Gut gegen Böse, oder: sich permanent selbst belügen

15. März 2016 - 18:47 | | Politik | 8 Kommentare

Eine Einteilung der Welt in Gut und Böse zur Erklärung von Unmenschlichkeit funktioniert nicht. Dieses Zurückgreifen auf einen dichotomen Mystizismus lässt uns auf Ewig in alten Feindbildern verharren. In der globalen Konfliktbewältigung benötigen wir einen neuen faktenbasierten und pazifistischen Rationalismus.


„Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners!“

Der Philosoph Heinz von Förster plädiert für eine Abkehr von einem der wesentlichen Begriffe menschlichen Zusammenlebens – der Wahrheit. Für ihn sind Dichotomien wie wahr und unwahr, richtig und falsch, gut und böse kontraproduktiv, um menschliche Konflikte anzugehen. Das gilt im Kleinen wie im Großen.

„Wer von Wahrheit spricht, macht den anderen direkt oder indirekt zu einem Lügner.“

Wenn ich meinen Standpunkt als der Wahrheit entsprechend ansehe, bescheinige ich meinem Gegenüber zwangsläufig Irrationalität. Wenn meine Meinung richtig ist, muss jede andere falsch sein. Von Förster schreibt weiter:

„Diese beiden Begriffe gehören zu einer Kategorie des Denkens, aus der ich gerne heraustreten würde.“

Wir neigen dazu, die Welt in Gut und Böse einzuteilen. Das Gute muss final über das Böse siegen, um die perfekte Welt zu schaffen. In diesem Kampf stehen wir selber definitionsgemäß auf der Seite des Guten.

Das ist eine naive, ja geradezu infantile Wahrnehmung der Realität. Wir belügen uns permanent selbst. Wir reproduzieren diese Lüge jeden Tag aufs Neue, weil wir sie tief in unserem Innern doch so gerne glauben wollen. Sie gibt uns Halt und Sicherheit, ist unser Kompass. Am Ende glauben wir an diesen Kampf Gut gegen Böse.

Und es ist eben diese Kategorie des Denkens, aus der ich gerne heraustreten würde.

Terrorist! – Auf den richtigen (falschen?) Standpunkt kommt es an.

Seit George W. Bush nach den Anschlägen vom 11. September im Jahre 2001 den „Krieg gegen den Terror“ ausrief, wurde der Begriff des Terrorismus omnipräsent im globalen politischen Diskurs. Auf kaum einem anderen Gebiet zeigt sich die widersinnige Anwendung der Gut und Böse-Dichotomie derart offensichtlich wie auf dem des Terrorismus.

Terroristen sind per Definition böse. Die 19 saudi-arabischen al-Qaida Terroristen verübten die Anschläge vom 11. September, weil sie den freiheitlich-demokratischen Wertekanon der westlichen Welt hassen und zur Artikulation ihres Hasses keine anderen Mittel als die größtmögliche Zerstörung von Eigentum und den Mord an einer größtmöglichen Zahl von Zivilisten kennen – so die etablierte, eindimensionale Motivanalyse des Verbrechens.

Terroristen sehen sich in aller Regel selbst nicht als Terroristen – ihr Kampf ist aus ihrer Selbstwahrnehmung heraus der eines Freiheitskampfes; und damit eine beliebte Variation von Gut gegen Böse. Ein Beispiel:

Die türkische Regierung sieht in kurdischen Sezessions-Bestrebungen ihre territoriale Integrität gefährdet und stuft die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) aus ihrer Sicht folgerichtig als Terrororganisation ein. Ihre unnachgiebigen Luftangriffe auf PKK-Kämpfer sind in diesem Narrativ Akte der Selbstverteidigung. Aus kurdischer Sicht sind die Angriffe gegen die unterdrückte kurdische Bevölkerung hingegen Staatsterrorismus und der Widerstand der PKK die legitime Wahrnehmung des Rechts auf Selbstbestimmung, Freiheitskampf.

Erst durch die Erhöhung zum Terroristen wird aus dem Mörder genau das, was er begehrt: etwas Größeres.

Der Begriff des Terrorismus sollte in Gänze aus dem politischen Lexikon verschwinden – und aus den Strafgesetzbüchern auch. Ein „Terrorist“ gehört wie jeder andere Verbrecher verurteilt und inhaftiert. Erst durch diese rhetorische Erhöhung wird aus ihm genau das, was er so sehr begehrt: etwas Größeres.

Richard Reeve Baxter, ehemaliger Richter am Internationalen Gerichtshof, meint dazu:

„Wir haben Grund zu bedauern, dass uns ein juristischer Begriff des Terrorismus jemals auferlegt wurde. Der Begriff ist unpräzise; er ist mehrdeutig; und vor allem dient er keinem entscheidenden juristischen Zweck.“

Er ist zu einer inhaltsleeren Worthülse verkommen, die nur mehr zur Bekämpfung des politischen Gegners verwendet wird (in Saudi-Arabien wurde jüngst Atheismus zum Terrorismus erklärt). Er ist weder ein militärischer Terminus, noch beschreibt er tatsächliche Gegebenheiten nach kriminalistischen Definitionen, sondern wird das Label ausschließlich zur Verfolgung einer politischen Agenda verliehen.

Frei nach George Bushs Credo „Either you are with us or you are with the terrorists“ funktioniert der Begriff nach dem Schema: Gruppen, die gegen uns kämpfen, sind Terroristen, solche die für uns sind, sind Freiheitskämpfer. Oder wie aktuell in Syrien: gemäßigte Oppositionelle.

Und wenn Hunderte Kämpfer dieser vom Westen unterstützten gemäßigten Opposition zur al-Qaida-nahen Nusra-Front und zum IS überlaufen, wurden aus ehemals Guten über Nacht Böse. Erhielten sie gestern noch großzügige Waffenlieferungen, sind sie heute zum Abschuss frei gegeben, obwohl es selbstredend dieselben Menschen mit demselben ideologischen Mindset sind.

US-Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski trifft sich 1981 mit Osama bin Laden in Pakistan. By Boris Lu licensed under CC BY 2.0

Ein Fakt, der in der nicht-westlichen Welt quasi zum Allgemeinwissen gehört, im Westen jedoch kaum bis gar nicht bekannt ist: al-Qaida ist eine Kreation der CIA. Als klassischer Proxy im Kampf gegen die Sowjetunion Anfang der 80er Jahre wurde die Truppe um Osama bin Laden massivst unterstützt – Finanzierung, Logistik, Rekrutierung in der muslimischen Welt und allen voran Waffenlieferungen.

Zbigniew Brzezinski, Mastermind der so genannten Operation Cyclone, prahlt gar mit seiner Unterstützung der al-Qaida-Kämpfer, auch Hillary Clinton bestätigt die fatale Rolle der USA. Einige Jahre nach der sowjetischen Niederlage richtet sich die Schöpfung gegen ihren Schöpfer und aus dem Freiheitskämpfer Osama bin Laden wird der meistgesuchte Terrorist des Planeten (der nebenbei bemerkt wegen nicht vorhandener Beweise nie vom FBI der Anschläge vom 11. September beschuldigt wurde).

Die Absurdität in der Vergabe des Terrorismuslabels verdeutlicht eine Anekdote, geschehen in Jerusalem während der jüngsten Welle israelisch-palästinensischer Gewalt: zwei israelische Sicherheitskräfte erschossen einen Palästinenser, als dieser versuchte, nach ihren Waffen zu greifen. In den Medien war die Rede von einem „arabischen Terroristen“, der Abtransport der Leiche fand in einem schwarzen Leichensack statt (was den Status als Terrorist kennzeichnet).

Einer der Rettungskräfte fand dann jedoch heraus, dass es sich beim arabischen Terroristen „in Wahrheit“ um einen jüdischen Israeli handelte und tauschte umgehend den schwarzen durch einen weißen Leichensack aus. Der Terrorismusvorwurf wurde fallen gelassen.

Die ganze Verlogenheit des Konstrukts Terrorismus muss entlarvt und seine Funktion als politische Waffe dekonstruiert werden. Glenn Greenwald beschreibt das westliche Konzept des Terrorismus als von rassistischen, anti-muslimischen Ressentiments und politischem Kalkül getrieben und urteilt, der Begriff des Terrorismus sei „das bedeutungsloseste und zugleich meist manipulierte Wort im amerikanischen Politiklexikon.“

USA – die Wurzel allen Übels?

Die USA gebären sich als die Speerspitze der globalen Terroristenjäger, als Front des Guten. Ein kurzer Blick hinter die Kulissen und das Wahrnehmen der historischen Fakten zeigen jedoch, dass die USA weit entfernt sind, „das Gute“ zu sein.

Genau so wenig sind sie aber „das Böse“, was in der antiimperialistischen Linken (zu der ich mich zähle) gerne so dargestellt wird. Auf unzähligen Gebieten hat die USA der Welt unschätzbar Wertvolles gebracht.

Technologie und Wissenschaft stünden ohne die USA nicht da, wo sie heute stehen. Harvard, Yale, MIT & Co. haben Meilensteine auf sämtlichen Forschungsgebieten hervorgebracht. Das Land hat die Welt auf kultureller Ebene enorm bereichert. Einige der einflussreichsten Intellektuellen und Friedensaktivisten kommen aus den Staaten.

Was wäre die Welt ohne das Wirken von Martin Luther King, Noam Chomsky oder Amy Goodman?

Ganz im Gegensatz zur in unseren Köpfen weit verbreiteten Karikatur vom burgerfressenden und sich in Patriotismus suhlenden Yankee gibt es in den USA eine aktive, lebendige Demokratie: die lokalen Gemeinden, die Bürgerrechtsaktivisten, die Graswurzelbewegungen, die gegen den Ausverkauf ihrer Grundwasserquellen an Konzerne kämpfen, sich gegen Fracking stark machen, die zu Tausenden auf die Straße gehen, um gegen illegale NATO-Kriege zu demonstrieren.

Der Battle of Seattle im Jahre 1999, bei dem 75,000 Menschen gegen die WTO-Ministerkonferenz demonstrierten, wird gemeinhin als Geburtsstunde der weltweiten globalisierungskritischen Bewegung angesehen.

All das sind unschätzbar wertvolle Errungenschaften.

Die Schwarz-Weiß-Malerei muss zu aller erst im eigenen Denken  abgelegt werden.

Die USA sind kein böses Land (genau so wenig wie Iran, Nordkorea oder Somalia böse Länder sind). Kritik am US-Imperialismus darf daher nie in blinden Hass auf die USA umschlagen. Stumpfer Antiamerikanismus führt zu rein gar nichts. Er vernebelt nur die eigene Sicht, denn er versäumt, das immense Potential der USA auf dem Weg zu einer besseren Welt anzuerkennen.

Die Schwarz-Weiß-Malerei, die es einem so überaus leicht macht, sie anderen vorzuwerfen, muss zu aller erst im eigenen Denken abgelegt werden. Wir müssen unsere Weltbilder hin und wieder auf den Kopf stellen.

„Wer nicht willens ist, die eigenen Ansichten permanent auf den Prüfstand zu stellen,
kann nie Lösung sein, sondern bleibt stets Teil des Problems.“

Der anarchistische Diktator

Muammar al-Gaddafi war ein Menschenschlächter, brutaler Kopf eines ebenso brutalen Polizeistaats, ein Folterknecht, seine Taktik des „Verschwindenlassens“ von Andersdenkenden erinnerte an Pinochets Chile der 1970er Jahre, er führte Krieg gegen seine eigene Bevölkerung – so in etwa ging das Narrativ, das die westlichen Nachrichtenkanäle in den Wochen und Monaten vor seiner Ermordung in 2011 unablässig verbreiteten.

Der Harvard-Gelehrte Garikai Chengu vertritt ein anderes Narrativ: Gaddafi hat in Libyen eine Form direkter Demokratie eingeführt, die im Ausmaß ihrer Dezentralität und der Mitbestimmungsrechte der libyschen Bürger bemerkenswert ist und deren Entscheidungsfindungsstrukturen in einigen Zügen fast an die Zapatistas in Mexiko erinnert.

Gaddafi hat diese Form direkter Demokratie konsequent zu Ende gedacht und äußerte den Plan, mittelfristig die libysche Zentralregierung in Gänze abzuschaffen und die Staatsmacht vollends an die lokalen Komitees abzugeben. Die Ambivalenz der Person Gaddafi nimmt in diesem Plan grotesk-paradoxe, ja, fast schizophrene Züge an: der brutale Diktator eines Polizeistaats will quasi-anarchistische Organisationsstrukturen einführen.

Chengu beschreibt die mehr als 42-jährige Diktatur Gaddafis weiter wie folgt: „1967 übernahm Colonel Gaddafi eine der ärmsten Nationen in Afrika. […] In der Zeit bis zu seiner Ermordung transformierte er Libyen in die reichste Nation des Kontinents. […] 2011 hatte Libyen den höchsten Human Development Index, die niedrigste Säuglingssterblichkeitsrate und die höchste Lebenserwartung in ganz Afrika.“

Weitere bemerkenswerte Erfolge wurden auf Gebieten der Bildung, Grundversorgung, Landwirtschaft und sozialer Sicherung erreicht. Gaddafi plante, die immensen Erlöse aus den Ölverkäufen direkt an die libysche Bevölkerung auszuzahlen.

Äußerst ambivalente Figur der Weltgeschichte: Muammar al-Gaddafi. Published under public domain

All diese positiven Entwicklungen fanden wenig bis gar keine Beachtung in der westlichen Medienwelt. Entscheidend war, dass Libyen einen zuverlässigen Öl-Lieferanten für den europäischen Markt darstellte.

Der Diktator Gaddafi war ein gern gesehener Gast im Westen und schlug in den Hauptstädten dieser Welt – im wahrsten Sinne des Wortes – seine Zelte auf. Über Menschenrechtsverletzungen des Colonels in Libyen war man gewillt hinwegzusehen.

2007 traf sich Gaddafi mit Nicolas Sarkozy in Paris. Nachdem der französische Präsident sein obligatorisches mahnendes Lippenbekenntnis zu den Menschenrechten in Libyen abgegeben hat, unterzeichneten beide Staatsführer einen „großzügigen“ Nuklear- und Rüstungsdeal.

Doch Gaddafi war nicht wie so viele andere Diktatoren die ölliefernde Marionette, als die ihn der Westen gerne gehabt hätte.

Gaddafi hatte immer auch eine Vision der Zukunft, er war ein aufrichtiger Verfechter eines Pan-Afrikanismus. In einem für ihn typischen Akt des Größenwahns ließ er sich 2008 von 200 afrikanischen Königen und Stammesführern zum „König der Könige“ ausrufen und verkündete: „Wir wollen ein afrikanisches Militär zur Verteidigung Afrikas, wir wollen eine gemeinsame afrikanische Währung, wir wollen einen afrikanischen Pass.“

Eine Emanzipierung von alten Kolonialisten in neuen Gewändern und die Einigung des afrikanischen Kontinents – wirtschaftlich, politisch und kulturell – waren Gaddafis Vorstellungen eines selbstbewussten Afrikas. Neben der goldgedeckten gesamtafrikanischen Währung stand eine panafrikanische Alternative zum Internationalen Währungsfonds auf seiner Agenda – beides äußerst wirkungsvolle finanzpolitische Instrumente, um auf lange Sicht den gesamten Kontinent aus der neokolonalistischen Ausbeutungsarchitektur herauszulösen.

Als „König der Könige“ und neuer Kopf der Afrikanischen Union hatte Gaddafi die nötigen Befugnisse zur Umsetzung seiner Pläne. Für die USA und Frankreich Grund genug, die Unruhen des Arabischen Frühlings auszunutzen, um die vom UN-Sicherheitsrat mandatierte Flugverbotszone über Libyen in einen weiteren Regime Change umzumünzen, der sich in die Liste der illegalen NATO-Kriege einreiht.

Hillary Clinton – freudig erregt – verkündet martialisch: „We came, we saw, he died.“

Der Sturz Gaddafis hat Libyen ins Chaos gestürzt. Aus einer relativ stabilen, entwickelten und wohlhabenden Nation wurde in kürzester Zeit ein Failed State. Ein blutiger Bürgerkrieg geißelt das Land, der ganz Westafrika destabilisiert, insbesondere Mali. Libyen mutiert immer weiter zum neuen Kerngebiet des Islamischen Staats.

Ich will hier selbstredend nicht die Verbrechen Gaddafis relativieren, sondern verdeutlichen, dass die Welt nun mal nicht so schwarzweißmalerisch einfach ist, wie sie uns westliche Politiker – die Guten – gerne versuchen zu verkaufen. Die Akzeptanz gegenüber einem Diktator steht in keiner Verbindung zu seinen tatsächlichen Taten, sondern lediglich im Maß seiner Unterwürfigkeit und Kooperationsbereitschaft uns gegenüber. Die Jagd der Guten auf den bösen Mann endet in aller Regel im Chaos und im Elend der Bevölkerung.

Das Hitler-Label

Auch Iraks Saddam Hussein war jahrelang ein nützlicher Partner des Westens, ein Guter, dessen Massenmord durch Giftgas an Hunderttausenden Iranern und Kurden gar von der CIA logistisch unterstützt und das tödliche Sarin in deutschen und französischen Anlagen produziert wurde. Erst als er entschied, irakisches Öl nicht mehr in US-Dollar, sondern in Euro zu verkaufen, unterschrieb Saddam sein Todesurteil.

Déjà-vu: genau wie später in Libyen 2011 wurde der Irak in 2003 durch einen illegalen NATO-Krieg von einem Land relativer Stabilität in ein Sammelbecken des Terrorismus und Schlachtfeld eines permanenten Krieges verwandelt.

Castro, Ortega, Chavez, Milošević, bin Laden, Saddam, Ahmadinedschad, Gaddafi, Assad, jüngst Putin – die Liste ist lang. Ein missliebiger Politiker wird zur Inkarnation des Bösen erklärt – zum neuen Hitler hochstilisiert – um so eine aggressive Politik zu rechtfertigen, die final oft im Regime Change endet.

Klaus von Dohnanyi schreibt:

„Hitler war eine Katastrophe, aber keine Naturkatastrophe.“

Der Kern dieses Satzes sollte genau verstanden werden. Auch – oder gerade? – bei den größten Verbrechern der Menschheitsgeschichte dürfen wir kein auf unerklärliche Art und Weise, irgendwie naturgegebenes Böses als Erklärungsmuster gelten lassen.

Wer zur Erklärung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit auf einen irrationalen Mystizismus, auf ein diffuses Gut-Böse-Schema zurückgreift, macht sich selbst blind für die tatsächliche Ursachenanalyse und ebnet dabei aus reiner Engstirnigkeit heraus den Weg für neue Menschheitsverbrechen. Denn das schiere Böse ist bestimmten Menschen nun mal eigen – nicht wahr? – daher müssen wir uns wohl oder übel auch mit einer unvorstellbaren Bandbreite an Grausamkeiten abfinden, da diese den Menschen wohl ebenso eigen sind.

Ich kann dieser Sicht auf die Dinge nichts abgewinnen. Die Welt funktioniert nicht nach einer Einteilung in Schwarz und Weiß. Wir alle befinden uns irgendwo zwischen diesen beiden Extremen und bewegen uns ein Leben lang  in einem dynamischen Hin und Her unendlicher Facetten. Ein Angelangen an das eine wie das andere Ende des Spektrums ist weder möglich noch sonderlich erstrebenswert.

Wenn wir diesen Denkmustern weiterhin anhängen – dieser Einteilung der Welt in Gut und Böse –, belügen wir uns permanent selbst. Wir verharren auf Ewig in alten, verkrusteten Feindbildern und schaffen uns permanent neue. Wir negieren per Definition ein friedliches Zusammenleben aller Menschen – eine wenig sympathische Aussicht auf die Zukunft.

Krieg ist ein nutzloses Werkzeug zur Schaffung eines nachhaltigen Friedens.

© Pawel Kuzcynski

In unserem persönlichen Sortieren der Weltgeschehnisse, ebenso wie auf der internationalen politischen Bühne müssen wir daher weg von diesen destruktiven Feindbildern, und hin zu einer konstruktiven Lösungsorientierung.

Ich plädiere in der globalen Konfliktbewältigung für einen neuen Rationalismus: einen faktenbasierten, von allzu sehr ideologischem Ballast befreiten, kriegspropagandaresistenten und vor allem pazifistischen Rationalismus. Militärische Gewalt als Mittel zur Konfliktlösung muss kategorisch ausgeschlossen werden, denn Krieg ist schlicht ein nutzloses Werkzeug zur Schaffung eines nachhaltigen Friedens.

Krieg funktioniert nur mit einer Einteilung der Welt in Gut und Böse.

Doch Gut und Böse gibt es nicht.


Dieser Beitrag erschien zuerst auf Jakobs blog JusticeNow! – connect critical journalism!

Über den Autor

8 Kommentare

  • 1
    Maria von Finnentrop sagt:

    nach langer Zeit mal wieder ein lesenswerter Artikel , auch wenn in ihm, auf eine zwar intelligente Art, aber dennoch etwas von genau dem Gut – Böse – Schema aufscheint , was er in Frage stellt. Aber immerhin: hier wurde kenntnisreich argumentiert und nicht simpel ideologisch.

    • 1.1

      Hallo Maria,

      vielen Dank erstmal für die Blumen!

      Was genau meinst Du, wo scheint bei mir etwas vom Gut-Böse-Schema auf, dass ich im Artikel selbst kritisiere?

      Beste Grüße!

      • 1.1.1
        Maria von Finnentrop sagt:

        Hallo Jakob,

        Da habe ich mich falsch ausgedrückt. Sorry.
        Was ich eigentlich meinte: Du hast nicht gegen Deine eigene Verneinung des Gut – Böse – Schemas verstossen,
        eher gegen das Falsch – Richtig – Schema. Mein Fehler, das nicht so klargestellt zu haben.

        Auch ich halte es für richtig, Diktatoren nicht zu dämonisieren, ihnen die Ratio abzusprechen ( der wahnsinnige Hitler, Stalin usw.) , weil man sie durch solche Erklärungsmuster letzlich verharmlost.
        Es gibt immer auch rational nachvollziehbare Bedingungen und Ursachen für das Entstehen faschistoider Regime. Aber, und jetzt argumentiere ich theologisch ( was Du selbstverständlich umgehend ablehnen kannst, es ist lediglich ein Angebot zum inneren Nachspüren), es gibt sehr wohl Gut und Böse.

        Stell Dir einmal vor, ein Gott hätte den Menschen so geschaffen dass er nur gut wäre.
        Dann wäre der Mensch eine alberne Marionette. Er würde, wie von unsichtbaren Fäden gelenkt, lustig auf der Erde herumturnen und alles richtig machen und alle wären glücklich.
        Nun stell Dir einen Gott vor, der dem Menschen die Möglichkeit des Bösen gegeben hat, aber auch den freien Willen, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.
        Und genau durch diese Willensfreiheit wird der Mensch erst eigentlich zum Menschen. Er kann entscheiden, und er verfügt über eine innere Instanz die ihm „sagt“ was gut oder böse ist, nennen wir sie Gewissen.
        Davon kann er Gebrauch machen. Er kann diese Instanz befragen und ernst nehmen, er kann sie aber auch ignorieren oder gar ihre Existenz leugnen. Wenn der Mensch sein Gewissen sozusagen zum Schweigen bringt, dann entfernt er sich von dem, was ja eigentlich sein Menschsein ausmacht.

        Es gibt also, nach diesem Denkmodell ( dem ich als Christ anhänge) durchaus Gut und Böse.
        Das hat nichts mit Mystizismus zu tun. Gut und Böse sind natürlich keine Kategorien die fest und klar umrissen sind, es gibt Grauzonen und soger Überschneidungen. Letztlich meldet sich in Grenzsituationen, in denen der Mensch vor existenziellen Grundentscheidungen steht, immer das Gewissen.
        Ein Mensch, der sein Gewissen „begraben“ hat, warum auch immer, gibt sich dem Bösen hin, in der irrigen Annahme, dieses bringe ihm mehr Gewinn, materiell oder psychisch.

        Diese Annahme ist so grundfalsch, dass dieser Mensch sich in letzter Konsequenz von sich selbst entfernt und zu einem „Apparat“ mutiert. Dieser „Apparat“ ist Kritik nicht mehr zugänglich, ihn rührt nicht das Leid anderer Menschen, er ist nicht mehr fähig zu Empathie und Sorge für den Anderen, er denkt und fühlt nur noch nach Kategorien von Nützlichkeit für oder gegen eine „Sache“.
        Er betrachtet dann auch Menschen als Sachen.

        Sachen, die ihm entweder nützlich sind oder weggeschafft werden müssen nach Massgabe seiner Ideologie. Ideologien, die das Gewissen leugnen, oder für eine unwissenschaftliche Kategorie halten sind demnach immer in Gefahr unmenschliche Zustände zu erzeugen.

        Deshalb reicht es nicht, auf einer abstrakten politischen Ebene das Gute zu wollen, wie etwa Gerechtigkeit und Freiheit. Man sollte begreifen: Es GIBT Gut und Böse und es gibt eine Instanz die uns hilft das Eine vom Anderen zu unterscheiden.

        Seien wir unserem Gewissen verpflichtet, es kann uns niemals täuschen und wird zu unserem besten Vertrauten solange wir es ernst nehmen und je öfter wir es in Anspruch nehmen. Das ist nicht immer leicht, aber weil es anspruchsvoll ist und manchmal nagt und beisst, zweifeln lässt und Unruhe verbreiten , aber auch den Frieden und das Glück einer richtigen Entscheidung schenken kann, sollten wir das Gewissen als eigentliche zentrale Instanz für unsere Entscheidungen , politisch oder privat, zugrunde legen.

        Ich hoffe, Dich nicht gelangweilt zu haben und wünsche mir und Dir, das Du darüber etwas nachdenkst,
        auf die Gefahr hin, auf einer linken Seite als Idiot betrachtet zu werden. Macht nix, mein Gewissen sagt mir: In Ordnung so.

        Freundliche Grüsse

        Maria

      • Maria von Finnentrop sagt:

        Kleine Korrektur: am Schluss muss es heissen DASS Du darüber nachdenkst, mit zwei s.

        Ich hasse solche Fehler, eine persönliche Macke.

      • Hallo Maria!

        Sehr interessanter Kommentar. Nie würde mich sowas langweilen. Vor allem für mich als passionierten, mit Herzblut aktiven Atheisten sind theistische Ansätze immer sehr interessant.

        Das interessante ist, dass ich in vielen Punkten bei Dir mitgehe. Ich hab eine Weile in einem sehr sehr muslimischen Land gelebt. Und auch da hab ich öfter philosophisch-moralisch-ethische Gespräche gehabt. Das Interessante war, dass es meist so war, dass ich als Atheist und bz eine tief gläubige Muslima uns in den grundlegenden moralischen Punkten einig waren. Der Ursprung war nur ein anderer. Ich brauche für meine Moral keinen Gott und keine heiligen Bücher.

        Und da sehe ich auch so ein bisschen meine Kritik an Deinen Ausführungen. Wenn ich das richtig sehe, hat das Gewissen für dich etwas quasi-absolutes, allgemeingültiges, ist Instanz, Authorität. Und das klingt für mich sehr dogmatisch, womit ich ein Problem habe. Ich denke nicht, dass es das eine Gewisse gibt, das wir entweder haben (in Gänze oder in Abstufungen) oder dem wir uns verweigern können. Was so in etwa deine drei Stufen sind: Gut-Grauzone-Böse, mit dem Level des Gewissens als Indikator.

        Gewissen und Moral sind für mich sehr subjektive DInge, von unzähligen Umständen geprägt und in Form gebracht. Mal von einer Handvoll „Kernverbrechen“ (Mord, Vergewaltigung, Hochverrat…) abgesehen, unterscheidet sich meine Moral wahrscheinlich sehr von der eines Bewohners vom andern Ende des Globus. Oder auch nur am andern Ende meiner Stadt.

        Beste Grüße!

      • Maria von Finnentrop sagt:

        Du hast natürlich recht damit, dass die Moral relativ ist insofern als etwa für einen Bewohner des Landes X es verboten ist, sich auf den Platz zu setzen, auf dem gerade eine Frau gesessen hat und für einen Bewohner des Landes Y es „normal“ ist mit 3 Frauen gleichzeitig zu …..:)
        Und das ist nicht nur eine Frage des Landes, sondern der gesellschaftlichen Schicht, der Erziehung, der Religion ( oder eben Nichtreligion), der individuellen Prägung usw. Nein, mein Gewissen ist eben nicht dieser GUT Grauzone BÖSE Apparat, es ist etwas Lebendiges, es ist, halt Dich fest mein lieber Atheist, die Stimme Gottes. Ich kann ihn befragen….. über mein Gewissen. Vielleicht lässt er mir meine Zweifel, vielleicht gibt er mir eine klare Antwort auf meine Frage, vielleicht lässt er es in mir rumoren und gären, das weiss ich nicht. Vielleicht zwingt er mich, eine Ungewissheit auszuhalten, vielleicht lenkt er mich sanft oder nachdrücklich. Gottes Willen kann ich nicht ergründen, aber ich kann ihm erlauben sich in mir zu äussern durch mein Gewissen. Das hat nichts mechanisches. Im Gegenteil, es ist komplizierter als Quantenphysik und Molekularbiologie zusammen. Gott gibt mir eine einzige Garantie, nämlich die, dass er mich bedingungslos liebt und annimmt, mit allen Schwächen und Zweifeln. Und er hat mir dieses Instrument geschenkt, das ich Gewissen nenne. Im Wort Gewissen steckt Wissen. Es ist dies aber kein empirisches Wissen, dass ich logisch oder rational beweisen könnte, es ist ein Wissen, das ich erspüren kann. So wie Du die Liebe niemals nur als ein biochemisches Reiz Reaktions Schema erklären kannst, ist auch dieses Phänomen dadurch gekennzeichnet, dass es Geheimnis bleibt und bleiben MUSS. Je tiefer die Naturforscher die Welt ergründen, desto mehr Geheimnisse tun sich auf. Und hinter jedem entschlüsselten tun sich sofort neue auf. Das Wunder der Welt besteht zum einen darin, dass sie ein Buch ist, das ich Seite für Seite entziffern kann und zum anderen darin, das dieses Buch unendlich ist. Könnte ich es komplett entziffern, dann hätte das menschliche Fragen irgendwann ein Ende. Hat es aber nicht. Was den Menschen im Wesen auszeichnet sind drei „Dinge“:
        Seine Sterblichkeit ( oder Endlichkeit)
        Sein Geliebtsein durch Gott ( ob er es weiss oder nicht :))
        Seine ( relative) Freiheit das Gute oder Böse oder etwas dazwischen zu erkennen und danach zu handeln.

        Was der Welt Sinn verleiht ist einzig und allein die Liebe. Die Liebe Gottes zu uns und unsere Möglichkeit, diese Liebe im Anderen zu erkennen, zu geben und zu nehmen, insoweit der Andere auch ein Bild Gottes ist. Ohne Liebe wäre die Welt eine absurde Ansammlung von Dingen und Wesen.

        Das Gewissen ist das Instrument, mit dem ich das erfahren kann.
        Jemanden nicht totzuschlagen kann auch praktische Gründe des Miteinanders haben. Das wäre im sozialpsychologischen Sinn einfach nur vernünftig im Sinne eines geregelten Zusammenlebens.
        Das ist praktische Moral. Auf dem Weg zu mir selbst ist diese nützlich, aber erst wenn ich den Sprung in den Glauben wage, ohne Netz und doppelten Boden, erst dann kann ich ganz bei mir ankommen, das heisst, bei Gott. Diese Möglichkeit besteht immer, sie ist wie ein unsichtbares Angebot. Ich kann es riskieren diesen Sprung zu machen. Gott ist immer da. Er zeigt sich durch die anderen Menschen,er ist gleichzeitig unendlich fern und ganz nah neben mir. Aber es gibt Tausende von Störfrequenzen.

        Ein einziges Lächeln von einer wildfremden Person, das aus tiefstem Herzen kommt enthält mehr Realität als ein ganzer Monat voller Routine. Man spürt das sofort. Gott will, dass wir genau diese Lebendigkeit, diese Weichheit und Reinheit erfahren. Gott ist das Gegenteil von einem System oder einer Lehre.
        Gott ist Liebe.
        Deshalb ist auch das Instrument des Gewissens nichts dogmatisches, sondern etwas fliessendes und trotzdem in dem Moment wo ich es spüre, etwas Gültiges. Das sind alles nur hilflose sprachliche Annäherungsversuche an etwas , was wir nicht be- greifen können, aber in bestimmten Momenten erfahren.

        Wünsche Dir ein schönes Wochenende, Jakob

  • 2
    U.Grosser sagt:

    Vielen Dank für diesen Artikel, ich bin froh, dass er noch nicht durch die Zensur gefallen ist.
    Mir selbst wurden schon Beiträge gelöscht in denen ich Überlegungen dazu angestellt habe, gegenüber Flüchtlingen aus Bürgerkriegsgegenden Menschlichkeit walten zu lassen aber die angefallenen Kosten dafür auch jenen aufzubürden, die dieses verursacht haben. Wie kann es angehen, dass ein Autokonzern für Betrug bei Abgasmessungen zu Mrd von Strafzahlungen verurteilt werden kann während Betrüger die mit betrügerischen Fakten einen Irakkrieg rechtfertigen, straffrei geblieben sind. Wäre es nicht sinnvoll, genau diese Koalition die für die Zerstörung von zuvor funktionsfähigen Staaten verantwortlich zu machen sind auch dazu zu verurteilen, die Kosten für das angerichtete menschliche Elend zu übernehmen?
    Wäre es nicht besser wenn sich Parteien gemeinsam für die Bekämpfung der wahren Ursachen für Flucht und Vertreibung einsetzen, als sich gegenseitig zu beschimpfen? Den Flüchtlingen wäre mehr gedient wenn sich CDU und AFD gemeinsam zur Aufnahme in Deutschland durchringen könnten aber bei voller Kostenübernahme durch jene, die ihre Intervention und Waffenlieferungen deren Herkunftsländer zerstört haben? Warum stellt die EU der Nato keine Rechnung aus für völkerrechtswidrige Kriege?

  • 3
    Max H. sagt:

    Vielen Dank für diesen sehr guten Artikel!
    Es tut immer wieder gut zu sehen, dass es Menschen gibt, die in der Lage sind etwas differenzierter zu denken.
    Auf dass sich diese Denkweise mehr durchsetzen mag.