Plündern – aber professionell!

2. April 2019 - 12:00 | | Politik,Wirtschaft | 1 Kommentare

Wie Hedgefonds Unternehmen und Staaten schädigen – ganz legal!

In Deutschland wurden Hedgefonds 2004 von der SPD/Grünen-Regierung zugelassen: Das Investment-Modernisierungs-Gesetz bezeichnet sie verschwommen als „Sondervermögen mit zusätzlichen Risiken“, erlaubt z.B. Leerverkäufe von Wertpapieren und macht einige Auflagen für die Aufnahme von Krediten. Hedgefonds gelten wie die ganz großen Kapitalorganisatoren vom Schlage BlackRock rechtlich nicht als Banken und sind kaum reguliert. Das Wall Street Journal feiert feiert ihre „Narrenfreiheit“.[1]

Hedgefonds arbeiten mit dem Kapital von Multimillionären und Milliardären und zusätzlichen Bankkrediten. Sie sind auf punktuelle Eingriffe in Einzelunternehmen und auf zeitlich eng begrenzte Einzelspekulationen mit Aktien und Staatsanleihen, Rohstoffen und Devisen spezialisiert. Dabei gehen Hedgefonds besonders hohe Risiken ein und pervertieren damit den Begriff hedge, der das Gegenteil bedeutet, nämlich Risiken absichern, einhegen. Die Methoden werden auch diffus als „alternative Investments“ bezeichnet: Das bedeutet, dass sie von traditionellen Methoden besonders stark abweichen.

George Soros: Quantum Fonds

Öffentlich bekannt ist der Hedgefonds des Oligarchen George Soros: Mit seinem  Quantum Fonds wettete er auf die Abwertung des britischen Pfund. Der US-Bürger  verdiente damit 1992 seine erste Milliarde.

Soros spekulierte auch in anderen Staaten erfolgreich, so auch in der Finanzkrise 2007. Er geht öffentlich gegen Regulierungen vor, die die Freiheit von Finanzakteuren behindern. Gelegentlich wird er z.B. wegen Insiderhandels verurteilt.[2] Er überhöht sein Vorgehen ideologisch durch das Konzept der „offenen Gesellschaft“ des Philosophen Karl Popper. Er bekam dafür die Ehrendoktorwürde der Elite-Universitäten Oxford (Großbritannien) und Yale (USA). Er gründete die Stiftung Open Society / Renaissance Foundation. Der globalisierende Populist förderte damit  „Bürgerinitiativen“, Medien und Politiker, die den Finanzakteuren freie Bahn verschaffen, so in Ungarn und der Ukraine.[3]

Kleine und große Hedgefonds

Hedgefonds wurden in den 1990er Jahren von Bankern der Wall Street gegründet und haben bis heute meist ihren Hauptsitz in den USA, viele auch in London. Die größten heißen Bridgewater, Two Sigma, Och-Ziff, AQR, Man Group und Elliott. Sie werden meist von Einzelpersonen geführt, die nur ein paar Dutzend Manager um sich scharen. Sie entnehmen für sich selbst einen besonders hohen Anteil der Gewinne. Die äußerst geringe Transparenz ermöglicht extreme Insidergeschäfte und Übervorteilung von Kunden – aber das ist zulässig und den Beteiligten bekannt. Einzelne Gründer und Chefs wurden auf diese Weise schnell zu Multimilliardären.[4]

Wegen der hohen Risiken gibt es Abstürze und auch Pleiten.

Auch die Hedgefonds haben, wie BlackRock & Co ihre operativen Sitze in den Finanzzentren New York, London, Paris, Frankfurt, Mailand. Aber die mit dem Kundenkapital bestückten einzelnen Tochter-Fonds haben ihren rechtlichen Sitz in einer der vier Dutzend Finanzoasen zwischen Luxemburg, dem US-Bundesstaat Delaware und den karibischen Cayman Islands.

„Am Scheitern von Staaten Geld verdienen“

Gerade das Schwanken zwischen möglichem Scheitern und der möglichen Rettung von insolvenzbedrohten Staaten und Unternehmen ist ein lukratives Geschäftsfeld: Da schwanken die Kurse wie wild, da kann man wetten. Der FAZ-Hedgefonds-Bewunderer Dennis Kremer lobt, wie Hedgefonds „am Scheitern von Staaten Geld verdienen.“[5]

Zum Beispiel Griechenland

Das ging mit Griechenland so: Wenn die griechische Regierung mit der Troika monatelang über die Rettung oder Nicht-Rettung verhandelt, solange die Auszahlung der nächsten Kredittranche noch unklar ist, bleibt auch unklar, ob die bisherigen Kredite bedient werden können oder (teilweise) abgeschrieben werden müssen. Da kaufen und verkaufen die Hedgefonds-Manager die Staatsanleihen. Sie sind billig zu haben, solange die Insolvenz Griechenlands möglich ist oder scheint. Dann aber wird nach Monaten der „harten Verhandlungen“ der Staat (vorläufig) gerettet, die Staatsanleihen sind plötzlich viel mehr wert – und die Hedgefonds haben Milliarden Euro „verdient“.[6]

2016 stiegen auch die Hedgefonds Worldview, Jabre, PVE und VR in Griechenland ein.[7] Dabei kann man sich auch verspekulieren wie der Schwiegersohn des Ex-US-Präsidenten Clinton, Marc Mezvinsky. Dessen Hedgefonds Eaglevale Hellenic Opportunity ging 2016 in den Bankrott.[8]

Nach Griechenland auch die Ukraine

Auch der von EU und NATO gehätschelte Oligarchen-Staat Ukraine wird den Spekulanten ausgeliefert, obwohl ihm doch angeblich geholfen werden soll. Aber die Ukraine eröffnet im gleichen Spiel zwischen möglicher Insolvenz und dann doch wieder (vorläufiger) Rettung ähnliche Gewinnmöglichkeiten wie Griechenland.

So holte sich der Investor Templeton einen Kredit zum Nullzins bei der EZB und kaufte damit ukrainische Staatsanleihen. Auf sie sollte er vom ukrainischen Staat 12 Prozent Zinsen bekommen. Das war im Jahre 2014. Es war aber unsicher, ob der Staat mit seiner abstürzenden Wirtschaft und den hohen Militärausgaben die Zinsen zahlen kann. Hedgefonds wie Greylock und Golden Tree kauften deshalb solche Staatsanleihen im Wert von 45 Milliarden Euro. „Chancen für die Ukraine“ heißt es dazu in der Wirtschaftspresse.[9] Richtig wäre: Chancen für die Hedgefonds.


Die Stada AG ist ein erfolgreiches Arzneimittel-Unternehmen mit Sitz in Bad Vilbel/Deutschland. Die 11.000 Beschäftigten produzieren und vertreiben Markenmedikamente und Generika in 30 Staaten. Vielverkauft sind etwa Grippostad und Ladival. Die beiden etablierten Private Equity-Investoren („Heuschrecken“) Bain und Cinven kauften für 5,4 Milliarden Euro 64 Prozent der Aktien. Um die üblichen gewinnsteigernden Praktiken durchziehen zu können, mussten aber weitere Aktionäre – insgesamt 75 Prozent – einem Gewinnabführungs- und Beherrschungsvertrag mit der Stada-Obergesellschaft Nidda Healthcare GmbH zustimmen.

Da die meist deutschen Kleinaktionäre sich zurückhielten, war der Hedgefonds Elliott des Multimilliardärs Paul Singer das Zünglein an der Waage: Er hatte im Windschatten von Bain und Cinven schnell 15 Prozent der Aktien zusammengekauft. So kam bei der außerordentlichen Aktionärsversammlung am 2. Februar 2018 die erforderliche Mehrheit zustande.[10] Unwillige Kleinaktionäre wurden überstimmt. Der Aktienwert stieg, Elliott verkaufte mit Millionengewinn.

Nun können Bain und Cinven nach ihren „Heuschrecken“-Methoden Stada in Ruhe verwerten. Danach kann Elliott seine im Wert gestiegenen Aktien mit Gewinn verkaufen und hat schon die nächste Beute ausgespäht: ThyssenKrupp. Dort ringen die Großaktionäre BlackRock und Cevian um die Entscheidung: Den Konzern aufspalten? Elliott kaufte schnell drei Prozent der Aktien und will auch hier das Zünglein an der Waage spielen.

Werner Rügemer, Köln, Publizist, Stadtführer und Vorsitzender der aktion gegen arbeitsunrecht (www.arbeitsunrecht.de). Letzte Buchveröffentlichung: Die Kapitalisten des 21. Jahrhunderts. Gemeinverständlicher Abriss zum Aufstieg der neuen Finanzakteure. Köln 2018, 358 Seiten, 19,90 Euro.


[1]Die wahren Paten der Wall Street, Anlegertrends 11/2018, S. 12

[2] Urteil gegen Soros bestätigt, manager magazin 6.10.2011

[3] Matthias Holland-Letz: Die Macht des George Soros, SWR2 8.11.2017

[4] Liste der 45 reichsten Hedgefonds-Milliardäre: https://www.forbes.com/pictures/ghm45/mfmk, abgerufen 14.3.2018

[5] Staatsanleihen: Zocken mit den Griechen, FAZ 27.7.2015

[6] Griechenland-Pleite. Hedgefonds werden für Ausfälle entschädigt, Handelsblatt 9.3.2012

[7] Hedgefonds wetten auf Griechenland, Handelsblatt 7.5.2016

[8] https://www.boerse-online.de 30.5.2016

[9] Die Hedgefonds kommen – Chancen für die Ukraine, Wirtschaftswoche 27.3.2014

[10] Hauptversammlung stimmt Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag mit der Nidda Healthcare GmbH zu, Pressemitteilung der Stada AG 2.2.2018

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