Ostukraine – Wir dürfen das Leid der Geflüchteten nicht vergessen

25. November 2014 - 13:23 | | Politik | 0 Kommentare
Die Delegation beim Treffen mit OSZE Beobachtern. Auf dem Bild: Julius Zukowski-Krebs, Andrej Hunko und Wolfgang Gherke. Foto: Andrej Hunko

Julius Zukowsi-Krebs, Bundessprecher der Linksjugend, war mit einer Delegation in der Russisch-Ukrainischen Grenzregion unterwegs und hat dort mit Flüchtlingen und Offiziellen, wie der OSZE und Vertretern der Ostukraine, gesprochen. Für ihn ist „es schwer das in Worte zu fassen“, was er dort gesehen hat. Vor allem das Thema der Flüchtlinge geht in den westeuropäischen Medien komplett unter. Wir haben ihn interviewt.

Julius du warst in der Ostukraine, wo wart ihr genau?

Naja wir waren nicht genau in der Ostukraine sondern in der ukrainisch-russischen Grenzregion genauer in Rostow am Don und in der Region. Rostow liegt nur 2 Stunden von der Grenze entfernt und war deshalb auch der erste Anlaufpunkt für viele Flüchtlinge. Wir haben auch ein Paar kleine Städtchen in der Nähe der russisch-ukrainischen Grenze besucht, Krasnij Desant oder Kubyschevo zum Beispiel. Es ist schwer das in Worte zu fassen was ich dort gesehen habe. Aber Wut auf die Ignoranz der EU und der USA gegenüber dem was dort passiert und Unverständnis gegen über den westlichen Medien warum sie nicht zeigen was dort wirklich ist, würden es ganz gut beschreiben. Es fällt einem schwer emotionslos zu bleiben wenn man selbst das Ausmaß der Katastrophe sieht und begreift wie wenig davon bei uns ankommt. Diese fünf Tage waren nicht ganz einfach. Zu einem hatte ich ständig ein Gefühl der Schuld und der Hilfslosigkeit gegenüber den Menschen. Ein starkes Gefühl ihnen helfen zu wollen es aber nicht zu können oder zumindest mal nicht mehr tun zu können als ihre Botschaft und ihre Geschichten zu erzählen. Zum anderen war ich sehr wütend darauf, dass im Westen eine Hegemonie erzeugt wird, als seien diese Menschen allesamt Terroristen die bekämpft werden müssen und, dass jeder der es anders sieht sofort als Putin- oder Russlandversteher abgestempelt wird ohne, dass seinen Worten Gehör geschenkt wird. Dies scheint sich langsam zu ändern aber nicht schnell genug. Wir müssen Russlands rolle in diesem Konflikt auf jeden Fall kritisch sehen, das heißt aber nicht, dass man die Augen vor der Realität dieser Menschen verschließen darf.

Wen habt ihr besucht?

Im Gespräch mit Geflüchteten aus der Ostukraine.

Im Gespräch mit Geflüchteten aus der Ostukraine.

Wir besuchten vorrangig Flüchtlinge, trafen uns aber auch mit einigen Volksmilizionären von der kommunistischen Partei der DVR (Donezker Volksrepublik). Die Flüchtlinge haben viel über den Verlust ihrer Wohnungen erzählt, über Kriegserlebnisse, davon wie traumatisiert ihre Kinder sind und auch von der verzweifelten Lage in den Städten. Eine Frau die wir getroffen haben kam frisch aus der Vorstadt östlich von Donezk. Ein Artilleriegeschoss schlug in ihrem Garten ein als sie und ihre zwei Töchter Gurken ernten wollten. Die beiden Töchter saßen daneben und gaben kaum ein Laut von sich, erst auf Nachfrage haben sie uns erzählt, dass sie bis heute Albträume haben. Man konnte es ihnen ansehen. Viele verstehen bis heute nicht wie es passieren konnte, dass sie auf einmal zu Landesfeinden wurden und warum die ukrainische Regierung einen solch erbarmungslosen Krieg gegen sie führt. Die Wunden sitzen tief. Auf beiden Seiten. Eine andere Frau, Nadja heißt sie glaube ich, erzählte uns, dass sie aus der Zentralukraine kommt und dass sie mit ihrem Mann irgendwann nach Donezk gezogen ist. Das war lange vor dem Krieg. Als die sogenannte ATO (Anti-Terror Operation) angefangen hat, musste sie fliehen, nach Russland. Dafür hasst ihre Familie sie jetzt. Sie ist für sie eine Landesverräterin. Es war wirklich schockierend zu hören wie sehr die Menschen in der Ukraine indoktriniert werden und dass es sogar so weit geht, dass die Familie ihre eigene Tochter hasst. Das ist nur ein Beispiel unter vielen, ähnliches habe ich auch von anderen Flüchtlingen gehört. Sie sagten uns auch, dass sie so schnell wie möglich zurückkehren wollen zurück in ihre Städte aber nicht zurück in die Ukraine zu tief sitzt die Enttäuschung darüber was ihnen widerfahren ist . Sie sagen auch, dass es keine Versöhnung mehr geben kann nicht nachdem was die Ukrainische Regierung ihnen angetan hatte. Für sie gäbe es keine Ukraine mehr, zumindest nicht die Ukraine von einst.

Nachdem die Flüchtlinge gehört haben, dass wir aus Deutschland sind haben sie uns mit Fragen überhäuft. Ob denn die Menschen in Europa von ihrem Leid wüssten? Wie sie dazu stehen? Und warum niemand außer Russland etwas unternimmt um ihre Lage zu ändern? Ist man denn dem Westen egal? Es war schwer auf diese Fragen zu antworten, wenn ich mir gleichzeitig dieselben Fragen gestellt habe als ich deren Situation sah. Denn bei den Flüchtlingen geht es nicht um ideologische Fragen sondern um konkrete Fragen des Überlebens. Sie erzählten wie aussichtslos die Lage in den Städten im Donbass-Becken ist. Es fehlt an allem an Artikeln des täglichen Bedarfs, an Essen aber vor allem an Medikamenten. Eine ehemalige Krankenschwester erzählte von einer Kinderklinik in der sie gearbeitet hatte. Dort fehle es jeden Tag an grundlegendsten Medikamenten, die für die Rettung der Kinder entscheidend seien. Deshalb sterben auch viele ohne die Hilfe zu bekommen die sie brachen.

Vor allem wollten die Flüchtlinge, dass wir ihre Geschichten hier erzählen. Damit die Menschen hier in Europa merken was ihnen widerfahren ist. Sie sind sauer auf die Politik Kiews und die Politik des Westens. Ein Frau fragte uns provokativ sehe ich aus wie eine Terroristin? Die Antwort konnte nur eine sein und gerade deshalb verstehe sie nicht warum die ukrainische Armee Tag für Tag Wohnviertel, Krankenhäuser und Schulen bombardiert und warum der Westen die Regierung in Kiew in diesem Vorhaben auch noch unterstützt.

Etwas später haben wir uns mit Volksmilizionären von der KP der DVR in einem Dorf direkt an der Grenze zu Ukraine getroffen. Einen Vater und seinen Sohn. Sie erzählten uns was wir bereits einige Stunden zuvor von den Flüchtlingen erzählt bekommen haben und machten nochmals deutlich wie verzweifelt ihre Lage ist. Was mich dabei besonders beeindruckt hat war der junge Mann der mir gegenüber saß. Kolja ist kaum einige Monate älter als ich hatte und hatte bereits in der kommunistischen Volksmiliz gekämpft und einige Verwundungen davon getragen. Er erzählte es nicht mit Stolz sondern mehr mit Bedauern. Vor dem Krieg waren er und seine Kumples normale Jugendliche/ junge Menschen sie haben die Schule abgeschlossen und fingen an die ersten Erfahrungen im Berufsleben zu machen. Dann kam der Krieg. Da haben er und seine Kumpels sich zu einer Kampfgruppe zusammengeschlossen um ihre Stadt gegen die anrückenden Nazi-Bataillone zu verteidigen.  Er zeigte mir auch einige Fotos von ihm und seinen Freunden. Sie sahen wie ganz normale Jungs aus jemand mit dem man Abends party macht oder einfach nur chillt. Das sind sie nicht mehr, der Krieg hat vielen dieser jungen Männer das Leben zerstört.

Wie geht es den Leuten? Sind sie eingeschüchtert? Werden sie versorgt?

Es ist schwer zu sagen wie es den Flüchtlingen gerade wirklich geht auf der einen Seite sind sie wirklich dankbar dafür, dass sie schnell und unbürokratisch Versorgt wurden aber gleichzeitig  ist das Trauma der Flucht und des Krieges nicht überwunden, wenn es überhaupt je sein wird. Derzeit befinden sich ca. 60.000 Flüchtlinge in Russland, die meisten davon in der Region um Rostow. Nach Regierungsangaben sind ca. 38.000 von ihnen privat untergekommen. Viele bei ihren Verwandten, das müsste man auch sagen, die ganze Region ist so nahe beieinander weil es immer noch viele Verwandtschaftsverhältnisse dort gibt, andere Flüchtlinge wurden von solidarischen Bürgern aufgenommen, meistens nicht von den Reichen, sondern von Menschen die bereit waren ihre Wohnung mit den Flüchtlingen zu teilen. Uns wurde in diesem Zusammenhang von einem Mann  berichtet der sein Haus, auf das er sein lebenslang gespart hat, den Flüchtlingen zur Verfügung gestellt hat. Seit Juni haben in diesem Haus insgesamt 700 Menschen über die Zeit gelebt.

Andere Flüchtlinge, die nicht so viel Glück hatten privat unterzukommen werden auf andere Weise untergebracht, zu Beispiel in Ferienlagern die ursprünglich für Kinder gedacht waren. Davon gibt es viele in Russland. Wir besuchten zum Beispiel das Lager „Krasnij Desant“ in der nähe von Taganrok. In einem solchen Lager sind knapp über tausend Flüchtlinge untergebracht. Sie bekommen täglich drei Mahlzeiten, haben beheizte Wohnräume, wenn auch nicht besonders große (ca. 10-15 qm) und bekommen finanzielle Hilfe von Staat. Da die meisten von ihnen sind Mütter die nicht arbeiten können. Das interessante ist, dass die russische Migrationsbehörde jedem Flüchtling sofort eine dreijährige Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis  gegeben hat. Einige arbeiten tatsächlich bereits, auch in ihren Berufen. Uns wurde von einigen Minenarbeiterfamilien erzählt die eine Arbeit in der Nähe von Magadan (Nord-Ost Russland) gefunden haben und extra dorthin ausgeflogen wurden. Offenbar haben sie länger vor dort zu bleiben. Ob die Leute eingeschüchtert sind? Hmmm… ich glaube nicht. Nicht in dem Sinne sie würden sich unterordnen nur weil jetzt Truppen aus Kiew ihre Städte bombardieren. Ganz im Gegenteil sie sind kämpferischer geworden, der Konflikt hat sie zusammengeschweißt.

Wollen die Menschen wieder ein Teil der Ukraine sein? Oder nach Russland? Oder gar nichts davon?

Die Frage ist so schwierig, wie sie einfach ist. In die Ukraine wollen die Menschen jedenfalls nicht mehr. Wie ich bereits gesagt habe sind die Wunden einfach zu tief. Die Menschen fühlen sich Russland zugehöriger denn je. Das mag sicherlich an der Kultur liegen, aber vor allem liegt es daran das sie in eine Lage gebracht wurden in der sie keine andere Möglichkeit sehen. Nach dem die Kiewer Regierung Russisch als zweite Amtssprache verboten hatte, haben sich viele Abgestoßen gefühlt. Alleine aufgrund dessen, dass sie russischsprachig sind und dabei möchte ich russischsprachig betonen, weil ja viele von ihnen eigentlich Ukrainer sind die beide Sprachen nicht nur sprechen sondern auch als ihre Muttersprachen wahrnehmen. Hier sind die Wünsche nicht eindeutig. Die einen sagen, dass sie gerne zu Russland gehören wollen nicht nur aufgrund der Vertreibung sondern auch aus banalen ökonomischen Gründen, die Löhne und Renten sind in Russland immerhin höher. Andere wiederum sagen sie wollen DVR und LVR als unabhängige Staaten sehen mit guten Beziehungen zu Russland. Aber in die Ukraine wollen sie nicht mehr, für gibt es sie einfach nicht mehr in ihren Köpfen.

Wie steht es um den ukrainischen und russischen Nationalismus?

Im Gespräch mit Geflüchteten aus der Ostukraine.

Im Gespräch mit Geflüchteten aus der Ostukraine.

Ja tatsächlich eine delikate Frage. Der Nationalismus ist auf beiden Seiten vorhanden. Die Ukraine erlebte seit dem Maidan einen extrem starken Rechtsruck in der Politik, viele Aussagen von denen wir gedacht haben sie gehörten in die erste Hälfte des 20sten Jahrhunderts sind in der Ukraine wieder salonfähig geworden, rufe wie „Heil der Ukraine, Heil den Helden“ ist keine Seltenheit mehr. Dies zeigen nicht zuletzt das Massaker von Odessa und die Wahlen im Oktober. Obwohl immer wieder behauptet wird die Nazis spielen in der ukrainischen Politik keine Rolle mehr sitzen sie nicht nur für die altbekannten rechtsradikalen Parteien im Parlament sondern sind auch auf vielen „etablierten“ Wahllisten zu finden, bei Poroshenko, Jazenjuk oder den Selbsthilfepartei. Und nicht nur das. Man darf nicht vergessen, dass sie gerade einen Großteil der ukrainischen Kriegsanstrengungen tragen. Sie sind in faschistischen Bataillons wie Asow, Ajdar, Donbass etc. organisiert und führen nicht nur aktiv Krieg, u.a. gegen die Zivilbevölkerung sondern sind auch an Kriegsverbrechen beteiligt. Dazu empfehle ich die Berichte von HRW und Amnesty International.

Auch auf russischer Seite erleben wir starke nationalistische Tendenzen. Diese kommen allerdings nicht von ungefähr. In den Jahren seit dem Zerfall der SU, hatte sich niemand um das Nazi-Problem in Russland gekümmert und teilweise wurden sie sogar von Putin für bestimmte Zwecke instrumentalisiert. Dabei reicht deren Spektrum von Monarchisten und orthodoxen Klerikal-Faschisten bis hin zu paganischen Slawenverherrlichern. Einige davon kämpfen auf Seiten der Volksrepubliken um diese, je nach Gehirnschaden, zu dem Staat zu machen den sie wollen. Diese werden von den Einheimischen teilweise sehr kritisch gesehen. Vielen ist es nicht recht, dass sie ihnen ihre Politik aufdrücken wollen. Andere wiederum, wie seltsam es auch klingen mag, kämpfen mit den ukrainischen Nazis zusammen gegen die Volksrepubliken.

Und dann gibt es noch die Volksmilizen. Die meisten die in den Volksmilizen kommen selbst aus der Region. Wie der bereits obenerwähnte Kolja. Bei ihnen ist wie auch bei den Flüchtlingen die Meinung zu Russland gespalten. Manche wollen tatsächlich nach Russland andere wiederum wollen ihr Projekt der Volksrepublik nicht aufgeben. Auch hier gibt es allerhand politische Meinungen. Auch russische Nazis sind dabei, das kann man nicht leugnen.

Es kam auch zu einem Treffen mit offiziellen aus der Ostukraine.

Gibt es linke Aktivisten in der Ostukraine? Wie sieht ihre Situation aus?

Ja die gibt es, zum Beispiel haben die beiden Volksrepubliken eine Kommunistische Partei die nicht 100% aus der KPU hervorging. Sie begreifen sich vor allem in der Tradition der Roten Armee und der Interbrigadas im Kampf gegen den Faschismus. Viele von ihnen Kämpfen an der Front, zum Beispiel haben sich einige Spanier, Italiener und sogar Brasilianer den kommunistischen Kampfverbänden angeschlossen. Aber sie sind nicht nur an der Front. Sie greifen auch aktiv in die Politik der Volksrepubliken ein. Zum Beispiel organisieren sie zusammen mit der russischen KP Hilfslieferungen für die Zivilbevölkerung und führen Kampagnen. Eine davon ist die Vergesellschaftung großer Betriebe und Bodenschätze sowie der Energieversorgung. Dabei geraten sie in Konflikte mit der Regierung der Volksrepubliken die entweder Putin oder den Oligarchen nahe stehen und lieber alles in privater Hand sehen. Deswegen sieht ihre Situation nicht ganz rosig aus. Aus den oben genannten Gründen werden sie auch von der Regierung der VR unterdrückt wenn auch nicht aktiv bekämpft. Beispielsweise wurden sie nicht zu den letzten Wahlen zugelassen. Die Regierung hat Angst sie könnten zu viele Stimmen, denn sie haben einen Starken Rückhalt in der Bevölkerung. Was nicht unbedingt verwunderlich ist. Das kann man an der Wahl in der Ukraine  deutlich sehen. Da hatte die KPU es nicht einmal geschafft ins Parlament zu kommen. Was damit zusammenhängt das der größte Teil ihrer Wählerschaft sich in den Städten Donezk und Lugansk sowie auf der Krim konzentriert. In Donezk erreichte die KP bei den vorletzten ukrainischen Wahlen zwischen 35% und 37% und in Lugansk sogar 45% bis 48%. Daher ist es klar warum die Regierung die Kommunisten nicht zur Wahl zugelassen hat.

Werden Waffen aus Russland geliefert?

Eine tatsächlich nicht ganz einfache Frage. Wir hatten uns ja auch mit deutschen OSZE Vertretern getroffen und sie sagten uns, dass sie mehrfach „Hardware“ haben rüber fahren sehen. Was das genau heißt überlasse ich der Fantasie des Lesers, aber man kann mit einer gewissen Sicherheit sagen, dass Waffen und Munition ihren Weg dorthin finden. Wer und wie sie dorthin bringt ist unklar. Viele Oligarchen haben ein ökonomisches Interesse am Donbassbecken, weil es reich an Bodenschätzen und Industrie ist.

Abschließend möchte ich sagen, dass unabhängig wie der Konflikt in der Ostukraine sich weiter entwickelt dürfen wir das Leid der Flüchtlinge nicht vergessen und sollten deren Worten und Bitten Gehör schenken. Sie und vor allem die Kinder sind die, die am wenigsten was für diesen Konflikt können. Unabhängig wie man politisch zum Konflikt steht, diese Menschen bedürfen unserer Hilfe!

Das Interview führte Daniel Kerekes.

Über den Autor

Bundessprecher der linksjugend ['solid] und Wortakrobat für die Freiheitsliebe, Balkan21 und andere Medien.
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