Die Neue Linke Südosteuropas

Diese Energie, dieser Enthusiasmus. Die Linke auf dem Balkan ist sehr inspirierend. Mehr als 80 Aktivistinnen und Aktivisten der Region kamen in Baška (Kroatien)  zusammen, um ihre Erfahrungen im Kampf gegen Korruption, Nationalismus und Kapitalismus auszutauschen. Wer die jungen Menschen vor Ort gesehen hat, kann nur zu dem Schluss kommen: Eine neue, wilde Generation ist herangewachsen, ohne althergebrachten Ballast, die sich für eine bessere Zukunft Südosteuropas einsetzt. Wir waren dabei, wir waren begeistert.

Eine Woche lang diskutierten und organisierten sich verschiedene linke Parteien, Organisationen und Einzelpersonen aus (fast) allen Ländern des Balkans auf Einladung der Rosa Luxemburg Stiftung Südosteuropas. Dabei folgte die Woche dem Prinzip work hard, live hard, party hard. Die Neue Linke des Balkans ist jung: Fast alle Akteure sind Jahrgang 83 oder jünger. Verbindungen zur Sozialdemokratie oder alten Titoisten und Marxisten-Leninisten gibt es nicht. Die Diskussionen verliefen, ohne sie zu beschönigen, allesamt solidarisch und sehr produktiv. So wurde unter Anderem beschlossen, die Balkanlinke enger zu vernetzen, vielleicht sogar irgendwann ein Balkan-Pendant zur europäischen Linken zu organisieren. Ebenso haben die Studierenden aus Slowenien, Albanien, dem Kosovo, Serbien und Deutschland beschlossen sich besser zu vernetzen und ihre Programme auszutauschen um eine eventuelle gemeinsame Forderung aufzustellen, die in allen Ländern anklang findet.

Foto: Matilda Miftiu

Foto: Matilda Miftiu

Dabei geht die Linke Südosteuropas keine faulen Kompromisse ein. Alle warnen vor der Falle, die ein Parlament darstellen könnte. Besonders die Slowenische Partei Initiative für einen Demokratischen Sozialismus berichtet von ihren Erfahrungen, die sie seit einem Jahr im Nationalparlament und auf kommunaler Ebene sammelt. Sie spricht von Anpassungstendenzen der eigenen Organisation an ein kapitalistisches System und wie man diese aushebeln könne. Wichtigster Beitrag ist dabei die Schulung der eigenen Mitglieder. Diese dürften nie in den Irrglauben verfallen, über das Parlament wären tiefgreifende Veränderungen möglich. Dafür erhielten sie starken Beifall. Überhaupt zeichnet die politische Ausbildung alle Anwesenden aus. Keiner lamentiert mit faulen Phrasen, alle argumentieren stringent und nach marxistischen oder politikwissenschaftlichen Standards, etwas, was auch die deutsche Linke lernen sollte. Besonders die Linkspartei.

Linke Balkanportale

Nicht nur Organisationen, sondern auch Alternative Medien waren auf der Konferenz. Im Fokus stand dabei die renomierte kroatische Ausgabe der le Monde de diplomatique. Zusammen mit dem Chefredakteur Nikola Vukobratović haben wir das Für und Wieder von Strategien und Techniken von Portalen wie bilten.org, mašina.rs oder LeftEast diskutiert. Auch wir konnten viel aus dieser Diskussion mitnehmen. Auch Zielgruppen diskussionen und richtige Schreibstile waren Themen, die heftig diskutiert wurden.

Albanien, Bosnien…..

Aus Albanien waren mehrere Aktivistinnen aus der Bewegung Për Universitetin dabei. Diese setzt sich seit einem Jahr massiv gegen die Privatisierung und Neoliberalisierung der Hochschulen des Landes ein. Eine treibende Kraft dabei ist die Organisation Organizata Politike. Diese kämpft nicht nur für ein gerechtes Bildungssystem, sondern auch gegen Nationalismus und Korruption. Im Kosovo hingegen ist die Organisierung von Linken noch nicht so weit fortgeschritten. Trotzdem war mit Rron Gijnovci ein prominentes Mitglied anwesend, welcher sich seit Jahren für die Rettung der Universitäten einsetzt und seit einem Jahr regelmäßig als linker Aktivist Sendezeit in Nachrichtensendungen erhält. Im Kosovo wird sich vieles Bewegen, denn dort ist die Gründung einer sozialistischen und linken Organisation im vollen Gange. Daneben existiert der Klubi Politik i Studentëve.

Aus Kroatien waren gleich mehrere Organisationen vertreten. Die bekanntesten unter ihnen sind Radnička Fronta (Arbeiterfront) und BRID. Die einen wirkten als Partei zueltzt sehr erfolgreich in der Anti-TTIP und einer Landesweiten Antiprivatisierungskampagne mit. BRID arbeitet hingegen sehr stark mit Gewerkschaften und Arbeiterinnen und Arbeitern zusammen. Aus Bosnien & Herzegowina waren Mitglieder der Partei Lijevi (Die Linke) dabei. Sie brachten vor allem ihre Erfahrungen aus den Aufständen im Land des Jahres 2014 in die Diskussion mit ein.

Për Universitetin Foto: Liri Kuci

Për Universitetin
Foto: Liri Kuci

Die Genossinnen aus Bulgarien und Rumänien waren fast genauso begeistert von der transportierten Energie, wie ich es war. Criticatac setzt in Rumänien vor allem auf Antiprivatisierungskampagnen sowie politische Aufklärung. Was sie in jedem Fall festhielten war: „Verdammt, wir sind nicht die einzigen linken Spinner auf dem Balkan.“ Eine super Sache. Aus Bulgarien waren zwei Aktivistinnen dabei, die sich gegen Nationalismus und Privatisierung engagieren. Dabei war es ihre Idee, mit der Nostalgie der Menschen für den Realsozialismus zu arbeiten, um sie für eine neue Linke Idee zu begeistern.

Eine der größten Gruppen war Solidarnost aus Mazedonien. Sie berichteten von Studierendenprotesten aller ethnischen Gruppen des Landes, Protesten gegen Polizeigewalt und Korruption. Dabei kämpft die Organisation nicht nur gegen die Regierung und das Establishment, sondern auch gegen Fremdeinwirkung wie die Soros-Foundation, die in verschiedenen Ländern immer wieder pro marktwirtschaftliche Regimechanges einläutet. Dabei haben wir auch Adela Gjorgjioska wiedergetroffen, die wir bereits einmal interviewten. Aus Serbien waren gleich mehrere Organisationen auf der Konferenz. Mit Marks21, Centar za politike emancipacije, Forum der Roma Serbiens usw. Sie berichteten darüber, wie sie in Serbien versuchen seit etwas über einem Jahr den Linken Gipfel Serbiens zu vereinigen, um eine gemeinsame Linke Plattform zu etablieren. Das größte Problem aller anwesenden Organisationen waren ihre Finanzen. Alles was sie an Energie und politischer Bildung mitbringen fehlt finanziell. Bisher gibt es keine Lösung, die alle zufrieden stellen würde. Meine Idee war es, Mitglieder in der Diaspora zu gewinnen, um damit eine möglichst sichere Finanzierung zu erreichen.

Wie es mit der Linken auf dem Balkan weiter geht, weiß niemand. Doch alle geben ihr äußerstes, bis zur kompletten Selbstausbeutung, um das Gesamtprojekt nach vorne zu bringen. Fast alles nötige dazu besitzen sie. Was ihnen fehlt machen sie durch ihre Fähigkeiten wet. Die Konferenz ging am Sonntag auseinander und keiner hatte ein lächeln auf dem Gesicht: In den fünf Tagen haben sich alle lieben und schätzen gelernt, keiner wollte gehen. So erging es auch uns. Auch wir wollten bleiben. Leider kam unser Bus und wir fuhren los. Eine letzte Umarmung. Balkan, sei sicher: We’ll be back!