„Tourist go home!“ – Die zerstörerische Wirkung des Massentourismus

Die katalanische Hauptstadt Barcelona als Touristenmagnet. Foto: Osamu Kaneko, licensed under CC BY 2.0, barcelona, via flickr.com

Denkt man heute an Städtereisen in Europa, sind diese einer der beliebtesten Ziele. Jedes Jahr besuchen Millionen von Touristen Barcelona, Venedig und Dubrovnik, mit teils verheerenden Folgen für die einheimische Bevölkerung: Die Mieten steigen und der Wohnraum wird unbezahlbar, die Stadtzentren werden zu kommerziellen Kulissen, und die ureigenen kulturellen Identitäten gehen verloren. Die Kosten für diese destruktive Form des Tourismus tragen die öffentliche Hand und jede*r einzelne BürgerIn, die Gewinne machen Privatwirtschaft und internationale Konsortien. Der deutsch-französische Kooperationssender Arte zeigt in einer Dokumentation, welche Folgen der Massentourismus in den drei europäischen Kulturmetropolen hat und wie dagegen gesteuert werden kann.

Der europäischen Reisefreiheit und dem globalen Kapitalismus sei Dank. Durch das Aufkommen der Billigfluglinien und privaten Übernachtungsmöglichkeiten wie AirBnB sind Kurztrips ins europäische Nachbarland keine Besonderheit mehr, auch die ehemals exotisch anmutenden Kreuzfahrtschiffe sind ein viel genutztes Transportmittel für unzählige TouristInnen. Zwar bringt der Tourismus viel Geld in die jeweiligen Städte und fördert den unterkulturellen Austausch zwischen Reisenden und Einheimischen, er verursacht aber auch einen immensen Schaden und in drei europäischen Mittelmeermetropolen schlägt nicht nur einheimische Bevölkerung nun Alarm. Städte wie die katalanische Hauptstadt Barcelona, die italienische Lagunenstadt Venedig und die kroatische Hafenstadt Dubrovnik platzen aus allen Nähten und drohen an ihrem „Erfolg“ darniederzugehen. Selbst das im Tourismus durchaus erfahrene Dubrovnik an der kroatischen Adriaküste kämpft mit den Menschenmassen, die vor allem im Frühling und Sommer die mittelalterlichen Gassen und Festungen ablaufen. Auch durch den durchschlagenden Erfolg der US-produzierten Fernsehserie Game of Thrones, das für einige Staffeln die Altstadt Dubrovniks als setting für die königliche Hauptstadt King’s Landing auswählte, ist die Hafenstadt mit ihrem Kreuzfahrschiffhafen ein angesagter Anlaufpunkt. Die Vermarktung von Serieninhalten wie bei Game of Thrones oder dem Kultfilm Star Wars treibt die Kommerzialisierung Dubrovniks in besorgniserregende Höhen.

Im Zentrum Venedigs leben statt 180.000 nur noch 55.000 Menschen. Foto: S. Varga Ilona, licensed under CC BY 2.0, Venezia – forever, via flickr.com

In der Arte-Dokumentation über das Phänomen Massentourismus werden absurde Szenarien beschrieben, die in allen drei Städten heute Alltag sind. Touristen, die sich oft kaum an die jeweiligen kulturellen Gepflogenheiten halten, sondern sich wie in Freizeitparks rücksichtslos mit Lärm, Vermüllung und einer kulturellen Ignoranz auf Kosten der dort ansässigen Menschen belustigen wollen. Venedig ist seit langem ein Freilichtmuseum, in dem echte VenezianerInnen längst aus der antiken, wasserreichen Altstadt getrieben wurden. Stattdessen haben sich international agierende Konsortien und Konzerne durch Grundstücke in die verwinkelten Kanäle und Paläste eingekauft. Gerade die besondere geographische Lage als Lagunenstadt erfordert besonderes urbanes Management, um die Touristenmassen zu kontrollieren und das eigentliche Stadtleben wie zum Beispiel die Müllbeseitigung beim Laufen zu halten. Doch es formiert sich ziviler Widerstand gegen den destruktiven Massentourismus, der für Venedig zum Fiasko wird. Kreuzfahrtschiffe werden immer größer und sie werden mehr, für viele BürgerInnen Venedigs ist die Zeit gekommen, entgegenzusteuern.

Barcelona beispielsweise beklagt diesbezüglich eine massenhafte Invasion von trinkwütigen jungen TouristInnen in den alteingesessenen Stadtteilen Barceloneta (Hafenviertel) und Barri Gòtic (Altstadt) sowie der als Flaniermeile über die Stadtgrenzen bekannte Rambles. Bei mittlerweile 10 Millionen BesucherInnen pro Jahr nimmt der wirtschaftliche Schaden für die öffentliche Hand und den „einfachen“ BürgerInnen in bedrohlichem Ausmaße zu. Das sich immer weiter nach außen verlagernde Stadtzentrum Barcelonas wird für die eigentlichen Stadtbewohner zum „no-go-area“, wo nur noch ein auf Kommerz ausgerichtetes touristisches Publikum die horrenden Mietpreise bezahlen kann. Die Folge sind Übernachtungsportale wie AirBnB, die zweifelsohne ihr Gutes haben, deren Effekt aber für Einheimische zur existenziellen Gefahr werden. Seit der Generalüberholung Barcelonas für die Olympischen Spiele 1992 hat sich in der Stadt einiges getan, die Lebensqualität gilt nicht umsonst als eine der höchsten in Europa, kulturelle Vielfalt der katalanischen Hauptstadt sind berühmt und locken zurecht. Barcelona ist das Tor zu Europa und der Welt für Katalonien, allein der FC Barcelona ist eines der bekanntesten und lukrativsten Aushängeschilder der Stadt. Dennoch muss die Stadtverwaltung entschiedene Maßnahmen ergreifen, um Menschen und Umwelt dieser lebenswerten urbanen Idylle vor den Auswirkungen des Massentourismus und des zügellosen (Finanz-) Kapitalismus zu schützen. Mit Bürgermeisterin Ada Colau steht eine linke ehemalige Straßenaktivistin an der Spitze des ajuntament, dem Rathaus Barcelonas. Mit Strafzahlungen für AirBnB für wiederholte Missachtung der kommunalen Regulierung von privaten Übernachtungsangeboten im Internet, einem Baustopp für Hotels im Zentrum, und einigen weiteren politischen Maßnahmen blicken viele EinwohnerInnen Barcelonas etwas optimistischer in die Zukunft.

Die sehenswerte Dokumentation der wöchigen Dokumentarreihe „THEMA“ ist über den folgenden Link verfügbar:

http://www.arte.tv/guide/de/066309-000-A/tourist-go-home

Über den Autor

Politikwissenschaftler // Universität Aalborg, Dänemark // Schwerpunkte: Türkei, Kurdistan, EU/Europa

2 Kommentare

  • 1
    Stefan Edel says:

    Ach siehe an… „Touristen die sich nicht an kulturelle Gepflogenheiten halten“ werden von euch scharf attackiert, islamische Migranten aber, die sich nie an die kulturellen Gepflogenheiten ihres Gastlandes anpassen, sondern ihre eigenen Gepflogenheiten einführen/aufdrängen möchten, aber hofiert.

    • 1.1
      Martin Dudenhöffer says:

      Wer hier „hofiert“ denn „islamische Migranten, die sich nie […] anpassen, sondern ihre eigenen Gepflogenheiten einführen/aufdrängen möchten“?