Big Data, ein Problem?

Internetkonzerne und Überwachungskapitalismus

Konzerne wie Facebook, Google oder Amazon machen aus persönlichen Daten Profit. Die Harvard-Ökonomin Shoshana Zuboff nennt dies das neue „Zeitalter des Überwachungskapitalismus“. Aber woher kommt die Macht der Internetgiganten und was bedeutet der Überwachungskapitalismus? Von Joseph Choonara

Ich gehöre zur letzten Generation in Großbritannien, die eine Kindheit vor dem Internet erlebt hat. Es erschien wie ein Wunder, als es Mitte der 90er Jahre möglich wurde, das Web mit Suchmaschinen wie Altavista und Lycos zu durchsuchen – Google war bis dato weder eine Suchmaschine noch ein Verb. Das Internet hatte nicht die Verbreitung, die es heute hat. Mobiltelefone wurden von denjenigen, die sie hatten, hauptsächlich für Telefonate verwendet. Außerhalb meines Computerraums an der Universität bedeutete online zu gehen, ein Modem mit einer Geschwindigkeit von einem Tausendstel meiner aktuellen Verbindung zu verwenden.

Der Computer in der Tasche

Zu dieser Zeit veröffentlichte die Zeitschrift „International Socialism“ einen Artikel über Informationstechnologie (IT). Sie zitiert leicht skeptisch Microsofts Bill Gates über die Aussicht auf einen „Computer in der Tasche“: „Er zeigt Nachrichten und Kalender an und ermöglicht es Ihnen auch, E-Mails und Faxe zu lesen und zu versenden, Wetterberichte und Börsenkurse aufzurufen und sowohl einfache wie auch anspruchsvolle Spiele zu spielen. In einem Meeting können Sie sich Notizen machen, Ihre Termine überprüfen, Informationen recherchieren, wenn Ihnen langweilig ist, oder aus Tausenden von leicht abrufbaren Fotos Ihrer Kinder auswählen. Der winzige Computer wird auch den Platz von Geld und Schlüssel einnehmen und Verkehrsmeldungen anzeigen.“ Man stelle sich vor! Außerdem war an diesem Artikel auffällig, dass er sich bemühte herauszuarbeiten, dass die IT mit der Logik des Kapitalismus verbunden war. Damals konnte man sich vom liberalen Potenzial des Internets in seiner anarchischsten Phase leicht verzaubern lassen. Heute ist es unmöglich, die Macht des großen Kapitals zu ignorieren.

Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus?

In den letzten Jahrzehnten hat sich das, was Karl Marx als „Konzentration und Zentralisation“ des Kapitals bezeichnete, in mehreren Bereichen der Wirtschaft beschleunigt. Ein Bereich ist das Finanzwesen, der andere IT. Heute sind Microsoft, Apple, Amazon und Alphabet (die Muttergesellschaft von Google) nach Börsenwert die vier größten Unternehmen der Welt. Auch Facebook und Alibaba, das chinesische E-Commerce-Unternehmen, gehören zu den Top Ten. Das Auftauchen dieser Giganten markiert eine wichtige Verschiebung der Macht zwischen kapitalistischen Unternehmen.

Es ist diese Welt, die im neuen Buch „The Age of Surveillance Capitalism“ der Harvard Business School Professorin Shoshana Zuboff erforscht wird. Sie führt an, dass die von Google entwickelte Strategie – Daten über Einzelpersonen auf immer invasivere Weise zu sammeln und für kommerzielle Zwecke zu nutzen – in Frage gestellt werden muss.

Google: Von der Suchmaschine zum Weltkonzern

Google hat sich seinen frühen Ruf als Suchmaschine aufgebaut, indem es Daten aus seinen Suchanfragen wieder in seine Algorithmen einspeist und diese kontinuierlich verbessert. Erst nach dem Dot-Com-Crash Anfang der 2000er Jahre habe Google die Vorteile erkannt, seinen Vorrat mit Benutzerdaten zu nutzen, um gezielt Werbung zu verkaufen. Nach Ansicht der Erfinder eines Google-Patents von 2003 war das Hauptproblem dabei, dass die Nutzer manchmal aus Datenschutzgründen die Bereitstellung der notwendigen Informationen ablehnten. Google, dem bald auch Unternehmen wie Facebook folgten, versuchte, diese Einschränkung zu überwinden. Es wurden neue Wege entwickelt, um die Kontrolle über Benutzerdaten zu bekommen.

So haben wir beispielsweise eine außerordentliche Zunahme von Tracking-Cookies gesehen, Dateien, die beim Aufruf einer Webseite auf dem Computer des Besuchers gespeichert werden und Informationen zwischen Unternehmen austauschen. Eine Studie aus dem Jahr 2015 ergab, dass „jeder, der einfach die 100 beliebtesten Websites besucht hat, über 6.000 Cookies sammeln würde…. 83 Prozent davon von Dritten, die nichts mit der besuchten Website zu tun haben“. Die Trackinginfrastruktur von Google war auf 92 Prozent dieser Websites zu finden.
Google, meint Zuboff, hat systematisch die Grenzen des Akzeptablen überschritten.

Überwachungskapitalismus: Das Street-View-Projekt

Ein Beispiel ist das Street-View-Projekt, das Bilder auf Straßenebene mit Google Maps verknüpft. Als einige der Betroffenen, deren Viertel überwacht wurden, Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes äußerten, meinte eine Führungskraft von Google, dass Street View „gut für die Wirtschaft und gut für uns als Einzelpersonen ist…. Es geht darum, den Menschen aussagekräftige Informationen zu geben, damit sie bessere Entscheidungen treffen können“. Später stellte sich heraus, dass die Fahrzeuge, die die Straßen fotografierten, heimlich personenbezogene Daten aus privaten WLAN-Netzen sammelten. Vermutlich war auch das „gut für den Einzelnen“. Während sich Google von einiger seiner invasivsten Maßnahmen zurückzog, hatte sich die Debatte bereits auf die Frage verlagert, wie dieser Prozess ablaufen sollte, und nicht, ob er überhaupt stattfinden sollte.

Dies ist auch ein Beispiel für das Eindringen des Überwachungskapitalismus in den nicht-virtuellen Bereich. In gleicher Weise wirbt Amazon nun aggressiv für seine Alexa-Sprachassistentin, um eine breite Auswahl von Daten, einschließlich aufgezeichnete Gespräche, aus unserem täglichen Leben zu erhalten. Ebenso entwickeln die Hersteller von Roomba, dem autonomen Staubsauger, Pläne für den Verkauf von Grundrissen von Kundenwohnungen, die mit ihrem Gerät erstellt wurden. Während bei solchen Geräten zwar üblicherweise Verträge mit den Kunden über die Nutzung ihrer Daten abgeschlossen werden, ist dies in der Praxis bedeutungslos. Forscher der University of London fanden folgendes heraus: „Sollte man in das Nest der angeschlossenen Geräte und Anwendungen eintreten…, würde der Kauf eines einzigen Heimthermostats die Notwendigkeit mit sich bringen, fast tausend Verträge zu anzupassen“. Die Verweigerung der Zustimmung zu solchen Verträgen schränkt die Funktionalität der Geräte ein oder hebt sie auf.

Verhalten verändern? Pokémon Go und McDonald‘s

Laut Zuboff versuchen Technologieriesen heute zunehmend, Verhalten nicht nur zu erfassen, sondern auch zu verändern. Die Experimente von Facebook mit seinem Newsfeed sind bekannt. So beschreibt beispielsweise ein akademisches Papier, das 2014 veröffentlicht wurde, wie die Facebook-Datenspezialisten die Nachrichtenfeeds von über 600.000 Mitgliedern manipuliert haben, um zu zeigen, wie die Einflüsse von positiven und negativen Beiträgen das eigene Postingverhalten der Nutzer verändert haben. Ein interessanteres Beispiel ist das Spiel „Pokémon Go“, in dem die Teilnehmer virtuelle Kreaturen fangen, trainieren und bekämpfen, die mit ihrer Handykamera und ihrem Bildschirm auf reale Hintergründe projiziert werden. Geschäftsleute konnten „Lockmodule“ kaufen, die virtuelle Lebewesen in ihre Räumlichkeiten locken, um die Besucherzahlen zu erhöhen. Mit McDonald‘s wurden schnell Vereinbarungen getroffen, um Menschen in die japanischen Filialen zu locken, und 12.000 Starbucks-Stores in den USA wurden zu offiziellen „Pokéstops“.

Unternehmensstruktur und der Überwachungskapitalismus

Die Handlungen der technischen Riesen sind nicht nur käuflich, sondern werden auch von einer sehr kleinen Anzahl von Menschen kontrolliert. Viele Technologieunternehmen haben die neuartige Unternehmensstruktur von Google nachempfunden, bei der die Gründer Larry Page und Sergey Brin genügend „Super-Klasse-Aktien“ behielten, um sich eine Mehrheitsentscheidung über die Richtung des Unternehmens zu sichern. Eine ähnliche Position hat Zuckerberg bei Facebook. Ideologisch tendiert der Ansatz dieser Technologiepioniere zu dem, was Zuboff „Cyber-Libertarismus“ nennt. Im US-Kontext folgt dies der jüngsten Tendenz des Obersten Gerichtshofs, das Recht auf „freie Meinungsäußerung“ des First Amendment mit dem Recht auf Privateigentum zu verbinden – in diesem Fall mit den von den Unternehmen gesammelten Benutzerinformationen.

Dies gilt auch für ein US-Kongressgesetz namens Abschnitt 230 des Communications Decency Act von 1996. Wie Zuboff erklärt, hat sich dies entwickelt, um zu verhindern, dass Internetunternehmen für von ihren Nutzern erstellte Inhalte haften, wie es bei einem traditionellen Verlag der Fall wäre. Mit der Transformation der Online-Welt seit 1996 hat sich die Situation jedoch von einer Situation geändert, in der solche Unternehmen als neutrale Verwalter in einer Art öffentlicher Bibliothek gelten können. Stattdessen sind nutzergenerierte Inhalte zu einem zentralen Bestandteil der wirtschaftlichen Funktionsweise moderner Internet-Giganten geworden, die es vorziehen würden, so wenig wie möglich zu tun, um den Fluss von Inhalten durch Moderation einzuschränken. Ihre Rechtsteams, die sich die Rhetorik der freien Meinungsäußerung zunutze machen, verteidigen daher lautstark Abschnitt 230 und die damit zusammenhängende Gesetzgebung. Die USA geben diesen Unternehmen jedoch nicht nur freie Hand, sondern fördern sie auch, arbeiten an Projekten mit ihnen zusammen und vergeben lukrative Aufträge. Google wurde sogar beauftragt, die interne Suchmaschine der CIA zu entwickeln. Es gibt einen erheblichen Personalaustausch zwischen der Regierung und den Technologieriesen. Im Jahr 2016 wechselten 197 Personen von Positionen in der US-Regierung zu Google, den Tochtergesellschaften oder deren Lobbyisten, und 61 gingen in die entgegengesetzte Richtung.

Guter und schlechter Kapitalismus?

Zuboffs Arbeit ist bewundernswert, insbesondere die Menge an Belegen, die sie gesammelt hat. Ihre zielstrebige Besessenheit führt jedoch zu einem verbreiteten Problem in dieser Art von Literatur. Es ist eine Sache, ein zentrales Merkmal des zeitgenössischen Kapitalismus zu identifizieren, eine ganz andere, ein neues Paradigma zu verkünden – die „neue Wirtschaftsordnung“ des Überwachungskapitalismus -, das alle anderen Aspekte des Systems verdeckt. Dieser Ansatz besteht darin, die Kritik an früheren Phasen des Kapitalismus zu minimieren und das Ausmaß herunterzuspielen, in dem die Technologieriesen Auswüchse der kapitalistischen Logik sind. Dies ist verbunden mit der Gepflogenheit, Begriffe aus der politischen Ökonomie so umzudeuten, dass die Funktionsweise des Systems verschleiert wird. So werden beispielsweise die Früchte der Überwachung zu einem „Verhaltensüberschuss“ anstelle dessen, was Marx „Mehrwert“ nennen würde. Anstelle von Adam Smiths „Arbeitsteilung“ haben wir die „Teilung des Wissens“, und so weiter.

Der Gegensatz zwischen „gutem“ und „schlechtem“ Kapitalismus schwächt besonders das letzte Drittel von Zuboffs Buch. Hier intensiviert sie die Idee, dass Verhaltensänderungen ein Schlüsselaspekt des Überwachungskapitalismus seien. Theoretische Exkurse, oft eher oberflächlicher Natur, werden immer länger und häufiger – während die konkreten Beispiele dünner und weniger zahlreich werden. Der Leitgedanke in diesem Abschnitt des Buches ist das Entstehen einer „instrumentarischen Macht“. Dabei geht es darum, den Menschen und sein Verhalten als Instrument zur Erfüllung der Marktziele anderer zu betrachten, ohne Rücksicht auf die soziale Bedeutung der Motive dieser menschlichen Verhaltensweisen.

Warum der Überwachungskapitalismus kein radikaler Bruch mit der Vergangenheit ist

Zuboff meint, dass Internetunternehmen nicht besonders daran interessiert sind, was diese oder jene bestimmte Person tut. Dieser Firmenkomplex „interessiert sich nicht dafür, was wir denken, fühlen oder tun, solange seine Millionen, Milliarden und Billionen von empfindlichen, sich bewegenden, rechnergestützten Augen und Ohren die riesigen Reservoirs des Verhaltensüberschusses beobachten, darstellen, auswerten und instrumentalisieren können, die im galaktischen Durcheinander von Verbindung und Kommunikation erzeugt werden“, schreibt sie.
Doch dieser instrumentalistische Ansatz ist kaum auf den zeitgenössischen Kapitalismus beschränkt.

Das komplexe Amalgam sozialer Aktivitäten, das der Produktion zugrunde liegt, wird beispielsweise unter allen Formen des Kapitalismus durch Markttausch quantifiziert und verglichen. Der Mensch wird als Einheit der Produktion oder des Konsums dargestellt, seine Wünsche, Bedürfnisse und Kapazitäten unterliegen den rücksichtslosen Imperativen des Profits. Henry Ford, Pionier der Fließbandproduktion von Kraftfahrzeugen, soll einmal gefragt haben: „Warum bekomme ich jedes Mal, wenn ich ein Paar Hände brauche, einen Arbeiter dazu?“ Dies vermittelt perfekt die Haltung des Kapitalisten gegenüber der Quelle seines Wertes, dem Arbeiter. Ebenso wurden im Kapitalismus seit seiner Entstehung große und zunehmende Anstrengungen unternommen, um den potenziellen Markt für bestimmte Güter zu bestimmen und zu ermitteln, wie dieser Markt am besten stimuliert, geschaffen oder erweitert werden kann. All dies beinhaltet die Reduktion von komplexen Menschen auf eine Reihe von Messgrößen, die einer rationalen Berechnung unterzogen werden können. Der Überwachungskapitalismus kann diesen Prozess beschleunigen und neue Dimensionen hinzufügen, aber er ist kein radikaler Bruch mit der Vergangenheit.

Woher kommt die Macht der Internetgiganten?

Anstatt eine neue Terminologie zu erfinden, um diese Logik zu beschreiben, gibt es bereits Kategorien, die vom Marxismus entwickelt wurden, um kapitalistische Unternehmen zu studieren, die auf kreative Weise angewendet werden können, um die jüngsten Entwicklungen zu untersuchen. Hier lohnt es sich, wie Zuboff es oft auch tut, sich auf Google zu konzentrieren. Die Quelle von Googles Reichtum wird oft durch ihre Argumentation über einen „extrahierenden“ Motor, der von dem „Verhaltensüberschuss“ angetrieben wird, verdeckt. Sie scheint skeptisch gegenüber trendigen „Prosumer“-Theorien, in denen das Anklicken eines Links oder das Posten auf Facebook magisch Werte schafft, aber es ist unklar, was sie an deren Stelle setzen will. Im herkömmlichen marxistischen Sinne beutet Google seine Beschäftigten bei der Schaffung einer Ware aus (in erster Linie Werbung), die es verkauft, vor allem an andere Kapitalisten. Der Umsatz von Google ist deutlich höher als man von einem Unternehmen mit seiner besonderen Kombination aus Arbeit und Technologie erwarten könnte. Dies spiegelt die Tatsache wider, dass Google sich in den meisten westlichen Ländern nahezu ein Monopol gesichert hat.

Dies geschah zum Teil durch die Effektivität des Suchalgorithmus, zum Teil durch den cleveren Einsatz des Chrome-Browsers und des Android-Betriebssystems. Nach ihrer Etablierung erschweren die schiere Allgegenwärtigkeit und die Größe ihrer Datenerfassungsmaschine den Umsturz von Googles Marktposition. Auf lange Sicht stützt sich die anhaltende Dominanz von Google jedoch auf drei Dinge, die jeweils Auswirkungen darauf haben, wie wir über den Überwachungskapitalismus denken.

Regierungen tolerieren Monopole

Erstens verlangt es nachgiebige Regierungen, die bereit sind, sein nahezu monopolartiges Verhalten zu tolerieren. In den letzten zwei Jahren hat die EU Google wegen verschiedener Verstöße gegen Kartell- und ähnliche Vorschriften mit einer Geldstrafe von 8,2 Milliarden Euro belegt.
Die Geldbußen selbst sind ein Klacks für Google, spiegeln aber die wachsenden Spannungen in der Beziehung zwischen dem Unternehmen und einigen Staaten wider. Die EU hat auch die allgemeinen Datenschutzbestimmungen (Datenschutzgrundverordnung, DSGVO) eingeführt, was zu einer Untersuchung der Aktivitäten von Google in Irland führte. Zuboff diskutiert die DSGVO und schlägt vor, dass sie eine Veränderung in der Sichtweise der Technologieriesen signalisieren könnte, obwohl sie zu Recht meint, dass „Bewegungen“ und nicht der „Wortlaut der Vorschriften“ entscheidend sein werden. Es lässt sich noch viel mehr darüber sagen, inwieweit zwischenstaatliche Rivalitäten das reibungslose Funktionieren des Überwachungskapitalismus stören können.

Die Tatsache, dass die DSGVO in der EU entstanden ist, ist bezeichnend – nur wenige der neuen Technologieriesen sind europäisch, und die EU-Staaten sind offensichtlich in Sorge darüber, dass sie zwischen US-amerikanischen und immer mehr chinesischen Unternehmen erdrückt werden. Der aktuelle Streit zwischen Donald Trump und Google gegen die chinesische Regierung und Huawei zeigt, wie dieser Wettbewerb inzwischen von interimperialistischen Rivalitäten durchzogen ist.

Abwehr der Konkurrenz

Das zweite, was Google benötigt, um seine Macht zu behalten, ist, dass es weiterhin Herausforderungen von Wettbewerbern abwehren muss. Im April erlitt das Unternehmen einen seiner größten Kursverluste, da sich das Umsatzwachstum verlangsamte, da befürchtet wurde, dass Werbetreibende zu Konkurrenten wie Facebook und Amazon wechseln würden. Diese Rivalen haben jetzt ihren eigenen riesigen Vorrat an personalisierten Daten, ihre eigenen riesigen Produktionsapparate an Hardware und menschlicher Arbeit. Hier zeigt sich die Logik des Kapitalismus. Google ist groß genug, um die Wertgesetze zu verzerren, aber es ist nicht in der Lage, ihnen vollständig auszuweichen. Marx hat vor langer Zeit darauf hingewiesen, dass der Marktwettbewerb zu seinem scheinbaren Gegenteil – dem Monopol – mutieren kann, aber Monopole stehen weder außerhalb des Kapitalismus, noch haben sich in der Vergangenheit festgefahrene Monopole als ewig erwiesen. Dies war der Fall bei den einst mächtigen US-Konzernen Standard Oil und US Steel Anfang des 20. Jahrhunderts oder beim Telekommunikationsriesen AT&T bis in die 1980er Jahre.

Aktivismus der Arbeitenden

Drittens hängt Google von der Bereitschaft seiner Beschäftigten ab, seine Praktiken aufrechtzuerhalten. Veena Dubal, eine Rechtsprofessorin in Kalifornien, hat den Aktivismus der Arbeiter:innen bei Google untersucht. Sie weist darauf hin, dass die jüngsten Proteste innerhalb des Unternehmens „die Arbeitspraktiken von Google ausdrücklich mit dem allgemeinen öffentlichen Interesse in Verbindung gebracht haben“. Das deutlichste Zeichen waren Massenausstiege von Beschäftigten Ende 2018 wegen sexueller Belästigung, Lohnungleichheit und Zwangsschlichtung von Streitigkeiten. Wie Dubal betont, verbanden einige Arbeiterinnen und Arbeiter diesen Kampf mit dem Versuch, „die dystopischen Auswirkungen einer weit verbreiteten, unregulierten Automatisierung“ einzudämmen. Dies ist eine weitere potenzielle Verwundbarkeit der Technologieriesen, zumal die von ihnen eingesetzten Arbeitsformen immer häufiger und routinierter werden.

Die Platzierung der Technologieriesen in diesem kapitalistischen Kontext hat Auswirkungen für Leute, die eine Alternative zu Google und dessen Umfeld suchen. In der Annahme, dass unser Ziel nicht darin besteht, in eine Zeit vor dem Internet zurückzukehren, müssen wir darüber nachdenken, wie wir die Grenzen zwischen Privatsphäre und freiem Datenaustausch am besten regeln können, um sie vor kapitalistischen Imperativen abzuschotten. Es besteht die Tendenz, dass Zuboff die Technologieriesen stattdessen als außerirdische Eingriffe in eine im Grunde gutartige kapitalistische Gesellschaft betrachtet. Der Überwachungskapitalismus stellt für sie „verblüffende Herausforderungen an die Marktdemokratie“ dar, die, so sagt sie, „dazu beigetragen hat, einen Großteil der Menschheit aus Jahrtausenden von Unwissenheit, Armut und Schmerz zu befreien“. Doch an Märkten gibt es nichts Demokratisches.

Überwachungskapitalismus ist nur ein Symptom

Sie stellen ungleiche Felder kapitalistischer Macht dar und umgeben kapitalistische Unternehmen, die nie demokratisch oder nach menschlichen Bedürfnissen geführt wurden. In diesem Sinne verdeutlicht der Aufstieg des Internets in den letzten vierzig Jahren ein zentrales Problem des Kapitalismus. Wir haben hier die Möglichkeit, auf globaler Ebene die wichtigsten wissenschaftlichen und kulturellen Errungenschaften der Menschheitsgeschichte auszutauschen, mit einer noch nie dagewesenen Geschwindigkeit und Reichweite zu kommunizieren und den Einzelnen, seine Privatsphäre und Offenheit gegenüber anderen frei zu bestimmen. Doch der Kapitalismus untergräbt dieses Potenzial ständig. Der Überwachungskapitalismus ist nur ein Symptom, aber der Kapitalismus selbst ist die Krankheit.

Zum Autor: Joseph Choonara lehrt Internationale Politische Ökonomie am King’s College London. Er ist der Autor von »Unravelling Capitalism: A Guide to Marxist Political Economy«, Kolumnist für die Zeitschrift Socialist Review und Herausgeber der Zeitschrift International Socialism.


Zum Text: Der Artikel erschien zuerst auf Englisch in der Zeitschrift Socialist Review. InsDeutsche übersetzt wurde er von Franziska Wöckel für Marx21

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Eine Antwort

  1. Ich denke das wird sich in zehn Jahren von selbst erledigen. Gründe sind die Geopolitik und die Jugend.
    *Zum einen wird das Zeitalter des „Pax Americana“, dass wir seit 1991 haben irgendwann enden, weil die Amerikaner sich ein Weltreich nicht mehr leisten können, und im allgemeinen vom Rest der Welt gehasst werden. Damit dürften auch die Großkonzerne und NGOs (einschlieslich UNO, Interpol,…) an Macht verlieren.
    *Zum anderen wächst jetzt eine Generation heran, die lernt das Internet zu hassen, und dass man wahre Freiheit nur Offline erreicht. Wenn sie in jungen Jahren für Sachen verknackt werden (z.B. Nacktbilder), weil die Konzerne (bzw. NGOs) spionieren wird das einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Es zeigt sich auch, dass politische Gruppen, die weitgehend auf Digitaltechnik verzichten (überwiegend linksaussen) durchaus erfolgreich sind, während prowestliche Gruppen (überwiegend rechtsaussen oder grün) nicht weit kommen.

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