicht nur zu spät kommt, sondern auch viel zu teuer ist. Dass die Kritik doch bei denen anzusetzen hat, die eine echte Klimapolitik weiter blockieren. Einverständnis, auch wenn er weiter gefrustet ist, dass er nicht bei seiner Familie zu Kaffee und Kuchen sein kann, sondern in Wind und Regen schlecht bezahlte Überstunden zu leisten hat.

Dann geht’s auch für mich endlich runter vom Gelände, die Aktion war ein voller Erfolg, bei der Mahnwache erwarten mich viele tolle Menschen, mit denen wir gemeinsam den Erfolg feiern. Und ich freue mich auf eine heiße Dusche und mich aus den nassen Klamotten schälen zu können.


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Über den Autor

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Lorenz Gösta Beutin ist Bundestagsabgeordneter und Klima- und Energiepolitiker in der Linksfraktion und Landessprecher der LINKEN in Schleswig-Holstein. Website: www.lorenz-goesta-beutin.de
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