Kapitalismus und Freiheit oder warum Konservative das System verteidigen

7. Januar 2018 - 12:11 | | Kultur | 0 Kommentare

Warum gefällt Konservativen der Kapitalismus? Weil er die hierarchische Ordnung dort hält, wo es ihnen gefällt. Das Buch „Conservatives Against Capitalism“ vom „City University of New York“ – Professor Peter Kolozi kann als gut durchdachter Witz verstanden werden. In der gemächlichen Einleitung legt der Autor seine Besetzung dar. All jene, so behauptet er, fallen in die Kategorie „Konservative, die gegen den Kapitalismus sind“.

Es kommen die Vordenker und Politiker der nachkriegszeitlichen Südstaaten (Anm.: nach dem Amerik. Bürgerkrieg) vor, wie George Fitzhugh, James Henry Hammond und John C. Calhoun, die im Kapitalismus ihr geliebtes rassistisches Kastensystem gefährdet sahen, welches sie für die humanste und aufgeklärteste Hierarchie der Welt hielten.

Weiterhin handelt es von „Fin de Siècle“-Imperialisten wie dem Historiker Brooks Adams oder Präsident Theodore Roosevelt, die beide den individualistischen Kapitalismus als Bedrohung für ihre kriegerischen Werte und die Zivilisierungsmissionen einer wachsenden dekadenten Herrscherklasse wahrnahmen.

Ebenfalls kommen die nostalgischen Autoren der 1920er und 1930er Jahre vor, die als Südstaaten-Agrarier bekannt sind – die Poeten und Schriftsteller John Crowe Ransom, Allen Tate und Donald Davidson; die Gelehrten Lyle H. Lanier und Frank Lawrence Owsley, oder der Romancier Andrew Nelson Lytle – all diejenigen, die nach der imaginären Rückkehr der dezentralisierten und vorindustriellen Ordnung strebten, welche von weißen Gutsherren beherrscht wurde.

Danach kommen die Neokonservativen der ersten Generation wie Irving Kristol oder Daniel Bell vor, zurückhaltende Kritiker an der kapitalistischen Neigung, sein eigenes kulturelles Fundament zu verschlingen – das in der protestantischen Arbeitsmoral und Meritokratie wurzelt – und so die moralischen Grundwerte für notwendige und noble Ungleichheiten opfert. Außerdem gibt es die jüngere Generation der Neokonservativen, die Mediengestalten wie William Kristol (Irvings Sohn) und David Brooks, oder den Historiker Robert Kagan, beinhaltet, welche allesamt darauf drängen, die am wenigsten subversiven Elemente von Theodore Roosevelts Kritik am Kapitalismus im Sinne von dem wiederzubeleben, was Kristol Amerikas „wohlwollende globale Hegemonie“ nennt.

Zu guter Letzt gibt es die Paläokonservativen, wie den Schriftsteller Samuel Francis oder den Präsidentschaftskandidaten und Gelehrten Patrick Buchanan, die alle auf ein Programm der weißen Nationalisten beharren, welches sich durch geschlossene Grenzen, Massendeportation, einer protektionistischen Handels- und Industriepolitik, sowie der Rücknahme von Bürgerrechten auszeichnet.

Die Pointe zu diesem Witz ist, dass jene Ansammlung von rechten Exzentrikern und die Bewegungen, die sie inspirieren, am Ende mit dem Feind Frieden schließen. Sie entdecken, dass nach all diesem hochtrabenden Hin und Her das beste verfügbare Herrschaftssystem der Kapitalismus ist, da durch ihn die Untertanen an Ort und Stelle gehalten werden können.

Das ist soweit die Kurzvariante des Witzes. Die Langfassung ist komplizierter. Viele von Kolozis Reaktionären, wie die Imperialisten, Neokonservativen oder Paläokonservativen, haben den Kapitalismus nie wirklich abgelehnt, obwohl sie ernsthafte Beschwerden über seine vielzähligen Formen artikuliert haben. Auf der anderen Seite äußerten Südstaatler wie Tate und Davidson ebenso radikale Kritik am Kapitalismus, wie sie auch radikale Rassisten waren. (Die Tatsache, dass ihr agrarisches Idyll ein festverwurzeltes Element und äußerst abhängig vom Industriekapital war, ist eine Diskussion für einen anderen Tag.)

Darüber hinaus ist die Geschichte unvollständig. Obwohl wir wissen, dass jene Kräfte, die von Francis und Buchanan entfesselt wurden, in dem zusammenlaufen, was als „alt-right“, oder die unbekümmerte Basis Trumps bekannt ist, wurde das letzte Kapitel noch nicht geschrieben. Der Präsident setzt weiterhin auf Appelle an die weißen Politiker, deren Handeln im Zeichen der Gier steht, während er einen kapitalistischen Coup von historischem Ausmaße vornimmt. So oder so bleibt sein Machtfundament eine offene Frage.

Was eindeutiger ist, ist der Weg der amerikanischen Konservativen von früher bis heute, besonders innerhalb der letzten 40 Jahre. Oder wie Kolozi es ausdrückt:

„Trotz aller Bedenken, haben sich die Konservativen mit dem Kapitalismus versöhnt, da die Expansion der Märkte auch eine Ausweitung der privaten Herrschafts- und Kontrollsphäre bedeutet. […] Konservatismus handelt von der Freiheit und der Befähigung einiger Leute andere Menschen zu beherrschen, zu kontrollieren und auszubeuten, was durch die kapitalistische Ungleichheit und Hierarchie möglich wird. Solche Übereinkünfte sind nicht nur natürliche, konservative Argumente, sondern auch notwendig, damit sie eben jene Wertungen und Unterschiede fördern können, von denen die soziale Ordnung und der Fortschritt abhängt.“

Dieses Argument passt wunderbar mit dem Thema von Corey Robins Buch „The Reactionary Mind“ zusammen, wenn man bedenkt, dass Kolozi Robins Student war. Aber wenn beide Bücher darin Recht haben, dass Konservatismus und Reaktion das Gleiche sind, was macht Konservatismus für so viele Leute seit Langem attraktiv?

Eine Möglichkeit ist, dass Konservative immer dafür sorgen, diejenigen zu sein, die von solchen Hierarchien profitieren. Sie sind reich und weiß, oder Cisgender und mit ihrem Körper im Reinen. Das ist soweit war, aber es erklärt trotzdem nicht die Millionen an Frauen, die frauenfeindliche Männer wählen, oder arme Konservative der Arbeiterklasse, die für die Republikaner stimmen. Ebenfalls erklärt es nicht die Faszination für die weiße Herrscherklasse des Südens oder den Berühmtheitsstatus von Erzaristokraten wie Theodore Roosevelt oder einem Erzplutokraten wie Donald Trump.

Es könnte jedoch auch an den gebündelten Medien, der ungleichen Erziehung, der Wählerunterdrückung, der Wahlkreisschiebung, der undemokratischen Natur des Senates und des Wahlmännerkollegiums und an dem Zweiparteiensystem liegen, dass das Verhältnis der Wähler zwischen dem, was sie wollen, und dem, was sie unterstützen, gestört ist (unter der Annahme, dass ihnen überhaupt die Chance gegeben wird, jeden und alles zu unterstützen). In einer kapitalistischen Gesellschaft ist nichts so, wie es zu sein scheint und nur wenige wissen, was sie wirklich kaufen oder verkaufen (unter der Annahme, dass ihnen überhaupt die Chance gegeben wird, zu kaufen und verkaufen).

Dieser Ansatz bietet eine mögliche, wenn auch nicht zufriedenstellende Antwort. Immerhin würde dies, geht man von seiner Richtigkeit aus, bedeuten, dass es keine Hoffnung für einen progressiven Wandel gibt, da ein zusammenhängendes linkes Projekt nicht auf einem durch und durch formlosem und verräterischem Grund erbaut werden kann. Der Grad des kollektiven Vertrauens, der erforderlich ist, um eine bessere Welt aufzubauen, setzt ein gewisses Maß an Vertrauen in die Fähigkeit, diese Welt zu schaffen, sowie ein gewisses Maß an Übereinstimmung zwischen Glaube und Realität voraus.

Dies lässt uns mit einer dritten Möglichkeit zurück. Vielleicht gibt es in dem, was Konservative sagen, etwas, das grundsätzlich verlockend ist und das unabhängig von dem eigenen Platz in der Hierarchie oder Gesellschaft anziehend wirkt. Sozialpsychologen wie Jonathan Haidt vertreten diese Ansicht seit einiger Zeit, obwohl sie ihre Erkenntnisse auf statistische Charakterzüge wie autoritär oder starre moralische Dichotomien wie Wertschätzung und Erniedrigung stützen. Aber was ist, wenn die Leute beides sind, anfällig für konservative Ideen und in der Lage, ihre Meinung eher zu ändern, als es einige dieser Psychologen annehmen? Was bedeutet dies für das Engagement in der Politik, besonders für Linke?

In dieser Zeit der destabilisierenden Krisen wird Kolozis Geschichte am nützlichsten. Robin und andere politische Theoretiker wie Alex Gourevitch und William Clare Roberts haben auf ihre eigene Art und Weise eine linke Rückeroberung dessen vorgeschlagen, was man als liberalen Duktus der Freiheit verstehen kann. Oder besser gesagt, sie haben aus der Umgangssprache einen radikal-freiheitlichen Politikstil extrahiert, der sowohl in Marx als auch in der republikanischen Tradition Amerikas eingebettet ist, wo beide als Teil desselben Erbes auftreten. Kolozi schlägt nicht die Wiederbesetzung der konservativen Sprache in Form von Gemeinschaft, Tradition, Besitz oder „Maß und Mitte“ vor – einer Sprache, die ebenfalls mit verschiedenen Ursprüngen der Linken verwoben ist – sollte das Ziel jedoch sein, so viele Menschen wie möglich von einer linken Agenda zu überzeugen, so ist es ein Vorschlag, den es zu überdenken gilt.

Es gibt eine Gruppe, die in „Conservatives Against Capitalism“ im Kapitel „The New Conservatives“ erwähnt werden und die auch hier noch keine Beachtung fanden. Diese irgendwie zusammengewürfelte Gruppe von Nachkriegsdenkern umfasst den Poeten Peter Viereck, den Historiker Clinton Rossiter, den Literaturkritiker Russell Kirk und den Soziologen Robert Nisbet. Keiner von ihnen war Sozialist, aber alle waren skeptisch gegenüber den rechts-libertären Staatskritikern. Diese Skepsis drückte sich auf unterschiedliche Art und Weise aus. Für Viereck und Rossiter war der New Deal notwendig, um die damals existierenden Institutionen und Lebensweisen vor der kapitalistischen Abwanderung und dem revolutionären Umsturz zu bewahren. Nisbet unterstütze nie eine solch starre Art zu leben, doch pflichtete er solchen Bestandteilen des Staates solange bei, wie sie Gewerkschaften und Vereinigungen erlaubten, welche er zu Recht für einen immanenten Bestandteil von eben jenem hielt. Er befand sich somit laut Kolozi sogar auf einer Linie mit Kirk, indem er…

„… das theoretische Fundament für das legte, was später der konservative Wohlfahrtsstaat werden sollte, in dem Autorität und Zuständigkeit von der Bundesregierung an die Landes- und Kommunalebene delegiert wurden. Als Beispiele dienen Präsident Bill Clintons „Temporary Assistance for Needy Families“ aus dem Jahre 1996 und Präsident George W. Bushs gutgläubiges Initiativprogramm, das den lokalen Religionsgemeinschaften Aufgaben der Wohlfahrt übertrug.“

Diese beiden Fälle sind jedoch aus politischen Gründen nicht besonders zu empfehlen. Allerdings lädt das gemeinschaftliche Idiom, das beide zu ihrer jeweiligen Realisierung brauchten, zu einer Art linker Zusammenarbeit ein.

Man beachte Vierecks Vorstellung von den Gewerkschaften. Laut Kolozi dachte der „unfreiwillige New Dealer“, dass…

„… Gewerkschaften eine konservative Kraft in der Gesellschaft waren, da sie die Macht zerstreuten, was eine unverzichtbare Komponente der pluralistischen Gesellschaft darstellt. Doch viel wichtiger, sie ‚gaben dem zerstreuten Proletariat seine organisierte Einheit zurück.‘ Sie boten ihren Mitgliedern außerhalb des Staates einen Sinn für ihre Existenz, Solidarität, Bedeutung und Zweck, was alles notwendige Konditionen sind, um aus der Masse der Arbeiter Individuen zu machen. Die moderne Geschichte wurde von der Schwächung und dem Zusammenbruch einer Institution nach der anderen geplagt, angefangen mit feudalen Institutionen, die auf einem vorgeschriebenen Status beruhten, religiösen Institutionen und der Kernfamilie. Die Gewerkschaft war eine Institution mit echter Autorität, einem bestimmten Zweck und bestehenden Wurzeln, sie verkörperte ‚die Hoffnung auf Freiheit und Sicherheit, welche beide für die Würde des Menschen unerlässlich sind.‘ Es war diese Art von Institution, die Konservative wie Viereck als den größten Schutz vor dem übermäßigen Individualismus des Laissez-faire-Kapitalismus und dem Totalitarismus der Massen seitens des Staates ansahen.“

Linke romantisieren nicht den Feudalismus, die institutionalisierte Religion oder die patriarchale Familie. Sie sind auch nicht bestrebt, den Arbeitskampf dort wo es passt mit historisch bedrückenden Dispensationen zu vergleichen. Doch eine sozialistische Politik sollte nicht nur diejenigen ansprechen, die nach Gleichheit, Sicherheit und Freiheit streben. Sie kann sich auch auf den Wunsch nach Solidarität, Zugehörigkeit, Einheit und Individualität beziehen, der in vertrauenswürdigen Verbänden verwurzelt ist, sowie auf die Vorliebe für eine wirklich pluralistische Gesellschaft, in der die Macht geteilt wird.

Die Achillesferse der meisten Konservativen, einschließlich jener um Viereck und Rossiter, ist, dass ihre Mittel oft ihren Ansprüchen nicht entsprechen. Der Wohlfahrtsstaat, sowohl in Form des New Deals, als auch in seiner Wiederholung durch Reagan, hält seine konservativen Versprechen nicht ein. Kapital (und Macht) wird trotzdem akkumuliert. Kapitalisten erobern trotzdem immer noch den Staat mitsamt seiner ihm untergeordneten Institutionen. Die kapitalistische Maschinerie brummt weiterhin. All das, was mal als sicher galt, löst sich in Luft auf. Nisbets Verlangen nach Gemeinschaft geht im Dunst unter.

Der Punkt ist nicht, dass der Sozialismus die prekärsten Elemente der Moderne überwinden kann und es ist nicht so, dass die Sozialisten unseren konservativen Gegnern folgen sollten, indem sie solch ein dummes Versprechen abgeben. Anomie, Trägheit und Unwohlsein – diese soziologischen Krankheiten werden weiterhin bestehen bleiben, egal was wir tun. Der Punkt ist, dass sozialdemokratische Grundsicherungen wie die allgemeine Gesundheitsversorgung oder die Kinderbetreuung in Verbindung mit sozialistischen Zielen wie kollektivem Eigentum und kollektiver Teilhabe dazu beitragen, die Werte und Normen, die wir am meisten schätzen, so weit wie möglich zu bewahren.

Kolozis beeindruckende Studie zeigt, dass der Konservatismus in den USA immer mehr in die Verteidigung der Hackordnung investiert, als in die tiefsten Bedürfnisse und Wünsche der breiten Öffentlichkeit. Es geht deshalb auch darum, warum sich so viele amerikanische Konservative für den Kapitalismus entschieden haben. Aber wenn man genau hinsieht, erzählt es der Linken auch etwas davon, wie man diese Entscheidung auf der Ebene von Rhetorik und Überzeugungskraft ausnutzen kann. Linke wären gut darin beraten, es sorgfältig zu lesen.

Von Lyle Jeremy Rubin geschrieben; erschienen im Jacobin Magazin und von Felix Wittmeier übersetzt

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