Olympia: Und täglich grüßt das Murmeltier…

16. Februar 2017 - 12:27 | | Politik | 0 Kommentare

In einem Jahr beginnt die Winter-Olympiade in Südkorea. Wird sie den gleichen Widerstand in der Bevölkerung hervorrufen wie Rio 2016? 2018 wird die Winter-Olympiade in Pyeongchang (Südkorea) veranstaltet. Aufgrund des agentenfilmreifen Dopingskandals in Russland und dem komplett schief gegangenen Debakels namens Olympia in Rio, verlaufen Südkoreas Vorbereitungen für die Spiele weitestgehend unter dem Radar.

Unabhängig von der medialen Stille wird auch diese Olympiade – wie jede Olympiade – mit Problemen zu kämpfen haben.
Einige davon haben ihren Ursprung in dem korrupten Geschäftsmodell der Spiele. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) regiert eine post-faktische Welt, frei von jeglicher Verantwortung. Die Gastgeberstädte, die gezwungen werden diese Fantasiewelt zu importieren, entdecken unausweichlich, dass sie mit falschen Versprechen geködert und mit einem großen Chaos abgespeist werden. Der IOC Präsident Thomas Bach hatte nach Olympia in Rio noch verkündet, dass die Spiele ein wirtschaftlicher Erfolg gewesen seien. Er behauptete, 2016 beweise, dass das Finanzierungsmodell der Olympischen Spiele einem ökonomischen Stresstest widerstehen könne und am Ende gut dastehe.

Vergessen scheinen die ungewollten Stadien zu sein, mit denen die Bevölkerung Rios zurückgelassen wurde, sowie der unnütze Golfplatz und die dreckigen Kanäle, deren Reinigung von den Veranstaltern der Olympiade versprochen worden war. Sogar das „heilige“ Maracanã-Fußballstadion wurde baufällig hinterlassen – das Spielfeld sieht aus wie das Fell eines räudigen Hundes, Plünderer haben die Kupferdrähte aus den Wänden gerissen und aufgrund unbeglichener Rechnungen wurde der Strom abgestellt.
Trotz der pro-olympischen Propaganda des IOC, beginnt die Welt langsam dazuzulernen. Die Spiele bringen schlicht und einfach nicht den wirtschaftlichen Aufschwung, der von den „Bossen der fünf Ringe“ lange Zeit versprochen worden war. Tatsächlich jedoch hat seit 1960 jede Olympiade mit verlässlichen Aufzeichnungen ihr Budget um durchschnittlich 156 % überschritten.
In Pyeongchang wird es nicht anders sein. Anfänglich setzten Prognostiker die Betriebskosten bei 1,5 Milliarden Dollar an, mit einem – verdächtigerweise sehr vagen – Zusatzbudget von 2 bis 6 Milliarden Dollar für Infrastruktur. Inzwischen wurden die Schätzungen verdoppelt, die Kosten des Projekts sind auf 13 Milliarden Dollar gestiegen.
Verglichen mit Olympia in Sochi, dort vervielfachten sich die Kosten von 12 auf über 50 Milliarden Dollar, mag das alles trivial sein. Doch trotzdem handelt es sich um eine riesige Menge an Geld – viel mehr als geplant – die anders hätte genutzt werden können.

Einhergehend mit den explodierenden Kosten, wurde „Greenwashing“ eine moderne Tradition des IOC. Vertreter des IOC haben lange Versprechungen bezüglich des ökologischen Mehrwertes der Spiele von sich gegeben, doch Rio 2016 brachte sie zum Schweigen. Kahena Kunze, Brasiliens Goldmedaillengewinnerin im Segeln, prangerte die ökologischen Verfehlungen an: „Rio de Janeiro ist wundervoll und wir alle genießen es hier, aber stellen sie sich mal vor das Wasser wäre sauber.“
Wenn die Spiele 2016 aus der Nachhaltigkeit im Olympia-Style ein Gespött gemacht haben, so werden die nächsten ihre Glaubwürdigkeit nicht wieder herstellen. Um Platz für eine Skipiste zu machen, haben die Organisatoren 58.000 Bäume in einem antiken Wald auf dem Berg Gariwang fällen lassen, in einem Artenschutzgebiet, das seltene Baumarten wie die Eibe oder den Wangsasre-Baum beheimatet, die die letzten ihrer Art auf der koreanischen Halbinsel sind.
Des Weiteren berichtete The Guardian, dass geschützte Arten wie das Gleithörnchen oder der Luchs, genauso wie vom Aussterben bedrohte Pflanzenarten und Vögel das Gelände bewohnen. Viele Südkoreaner betrachten den 500 Jahre alten Baumbestand als heilig, aufgrund seiner kulturellen und historischen Verbindung zur Chosun-Dynastie, die ihn als „königlichen, verbotenen Berg“ bezeichnete.
Die Planer der Olympiade haben versprochen, den Wald wieder aufzuforsten, so als wären Setzlinge aus Monokulturen mit einer natürlich gealterten Landschaft voller Artenvielfalt gleichzusetzen. Ein Bündnis aus internationalen Umweltorganisationen hat sich mit den örtlichen Aktivisten zusammengetan, um gegen die Abholzung zu protestieren. Simone Lovera, Geschäftsführerin der „Global Forest Coaliton“, meint dazu:

„Der Wald auf dem Berg Gairwang kann nicht wieder zu seiner Ursprünglichenform hergestellt werden, denn er besteht aus einer eigenen harmonsichen Mischung, von  10 verschieden Arten gemässigtem Laub- und Nadelholz-Baumarten.“

Die Aktivisten sorgen sich außerdem, was mit den millionendollarschweren Sportanlagen für ziemlich seltsame Sportarten wie Bobfahren, Rennrodeln oder Skeleton passiert. Diese Anlagen instand zu halten, stellt eine nicht unwesentliche Ausgabe dar, die in den öffentlichen Rechnungen natürlich nicht vorkommt. Allzu häufig bleiben die Steuerzahler auf den Kosten sitzen, sobald das Spektakel in eine andere Stadt gezogen ist.

Aussicht auf Protest

Während das Überziehen des Budgets und Umweltzerstörung mit jeder Olympiade einhergehen, bahnt sich aufgrund des politischen Klimas im Land ein neues Hindernis für die Vorbereitungen an. Sollten sich die Demonstranten, die in Rekordzahlen auf die Straßen strömen, mit den Umweltaktivsten zusammentun, um sich den Olympischen Spiele entgegen zu stellen, so könnte das IOC wirklichem Widerstand ausgesetzt werden.
Von Anfang an war der Posten des örtlichen olympischen Leiters eine Drehtür. Während der Bewerbungsphase, die Südkorea mit Deutschland und Frankreich ausfocht, wurden vier Mitglieder der südkoreanischen Bewerbungsdelegation wegen Korruption und finanzieller Veruntreuung verurteilt. Im letzten Jahr ist die Situation dermaßen eskaliert, dass sich die Regierung gezwungen sah ein sogenanntes „Korruptions-Impfung“-Programm ins Leben zu rufen, um die Ausgaben der Olympiade genauer zu untersuchen.
Zusätzlich wurde das Land von einem umfassenden politischen Skandal getroffen. Im letzten Dezember hat die Koreanische Nationalversammlung für die Amtsenthebung der Präsidentin Park Geun-Hye gestimmt, da sie der Verschwörung mit ihrer Beraterin Choi Soon-Sil und der Erpressung einer unglaublich großen Anzahl an politischen Gegnern verdächtigt wird. Choi – eine ominöse Milliardärin, deren Vater, Choi Tae-Min eine bekannte Sekte geleitet hat – hat angeblich unzählige Eskapaden und Gefallen im Namen der Präsidentin instrumentalisiert. Die Beiden werden beschuldigt, mehr als 69 Millionen Dollar von über 50 Firmen erpresst zu haben, um das Geld dann in die zwei Stiftungen von Choi umzuleiten. Das komplexe Bestechungsnetzwerk zahlte sich mutmaßlich in wertvollen Lizenzen für steuerfreie Geschäfte und sogar präsidialen Straferlässen aus. Die Gerichtsentscheidung über „Choi-Gate“ kann eventuell erst im Juni fallen.

Der politische Fallout hat sogar schon olympische Athleten erreicht. Die südkoreanische Eiskunstlauf-Ikone Kim Yu-Na – die eine Goldmedaille in Vancouver 2010 gewann und eventuell eine zweite für ihre Leistungen in Sochi 2014, sobald die Aufklärungsarbeiten im Drogenskandal beendet sind – sorgte für Aufruhr, als sie sich am Nationalen Tag der Befreiung Südkoreas weigerte, Präsidentin Parks Hand zu nehmen. Als Vergeltung hat Choi vermutlich dafür gesorgt, dass Yu-Na den „Best New Athlete“ Award nicht bekommt.
Währenddessen behauptet der olympische Schwimmer Park Tae-Hwan, dass Kim Chong, ein führender Verwaltungsbeamter im Sportministerium, versucht habe, ihn zu erpressen, damit er nicht an Rio 2016 teilnimmt. Kims Verbindungen zu Präsidentin Park und Choi hatten ihn vor Kurzem erst in den Skandal hineingezogen.
Und dann ist da auch noch der Konzern Samsung, dessen Probleme nicht nur bei seinen explodierenden Handys liegen. Im letzten Monat wurde gegen den Vorsitzenden Lee Jae-Yong ein Haftbefehl aufgrund von Bestechung, Unterschlagung und Bruch des Meineides erlassen. Der Staatsanwalt wirft ihm vor, mehr als 35 Millionen Dollar in zwei von Chois Stiftungen eingezahlt zu haben, inklusive 6 Millionen Dollar für ein Pferdetraining für Athleten, zu denen auch Chois Tochter gehört. Dieses Geschenk erkaufte wahrscheinlich die Firmenfusion von Samsung und Cheil Industries Inc.

Samsung ist außerdem voll in die Olympia-Maschinerie verwickelt. Das Unternehmen ist seit langer Zeit Sponsor, ein „Weltweiter Olympischer Partner“, der seit 1988 (dem Jahr, in dem Seoul die Sommerspiele veranstaltete) dabei ist. Die gesamte Historie verdeutlicht die zügellose Macht und die Privilegien, die die „Chaebols“ – familiengeführte Konglomerate, die Südkoreas Wirtschaft lenken – genießen.

Ein solcher Machtmissbrauch rief massiven Widerstand in der Bevölkerung hervor. Ende 2016 säumten die Demonstranten die Straßen Südkoreas in Rekordzahl und forderten den Rücktritt der konservativen Präsidentin Park. Dieser Schwall von Protest könnte jenen als Nährboden dienen, die energisch Olympia in Pyeongchang kritisieren. Bis jetzt kann man nur zögerlichen Protest vernehmen, aber wenn die Organisatoren des Widerstandes den Zorn der Bevölkerung nutzen, könnten sie sich rasch vervielfachen.
Sollten sie es tun, würde dies einen deutlichen Umschwung der öffentlichen Meinung bedeuten. Als das IOC 2011 Pyeongchang gegenüber München und Annecy bevorzugte, platzte Korea fast vor Freude. Hunderte versammelten sich an einer Skipiste in Pyeongchang zum Feiern, nach den erfolglosen Bewerbungen für die Spiele in 2010 und 2014, fühlten sie sich überfällig. Der damalige IOC-Präsident Jacques Rogge erkannte dies an, indem er sagte, dass sich „Ausdauer und Beharrlichkeit ausgezahlt haben.“ Er sei sicher, dass Pyeongchang 2018 ein großer Erfolg werde.
Mit nur noch einem Jahr Vorbereitungszeit, gibt es an einem solchen Erfolg ernsthafte Zweifel.

geschrieben von Jules Boykoff für das Jacobin Mag, ins Deutsche übersetzt von Felix Wittmeier

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