Antikapitalistischer Straßenrap – Im Gespräch mit Fard & Snaga

4. Juni 2014 - 16:00 | | Kultur,Politik | 6 Kommentare

Vor wenigen Tagen ist Talion2, das neue Album von Fard und Snaga rausgekommen. Wir haben hier schon über das erste Video Contraband und die Diskussion darum berichtet. Nun haben wir uns mit beiden getroffen und über ihr Album, politischen Rap und die Wut der Unterschichten gesprochen.

Die Freiheitsliebe: Euer erstes Video von Talion 2, Contraband, ist sehr politisch. Wie kommt es, dass ihr einen so politischen Song gemacht habt?

Fard: Talion hatte immer die Ambition kritisch zu sein, jeder sollte am Ende selbst beurteilen, welches pro und welches contra ihm gefällt. Wir wollen damit nicht allen gefallen, sondern unsere Leute, unsere Gefühle und unsere Gedanken repräsentieren. Dabei ist das alles natürlich ein wenig überspitzt dargestellt, damit die Leute uns und die Themen beachten. Wir beschäftigen uns auch im Privaten mit den Themen die im Song angesprochen sind. Wir hätten auch ein Album mit Punchlinerap bringen können, aber momentan beschäftigt uns diese Themen mehr.

Die Freiheitsliebe: In dem Song gibt es auch die Zeile „Junge Wut auf Politik aus Tel-Aviv“, darauf wurdet ihr als antisemitisch bezeichnet. Wieso kritisiert ihr die israelische Politik und wie steht ihr zu dem Vorwurf?

Fard: Ich habe gesagt „junge Wut auf Politik aus Tel-Aviv“, weil mich das Thema beschäftigt und ich durch viele palästinensische Freunde weiß wie die Situation ist. Das geht aber nicht gegen Juden, sondern die israelische Politik. Wenn ich die israelische Politik ablehne, heißt es nicht, dass ich das Judentum ablehne, im Gegenteil ich freue mich immer neues über andere Kulturen und Religionen zu lernen, ob nun Judentum, Christentum oder Islam ist dabei egal. Wenn ich eine Staatsform oder eine Regierung kritisiere, dann hat das nichts mit den dort lebenden Menschen zu tun, im Gegenteil.

Snaga: Was Fard auch schon angesprochen hat, es geht um Wut auf Politik, nicht um Wut auf die dort lebenden Menschen. Wir haben ein Problem mit dem Teile und Herrsche-Prinzip, welches man grade im Nahostkonflikt sehen kann, der nicht den Menschen in der Region sondern nur den Regierenden dient. Wenn ich in Deutschland als Rapper mich gegen die Politik stelle und das auch deutlich mache, dann kann ich damit rechnen als Antisemit bezeichnet zu werden. Wir hatten nun die Auswahl unsere Gedanken nicht zu äußern oder sie deutlich zu sagen und zu erklären wie wir sie meinen. Und wir machen es auch in diesem Interview deutlich, dass es nicht gegen die dort lebenden Menschen geht, sondern gegen die israelische Politik, die sich gegen die Menschen in Palästina richtet.

Die Freiheitsliebe: In dem Song hört man auch die Wut der Unterschichten, weil man für Hungerlöhne arbeitet oder erst gar keine Chance hat. Wie kommt es, dass sowas sonst nicht thematisiert wird?

Snaga: Rap ist eine Kunstform und sie kommt von den Unterschichten in Amerika, die an den Rand gedrängt wurden und durch die Musik die Möglichkeit hatten sich auszudrücken. Gleichzeitig ist Rap sehr kapitalistisch, weil es für viele Rapper das Größte war gesellschaftlich aufzusteigen. Daher kommt auch die Glorifizierung von Drogenhandel und ähnlichem, wobei immer im Hintergrund der Gedanke steht, dass man Geld will um aufzusteigen. Deswegen geht es inzwischen oft nur noch darum, dass man immer noch reicher wird und viele Jugendliche deswegen auch sehr unkritisch sind. Der Jugend wird dadurch vermittelt, dass diejenigen die mit Geld um sich schmeißen und teure Wagen haben die Gewinner sind. Und viele Rapper stacheln sich gegenseitig an um als immer erfolgreicher zu gelten, wir haben da einen anderen Fokus, weil wir die Fehler dieses Systems zeigen wollen. Grade durch meine Rappause habe ich nochmal gesehen wie wichtig das ist.

Die Freiheitsliebe: Ich habe eben nochmal „Good Morning Vietnam“ von eurem letzten Album gehört, in dem Song kritisiert ihr die Stellvertreterkriege und den blinden Gehorsam. Seht ihr diese Gefahr auch heute z.B. in der Ukraine?

Snaga: In der Ukraine ist es dasselbe auch dort geht es Russland und den USA nur um Ressourcen und Einfluss und nicht um die Interessen der dort lebenden Menschen. Auch dort wird es gewissermaßen über einen Stellvertreterkrieg versucht. Die Berichterstattung hier dient vor allem um Russland zu dämonisieren und gleichzeitig von anderen Problemen abzulenken, wie dem Freihandelsabkommen, das hinter geschlossenen Türen verhandelt wird. Das zeigt deutlich, dass es nicht darum geht die Situation der Menschen zu verbessern, sondern um Machtpolitik.

Die Freiheitsliebe: Ihr kritisiert viele Themen aber was können die Menschen dagegen machen, wie können sie aktiv werden?

Fard: Als Musiker kannst du in deinen Songs darüber informieren, als Journalist kannst du durch Berichte und Reportagen die Menschen erreichen ihnen zeigen was die aktuelle Situation ist. Jeder Einzelne kann schon durch Gespräche in seinem Freundeskreis etwas bewegen, Fakt ist, dass man sein eigenes Umfeld bewegen muss, weil man auch immer ein Produkt der Gesellschaft und des eigenen Umfeldes ist. Ich habe das Glück, dass viele in meinem Umfeld schon über Kriege und Unrecht sprechen, weil ich ein sehr internationales Umfeld habe, deswegen sprechen wir auch in unseren Songs darüber. So heißt es in unserem Song ja auch „Contra Drohnenkrieg“, der zugenommen hat, seit der Friedensnobelpreisträger in den USA regiert. Was ich sagen will: jeder kann was machen, jeder kann informieren, was aber nicht der richtige Weg ist, ist die Bild oder so zu lesen.

Snaga: Was jeder machen kann ist sich informieren und nicht nur die Meinung zu akzeptieren, die einem in den Massenmedien vorgesetzt wird. Wir haben bessere Informationsmöglichkeiten als jede andere Generation, diese müssen wir nutzen, dafür bedarf es aber auch den Willen sich informieren zu wollen.

Die Freiheitsliebe: Ein Großteil eurer Videos ist sehr politisch motiviert, Snagas Solosong ist dagegen eher ein klassisches Storytelling, gibt es davon mehr auf dem Album?

Snaga: Fards Solosong, der auf der Premiumversion drauf ist, ist auch ein klassischer Storyteller. Wir haben aber auf dem Album mehrere Songs, die man sich auch einfach geben kann, wenn man kein Bock auf politische Themen hat. Wir wollen ein rundes Album machen, das informiert, aber auch den klassischen Rapfan erreicht. Wir haben krasse Rapsongs wie „Tag und Nacht“, aber auch politische Songs oder auch wie angesprochen Storyteller.

Die Freiheitsliebe: Der kleine Teil an politischen Rapsongs stammt eher von sogenannten „Studentenrappern“. Wie ist die Reaktion eurer Fans drauf, dass zwei Straßenrapper jetzt soviel politische Songs machen?

Snaga: Die Reaktion ist unglaublich positiv, obwohl es für viele erstmal ein Bruch ist, wovon wir auch ausgegangen sind. Wir wussten, dass die Klickzahlen nicht so krass werden wie bei einem klassischen Album, dafür wurde aber auch verstärkt über die Themen gesprochen, die wir angesprochen haben.

Die Freiheitsliebe: In der Rapszene gab es Reaktionen von Staiger und von Kollegah, gab es sonst noch Reaktionen?

Fard: Es gab viele die uns gesagt haben, dass das geil ist was wir machen, aber solange man sich öffentlich nicht dazu bekennt, werde ich dafür auch keine Props (Lob) geben. Wenn sich Kollegah aber öffentlich dazu äußert, dann zeigt es mir, dass er sich mit diesen Themen auch beschäftigt und er auch interessiert ist. Wenn Staiger da iwas reininterpretiert, dann ist das sein Recht, jeder kann viel reden, er ist ja auch dafür bekannt, dass er viel redet und kritisiert. Ob man solche Leute so ernst nehmen muss ist natürlich eine andere Frage.

Die Freiheitsliebe: Im Song „Ziel und Schieß“ wird auch die Situation unter der iranischen Diktatur thematisiert, gibt es auch auf diesem Album Songs dazu?

Fard: Auf dem Song „Ein Leben“ wird auch die Situation von einem Kriegsflüchtling berichtet, der von seinen Eltern vor Krieg und Unrecht weggeschickt wird. Das könnte im Iran spielen, aber auch in afrikanischen, arabischen oder asiatischen Staaten, wo Krieg herrscht. Ähnliche Geschichte können viele Menschen erzählen die vor Hunger, Armut und Krieg hierhin geflohen sind.

Die Freiheitsliebe: Auf dem Song Contraband fordert ihr auch, dass die Menschen auf die Straßen gehen und eine revolutionäre Situation will. Grade in NRW haben wir natürlich auch die Situation, dass die rechten Parteien auf die Straßen gehen und der Rest dagegen demonstriert, wobei dann leider häufig Musik gespielt wird, die viele Jugendliche nicht hören. Könnt ihr euch vorstellen auch bei Aktionen gegen Rassismus aufzutreten und damit auch Menschen auf die Straßen bewegt?

Fard: Klar.

Snaga: Ich könnte mir das vorstellen, ich will mich aber vor keinen Karren spannen lassen, also von keiner Partei oder so ausgenutzt werden oder damit die Ideologie zu verteidigen, die die Parteien dann in anderen Punkten vertreten. Deswegen sehe ich das eher kritisch.

Fard: Ich nicht, ich würde mir anhören worum es geht und wenn ich mich damit identifizieren kann, dann würde ich es machen. Für Parteien würde es aber keiner von uns machen.

Die Freiheitsliebe: In Berlin gibt es ja am 1.Mai ein Fest wo viele Rapper auftreten, wäre sowas für den Ruhrpott auch vorstellbar?

Fard und Snaga: Auf jedenfall.

Die Freiheitsliebe: Danke euch für das Interview.

Über den Autor

Ich habe 2009 die Freiheitsliebe gegründet aus dem Wunsch, einen Ort zu schaffen, wo es keine Grenzen gibt zwischen Menschen. Einen Ort an dem man sich mitteilen kann, unabhängig von Religion, Herkunft, sexuelle Orientierung und Geschlecht. Freiheit bedeutet immer die Freiheit von Ausbeutung. Als Autor dieser Webseite streite ich für eine Gesellschaft, in der nicht mehr die Mehrheit der Menschen das Umsetzen muss, was nur dem Wohlstand einiger Weniger dient.
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6 Kommentare

  • 1
    Dezer De sagt:

    Die politische Dimension sogenannter „Studentenrapper“ mit der von Fard und Snaga zu vergleichen….
    Ich muss hier Marcus Steiger völlig Recht geben, das einzige was ich bei Fard und Snaga raushöre ist verkürzte Kapitalismuskritik ala „böse Banken mit bösem Zins“ gemischt mit Verschwörungsideologien ala Bilderberger und Illuminaten etc. Das geht im Kern an der Sache vorbei ist wenig hilfreich und suggeriert die Lösung aller Probleme durch Abschaffung der geheimen Weltregierung und deren Banker. Und es befreit von der eigenen Mitschuld am System. Kapitalismuskritk in Nike Airmax wird nie seriös sein.

    • 1.1
      Niketrager sagt:

      Was sollte man denn als seriöser Kapitalismuskritiker tragen?
      Konsumkritik ist sicher nicht das richtige, wenn man vorher kritisiert hat, dass man nicht von bösen Banken reden darf.

      • 1.1.1
        Dezer De sagt:

        Man darf sehr wohl von „bösen“ Banken reden, es aber nicht als alleiniges übel hochstilisieren bzw. daraus einen Sündenbock für die eigene Mitschuld machen. Wie es Hagen Rether einmal auf den Punkt gebracht hat: „Die Banker exekutieren doch nur unsere eigene Gier.“ Ansonsten gehört zu einer Kapitalismuskritik auch immer eine Konsumkritik. Warum „ist sie hier nicht das richtige“?

      • tobi1993 sagt:

        Machen Fard und Snaga auch nicht. Die haben so viele Songs wo sie einfach gute Werte vermitteln vor allem Fard. Man kann nicht in einen Album erklären wie man den inneren Frieden bekommt und den Sinn des Lebens entdeckt. Die machen die Jugend darauf aufmerksam eben das sie anfangen sich informieren und so werden sie dann auch auf die weiteren Themen aufmerksam. Die Jugend ist schon so manipuliert und glaubt gar nicht mehr an sich selbst. Die haben auch gar kein Plan wozu sie und auch ihr Körper in der Lage ist. Die verkaufen heutzutage ihre Seele für ein 10er Gras!! Man muss sie halt erstmal darauf aufmerksam machen das einen viel scheiße erzählt wurde damit die Leute offener werden und nicht gleich alles als Schwachsinn oder sonst was abstempeln. Außerdem musst du noch dazu bedenken dass die Hörerschaft größten Teils sehr jung ist und du dich auch verständlich für sie ausdrücken musst. Ach ja eins noch Konsumkritik ist in vielen Songs enthalten von Fard. Auf Talion 2 aber auch oft vertreten sogar auf den besprochenen Song! Woran man sieht das du dich gar nicht damit beschäftigst sondern einfach aus Prinzip hatest!

      • Dezer De sagt:

        Kannst du mir bitte die Zeilen nennen in denen Fard Konsumkritik übt? „Kontra Konsum!“? Wenn das Konsumkritik sein soll…. Konsum ist nötig, richtig und wichtig, bei Konsumkritik geht es nicht darum den Konsum als Ganzes
        zu kritisieren sondern den Missbrauch, den falschen Umgang mit Konsum. Woran man sieht, das du dich gar nicht mit Konsumkritik beschäftigst und einfach aus Prinzip ein Fan bist. Apropos haten. Das einzige was dieses Lied transportiert ist Hass. Super! Davon hat die Welt ja nicht schon genug.

  • 2
    kurt sagt:

    Fard find ich eigentlich nicht schlecht meiste super besser wie die meisten standard rapper aber snaga find ik nich so….fard soll so weiter machen meiste super