Brandbeschleuniger Austerität: #GrenfellTower steht für Klassenkampf

Ein Wohnblock brennt. Ein großer Wohnblock dazu, mit mehreren hundert Bewohner*innen. Im 21. Jahrhundert kommt so etwas zwar noch vor, ist jedoch aufgrund ausgereifter Alarmsysteme und Baustoffe kein großes Problem mehr – man kann es in den Griff bekommen. Eine ausgebildete Berufsfeuerwehr wird anrücken, Menschen in Sicherheit bringen und soviel Zerstörung wie möglich  verhindern. So zumindest lautet die Theorie. Warum also konnte der verheerende Brand des Grenfell Tower in London nicht verhindert werden? 

Rückblende in das Jahr 2013. Die Grenfell Action Group, Ein Zusammenschluss von Einwohner*innen des Londoner Stadtteils North Kensington tritt zum wiederholten Mal an die private Verwaltungsgesellschaft des Sozialbaukomplexes, Kensington and Chelsea Tenant Management Organisation (KCTMO), heran. Es gibt ein Problem im 1974 errichteten Grenfell Tower – im Gebäude treten immer wieder Stromschwankungen auf, teilweise über Stunden am Stück hinweg. Elektrogeräte von Bewohner*innen gehen immer wieder kaputt, manche entzünden sich. Eine Sanierungen der Stromversorgung ist dringend erforderlich, da durch solche Vorfälle ganz klar eine erhöhte Brandgefahr besteht. Von Behördenseite gibt es ausweichende Reaktionen und Verweise auf laufende Untersuchungen, KCTMO schweigt sich aus. Maßnahmen erfolgen nicht.

Im Jahr 2016 schließlich wird das Gebäude einem Modernisierungsprogramm im Wert von etwa 10 Millionen Pfund unterzogen – jedoch nur äußerlich: die Außenfassade erhält eine optisch ansprechende Verschalung. Diese Begründung dafür in einem Papier aus dem Jahr 2014: rund um den Sozialbau waren Luxuswohnungen entstanden, denen die Aussicht auf den Block verschönert werden sollte. Den Bewohner*innen wurde diese Modernisierung als zusätzliche Isolierung des Gebäudes verkauft, durch die sich das Raumklima im Inneren verbessern sollte. An sich ist dies zwar bereits eine fragwürdige Investition angesichts der bestehenden Sicherheitsbedenken im Gebäudeinneren, doch der wahre Abgrund hinter der Maßnahme tut sich erst auf, als es schon zu spät ist. Experten und Unterlagen zufolge waren Material und Konstruktion der Ankleidung des Gebäudes dazu geeignet, ausbrechende Brände in einzelnen Einheiten auf das ganze Gebäude auszubreiten – „wie ein Kaminschacht“.

Saddened and Very Angry

Und genau so kam es auch: in der Nacht des 14. Juni brach in einer der Einheiten des Wohnblocks ein Feuer aus. Die Feuerwehr konnte nicht verhindern, dass sich der Brand auf alle 120 Einheiten der 24 Stockwerke ausbreitete. Die genaue Anzahl der Toten ist noch nicht bekannt – die aktuelle Opferzahl bewegt sich um die 17 – und es ist fraglich ob eine Identifikation der übrigen im Gebäude zu Tode gekommenen Menschen überhaupt möglich sein wird.

Die Ursachenforschung im Fall Grenfell Tower offenbart in einer seltenen Klarheit Mechanismen eines Systems, das Profite über Menschenleben stellt. Zunächst ist da die Abgabe der Verwaltung von Sozialbauten in die Hände privater Unternehmen, die keine Verantwortung für den Lebensstandard in den Gebäuden tragen, sondern lediglich für deren Rentabilität. Dies führt dazu, dass die Gebäude bewusst dem Verfall überlassen werden, wobei mit kosmetischen Eingriffen die Sichtbarkeit des Verfalls übertüncht wird, solange es geht, bis die Bauten schließlich unbewohnbar sind und den neuen Luxusprojekten weichen müssen, von denen London seit einigen Jahren zunehmend überzogen wird. Ermöglicht wird dies durch die Austeritätspolitik der Conservative Party – deren Abgeordnete zu erheblichem Teil selbst Vermieter und Immobilieneigentümer sind. Genau diese Abgeordneten sorgten maßgeblich dafür, dass in einer Abstimmung des Parlaments mehrheitlich dagegen entschieden wurde, Vermieter dazu zu verpflichten, einen gewissen Lebensstandard in ihren Immobilien zu gewährleisten. Gleichzeitig sind dieselben Abgeordneten verantwortlich dafür, dass an öffentlicher Daseinsvorsorge gespart wird, um das öffentliche Budget zu schonen – unter anderem trifft dies auch die Feuerwehr.

So entsteht im Namen staatlicher Sparsamkeit und privater Profite eine Situation, in der ein Wohnhaus mit hunderten Menschen abbrennen kann wie eine Teerfackel, ohne Feuermelder, ohne Alarm, ohne Sprinkleranlagen – und Feuerwehrleute in 12-Stunden-Schichten um jedes Menschenleben kämpfen müssen, als hätte technologischer Fortschritt nie stattgefunden. David Lammy, ein Abgeordneter der Labour Party, bringt per Twitter klar auf den Punkt, dass es sich für ihn um „corporate manslaughter“ handelt – also unternehmerischen Totschlag. Wie hunderte Bewohner*innen des Grenfell Tower vermisst auch er derzeit eine Freundin und deren Familie, die höchstwahrscheinlich im Feuer ums Leben gekommen sind. Der Name der Vermissten ist Khadija Saye – sie ist aufstrebende Künstlerin, 24 Jahre alt. Und sie ist eine von Vielen, die Zusammen Sinnbild einer Klasse sind, die die Tory-Elite am liebsten endgültig aus der Londoner Stadtmitte vertreiben würde, um noch mehr Profite mit dem so erbeuteten Lebensraum erwirtschaften zu können.

Der systematische „Totschlag“, der hier mit Unterstützung der konservativen Politik abläuft, ist nicht nur unternehmerisch, sondern auch rassistisch – die Bewohner*innen des Wohnblocks waren vielfältiger Abstammung, Nationalität und Kulturen, darunter zahlreiche Muslim*innen – in einem Stadtteil voller Luxusimmobilien, dessen Einwohner*innen zu 71% weiß sind. Genau diese Vielfalt präkarisierter Menschen, deren Verdrängung aus Stadtzentren weltweit hingenommen oder sogar vorangetrieben wird, ist das einzige, das im Falle Grenfell Tower noch Schlimmeres verhindern konnte: als mitten in der Nacht das Feuer ausbrach, waren viele Bewohner*innen muslimischen Glaubens noch wach, da sie derzeit den Fastenmonat Ramadan begehen und in den dunklen Stunden mehrheitlich eine nächtliche Mahlzeit zu sich nehmen. So wurden Rauch und Flammen bemerkt, und junge Muslime liefen in ihren Stockwerken von Tür zu Tür um Nachbarn aufzuwecken und zu warnen. Und Muslim*innen und ihre Gemeinden sind es auch, die den hunderten Evakuierten unabhängig von Herkunft oder Glauben sofort nach Bekanntwerden unmittelbare Hilfe leisteten – sei es durch Spenden, durch Seelsorge oder auch durch die Vermittlung von Unterbringung.

Wenn also eine Theresa May nun betroffen ihre Runden durch die Krankenhäuser macht und Familien und Verletzten kondoliert und ihr Mitgefühl ausspricht, ist dies nur eine weitere kosmetische Maßnahme und ein Ablenkungsversuch von der systematischen Verdrängungspolitik, für die ihre Partei steht. Jeremy Corbyn indes, der Spitzenkandidat der Labour Party, hat nicht nur schöne Worte, sondern eine klare Forderung: die leerstehenden Immobilien der Reichen, die nur als Geldquelle dienen, sollen beschlagnahmt und den Überlebenden des Feuers zur Verfügung gestellt werden. Eine radikale Forderung, jedoch nur solange bis man sich vor Augen führt, dass sie lediglich eine Umkehrung der Landnahme ist, die Staat und Investoren seit langem Hand in Hand und ohne Rücksicht auf Menschenleben verfolgen. Wenn ein Ereignis die Natur des Klassenkampfs von oben in kapitalistischen Gesellschaften deutlich machen kann, dann dieses. Und ebenso macht es klar, dass die Solidarität unter Menschen von unten das einzige ist, was diesen Kampfhandlung entgegenwirken und ein besseres Leben für alle erstreiten kann.

Über den Autor

Für Sozialismus, gegen Quark - im Ruhrpott und international. Themengebiete: US-Bürgerrechtsbewegungen, Feminismus und Frauenkämpfe, Antisexismus und Antirassismus. Herzensangelegenheit: Musik.
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Ein Kommentar

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    […] „Brandbeschleuniger Austerität: #GrenfellTower steht für Klassenkampf“ von Marion Bezbozhnaja … , worin unter anderem berichtet wird: „Es gibt ein Problem im 1974 errichteten Grenfell Tower – im Gebäude treten immer wieder Stromschwankungen auf, teilweise über Stunden am Stück hinweg. Elektrogeräte von Bewohner*innen gehen immer wieder kaputt, manche entzünden sich. Eine Sanierungen der Stromversorgung ist dringend erforderlich, da durch solche Vorfälle ganz klar eine erhöhte Brandgefahr besteht. Von Behördenseite gibt es ausweichende Reaktionen und Verweise auf laufende Untersuchungen, KCTMO schweigt sich aus. Maßnahmen erfolgen nicht. Im Jahr 2016 schließlich wird das Gebäude einem Modernisierungsprogramm im Wert von etwa 10 Millionen Pfund unterzogen – jedoch nur äußerlich: die Außenfassade erhält eine optisch ansprechende Verschalung. Diese Begründung dafür in einem Papier aus dem Jahr 2014: rund um den Sozialbau waren Luxuswohnungen entstanden, denen die Aussicht auf den Block verschönert werden sollte. Den Bewohner*innen wurde diese Modernisierung als zusätzliche Isolierung des Gebäudes verkauft, durch die sich das Raumklima im Inneren verbessern sollte. An sich ist dies zwar bereits eine fragwürdige Investition angesichts der bestehenden Sicherheitsbedenken im Gebäudeinneren, doch der wahre Abgrund hinter der Maßnahme tut sich erst auf, als es schon zu spät ist. Experten und Unterlagen zufolge waren Material und Konstruktion der Ankleidung des Gebäudes dazu geeignet, ausbrechende Brände in einzelnen Einheiten auf das ganze Gebäude auszubreiten – „wie ein Kaminschacht“. […]