Strukturen wandeln noch keine Identität – Was kommt nach der Kohle?

7. August 2019 - 15:17 | | Politik | 0 Kommentare
Im Tagebau Nochten bei Boxberg werden bis zu 18 Millionen Tonnen Braunkohle im Jahr gefördert. © Antonia Mertsching.

Spätestens seit Ende Gelände 2017 gibt es eine weitere Spaltung in der deutschen Gesellschaft, in einer ostdeutschen Region, zwischen verschiedenen Interessen: die Einen, die als sogenannte Klimaaktivist*innen die internationale Gerechtigkeit im Blick haben und die Anderen, die Menschen in der Lausitz, die seit 150 Jahren Braunkohle abbauen beziehungsweise davon leben. Die Ersteren versuchen den Einheimischen mit Vernunft, Zahlen und Fakten die ökologische Notwendigkeit ans Herz zu legen.

Die Lausitzer selbst sind in sich gespalten – der Riss zieht durch Dörfer in der Frage: aufgeben und abbaggern oder Widerstand leisten und bleiben? Ein Gutteil fragt sich: Was soll werden nach der Kohle? Und wählt lange vielfach Schwarz, inzwischen Blau, denn die versprechen, so lange zu graben, bis es nicht mehr regnet in der Lausitz.

Die grundsätzliche Frage lautet meines Erachtens – und sie betrifft hierin nicht nur die Menschen in der Lausitz: Wie erreicht man Menschen, denen es gar nicht um Zahlen und Fakten geht? Wie begegnet man Menschen, die am vermeintlich letzten Strohhalm festhalten?

Das Trauma sitzt tief

Hoyerswerda und Weißwasser waren die südlichen Zentren der Lausitz, die heute zu Sachsen zählen. Mitte der 1950er Jahre lebten in Hoyerswerda gerade mal 7.000 Menschen. In Weißwasser waren es bis Mitte der 1960er Jahre 16.000 Leute. Und dann ging der Kohleabbau, der schon im 19. Jahrhundert kleinteiliger begonnen hatte, erst richtig los. Bis zur Wende lebten in HoyWoy 70.000 Menschen (40 Jahre vorher 7.000!) und 36.000 in Bela Woda. In beiden Städten haben sich die Einwohner*innen-zahlen bis heute mehr als halbiert. Und trotz des massiven Rückbaus in beiden Städten – in Weißwasser wurde nahezu die komplette Südstadt weggerissen; wo einst meine Freundin ihre Kindheit verbrachte, steht heute hauptsächlich Nadelwald – merkt man beiden Kleinstädten ihre einstige Größenausrichtung immer noch an.

„Gott schuf die wunderschöne Lausitz und der Teufel legte ihr die Kohle drunter“1

Die Kohle der Lausitz – ohne sie wäre in der DDR weder das Licht angegangen, noch ein Wohnzimmer warm geworden. Abenteuerliche und stolze Geschichten können Bergmänner wie mein Opa bis heute erzählen. Die Kohle jedoch brachte nicht nur Wärme und Licht, sie brachte auch die Energie für alle lebensnotwendigen Industrien.

Die Glasindustrie in Weißwasser.

Die stillgelegte Fabrik Gelsdorfhütte gilt als die Wiege der Glasproduktion in Weißwasser. © Antonia Mertsching.

Die Textilindustrie in Görlitz, Löbau, Zittau – aber auch in Richtung Cottbus, Guben und Forst – heute lässt das Heimatministerium hier ganz zukunftsträchtig ein Textilmuseum bauen.

Chemie und Aluminium in Schwarzheide und Lauchhammer.

Spremberg stellte Möbel für ganz Ostdeutschland her.

Dann kam die Wende.

Überlebt hat der Waggonbau in Niesky, BASF in Schwarzheide und in Weißwasser eine Glasfabrik. Und in der Braunkohle die Laubag, äh Vattenfall, äh die LEAG.

Von den einst 80.000 Beschäftigten in der Braunkohle blieb gut ein Zehntel übrig.

In der DDR verloren mit der Wende insgesamt 80 Prozent der Beschäftigten erstmal ihren Job.

Was das für die Menschen bedeutet hat, kann sich kaum jemand vorstellen, der oder die es nicht erlebt hat. Die große Völkerwanderung gen Westen oder Großstadt setzte ein. Entleert zurück in der Achse Guben-Forst-Weißwasser blieb die ostdeutsche Randzone, in der sich die Wahlkreise schwarz, braun und heute blau färben und Migration – ob von Menschen oder Wölfen – das Schreckgespenst ist. Und das, obwohl die Region genau das braucht: Zuwanderung. Für den Erhalt und für die Artenvielfalt. Denn das große Problem, was die Lausitz in der Zukunft haben wird, ist nicht der Ausstieg aus der Braunkohle oder dass es keine Arbeit gibt – höchstens nur schlecht bezahlte. Das größte Problem wird die Überalterung und das Ausbluten der Gesellschaft sein, allein weil jetzt schon eine Generation fehlt.

Was tun? Die Lausitz aufgeben und den Wölfen überlassen? Oder ihr eine neue Identität geben?

Die Einzigartigkeit der Lausitz: eine ländlich geprägte Industrieregion

Um den Widerstand und das Unverständnis der Lausitzer beim Thema Braunkohle zu verstehen, muss man sich zwei Dinge vor Augen halten:

1. Die Kohle ist die älteste der noch bestehenden Industrien, die zur DNA der Lausitz gehört. Sie hat nicht nur die Landschaft sichtlich geprägt, sondern auch soziale Spuren hinterlassen: gespaltene Dörfer, abgebaggerte Dörfer, herausgeputzte Dörfer. Aller andere einstige Stolz an Industrie existiert nur noch als Restbestand, wurde zum westdeutschen Unternehmen, ist von Schließung bedroht oder im Museum konserviert.

2. Laubag, Vattenfall und LEAG sind der liebgewonnene Ersatz für Vater Staat geworden. Auch wenn die Steuerbeiträge der Konzerne nicht mehr ins Gewicht fallen, haben sie für den Erhalt, die Sanierung, die Verschönerung von Jugendclubs und Vereinshäusern, Sportplätzen, Badestellen und von Einfamilienhäusern ermöglicht. Sie waren da, als es der Staat nicht mehr war.

Die Menschen in der Region haben schon einmal erlebt, dass Betriebe abzuwickeln, wichtiger war als ihr eigenes Dasein. Und so kommt ihnen die geplante Abwicklung der Kohleindustrie wie die unendliche Geschichte Teil 2 vor – kennen wir schon! Nur jetzt noch krasser: die Nachbarn in Polen und Tschechien machen dagegen unbeirrt weiter. Der gemeine Lausitzer versteht die Welt nicht mehr. Da nützen auch keine Zahlen und Fakten rund um den dreckigsten Energieträger, hinsichtlich der Arbeitsplatzentwicklung, gerade auch artverwandter Industrien.

Aus dieser Perspektive betrachtet, ist es völlig rational (>gesunder Menschenverstand<), an der Kohle und ihren Eignern festzuhalten. Zumal durch die Tagebaurestlöcher und ihrer Flutungen „Neu-See-Land“ entstanden ist. Die Zerstörung zwischendurch ist das Opfer für den Wohlstand.

Im Tagebau Nochten bei Boxberg werden bis zu 18 Millionen Tonnen Braunkohle im Jahr gefördert. © Antonia Mertsching.

Dass Vater Staat nun mit seinen 17 Milliarden Euro bis 2038 für die Lausitz einspringen und Struktur wandeln will – diesen Glauben haben die Lausitzer nicht mehr oder noch nicht. Es ist ihnen teilweise auch nicht zu verdenken: als handelte es sich um eine selbsterfüllende Prophezeiung, sollen Millionen nach Torgau, in die Sanierung des Görlitzer Landratsamts, oder in längst überfällige Infrastrukturmaßnahmen wie die A4 Dresden-Görlitz oder die Elektrifizierung der Bahnstrecke fließen. Letztere wird allerdings immer noch schmerzlich im Bundesverkehrswegeplan vermisst. Dafür soll aber in Zukunft ein ICE von Cottbus über Weißwasser nach Görlitz und weiter nach Polen rasen. Ein ICE? Durch die Lausitz? Ernsthaft? Ein zweigleisiger Ausbau mit RegionalExpress täte es auch.

Die Lausitz – perfekt für den Strukturwandel

Strukturwandel ist dennoch gefragt. Auch wenn darunter jeder und jede etwas anderes versteht. Ich verstehe darunter die Chance, den ausreichend großen Raum mit seiner eine Million Einwohner*innen in Deutschland beziehungsweise 1,3 Millionen mit Polen in größtmöglicher Selbstversorgung und nachhaltiger Entwicklung in verschiedenen Bereichen auf- und auszubauen:

  • Das fängt bei der (Diversifizierung der) Landwirtschaft an:
    • kleinteiliger Obst- und Gemüseanbau, alte neue heimische Mehrwertpflanzen wie Leinen und Hanf, Weiterverarbeitung, Logistik- und Lagerkapazitäten ausbauen,
  • geht bei einer nachhaltigen Bau- und Textilindustrie weiter:
    • basierend auf Leinen, Hanf und Holz mit den entsprechenden Zusätzen von Industrie 4.0 und Industriedesign und Arbeitsplätzen
  • und hört bei mutigen Schritten hin zu einer Regionalentwicklung, Modellprojekten eines Grundeinkommens, Experimentierräumen (statt Sonderwirtschaftszonen)2 und organisierten Flächenpools und einem Fonds Zivilgesellschaft nicht auf!
  • Wir brauchen einen Inner-Lausitz-ÖPNV und Carsharing, um den unvorstellbaren Schritt zu gehen, die Kfz-Anzahl um 50 bis 75 Prozent zu reduzieren. Die Mär der E-Mobilität für alle glaubt einem sowieso keiner – wir können nicht eins zu eins ersetzen!
  • Und schließlich soll die Lausitz Energie-Industrie-Region bleiben mit Solar-, Wind- und Brennstoffzellen- und/oder Speichertechnologie.

Denn in einer Region der kurzen Wege und vielfältiger Industrie – Ernährung, Baustoffe, Maschinen, Energie, Mobilität, Textil, Holzbau – gibt es genug Arbeit für alle und Freizeit noch dazu. Ja, es ist eine Mammutaufgabe, eine (ehemalige) Großindustrieregion in eine neue Kleinteiligkeit und Moderne zu transformieren. Doch seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche!

Dies wären die Möglichkeiten der Politik. Und die Menschen?

Ein Verein in Weißwasser versucht, das Gebäude des Neufert-Baus mit seiner Bauhaus-Architektur zur Wiedernutzbarkeit zu retten. © Antonia Mertsching.

Mentale Schwermut3

Ungläubiges Staunen schallt jedem Rückkehrer – und erst recht jeder Rückkehrerin – ins Gesicht. Was man hier wolle? Hier sei doch nix los! Und ob!, möchte ich ihnen entgegen – habt ihr euch mal umgeschaut?! Schließlich hat Gott die wunderschöne Lausitz geschaffen… Die Wiesen und Wälder. Der Teufel die Kohle – und die Menschen die Tagebaurestlöcher, perfekt auch für den Tourismus geeignet, allerdings noch ausbaufähig.

Ein paar Menschen nehmen die Entwicklung selbst in die Hand. Organisieren Kino, Kulturbrunch, Kneipenquiz und Konzertabende. Gesellschaft lebt davon, dass alle sich einbringen. Doch hier begegnet mir oft die Erwartungshaltung, dass etwas getan werden müsse oder die Enttäuschung darüber, dass nichts getan wurde. Die Menschen begreifen sich selbst nicht als schöpferisch tätige Wesen.

Ist das das Resultat von 40 Jahre DDR, der Nachwendezeit, oder wo kommt das andauernde Gemotze her?

Schluss damit! Für eine neue Zukunft der Region sind wir alle gefragt!



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1Sorbisches Sprichwort
2Experimentierräume geben Menschen die Möglichkeit, unternehmerisch tätig zu werden, ggf. über staatliche Förderprogramme oder Absicherungen. Denn Sonderwirtschaftszonen wollen meist nur zulasten des Umweltschutzes entbürokratisieren und zulasten der Leute die Löhne niedrig halten.
3Einschätzung nach Heike Zettwitz, Dezernentin im Landkreis Görlitz

Über den Autor

Antonia Mertsching
Ich habe Politikwissenschaft, Rechtswissenschaft und Soziologie an der TU Dresden studiert. Im Anschluss arbeitete ich fünf Jahre beim Entwicklungspolitischen Netzwerk Sachsen im Bereich Wirtschaft und Menschenrechte und Nachhaltigkeit. Die Arbeitsbedingungen in der globalisierten Konsumgüterindustrie und die ökologischen Auswirkungen unseres Handelns interessieren mich seit über zehn Jahren – begonnen hat alles mit konsumkritischen Stadtführungen durch die Dresdner Altstadt und Engagement in der Dresdner TU-Umweltinitative. Seit Mai 2019 lebe ich in Weißwasser und trete als Direktkandidatin für DIE LINKE. Sachsen zur Landtagswahl an. Mein Schwerpunkt ist die Entwicklung nachhaltiger Wirtschaftsstrukturen durch den Strukturwandel.
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