Der Sturm auf Mossul

24. Oktober 2016 - 07:43 | | Politik | 0 Kommentare

Der Kampf um Mossul hat begonnen: Für den Islamischen Staat (IS) im Irak wird die Luft dünner, mit der irakischen Millionenmetropole Mossul im Norden werden die radikalen Islamisten bald ihre einwohnerstärkste Stadt verlieren. Nachrichtenagenturen sowie die irakische Regierung verkündeten, dass die Anti-IS-Truppen kurz vor Mossul stehen. Die Schlacht um die Wiedereroberung der zweitgrößten Stadt des krisengeschüttelten Landes löst in jedem Fall tiefe Verwerfungen aus. Selbst wenn der IS dort vertrieben sein wird, das Zanken der Konfliktparteien lässt nichts Gutes erwarten. Gerade die Regionalmacht Türkei will unter keinen Umständen von der Offensive ausgeschlossen sein, und das, obwohl Bagdad ausdrücklich keine weitere türkische Präsenz im Land wünscht.

Es erscheint wie ein surreales Schaubild, das man von den Konfliktherden des Nahen Ostens präsentiert bekommt, wenn man auf der livemap die Entwicklungen im Syrien– oder Irakkrieg verfolgt, doch leider ist es todernste Machtpolitik zwischen Welt- und Regionalmächten. Hochkomplex sind die Verflechtungen, Allianzen, und Feindschaften zwischen den beteiligten Kriegsparteien, aktuellstes Beispiel ist die Befreiung Mossuls, der zweitgrößten Stadt des Staates, der noch immer im kontinuierlichen Prozess eines Staatszerfalls steckt. Um diesen zumindest ein wenig einzudämmen, stürmen irakische Regierungstruppen aus der Hauptstadt Bagdad kommend von Süden und Westen in Richtung Mossul. Unterstützung bekommt die irakische Armee von einer internationalen Anti-IS-Koalition aus vor allem US-, französischem, kanadischem, und australischem Militär.

Die Anti-IS-Koalition nur noch wenige Kilometer vor Mossul. Foto: The U.S. Army, licensed under CC BY 2.0, The Mosul offensive, via flickr.com

Zudem sind auch von Bagdad tolerierte sunnitischen Milizen am Sturm beteiligt. Ihnen kommt eine besondere Bedeutung zu, denn gerade der Irak leidet unter den sektiererischen Frontlinien zwischen Schiiten und Sunniten. Die Zentralregierung Haidar al-Abadis muss sich häufig den Vorwurf gefallen lassen, reine Klientelpolitik für die schiitische Mehrheit zu machen, und so die sunnitische Minderheit, die immerhin ein Drittel aller Iraqis ausmacht, zu benachteiligen. Der Norden liegt ohnehin kaum noch im Machtbereich Bagdads, denn dort verwalten sich die Kurd*Innen mehrheitlich selbst. Genau von dort, also aus Norden und Osten, rücken kurdische Peshmerga-Einheiten mit reichlich Tempo auf die IS-Hochburg zu. Mithilfe des Westens haben sich die Kurden auch im Irak als effektivste Kampfeinheit gegen den IS erwiesen und verteidigen so ihre autonome „Regionale Regierung Kurdistans“ (KRG), einen de-facto Staat im Staate.

Mossul, die Stadt am Tigris, die für ihr Marmor und vor allem das Öl von großer Bedeutung ist, war Heimat für knapp zwei Millionen. Im Juli 2014 eroberten die radikalen Islamisten des IS die Stadt und vertrieben so etwa 500.000 Menschen. Noch immer, schätzt man von US-Seite, stehen mindestens 5.000 IS-Kämpfer bereit, Mossul so lange wie möglich zu verteidigen. Ihnen steht aber die insbesondere von den USA trainierte irakische Armee entgegen, die etwa 100.000 Mann mit sich bringt, um die Schmach des Kontrollverlusts einer der strategisch wichtigsten Städte wettzumachen. Ministerpräsident al-Abadi braucht dringend Erfolge, seine Amtsübernahme war Ergebnis eines erbitterten internen Machtkampfes, der den langjährigen Regierungschef al-Maliki aus der pole position der irakischen Politik vertrieb. Für die „Battle of Mosul“ veranschlagt al-Abadi bis zu drei Monaten, dann soll auch diese prestigeträchtige Metropole wieder unter der Kontrolle Bagdads sein. Doch es wäre nicht der Nahe Osten, wenn nicht andere Mächte das militärische Tauziehen, das zu weiteren schweren humanitären Katastrophen führen wird, zu ihren Gunsten mitentscheiden möchten, darunter auch die Türkei.

Der Sturm auf Mossul –  nicht ohne die Türkei?

Harsche Töne aus Ankara ist man mittlerweile gewohnt. Diesmal waren diese in aller Deutlichkeit gesprochenen Worte an den irakischen Ministerpräsidenten adressiert. Egal ob Ministerpräsident Binali Yıldırım oder Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan, in den letzten Tagen war immer wieder die Rede von einer möglichen türkischen Beteiligung an der Befreiung Mossuls, und das obwohl niemand geringeres als der Regierungschef selbst in Bagdad signalisierte, die Türkei ausdrücklich von den Rückeroberungsbemühungen ausschließen zu wollen: „Wir wissen, dass die Türkei beim Kampf gegen den Islamischen Staat mitmachen will. Wir bedanken uns dafür, aber das ist etwas, das die Iraker alleine schaffen“, so al-Abadis Antwort an türkische Ankündigungen, die Offensive nicht einfach den anderen überlassen zu wollen.

Das ist auch wenig verwunderlich, denn wie in Syrien, verfolgt Ankara auch im (Nord-)Irak spezielle strategische Interessen, die sowohl pragmatische als auch ideologische Gründe haben. Mossul hat für aber gerade für türkische Nationalisten Symbolcharakter, das machte auch kürzlich Präsident Erdoğan deutlich, als er vom „Nationalen Pakt“ sprach. So gehört die nordirakische Stadt zum Einzugsgebiet eines türkischen Großreiches, das von Teilen Griechenlands bis nach Kirkuk, im südlichen Irakisch-Kurdistan, reiche. Historisch gesehen war die Stadt am Tigris tatsächlich unter osmanischer Verwaltung, und bekanntlich sieht sich der türkische Präsident in der Nachfolge des Vorläuferstaates der heutigen Republik Türkei.

Ein zu allem entschlossener Präsident. Foto: Global Panorama, licensed under CC BY SA 2.0, Recep Tayyip Erdogan, via flickr.com

Die Türkei ist nicht erst seit des Aufkommens des IS mit Truppen im Irak präsent, schon seit 1992 befinden sich die türkischen Streitkräfte im Nordirak, dort wo heute die KRG ist. Etwa 2.000 türkische Soldaten sind dauerhaft im Irak stationiert, ohne offizielle Einladung der Bagdader Regierung im Übrigen, doch die Ausbildung von kurdischen Peshmerga und sunnitisch-dominierten bewaffneten Verbänden in Bashiqa sollen türkische Interessen im Nachbarland sichern, darunter die KRG-Kurden als Gegengewicht zur PKK stützen, die im Nordirak ihr Hauptrückzugsgebiet hat.

Ein Sieg der schiitisch-geprägten Regierungstruppen würde möglicherweise nicht nur einen neuen blutigen Konflikt zwischen den beiden großen Konfessionen des Islams lostreten, er würde auch diametral gegen die geostrategischen Ziele Ankaras sein, denn diese befürchten eine ethnische Umstrukturierung, die das eigentlich sunnitische Mossul zu einer schiitischen machen könnte. Um dieses zu verhindern, pflegt man in türkische Regierungskreisen überraschend gute Beziehungen zum kurdischen Regionalpräsident Masoud Barzani, sowohl politisch wie auch militärisch. Für die Türkei kommen als Bewohner Mossuls bevorzugt nur sunnitische Araber, die unter dem Schutze der Türkei stehenden Turkmenen, und die sunnitischen Kurden in Frage. Es ist kein Geheimnis, dass Präsident Erdoğan sein Land als Regionalmacht sieht, die vor allem Vorherrschaft der Sunniten in Nahost vorantreiben soll. Nicht nur im Inland hat er dadurch tiefste Gräben geschaffen, auch die Außenpolitik könnte die Türkei in noch schwerere Fahrwasser bringen, als sie ohnehin schon ist.

Innenpolitisch bekämpft die regierende AKP mit der eisernen Hand des illiberalen Autoritarismus Kritiker aller Art, ob aus Medien, Justiz, Politik, oder natürlich dem Militär, das im Juli fast ein weiterer Staatsstreich geglückt wäre. Der Konflikt mit der kurdischen Minderheit im Land, allen voran der verbotenen Arbeiterpartei PKK und ihren angeschlossenen militanten Gruppen, aber auch der pro-kurdischen Linkspartei HDP ist nicht nur ungelöst, er wird auch durch die türkischen Militäroffensiven in Syrien weiterhin scharf befeuert. Gerade das türkische Engagement in Nordsyrien beweist Ankaras Entschlossenheit im großen Konzert der Kriegsmächte mitzumischen, vor allem wenn es um die sogenannte kurdische Bedrohung geht, also Gebietsgewinne der syrisch-kurdischen YPG-Miliz. Sicher ist, zu der islamistischen Bedrohung in der Türkei selbst, manövriert sich die türkische Staatsspitze mit der Beteiligung an der Befreiung Mossuls in einen weiteren transnationalen Konflikt, alles der überbordenden geopolitischen Interessen wegen. Eine türkische Besatzung in Teilen Iraks empfinden nicht nur irakische Regierungsvertreter als Bruch ihrer Souveränität, es wird offen mit Gegenmaßnahmen gedroht. Auch eine Eskalation in Mossul könnte bis zu 100.000 flüchtende Menschen in Richtung Türkei bringen, immerhin liegen bis zur türkischen Grenze gerade einmal 140km. Das würde nicht nur mehr Flüchtlinge für die Türkei bedeuten, sondern auch ein neues Sicherheitsrisiko eröffnen: Islamistische Terroristen, die Ankara für seinen außenpolitischen Größenwahn bestrafen wollen. So oder so, Mossul ist für Ankara ein Spiel mit dem Feuer.

Über den Autor

Politikwissenschaftler // Institute for Security and Development Policy Stockholm, Schweden & Aalborg University, Aalborg, Dänemark // Themenschwerpunkte: Türkei, Kurdengebiete, Europa, Lateinamerika