Bangkok-Anschlag: Wie viel Verantwortung trägt die Regierung?

5. September 2015 - 16:20 | | Politik | 0 Kommentare
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Vor knapp zwei Wochen riss das Bangkok-Attentat am Erawan-Schrein 22 Menschen in den Tod und versetzte Thailands Hauptstadt in einen Schockzustand. Nach offiziellen Medien-Informationen vermuten Analysten ein Netzwerk hinter dem Anschlag. Diese Spekulationen konzentrieren sich besonders auf Regierungsgegner der sogenannten „Gelbhemden“ und „Rothemden“ oder muslimische Minderheiten. 1

Zu anfangs stellte sich auch die Frage nach einer Verbindung zu internationalen Terrornetzwerken, wie dem IS, allerdings wurde dies von der thailändischen Polizeibehörde wenige Tage nach den Bombardierungen ausgeschlossen.2 Um der Frage nach den Tätern und der Verantwortlichkeit der Regierung gezielter nachgehen zu können, ist eine Einordnung in den Kontext oppositioneller Bewegungen unerlässlich.

Die Spaltung Regierungsoppositioneller in „Gelbhemden“ und „Rothemden“

Bereits seit über 10 Jahren herrscht in Thailand ein anhaltender politischer Konflikt, der im Jahr 2013/2014 in Massenprotesten ausartete und das Land in eine bis heute andauernde Militärdiktatur stürzte. Grund für die Ausschreitungen war die tief korrupte Regierung unter Premierministerin Yingluck Shinawatra und ihrem zeitweilig im Exil lebenden Bruder Thaksin Shinawatra. Zehntausende Demonstranten und Oppositionelle der Thaksin-Regierung („Gelbhemden“) organisierten sich im Januar vergangenen Jahres, um für den Rücktritt der genannten Premierministerin, sowie gegen Thailands‘ Marionettenregierung zu protestieren. Der Höhepunkt der Proteste bildete die Kampagne „Bangkok Shutdown“ noch im selbigen Monat. Daraufhin enthob das Verfassungsgericht Yingluck ihres Amtes, was wiederrum zum Ausruf des Ausnahmezustandes und damit zum Kriegsrecht führte. Innerhalb von zwei Tagen kam es zu einem Staatsstreich, organisiert von General Prayuth Chan-Ocha, der seither das Land unter seiner Militärdiktatur führt. Das Kriegsrecht wurde zwar aufgehoben, dafür aber das Militär mit einer besonderen Verfügung zur Machtausweitung verstärkt. Demgegenüber stehen die sogenannten „Rothemden“, die sich zwar auch der Militärdiktatur widersetzen, allerdings zu der Unterstützerfraktion des geputschten Ministerpräsidenten Thaksin gehören. 3 Ideologisch zweifeln die „Rothemden“ zwar die gesellschaftliche Machtverteilung, weniger aber die kapitalistische Wirtschaftsordnung an. Vielmehr noch plädiert der Großteil ebenjener Bewegung für die Förderung von Globalisierung, Unternehmertum und Marktwirtschaft.

Gegenwärtig wird das Attentat auf den Erawan-Schrein allerdings als ein kompromissloses Zeichen gegen Thailands Tourismusboom und Wirtschaft gedeutet, weshalb sich an dieser Stelle der Eindruck verfestigt, dass der Anschlag weder auf die Karte der regierungsoppositionellen „Gelbhemden“, noch auf die der „Rothemden“ zuzuschreiben ist. Beide Parteien verfolgen nämlich das wesentliche Ziel zurück zur Demokratie zu kehren und verstehen damit den Sturz Prayuths und seiner Militärdiktatur als einziges Mittel, um dies zu erreichen. Einen eventuellen Missstand in der vorherrschenden Welt- und Wirtschaftsordnung wollen sie dabei jedoch nicht erkennen. Damit sind zwar weder ideologisch noch strategisch Parallelen zum Anschlag auf eine ihrer beliebtesten und heiligsten Stätten ersichtlich, allerdings bilden sie zum jetzigen Zeitpunkt auch keine absoluten Ausschlusskriterien.

Unterdrückung muslimischer Minderheiten in Thailand

Anders gestaltet es sich um die Situation der, seit Jahrzehnten um ihre Mitbestimmungsrechte und Unabhängigkeit kämpfenden, Muslime und Separatisten im Süden des Landes. Ethnisch und kulturell wurzeln ihre Verbindungen gewissermaßen im benachbarten Malaysia, weshalb sie von der buddhistischen Mehrheit Thailands und der Regierung, speziell unter Thaksin, durch aktive Assimilationspolitik (sog. „Thaiisierung“) unterdrückt werden. Die brutalen und tödlichen Auseinandersetzungen zwischen Militärs und Separatisten kosteten seither über 5.300 Menschen das Leben. Zudem verüben sie Ihre Anschläge gezielt auf Schulen und buddhistische Tempel und markieren in Südostasien die blutigsten Aufstände dieser Zeit.

Auffällig ist, dass die internationale Medienlandschaft nur wenig oder gar nicht vom muslimischen Konflikt in Thailand berichtet. Einige Zeitungen sprechen augenblicklich sogar vom tendenziellen Ausschluss eines muslimischen Attentats mit der vagen Begründung, jenes Bombenmodell sei nicht „typisch“. Auch die Vermutung, dass ein Netzwerk hinter den Angriffen steckt, wurde plötzlichen von der thailändischen Polizei, ohne weitere Erläuterungen, revidiert.

Zudem verstoß Thailand im Juli 2015 gegen internationales Recht, als über 100 geflohene muslimische Uiguren, entgegen internationaler Proteste, zurück nach China abgeschoben wurden. Ethnisch dem Turkvolk zugehörig, wird ebenjene Minderheit in China sowohl kultureller und religiöser Verfolgung, als auch wirtschaftlichen Repressalien ausgesetzt, weshalb sich Thailand mit dieser Handlung in eine Welle nationaler und internationaler Kritik degradierte.4

Zunehmende Radikalisierung der Muslime in Südostasien

Die am meisten unterdrückte Minderheit in Südostasien sind zweifelsohne Muslime, doch sind es zugleich auch ebenjene in islamisch dominierenden Ländern wie Indonesien, die sich immer stärker zur Radikalisierung neigen. Gerade in Südostasien findet das terroristische Netzwerk muslimischer Fundamentalisten im Untergrund starken Zulauf. Zur Verdeutlichung des Ausmaßes: Südostasiatische Verbindungen reichen von Jemaah Islamiyah in Indonesien bis zu Abu Sayyaf auf den Philippinen und stellen mit radikal islamistischen Gruppierungen wie der „Pattani United Liberation Organization“ (PULO) und der „Barisan Revolusi Nasional“ in Thailand nur einen Teil global auflebender islamistischer Bewegungen dar. Sie fordern nicht nur den Sturz vorherrschender Regierungen, sondern ihre absolute Machtstellung ein. Fundamentalisten sind keine Traditionalisten, sondern ein reaktionäres Phänomen der westlichen Moderne, welches sich gegen die kapitalistische und säkulare Weltordnung stellt. Dies erklärt sich vor allem im Kontext des immer größer werdenden Keils zwischen den Ländern des globalen Nordens und Südens. Die durch Modernisierungs- und Globalisierungsprozesse entfachten sozio-ökonomischen Disparitäten, die damit einhergehende wirtschaftliche Stagnation der Mehrheits-Bevölkerung, die zunehmende Migration in urbane Gebiete und die Emanzipation der Frau verursachen eine aussichtslos erscheinende Angst vor Identitäts- und Kulturverlust vieler Muslime. Diese und weitere Tendenzen führen zur zunehmenden Radikalisierung, wobei die Berufung auf ‚traditionelle Fundamentalismen‘ lediglich der Instrumentalisierung ihrer politischen und kulturellen Interessen dienen. Aus diesem Grund sind fundamentalistische Bewegungen und ihre terroristischen Flügel eine Gegenreaktion auf die westliche Moderne, die auch im „südostasiatischen Schatten“ der Welt von wesentlicher globaler Bedeutung sind. Es wäre fatal, dies durch die derzeitige Konzentration im sogenannten Nahen und Mittleren Osten zu unterschätzen.

All diese Informationen sind besonders wichtig, um die oppositionellen Kräfte, die sich vor dem Hintergrund der thailändischen Militärjunta abspielen, zu verstehen. Dem Zwecke dienend, Thailands friedliches Gesicht zu wahren und die boomende Tourismuswirtschaft nicht zu hemmen, werden religiös-politische Motivationen verdeckt gehalten, und stattdessen wirr über Chinesen als vermeintliches Angriffsziel und andere verdächtige „Ausländer“ spekuliert. Dass es sich hierbei vielleicht um keine ausschließlich wirtschaftliche Motivation handelte, sondern um eine ideologische Reaktion auf die vorherrschende Weltordnung und westliche Moderne, bleibt unerwähnt. Es könne zu sehr an die derzeitige „Welle“ radikalisierter Muslime und Dschihadisten erinnern – ein Bild welches zukünftige Touristen mit Sicherheit abschreckt und Thailand daran hindert, den globalen Wettbewerb zu entern.

Zur Verfasserin:
Susann Pham Thi ist Studentin der Politik-und Regionalwissenschaften Südostasien und Gründerin des gemeinnützigen Vereins „SolidariGee e.V.“

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