Der entscheidende Punkt ist die Entmenschlichung

2. Oktober 2020 - 15:59 | | Politik | 0 Kommentare

Israelische Soldaten brachten IEDs [improvised explosive devices/improvisierte Sprengkörper] am Eingang zu einem palästinensischen Dorf an. Warum ist es so schwer, einen solchen Akt zu glauben, nach allem was wir gesehen haben, wie die Armee sich verhält?

Nach 15 Jahren Dokumentieren der Proteste und Zusammenstöße in der besetzten Westbank als Teil meiner Arbeit für die israelische Menschenrechtsgruppe B’Tselem dachte ich, dass mich nichts mehr überraschen könnte, was die israelische Unterdrückung von palästinensischen Demonstrationen gegen die Besatzung angeht. Letzten Donnerstag aber musste ich erkennen, dass ich im Irrtum war.

An diesem Tag stellten Bewohner von Kufr Qaddum, die seit 2011 wöchentlich gegen die Schließung des Hauptzugangs zu ihrem Dorf protestierten, Fotos von getarnten improvisierten Explosivkörpern ins Netz, die israelische Streitkräfte an Orten angebracht hatten, an denen sich die Demonstranten versammeln.

Ich fand es schwer zu glauben, dass Soldaten im Dienst sich in die Außengebiete eines palästinensischen Dorfes nahe des bebauten Gebiets einschleichen, wo sie wissen, dass Bewohner spazieren gehen und Kinder spielen, und dort IEDs (improvisierte Spreng- und Brandvorrichtungen) auslegten, die aus militärischen Blendgranaten am Tag vor einem Protest hergestellt wurden.

Sie hatten sie so platziert, dass jeder Kontakt sie sofort zur Explosion bringen musste. Und genau das ist am vergangenen Donnerstag passiert. Der erste Sprengsatz explodierte, nachdem ein Siebenjähriger ihn entdeckt hatte – zum Glück hat er ihn nicht berührt. Wasim Shteiwi, ein Verwandter, der an den Ort des Geschehens geholt wurde und den Gegenstand prüfte, wurde durch die Explosion leicht verwundet. In Beantwortung der Frage der Haaretz-Reporter Hagar Shezaf und Yaniv Kubovich gab das israelische Militär zu, die Vorrichtung dort angebracht zu haben.

Nach meiner anfänglichen Überraschung habe ich jedoch über die Dinge nachgedacht, die ich mit meinen eigenen Augen das israelische Militär während der letzten anderthalb Jahrzehnte tun sah – über all das, was ich bei hunderten Protesten, die ich in den Westbankdörfern Bil’in, Ni’lin, Nabi Saleh und Kufr Qaddum selbst miterlebt habe. Ich habe Soldaten gesehen, wie sie lebensbedrohliche Schüsse gegen und über die Köpfe der Protestierenden abfeuerten und diese verwundeten und manchmal auch töteten. Soldaten und Offiziere der Grenzpolizei feuerten zur Kontrolle der Massen mutwillig ihre Waffen, darunter Tränengaskanister und mit Gummi überzogene Metallkugeln, auf Leute ab (crowd control), die keinerlei Risiko darstellten und verletzten so wiederholt die eigenen Militärrichtlinien, auf  offenes Feuer möglichst zu verzichten. (Einmal filmte ich einen Grenzpolitzisten, wie er ein Gummigeschoss auf mich abfeuerte, das mir später im Krankenhaus aus dem Oberschenkel entfernt werden musste.)

Ich habe dutzende Angriffe von israelischen Scharfschützen gefilmt, die 0.22 Kaliber Kugeln (bekannt als „Ruger“ oder „two-two“) auf Protestierende in Kufr Qaddum und andere Dörfer abgefeuert haben, durch welche sie dutzende Verletzungen verursacht haben, und vor unseren Augen den 22-jährigen Saaba ‘Obeid in Nabi Saleh töteten. In Nabi Saleh hat 2011 auch ein Soldat einen Tränengaskanister auf Mustafa Tamini aus nächster Nähe abgefeuert und ihn getötet. Ich kam Sekunden später zu der Szene, und konnte dokumentieren, wie sie den tödlich Verwundeten auf dem Boden liegen ließen.

In Kufr Qaddum und in anderen Gebieten der Westbank hat das Militär Hunde auf die Protestierenden angesetzt, sie mit „skunk“ („Stinktier“) besprüht, einer faulig riechenden Flüssigkeit, die als Waffe zur Kontrolle der Leute eingesetzt wurde. Es wurden dutzende, wenn nicht hunderte falsche Verhaftungen durchgeführt und es wurde auf Journalisten geschossen, die diese Vorfälle dokumentierten.

Erst im vergangenen Jahr schob ein Bulldozer des Militärs in Kufr Qaddum Steinblöcke gegen die Protestierenden – und später kam die (falsche) Anklage der Armee, die Palästinenser hätten das Video manipuliert. Soldaten zerstörten Eigentum, indem sie Wasserbehälter beschossen und Autoreifen aufschlitzten – vor den Linsen der Sicherheitskameras. Das Schlimmste von allem war, dass ein Soldat mit scharfer Munition den zehn Jahre alten Abd a-Rahman Shtewi in den Kopf schoss und ihn in nicht ansprechbaren Zustand einfach liegen ließ – und ein anderer Soldat schoss den 15-jährigen Muhammad Shtewi mit einer Gummi-ummantelten Metallkugel in den Kopf und verwundete ihn schwer. Das Militär leugnet diese Vorkommnisse meistens, und niemand interessiert sich überhaupt dafür, wenn diese Ereignisse nicht gefilmt werden. In solchen Fällen bringt die Armee in der Regel eine Stellungnahme heraus, die besagt, das Ereignis sei – wie im Falle des Sprengsatzes in Kufr Qaddum – „in Untersuchung“, und die in Frage stehenden Proteste seien gewalttätige Störungen des Friedens gewesen.

Israels gewalttätige Unterdrückung von Demonstrationen ist eine Manifestation genau der gleichen Faktoren, die die Palästinenser in der Westbank in erster Linie zum Protest anspornen. Der neunjährige Kampf von Kufr Qaddum wird aufgewogen gegen die militärische Entscheidung von 2003, die Hauptstraße nach Nablus abzusperren, nachdem Siedler der angrenzenden Vergrößerung der Kedumim-Siedlung die Gegenwart der palästinensischen Bewohner als nicht akzeptabel beklagten.

Die Siedlung selbst war zum Teil auf dem Land der Bewohner von Kufr Qaddum gebaut worden, nachdem man es als „staatliches Land“ deklariert hatte, eine Enteignung aufgrund von unaufrichtigen ungesetzlichen Tricks, und eine Invasion in privates palästinensisches Land. Andere Dörfer in der Westbank haben sich gegen den Schaden aufgelehnt, den die israelische Okkupation ihrem Leben, ihren Lebensmöglichkeiten und ihrem Eigentum zufügt. Die Proteste richten sich auch gegen das Besatzungsregime selbst, das den Palästinensern jede Möglichkeit abspricht, ihr eigenes Schicksal zu bestimmen.

So lange die Okkupation, der Landraub und die tägliche Demütigung weitergehen, so lange wird sich auch der Kampf des Volkes fortsetzen. Die Demonstrationen entwickeln sich manchmal zu Zusammenstößen zwischen bewaffneten Soldaten und Steine werfenden Jugendlichen, aber Feuerwaffen werden von Seiten der Protestierenden nicht benutzt – und die Proteste sind im allgemeinen eindeutig ziviler Natur. Als solches sollte die Anwendung von tödlicher Gewalt gegen die Protestierenden streng verboten sein, außer unter extremen Umständen von gefährlichem Verhalten gegenüber den Soldaten.

Basierend auf allem, was wir vom Geschehen bei diesen Protesten wissen: Warum ist es so schwierig zu glauben, dass das Militär seine Soldaten nicht ausgesandt, sie befähigt oder einfach nicht daran gehindert habe, IEDs (Sprengvorrichtungen) aufzustellen, um eine Zivilbevölkerung einzuschüchtern oder „zur Abschreckung“ zu nötigen?

Ich glaube, dieser Unglauben beruht auf unserer Unfähigkeit, etwas noch viel Schockierenderes anzunehmen: den Umfang der Entmenschlichung und Aufkündigung der grundsätzlichen Menschenwürde der Bewohner von Kufr Qaddum und aller Palästinenser in der Westbank, den wir Israelis als Gesellschaft und als Staat ausüben!

Die vorherrschende Meinung in Israel ist, dass wir den Palästinensern alles antun können, was uns gefällt, und dass irgendwie ein ganzes Volk, das gegen eine viel stärkere Besatzungsmacht kämpft, abgeschreckt sein würde, wenn wir es nur genug kränkten, einschüchterten und missbrauchten.

Das ist Entmenschlichung nicht nur, weil so viele glauben, dass diese Aktionen vernünftig sind, sondern auch, weil wir annehmen, dass die Antwort der Palästinenser auf kollektive Bestrafung anders ausfallen wird als unsere. Weil ihre Menschlichkeit irgendwie anders ist als die unsere. Israelis benutzen oft das Bibelwort „Je mehr man sie aber unterdrückte, desto größer wurde ihre Zahl; und umso mehr breiteten sie sich aus“, um unsere Widerständigkeit angesichts der Gegnerschaft zu demonstrieren.

Das Gefühl hinter diesem Satz kann nicht auf die Palästinenser übertragen werden, die schlussendlich keine menschlichen Wesen sind wie wir – daher können wir sie unterdrücken, durch Beschuss, Hundeattacken, Missbrauch und Kollektivstrafen, oder mit Sprengvorrichtugnen. Wenn wir sie nur töten, verstümmeln, einsperren oder genug ihrer Wohnstätten zerstören – so geht diese Logik! – werden wir sie zuletzt abschrecken und ihrer Forderung nach Grundrechten ein Ende bereiten, die wir als Garantie für uns halten, nämlich: das Recht auf Freiheit, Lebensgrundlage und Würde.

Dieser Text von Sarit Michaeli erschien zuerst am 4. September 2020 auf 972mag.com und wurde von Gerhilde Merz für Pako_ palaestinakomitee-stuttgart.de übersetzt.

Sarit Michaeli ist in B’tselem zuständig für internationale Verteidigung und Autor des Berichtes von 2013: „Crowd Control: Israels Anwendung von Waffen zur Kontrolle von Menschenmassen in der Westbank“.

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