Stahlkocher-Zorn lässt Funken sprühen

3. April 2020 - 12:00 | | Wirtschaft | 0 Kommentare

Rettet der Verkauf der profitablen Aufzugssparte Elevator ThyssenKrupp vor dem Niedergang?

Über ihnen schwebte die Ungewissheit, ob sie am Ende der Neuorganisation bei einem Konkurrenten, bei aggressiven Investoren oder an der Börse landen werden. Kurz darauf versammelten sich vor der Hauptverwaltung der Stahlsparte in Duisburg-Hamborn über 6.000 Stahlkocher, die angesichts der Dauerkrise der strauchelnden Industrie-Ikone ebenfalls um ihre Jobs fürchten. Die ThyssenKrupp-Werkerinnen und -Werker forderten vor allem belastbare Unternehmenspläne zum Erhalt und zur Sicherung der Standorte und Arbeitsplätze. Wie notwendig dies ist, zeigte sich wenige Wochen später. In einem Flugblatt, das Anfang Februar an den Stahlstandorten verteilt wurde, berichtete die IG Metall über die nächste Hiobsbotschaft: Anstatt der bisher geplanten 2.000 Arbeitsplätze sollen 2.800 abgebaut werden. Der zusätzliche Stellenabbau treffe insbesondere den Standort Bochum und das dortige Warmbandwerk, das voraussichtlich bis 2026 geschlossen und durch eine moderne Anlage in Duisburg ersetzt werden soll. Gleichzeitig wird für die Grobblechsparte in Duisburg-Hüttenheim bis zum 30. Juni 2020 ein Käufer gesucht. Sollte dies nicht erfolgreich sein, werde die Fertigung stillgelegt. Die Stellungnahme des Arbeitsdirektors Oliver Burkhard, ehemaliger IG Metall-NRW Bezirksleiter, grenzt angesichts der vom Management zu verantwortenden katastrophalen Entwicklung des Konzerns an Zynismus: „Wenn wir Spitzenklasse wieder erreichen wollen, müssen alle ihren Beitrag leisten. (…) Weiter so ist keine Option.“ Dabei haben schon in der Vergangenheit die Arbeitnehmerinnen  und Arbeitnehmer mit dem Verlust ihrer Arbeitsplätze die Zeche für die Unfähigkeit ihrer Manager bezahlen müssen.

Kampf gegen den Absturz

Der traditionsreiche Stahlkonzern, 1999 aus der Fusion der beiden Konkurrenten Thyssen und Krupp hervorgegangen, kämpft gegen den Absturz. Missmanagement, Fehlinvestitionen, gescheiterte Fusionspläne und eine aggressive Politik von aktivistischen Investoren wie dem schwedischen Investmentfonds Cevian Capital und dem US-Investmentfonds Elliot haben dem Konzern massiv zugesetzt. Mit mehr als 161.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von fast 43 Milliarden Euro ist ThyssenKrupp zwar auch heute noch ein Schwergewicht – allerdings eines ohne Kraft.

Denn noch nie war die finanzielle Lage so angespannt wie in den zurückliegenden Monaten. Im September 2019 flog der Traditionskonzern nach mehr als drei Jahrzehnten aus dem Dax, dem Index der 30 wertvollsten börsennotierten deutschen Unternehmen. Auf der turbulenten Hauptversammlung Ende Januar musste die Vorstandsvorsitzende Martina Merz die „finanziell außerordentlich angespannte Lage“ des Konzerns einräumen. So wurde schon für das erste Quartal im neuen Geschäftsjahr 2019/20 per Ende Dezember 2019 ein Verlust von 372 Millionen Euro verbucht. Gleichzeitig haben sich die Schulden von 3,7 auf 7,1 Milliarden Euro fast verdoppelt, womit das Verhältnis von Eigen- zu Fremdkapital auf bedrohliche 370 Prozent gestiegen ist. Gleichzeitig steigen auch die milliardenschweren Pensionsverpflichtungen, die zuletzt bei knapp neun Milliarden Euro lagen. Die Eigenkapital-quote verringerte sich um 286 Millionen auf 1,9 Milliarden Euro und ist damit auf 5,4 Prozent gesunken. Eine Besserung ist für das zunehmend manövrierunfähige Unternehmen vorerst nicht in Sicht. Es leidet bis heute unter den Abschreibungen in Höhe von zehn Milliarden Euro, die nach den Anlaufverlusten und dem endgültigen Abstoßen der neuen Stahlwerke in Brasilien und den USA vorgenommen werden mussten. Die Manager, die womöglich für die größte Fehlinvestition der deutschen Geschichte die Verantwortung tragen, sind nicht mehr im Amt, sie wurden auch nie zur Rechenschaft gezogen. Im Gegenteil: Sie tragen kräftig zu den Pensionsbelastungen des Unternehmens bei.

Nachdem es nicht gelungen ist, eine konsistente und nachhaltige Unternehmensstrategie zu entwickeln und mehrere Pläne des Konzernvorstands, das breit aufgestellte Unternehmen neu zu organisieren, gescheitert sind, forciert die ehemalige Bosch-Managerin Martina Merz, die seit Oktober 2019 für die Frist von einem Jahr den Vorstandsvorsitz übernommen hat, nun einen Rundumschlag: ThyssenKrupp soll sich vom Industriekonglomerat, das auf Synergien setzt, zu einer schlanken Holding entwickeln. Schon in der Vergangenheit haben die „Heuschrecken“ Cevian und Elliot systematisch auf die Zerlegung des Mischkonzerns hingearbeitet, mit dem Ziel, die lukrativen Geschäftsteile zu veräußern.

Fast alle Geschäfte sollen auf den Prüfstand. Drei Sparten befinden sich im Minus: die Produktion von Stahl, der Bau von Industrieanlagen und der Schiffbau. Zwei dümpeln vor sich hin: die Herstellung von Autokomponenten und der Werkstoffhandel. Weite Teile des Anlagenbaus und der Komponentenfertigung stehen wie die profitable Aufzugssparte vor dem Verkauf. Als Kerngeschäft sollen nach dem Großumbau die Stahlproduktion und der Werkstoffhandel gelten, also ausgerechnet jene Bereiche, die aufgrund nicht getätigter Investitionen, einer angespannten konjunkturellen Entwicklung sowie der Belastung durch 25-prozentige Strafzölle der USA zuletzt besonders stark unter Druck geraten sind. Kurzfristig soll die desolate wirtschaftliche Lage des Konzerns durch einen massiven Personalabbau verbessert werden. Insgesamt werden rund 6.800 Arbeitsplätze konzernweit zur Disposition gestellt. Die Konzernzentrale in Essen mit derzeit knapp 800 Angestellten soll innerhalb des kommenden Jahres auf rund 430 Beschäftigte verkleinert werden. In der Stahlsparte stehen nach der neuesten Verkündung 2.800 Arbeitsplätze auf der Kippe. Für das Hüttenheimer Grobblechwerk, Electrical Steel in Gelsenkirchen und das Warmbandwerk in Bochum werden die Optionen Restrukturierung, Stilllegung oder Verkauf geprüft. Den Plänen zufolge werden in der Komponentenfertigung rund 640 Stellen abgebaut, wobei nicht feststeht, ob der Kahlschlag nicht doch viel heftiger ausfallen wird als bislang angekündigt.

Verkauf der Aufzugssparte

Die dringend benötigten Finanzmittel zur Schuldentilgung und Deckung der Pensionsverpflichtungen sowie für den Konzernumbau sollen aus dem Verkauf der profitablen Aufzugssparte kommen, die 2018/19 mit mehr als 50.000 Beschäftigten einen Umsatz von 7,96 Milliarden Euro (19 Prozent des Konzernumsatzes) und ein Ergebnis vor Zinsen und Steuern von 791 Millionen Euro erzielt hat. Mit soliden Einnahmen aus dem Wartungsgeschäft ist Elevator selbst in Krisenzeiten rentabel. Der Transaktionsprozess, der im vergangenen Jahr angeschoben wurde, sieht zwei Optionen vor: entweder ein Mehrheitsverkauf oder ein Börsengang der Sparte Elevator. Mittlerweile hat sich das Bieterfeld im Rennen um die lukrative Aufzugsparte auf zwei Kandidaten reduziert. Der ThyssenKrupp-Vorstand hat sich entschieden, mit zwei Konsortien aus Finanzinvestoren – zum einen mit den US-amerikanischen Investmentgesellschaften Blackstone und Carlyle sowie dem Canadian Pension Plan Investment Board und zum anderen mit dem US-amerikanischen Private Equity Fonds Advent International und dem britischen Finanzinvestor Cinven, die von der Essener RAG-Stiftung unterstützt werden – weiter zu verhandeln, mit dem Ziel, „kurzfristig eine Einigung über einen Mehrheits- oder Vollverkauf zu erreichen“. Die Gebote bewegen sich Finanzkreisen zufolge zwischen 15 und 16 Milliarden Euro. Sollte keine Einigung erzielt werden, stelle ein Börsengang unverändert eine Option dar. Dieser wäre ab dem Frühsommer möglich. Zuvor hatte der finnische Konkurrent Kone seinen Rückzug aus dem Bieterprozess verkündet. Hintergrund ist wohl, dass ThyssenKrupp bei einer Übernahme durch den strategischen Investor Kone eine langwierige Prüfung durch die Wettbewerbsbehörden befürchtet, ein für den finanziell angeschlagenen Konzern nicht befriedigender Prozess, denn erst nach der umfangreichen und zeitaufwändigen Kartellprüfung würde das Geld fließen, das ThyssenKrupp so schnell wie möglich braucht. Kone-Chef Ehrnrooth, der eine bis zwei Milliarden mehr für die Übernahme der Aufzugssparte geboten hatte, konzediert, dass man in Duisburg und Essen wohl keinerlei zeitlichen Spielraum mehr habe: „Wenn ein Private-Equity-Investor sehr schnell das Geld auf den Tisch legt, stimmt das… Deshalb hat sich ThyssenKrupp dafür entschieden, lieber früher weniger als später mehr Geld einzunehmen. Wegen ihrer finanziellen Lage konnten sie nicht länger warten. So einfach ist das.“ (FAZ, 19.2.2020)

Verzögernd hätten sich auch juristische Streitigkeiten mit Konkurrenten ausgewirkt. So hatte der Schweizer Aufzugshersteller Schindler angekündigt, gegen den Kone-Deal klagen zu wollen. „Ein Verkauf der Aufzugssparte von ThyssenKrupp an Kone würde zu einer weiteren erheblichen Zunahme der Marktkonzentration in vielen nationalen Märkten für den Verkauf und Einbau neuer Aufzüge und Fahrtreppen führen und damit zu einer erheblichen Behinderung des wirksamen Wettbewerbs auf diesen Märkten“, heißt es in einem Gutachten der Beratungsfirma Dice Consult. Beim Verkauf an „Heuschrecken“ sind hingegen keine wettbewerbsrechtlichen Einwände zu befürchten. Allerdings besteht bei aktivistischen Investoren immer die Gefahr, dass diese den Unternehmenskauf überwiegend mit Krediten finanzieren, die dann Elevator aufgebürdet werden. Um die Beschäftigung für die nächsten Jahre zu sichern, hat die IG Metall mit den Investorengruppen Rahmenvereinbarungen abgeschlossen. Darin geht es auch um den Erhalt der Tarifbindung und die Sicherung der betrieblichen Altersvorsorge. Außerdem soll für den Fall des Rückzugs auf eine „Best Fair Owner“-Vereinbarung gedrängt werden. Das heißt, sollte sich der Finanzinvestor nach fünf bis sieben Jahren wieder zurückziehen, müsse es entweder einen Börsengang geben oder eine vergleichbare Sicherheitsvereinbarung mit einem neuen Käufer ausgehandelt werden.

Neue Allianzen

Welche Lösung für die Aufzugssparte auch immer gefunden wird – Verkauf oder Börsengang –, Kern des Essener Konzerns wird künftig wieder die Stahlsparte sein. Dabei hieß es in den vergangenen Jahren bei jeder Gelegenheit, ThyssenKrupp sei kein Stahlkonzern mehr, sondern ein „diversifiziertes Industrieunternehmen“. Dass man die Stahlsparte loswerden wollte, zeigte nicht zuletzt das geplante Joint Venture mit dem indischen Konkurrenten Tata Steel, das am Veto der europäischen Wettbewerbsbehörden gescheitert ist.

Früher die Nummer zwei in der Branche, ist der Stahlkonzern „mittlerweile das Schlusslicht der sechs großen Stahlproduzenten in Europa“, urteilt Ingo Speich, der Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei Deka Investment. Die Stahlsparte leidet unter konjunkturellen Problemen und dem Nachfragerückgang in der Automobilindustrie. Im ersten Quartal 2019/2020 gab es daher stattliche Einbrüche: um 13 Prozent beim Umsatz und um zehn Prozent beim Auftragseingang. Unter dem Strich stand ein operativer Verlust von 164 Millionen Euro, im Vorjahresquartal hatte noch ein kleiner Gewinn von 38 Millionen Euro zu Buche gestanden. Hinzu kommt, dass die ThyssenKrupp AG dringend ihr Stahlgeschäft modernisieren muss. Die IG Metall fordert Investitionen in Höhe von 1,5 Milliarden Euro als Sofortpaket, während Konzernchefin Merz lediglich 800 Millionen über sechs Jahre verteilt in Aussicht gestellt hat, die jedoch noch unter „Finanzierungsvorbehalt“ stehen, bis geklärt ist, was der mögliche Verkauf der Aufzugssparte an Erlösen in die Kasse spülen wird.

„Eine Konsolidierung in der europäischen Stahlindustrie macht weiterhin Sinn“, betont Finanzvorstand Johannes Dietsch. Sein Hinwies, „wir sind daher offen für Optionen“, deutet darauf hin, dass im Konzernvorstand nach der gescheiterten Fusion mit Tata Steel Europe wieder über neue Allianzen im Stahlbereich nachgedacht wird. So halten sich in der Branche Spekulationen über ein mögliches Bündnis von ThyssenKrupp und Salzgitter. „Neben den Kostenvorteilen bei der Entwicklung klimaneutraler Technologien sprechen auch die immer noch bestehenden Überkapazitäten für Zusammenschlüsse“, so die BCG-Partnerin Nicole Voigt. Allerdings gilt ein rasches Zusammengehen mit Salzgitter in Branchenkreisen nach wie vor als unwahrscheinlich. Im Zusammenhang mit einer „Deutschen Stahl AG“ werden in Arbeitnehmerkreisen auch die saarländischen Hochöfen ins Spiel gebracht. Die Saarstahl AG könne in einigen Jahren Teil eines Bündnisses mit den Unternehmen aus Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen sein, heißt es.

Bisher haben die Arbeitnehmervertreterinnen im Aufsichtsrat der ThyssenKrupp AG unter Führung des Sachbearbeiters in der Frankfurter IG-Metall-Zentrale und stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden Markus Grolms, der nun als Arbeitsdirektor in den Vorstand von ThyssenKrupp Steel wechselt, alle Schwenks mitgetragen – auch die Inthronisierung von Guido Kerkhoff als Vorstandsvorsitzenden und seine 6,5 Millionen Euro teure Verabschiedung im vergangenen Jahr. Doch angesichts der bevorstehenden Entwicklungen im Konzern ist zu bezweifeln, ob es künftig ausreichen wird, zu Kundgebungen vor der Zentrale beziehungsweise Hauptverwaltungen aufzurufen, auf denen der gemeinsame Kampf der Belegschaften um jeden Standort und jeden Arbeitsplatz öffentlichkeitswirksam verkündet wird, um gleich danach den nächsten Sozialplan abzuschließen. Eine Politik, die darauf verzichtet, mit massivem Druck der Stahlkocher Alternativen zur Standort- und Arbeitsplatzvernichtung durchzusetzen, lässt die letzten gesellschaftlichen Demokratie- und Systemkorrekturimpulse der paritätischen Mitbestimmung in der Montanindustrie vor die Hunde gehen.

Der Beitrag von Otto König erschien ursprünglich in der aktuellen Ausgabe von Sozialismus.de, ein Publikationsprojekt und Forum für die Debatte der gewerkschaftlichen und politischen Linken in Deutschland. Kostenlose Probehefte und (Probe-)Abos gibt’s auf www.sozialismus.de.


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