Christopher Street Day: Der radikale Ursprung der Pride

8. September 2016 - 12:01 | | Kultur | 0 Kommentare

Schwule, Lesben und Transgender vertrieben im Juni 1969 in der New Yorker Christopher Street in einer dreitägigen Revolte die verhasste Polizei aus dem Viertel. Der Aufstand, ausgehend von der Bar „Stonewall Inn“, radikalisierte die LGBT-Bewegung und wurde weltweit zu einem Symbol der Befreiung.

Die Homosexuellenbewegung kann in zwei Phasen eingeteilt werden. Die erste Phase begann bereits im 19. Jahrhundert, die zweite nach Stonewall. Während der ersten Phase kam es zu einem entscheidenden Bruch, in Europa ausgelöst durch den Faschismus, in den USA durch die 1950er-Jahre und die McCarthy-Ära. In beiden Fällen stieg die Diskriminierung von Homosexuellen an und warf die Bewegung weit zurück.

Homosexuelle waren in den 1950er- und frühen 1960er-Jahren meist isoliert und mussten ihre sexuelle Orientierung verstecken und Scheinehen eingehen, ein Outing bedeutete ein ruiniertes Leben, Psychiatrie, Gefängnis oder Selbstmord.

Neuer Aufschwung

Trotzdem formierten sich in den 1950er-Jahren wieder erste Organisationen, wie die „Mattachine Society“ und die „Daughters of Bilitis“. Beide brachten Zeitschriften heraus und traten für die Bürgerrechte von Homosexuellen ein. Sie nahmen an, durch Anpassung und übertriebene Korrektheit – vor allem beim Aussehen – könnte man eine rechtliche Gleichstellung und Entkriminalisierung der Homosexuellen erwirken.

Ab 1965 wurden erste Demonstrationen organisiert, denen es allerdings noch nicht gelang, Massen anzuziehen. Die Homosexuellenszene blieb größtenteils auf die Bars beschränkt.

Aufstand von Stonewall

Wieso es gerade am 27. Juni 1969 zu den Stonewall Riots kam, ist bis heute unklar. ZeitzeugInnen meinen es sei einfach „alles zusammen gekommen“: die Frustration über die ständigen Diskriminierungen durch die Polizei, die Radikalisierung durch die Beteiligung an der Bürgerrechtsbewegung und vielleicht auch der plötzliche Tod von Judy Garland, Ikone der Schwulenszene.

Als die Polizei in der bekannten Schwulenbar „Stonewall Inn“ in der Christopher Street im New Yorker Stadtteil Greenwich Village eine Razzia vornehmen und einige Gäste verhaften wollte, schlugen die BarbesucherInnen zurück. Sie warfen mit Flaschen und Steinen nach den Polizisten, errichteten Barrikaden und zündeten die Bar, in der sich die Polizisten verschanzt hatten, an.

Die Aufständischen sahen die Bars, die nur selten von Homosexuellen geführt wurden und meist heterosexistische Ideen noch verstärkten, als Teil ihrer Unterdrückung. Der Aufstand dauerte drei Tage lang an, über 2.000 Menschen beteiligten sich am Kampf gegen die polizeilichen Schikanen.

Selbstbewusstsein wuchs

Die Stonewall Riots brachten Homosexuelle erstmals als organisierte, kämpferische Gemeinschaft in das Bewusstsein einer Öffentlichkeit, die bis dahin Homosexualität nur als Krankheit oder Verbrechen wahrgenommen hatte. Aber auch das Selbstbild der Homosexuellen veränderte sich, man sah sich nicht mehr isoliert und als ständiges Opfer.

In der Folge entstand eine Reihe von radikalen Homosexuellenorganisationen, darunter die Gay Liberation Front (GLF). Die meisten AktivistInnen der GLF waren vorher bereits an anderen radikalen Bewegungen dieser Zeit – wie etwa der Anti-Kriegsbewegung – beteiligt gewesen und hatten von diesen gelernt. Nicht zufällig benannte sich die Gay Liberation Front nach der „National Liberation Front“ – der südvietnamesischen Befreiungsfront Vietcong.

Vernetzter Kampf

Man versuchte nicht mehr sich vor der Öffentlichkeit zu verstecken, die Demonstrationen wurden größer und auch lauter und einige Mitglieder stürmten sogar Psychiatrietagungen, um ihre Ablehnung der gängigen Meinung Homosexualität sei eine psychische Krankheit auszudrücken. Die GLF sah sich als revolutionäre Organisation und distanzierte sich bewusst von den gemäßigten Vereinen aus der Zeit vor Stonewall.

Man beteiligte sich an Demonstrationen gegen den Krieg und unterstützte die Black Panther Party finanziell. Die AktivistInnen sahen, dass die Ursache für ihre Unterdrückung dieselbe war wie für Rassismus und Krieg, ihr Ziel war es daher den amerikanischen Kapitalismus zu bekämpfen. Ab 1970 bildeten sich auch GLF-Gruppen in Europa.

Ausweitung

Im selben Jahr fand auch die erste Gay-Pride-Parade statt. Die Gay Liberation Front organisierte eine Demonstration in New York, um an den Aufstand im Stonewall Inn zu erinnern und schuf damit die Tradition des „Christopher Street Day“, benannt nach der Straße, in der man die Polizei zurückgeschlagen hatte.

Im Gegensatz zur früheren Bewegung wurde nun nicht mehr nur eine Verbesserung der rechtlichen und gesellschaftlichen Stellung für Homosexuelle angestrebt, sondern eine radikale Veränderung der gesamten Gesellschaft. Deshalb auch die Zusammenarbeit mit der Frauen-, Bürgerrechts- und Antikriegsbewegung, sowie mit der ArbeiterInnenbewegung.

Nicht nur in den USA, sondern auch in Europa bildeten sich verschiedenste neue radikale Organisationen. Deren Bestehen war zwar meist nur von kurzer Dauer, da man sich über die theoretische Ausrichtung oft nicht klar war, aber sie waren der Beginn einer neuen radikalen Homosexuellenbewegung und legten den Grundstein für alle zukünftigen Erfolge dieser Bewegung.

Der Gastbeitrag von Livia Grestenberger erschien zunächst auf linkswende.org.

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